Dreizehn Mädchen

Alessia Saberi · Kapitel 23 von 32

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Dreizehn Mädchen

Kapitel 23

Zu Hause fand ich mich vor dem Problem wieder, dass ich nicht wusste, wo ich das Kästchen aufbewahren sollte. Wenn Lena mal etwas bei mir suchen sollte, würde es ihr ins Auge stechen. Meine Mutter konnte ich auch nicht fragen, dann hätte ich ihr beichten müssen, dass ich bei dem Laden gewesen war. Oder ich hätte sie schon wieder anlügen müssen, dass ich das Kästchen schon länger hatte, und das wollte ich nicht.

Schließlich packte ich es in die unterste Schublade des Kleiderschrankes, wo ich dicke Strumpfhosen aufbewahrte, die ich ohnehin kaum trug. Hier würde Lena sicher auch nicht reinsehen.

Als ich gerade Kiras Kette wieder aus meiner Tasche nahm, hörte ich ein Kratzen vom Fenster her. Erschrocken fuhr ich herum, doch da saß nur Brina, die an die Schnur der Jalousie gekommen war. Ich konnte sie noch leicht schwingen sehen. Leise seufzend verstaute ich die Kette im Schrank, nur um gleich darauf wieder zusammenzuzucken, als Brina plötzlich fauchte und aus dem Zimmer jagte.

Mit der Hand noch an der Schranktür blickte ich zum Fenster. Mein Herz raste nicht, ganz im Gegenteil, es schlug erstaunlich langsam und ein Topf heißes Gelee schien in mein Innerstes ausgeleert worden zu sein. Irgendwas musste Brina erschreckt haben. Vielleicht war jemand im Garten. Es begann bereits zu dämmern, ich hatte mir für den Rückweg Zeit gelassen.

Und nun jagte Brina einfach so aus dem Zimmer.

Ich leckte mir über die trockenen Lippen und ging langsam auf das Fenster zu. Vielleicht schlich ein Einbrecher durch den Garten, der irrtümlich glaubte, es sei niemand zu Hause. Vielleicht war eine fremde Katze auf dem Grundstück. Oder vielleicht war da auch jemand ganz anderer. Jemand, den ich nicht hier haben wollte.

Zu sehen war nichts. Die Amseln sangen fröhlich in den Sträuchern und zwei Tauben trotteten nebeneinander über den Rasen, vermutlich auf der Suche nach etwas Essbarem. Aber ich sah niemanden, der sich zwischen die Sträucher duckte, und da war auch kein massiger Schatten, der sich drohend vor meinem Fenster auftürmte.

So absurd die Vorstellung auch war, mir wurde in diesem Moment bewusst, dass ich das tatsächlich für einen kurzen Augenblick erwartet hatte. Einen Schatten, der sich auf mich stürzte. Nichts Körperliches – keinen Menschen. Einfach nur ein Ding, das sich durch ein Fenster nicht aufhalten ließ, sich auf mich stürzte, mich erstickte oder mir irgendwelche Tabletten aufzwang.

War ich schon so verzweifelt, dass ich jetzt auch nach einer übernatürlichen Lösung für Kiras Tod suchte? Anders konnte ich mir diese Gedanken nicht erklären. Seufzend schloss ich die Jalousien und bereute es schon im nächsten Augenblick, denn es wurde sofort dunkler im Raum. Zwar wusste ich, dass ich allein im Zimmer war, aber dennoch fühlte ich mich wieder beobachtet.

Schnell hastete ich zum Lichtschalter und natürlich musste mir mein Gehirn jetzt all diese kleinen, fiesen Geschichten wieder in Erinnerung rufen, die ich bisher gelesen oder in Filmen gesehen hatte. Die Hände, die unter dem Bett hervorgriffen. Die kalte Hand, die auf dem Lichtschalter lag. Das Knarren der Schranktüren, die sich öffneten, um das Grauen herauszulassen. Die glühenden Augen, die man aus dem Augenwinkel sah.

Ich betätigte den Lichtschalter in genau dem Moment, als etwas meine Wade berührte.

Ich schrie erschrocken auf, aber in dem nun hellen Licht erkannte ich Vino, der gerade an mir vorbeigegangen war und mich nun fast irritiert ansah, als wolle er fragen, warum ich denn schreie. Erleichtert sackte ich gegen den Türrahmen und verlieh mir gedanklich den Titel Idiotin.

Was oder besser gesagt wer sollte mich denn sonst an der Wade berühren, wenn nicht eine unserer Katzen?

Da waren keine Hände, die unter meinem Bett hervorlugten oder aus dem Schrank heraus nach mir griffen. Keine Augen, die mich beobachteten und sich nun im Licht einfach in Luft auflösten. Das waren alles nur meine überreizten Nerven. Ich fühlte mich beobachtet, weil Mareike und ich uns soviel über Kiras und Isabelles Mörder unterhielten, weil ich diesen Zettel bekommen hatte und weil ich schlicht Angst hatte. Meine Fantasie gaukelte mir etwas vor.

