Dreizehn Mädchen
Kapitel 13
Das Büro, in das wir schließlich geführt wurden, war auch nicht das, was ich erwartet hatte. Es war gemütlich, das war wohl das, was mich am meisten irritierte. Die hellen Möbel und die hohe Fensterfront ließen den Raum freundlich und größer wirken, als er eigentlich war, die Grünpflanzen und die Orchideen, die überall verteilt standen, vermittelten den Eindruck, dass der Inhaber dieses Büros ein freundlicher Mensch war, und die Tasse mit der Aufschrift „Morgähn“ ließ mich schmunzeln. Insgesamt nahm mir der ganze Raum etwas von der Anspannung und die Polizistin, die uns hier empfing und nur wenig älter als Mareike sein konnte, wirkte sympathisch auf mich.
Mareike übernahm auch hier das Reden. Ich war ohnehin zu nervös und hätte vermutlich kaum ein Wort rausgebracht. Frau Walters, die Polizistin, hörte aufmerksam zu, ob sie Mareike aber glaubte, konnte ich gerade nicht einschätzen. Sie hatte eine völlig ruhige, neutrale Miene, Mareike hätte ihr gerade auch vom letzten Stau auf der Autobahn erzählen können, den sie erlebt hatte. Schließlich bat Frau Walters mich ihr den Zettel zu geben und ich holte ihn aus meiner Tasche. Sie nahm die Plastikhülle aus dem Hefter und reichte mir diesen wieder zurück.
„Wir werden den Zettel auf Fingerabdrücke untersuchen. Das Papier auch, aber ich schätze, es ist handelsübliches Druckerpapier. Wer hat diesen Zettel noch alles angefasst?“ Fragend sah die Polizistin nun mich an und ich schluckte.
„Nur ich. Denke ich. Also ich hab ihn aus dem Briefkasten geholt und dann gleich in die Hülle und den Hefter gepackt. Und Mareike hat ihn da auch nicht rausgeholt.“ Meine Stimme klang etwas rau, aber das war besser als das Fiepsen, das ich befürchtet hatte. Frau Walters nickte mir zu und nahm sich einen Notizblock, auf den sie etwas kritzelte.
„Wie spät war es, als du etwas gehört und jemanden an eurem Fenster gesehen hast?“
„Gegen zwei, kurz nach zwei. Ich hatte nicht so auf die Zeit geachtet, weil ich ja jetzt frei hab. Nur als ich den Briefkasten gehört hab, hab ich kurz auf die Uhr geschaut.“
„Erzähl mir noch einmal selber, was genau passiert ist.“ Frau Walters sah mich auffordernd an und ich atmete tief durch.
„Ich konnte nicht schlafen und bin runtergegangen, um mir einen Tee zu machen. Und dann hörte ich in der Küche so ein Klacken, eben den Briefkasten. Der klingt so, wenn man was einwirft. Und da hab ich kurz auf die Uhr gesehen, weil ich mich gewundert habe, wer in der Nacht was in den Briefkasten wirft. Der Postbote kommt später und die Zeitung auch. So um fünf oder so, ich weiß nicht genau, ich hab da nie drauf geachtet.“ Nervös knetete ich meine Finger und zuckte mit den Schultern. „Und weil so oft eingebrochen wurde in der Nachbarschaft, wollte ich nur schauen, ob die Haustür auch abgeschlossen ist. Das war sie. Ich bin gleich in die Küche zurück und da huschte jemand vom Fenster weg und ich habe geschrien und dann war mein Vater auch schon da.“ Frau Walters kritzelte weiter auf ihren Block und sah dann wieder zu mir.
„Und wie viel Zeit ist ungefähr vergangen, nachdem du den Briefkasten gehört hast und die Tür überprüft hast?“ wollte sie wissen und ich zuckte mit den Schultern.
„Nicht viel. Der Wasserkocher war auch gerade fertig und ich hab meine Tasse gefüllt, dann bin ich auf den Flur und hab nach der Tür geschaut. Und dann bin ich direkt wieder in die Küche. Das waren … ich weiß nicht. Vielleicht eine oder zwei Minuten. Mehr bestimmt nicht.“
„Und euer Küchenfenster liegt direkt neben der Haustür?“
„Ja, genau. Man konnte also von vorne sehen, dass da Licht brannte. Wir haben in der Küche auch keine Gardinen, nur Jalousien, aber die hatte ich nicht runtergelassen.“
„Könnte es ein neugieriger Spaziergänger gewesen sein? Es gibt Leute, die zu dieser Zeit unterwegs sind, zur Arbeit fahren oder gerade von der Arbeit kommen. Oder auch Leute, die mit ihrem Hund Gassi gehen.“
„Ich denke nicht. Dazu muss derjenige ja erst auf das Grundstück. Vom Zaun sind das auch noch mal … ich weiß nicht genau, zwei Meter oder so. Ich kann das schlecht schätzen.“
„Habt ihr einen Bewegungsmelder?“
„Nein. Wir hatten mal einen, aber der ging irgendwie immer an und meine Mutter störte das, da hat mein Vater den entfernt. Aber wir haben eine Alarmanlage und wollen nun auch Kameras anbringen.“
„Die Alarmanlage ist ja tatsächlich erst nützlich bei einem Einbruch oder einem Einbruchsversuch. Aber Kameras können abschrecken. Nicht in allen Fällen, aber doch in den meisten. Das ist auf jeden Fall ratsam. Bewegungsmelder sind eine Sache für sich, wenn sie zu empfindlich sind und schon auf eine streunende Katze reagieren, nerven sie tatsächlich nur.“ Frau Walters lächelte leicht. „Ich glaube dir, dass jemand an der Tür gewesen ist. Der Zettel spricht dafür. Es wird nur schwierig werden herauszufinden, wer das war. Wenn es Fingerabdrücke auf dem Zettel geben sollte, können wir diese zwar mit Verdächtigen abgleichen, aber wenn da keine sind, hilft uns das auch nicht weiter.“
„Was ist mit dem Ladenbesitzer?“ fragte Mareike und Frau Walters seufzte.
„Ihre Verdächtigungen sind zwar nachvollziehbar und ja, es scheint mir auch ein seltsamer Zufall zu sein, dass solch ein Zettel nach Ihrem Besuch in dem Laden auftaucht. Aber er muss dennoch nichts damit zu tun haben. Es könnte sein, dass der Zettel nicht einmal für Sie bestimmt war. Vielleicht hat sich jemand im Haus geirrt. Es war Nacht, es musste sicher schnell gehen, um nicht entdeckt zu werden. Wie leicht hat man da die falsche Hausnummer gelesen.“
„Das wäre aber wirklich ein seltsamer Zufall“, murmelte ich.
„Ich sage nicht, dass es tatsächlich so ist. Aber wir müssen alle Möglichkeiten in Betracht ziehen und dürfen uns nicht auf eine Sache versteifen. Es könnte ein dummer Scherz sein, ein Werbegag, eine Verwechslung. Oder eben tatsächlich eine Drohung. Das gilt es nun herauszufinden.“ Frau Walters sah Mareike und mich streng an. „Mit einem hat diese Person jedoch Recht. Das alles ist Sache der Polizei. Sie sollten nicht versuchen selber einen Mörder zu jagen. So etwas mag in Büchern und Filmen funktionieren, da fallen den Helden die Hinweise nur so in den Schoß. In der Realität sieht es leider anders aus. Es gibt zu viele Fälle, in denen die Täter nie gefunden wurden.“
Natürlich hatte sie Recht, was mir allerdings nicht half. Ich wollte endlich wissen, wer Kira getötet hatte, ich wollte, dass ihr Mörder endlich eingesperrt war. Abwarten und Tee trinken – das war es aber, was wir wohl der Polizei nach tun sollten. Das frustrierte mich, auch wenn es besser war diese Arbeit tatsächlich der Polizei zu überlassen.
„Sie haben Recht, Frau Walters, aber mich lässt diese Sache einfach nicht los. Meine Schwester wurde getötet und noch viele weitere Mädchen und bei vielen taucht ähnlicher Schmuck auf. Schauen Sie in Ihre Akten, ich habe bereits mehrfach meine Unterlagen als Kopien eingereicht, da ich einfach möchte, dass dieser Mörder endlich gefasst wird und keine Mädchen mehr sterben müssen.“
„Sollte da tatsächlich ein Zusammenhang bestehen, werden wir es herausfinden, Frau Langer. Ich werde sehen, dass wir den Ladenbesitzer vernehmen. Für einen Durchsuchungsbefehl reicht es allerdings nicht. Aber das ist nun alles unsere Sache. Sobald wir neue Erkenntnisse haben, werden wir Sie und natürlich deine Eltern informieren.“
Irgendwie war das Gespräch nicht so zufriedenstellend, wie ich es mir erhofft hatte. Aber vermutlich passierte es auch nur in Filmen, dass die Polizei bei einem Verdacht sofort losstürmte und alles durchsuchte und Verdächtige befragte. Frau Walters nahm noch unsere Daten auf, danach verabschiedeten wir uns und sie gab uns beiden noch eine Karte. Sollte etwas sein, sollten wir uns direkt bei ihr melden. Etwas frustriert steckte ich die Karte ein und folgte Mareike durch das Gebäude nach draußen und zu ihrem Auto. Sie seufzte schwer auf, als wir eingestiegen waren und uns anschnallten.
„Zumindest hat sie unsere Theorien nicht gleich als Mist und Humbug abgetan“, murmelte Mareike und startete das Auto.