Ich setzte mich zu Vino auf das Bett und kraulte ihn hinter den Ohren. Er begann zu schnurren und ich seufzte leise auf.

„Ich bin bekloppt, hm?“ Keine Antwort, bloß weiteres, sanftes Schnurren. Ich versuchte noch einmal durchzugehen, was bisher passiert war.

Der erste Punkt war Kiras Tod. Nein, eigentlich schon ihre Eröffnung mir gegenüber, dass sie sich beobachtet fühlte. Irgendwer hatte sie beobachtet. Ich zweifelte nicht mehr daran, dass es so war, auch wenn sie mir nichts Konkretes hatte nennen können. Niemand, der ihr besonders oft aufgefallen wäre, keine Nachrichten an, nichts.

Dann kamen Mareikes Unterlagen und ihre Geschichte über den unaufgeklärten Tod ihrer Schwester. Sie hatte kurz nach der Beerdigung damit angefangen Zeitungsartikel zu sammeln, die von ungeklärten Todesfällen berichteten. In ihre Mappe, die sie mir gezeigt hatte, hatte sie später allerdings nur die Artikel sortiert, die ihrer Meinung nach zum Tod ihrer Schwester passten.

Der Schmuck. Es war nicht zu leugnen, dass sowohl Kira als auch Isabelle und Grit ähnlichen, zueinander passenden Schmuck getragen hatten. Bei den anderen Mädchen in Mareikes Mappe war ich mir nicht sicher, auf den Bildern war der Schmuck nicht immer so gut zu erkennen, wie bei den dreien, aber Mareike zumindest war sich sicher.

Schließlich war da der Ladenbesitzer. Hatten Mareike und ich uns da einfach in etwas verrannt? Eine Hoffnung, weil wir jemanden brauchten, dem wir die Schuld zuschieben konnten?

Seufzend rieb ich mir über das Gesicht. Es war verrückt, was wir hier taten. Das war Sache der Polizei und wir waren keine Heldinnen eines Krimis, die den vom Autor gestreuten Hinweisen folgten, den Mörder schnappten, ihm ein Geständnis entlockten und ihn so hinter Gitter beförderten.

Schön wäre es gewesen, aber so war es nicht.

Mareike hatte recht, ich hätte nicht in den Laden gehen sollen. Was hatte ich mir eigentlich dabei gedacht? Wenn etwas an unserem Verdacht dran war, dann hätte das böse für mich enden können. Wäre nur der Ladenbesitzer da gewesen, hätte er mich leicht überwältigen können.

Ich schauderte bei der Vorstellung, wie er mich in die hinteren Räume lockte, niederschlug und dann fesselte und knebelte, bis er mich fortschaffen und ebenfalls töten konnte. Mir fielen ein paar Dokumentationen ein, die ich gesehen hatte. Wie war es dem Mörder gelungen, so gar keine Spuren zu hinterlassen? Er musste alles komplett gereinigt haben, nachdem er Kira zu ihrem angeblichen Selbstmord getrieben hatte.

Aber vielleicht hatte die Polizei ja auch Spuren und konnte sie bloß nicht zuordnen.

Egal wie, es war einfach frustrierend. Als mein Handy vibrierte, war ich froh über die Ablenkung. Es war eine Nachricht von Mareike. Sie hatte mit der Personalchefin von ihrer Zeitung gesprochen wegen eines Praktikums und ich sollte ruhig meine Bewerbung abschicken. Das waren gute Neuigkeiten. Ich hätte es zwar sowieso gemacht, aber so wusste ich, dass da nun jemand Bescheid wusste und schon eine Empfehlung bekommen hatte.

Aufregung erfasste mich. Es war sicher interessant, Einblick in die Kulissen einer Zeitung zu bekommen. Ich sah ja sonst immer nur das Endprodukt, die gedruckte Zeitung oder Zeitschrift. Wie genau es zu den Artikeln und den ausgewählten Bildern kam, wusste ich nur aus ein paar Artikeln und einer Doku, die ich mal mit meinem Vater gesehen hatte.

Der Gedanke an meinen Vater erinnerte mich daran, dass ich meine Eltern in meine Praktikumspläne einweihen musste. Ich bezweifelte, dass sie etwas dagegen haben würden, aber besser ich sprach sie vor dem Absenden der Bewerbung darauf an.

Vino war eingeschlafen, stellte ich fest. Lächelnd stand ich auf und streckte mich. Wie von selbst wanderte mein Blick zum Fenster und als wollte ich mir selbst beweisen, dass da draußen niemand war, ging ich zum Fenster und zog die Lamellen der Jalousien etwas auseinander. Draußen war es dunkler geworden, sodass ich sowieso nicht viel erkennen konnte, aber darum war es mir gar nicht wirklich gegangen.

Ich hatte bloß die Angst vor dem Blick nach draußen überwinden wollen. Und das hatte geklappt. Ich wollte die Lamellen gerade loslassen, als mir ein kleines, rotes Glühen auffiel. Dieses typische kurze Glühen, wenn jemand an einer Zigarette zog.

Meine Eltern rauchten nicht.