„Aber wirklich weitergekommen sind wir jetzt auch nicht.“
„Es ist mehr, als wir vorher hatten. Die Polizei weiß nun von unserem Verdacht und wird den Besitzer des Ladens sicher befragen. Sie haben den Zettel, vielleicht finden sie Spuren an ihm. Fingerabdrücke wären super, aber irgendwie glaube ich da nicht dran. An Kiras Abschiedsbrief waren auch keine, oder?“ Ich verneinte und Mareike nickte mit grimmiger Miene. „Natürlich nicht. Der Kerl ist schlau. Er achtet darauf keine Spuren zu hinterlassen und schnappt sich die Mädchen dann, wenn sie alleine sind. Kira war allein zu Hause, als sie angeblich die Tabletten genommen hat. Keine Chance, dass jemand sie zufällig früh genug finden würde?“
„Nein. Janick hat woanders geschlafen und ihre Eltern waren unterwegs.“ Ich schluckte, die Erinnerung an diesen Tag tat immer noch weh. Der Anruf bei meinen Eltern, das blasse Gesicht meiner Mutter, als sie mich ins Wohnzimmer rief, weil sie mir etwas sagen müsste, das hatte sich alles in meine Erinnerung gebrannt. Und gleichzeitig war es blass und fern, wie die Erinnerung an einen Film, den ich vor langer Zeit gesehen hatte.
„Isabelle war spazieren“, murmelte Mareike mit bitterer Stimme. „Das machte sie oft. Sie sagte immer, zum Joggen sei sie zu faul, aber spazieren gehen mache ihr Spaß. Eine Frau fand sie beim Gassigehen. Sie war ihrem Hund ins Gebüsch gefolgt, weil der so aufgeregt kläffte und sie dachte, er sei irgendwo hängengeblieben oder so.“ Sie atmete tief durch und warf mir einen kurzen Blick zu. Ich hatte den Artikel zu Isabelles Tod nur überflogen und ließ Mareike erzählen. Es musste hart für sie gewesen sein. Kurz versuchte ich mir vorzustellen, es wäre Lena gewesen, die man gefunden hatte, nicht Kira … Den Gedanken verwarf ich sofort wieder. Nein, daran wollte ich nicht einmal denken. „Natürlich untersuchte die Polizei alles. Aber sie hatten keinerlei Hinweise. Sie konnten nicht sagen, warum Isabelle ins Gebüsch gegangen sein sollte. Vielleicht habe sie pinkeln wollen … Isabelle hätte nie mitten am Tag im Stadtpark irgendwo ins Gebüsch gepinkelt. Jedenfalls gingen sie davon aus, dass sie aus freien Stücken so weit ins Gebüsch lief, dort hängen blieb, an einem Stein oder einer Wurzel, stürzte und sich dabei den Kopf anschlug. So unglücklich, dass sie verblutete.“
„Und das soll niemand mitbekommen habe? Du sagst, es war mitten am Tag im Stadtpark. So verwildert kann der doch nicht sein, dass man nicht sieht, wie jemand da im Gebüsch liegt.“ Irritiert sah ich sie an und Mareike seufzte.
„Doch, der ist teilweise so dicht und wild, das sieht man nicht sofort. Ich rede nicht von Gebüsch wie hier an den Seitenstreifen oder in einem Vorgarten oder so. Es war eben mitten im Park, hohe Büsche, dicht stehende Bäume. Ich kann mir schon vorstellen, dass andere Spaziergänger da nichts bemerkt haben. Die Spaziergängerin, die Isabelle gefunden hat, wäre da auch nicht hingegangen, hätte sie nicht ihren Hund holen wollen.“
„Aber es hätte jemandem auffallen müssen, hätte jemand Isabelle da rein gezerrt“, stellte ich fest.
„Ja, das vielleicht. Aber wenn sie nicht gezerrt wurde? Wenn sie demjenigen freiwillig folgte? Vielleicht kannte sie ihren Mörder. Oder er hat sie reingelegt, hat ihr erzählt, er bräuchte Hilfe oder sonst etwas in der Art.“ Mareike sah mich frustriert an. „Du glaubst nicht, wie oft ich schon darüber nachgedacht habe. Was ich mir nicht alles überlegt habe, wie es gewesen sein könnte.“
„Oh doch, ich glaube dir. Wäre Lena etwas passiert …“ Ich schüttelte den Kopf. „Daran mag ich gar nicht denken. Es ist schlimm genug für mich, dass Kira gestorben ist.“
„Ich wünsche dir auch, dass es so bleibt und es Lena auch weiterhin gut geht. So makaber es klingt … ich habe mir früher oft gewünscht, es hätte jemand anderen getroffen. Eine Freundin von Isabelle. Oder jemanden, mit dem ich gar nichts zu tun habe.“ Mareike schüttelte leicht den Kopf und bog in die Straße ein, in der ich wohnte. „Ich weiß, dass war nicht nett.“
„Ich glaube, das ist normal. Gerade wenn es einen eigenen Verwandten trifft, noch dazu einen, der einem so nahe ist.“ Sie hielt vor unserem Haus und ich freute mich wirklich nicht auf das Gespräch, dass jetzt folgen würde. Ein Blick auf mein Handy verriet mir, dass meine Mutter vermutlich schon zu Hause war, wenn sie nicht noch spontan einkaufen gefahren war. Aber ich konnte ihren Wagen im Carport sehen. Mit leisem Seufzen schnallte ich mich ab und stieg aus. „Na, das wird jetzt lustig. Meine Mutter ist jedenfalls zu Hause. Sie wird bestimmt sauer sein.“