Mein Herz schien in klebrigem Sirup zu stecken, quälend langsam schlug es nur noch. Ich ließ die Lamellen los und wich vor dem Fenster zurück. Wenn ich sofort meine Mutter informierte und wir die Polizei riefen, konnte es dennoch zu spät sein. In meinem Zimmer brannte Licht, wer auch immer da in unserem Garten stand und rauchte, würde mich bemerkt haben, wenn er zu meinem Fenster geschaut hatte.

Ich schluckte und eilte nach unten. Meine Mutter war in der Küche und inspizierte die Küchenschränke. Sie drehte sich lächelnd zu mir um, doch ihr Lächeln wich sofort einer besorgten Miene. Ich musste meinen Schrecken wohl deutlich zeigen.

„Paula, was ist passiert?“

„Draußen steht jemand im Garten und raucht.“ Die mutigen Heldinnen aus den Filmen wären wohl selber nach draußen gegangen, vermutlich bewaffnet mit einem Nudelholz oder einem Besen oder was sie sonst so zur Hand hatten. Ich sagte lieber meiner Mutter Bescheid. Sie sah mich verwirrt an und legte den Notizblock auf den Küchentisch. „Ich hab ihn von meinem Zimmer aus gesehen.“

„Bist du sicher, dass es nicht jemand nebenan war?“

„Ja. Der stand zwischen unseren Büschen. Oder davor. Ich weiß nicht genau, ich bin gleich vom Fenster weg.“ Ich sah sie unsicher an. Konnte ich mich vielleicht doch geirrt haben? Meine Mutter ging ins Wohnzimmer, wo mein Vater sich gerade eine Dokumentation ansah. Er runzelte die Stirn, als meine Mutter ihn einweihte.

„Ich schau nach. Vielleicht ist es auch ein Einbrecher. Der wäre aber ganz schön blöd sich durch eine Zigarette zu verraten.“

„Jeder wäre blöd sich damit zu verraten.“ Ich folgte meinen Eltern zur Terrassentür. Meine Mutter hatte sich das schnurlose Telefon genommen, bereit sofort die Polizei zu rufen, sollte etwas passieren. Ich blieb halb hinter, halb neben ihr, verunsichert und ängstlich.

Sollte ich nach oben zu Lena gehen? Aber solange sie noch nicht mitbekommen hatte, was hier los war, wollte ich sie auch nicht damit beunruhigen. Sie hatte immer noch Alpträume von dem versuchten Einbruch bei uns und ich wollte ihre Fantasie nicht noch weiter füttern.

„Das ist jetzt nicht dein Ernst“, hörte ich die Stimme meines Vaters von draußen und trat gleichzeitig mit meiner Mutter einen Schritt nach vorne. Irgendwer antwortete ihm, aber er war zu leise, um ihn zu verstehen. Doch nur wenig später kam mein Vater in Begleitung eines Nachbarjungen ins Wohnzimmer. Martin oder Markus? Ich wusste es nicht mehr genau. Er war rot angelaufen und sah ängstlich von meinem Vater zu meiner Mutter, mich beachtete er kaum.

„Bitte, sagen Sie es nicht meinen Eltern. Ich mach es auch nie wieder, ehrlich!“

„Hast du bei uns im Garten geraucht?“ platzte es aus mir heraus und nun sah er zu mir, wobei er ein gedehntes Ja von sich gab. Meine Mutter schnaubte und hielt das Telefon in die Höhe.

„Wir wollten schon die Polizei rufen. Du weißt doch, dass in der Straße schon so oft eingebrochen wurde. Wir dachten, du bist ein Einbrecher.“ Sie schüttelte den Kopf. „Mal ganz davon abgesehen, dass du nicht rauchen solltest. Das ist für jeden ungesund.“

„Ich weiß. Bitte, sagen Sie es nicht meinen Eltern.“ Er sah meine Eltern gequält an und mein Vater seufzte.

„Das wirst du schön selbst machen. Oder glaubst du, sie merken es nicht, wenn du rauchst? Das riecht man. Aber wir wollen dir keine Predigt halten. Schleich dich nur nicht in fremde Gärten. Und jetzt geh nach Hause.“

„Okay.“ Geknickt folgte er meiner Mutter zur Haustür und verließ das Haus. Als meine Mutter zurückkehrte, hatte sie einen verkniffenen Zug um die Lippen.

„Also, wenn es nach mir ginge, würde ich Kathrin alles sofort erzählen.“

„Komm, lass gut sein. Ist ja nicht so, als hätten wir uns nie heimlich aus dem Haus geschlichen, um etwas zu tun, was unsere Eltern nicht wissen sollten.“ Als wüssten sie genau, dass ich auf diese Aussage hin die Ohren spitzte, sahen meine Eltern mich an. „Nimm dir das nicht als Beispiel.“

„Nein, nein.“ Ich grinste, erleichtert darüber, dass sich alles so gut aufgeklärt hatte. Und amüsiert zu hören, dass meine Eltern sich als Jugendliche heimlich aus dem Haus geschlichen hatten.