Dreizehn Mädchen
Kapitel 17
Die Musik dröhnte in meinen Ohren, mein Puls raste und ich fühlte mich fröhlich, gut, lebendig. Meine Gedanken an Kira waren in den Hintergrund gerückt, sie würde es mir hoffentlich nicht übelnehmen, dass ich den Abiball einfach nur genoss.
Die Reden hatten mir gefallen, auch wenn sie für meinen Geschmack schon etwas zu lang gewesen waren. Auch hatte es sehr an meinen Nerven gezehrt, als Britta plötzlich von Kira gesprochen hatte. Auch einigen anderen Mitschülern war das nahegegangen, ich hatte es an ihren Mienen gemerkt. Rabia neben mir hätte genau wie ich beinahe angefangen zu weinen. Sie und Kira waren gute Freundinnen gewesen. Nach den Reden hatte das Abiballteam das Buffet eröffnet und seitdem verbot ich mir traurige Gedanken. Ich wollte diesen Abend einfach nur genießen. Nicht nur für mich, sondern auch für Kira.
Eine Überraschung waren auch die Abibücher gewesen. Als ich auch das Buch für Kiras Eltern hatte kaufen wollen, hatte Britta abgewunken. Das Abibuchteam hatte entschieden, dass sie ihnen das Buch schenken wollten, was ich nett fand. Meine Eltern hatten die Bücher mitgenommen, als sie sich vorhin von mir verabschiedet hatten. Nacheinander hatten sich auch die anderen Eltern allesamt verabschiedet, worauf die Musik aufgedreht worden war.
Ich tanzte mit Rabia, Bianca und einigen anderen zu den schnellen Songs und so langsam brauchte ich eine Pause. Ich winkte den anderen zu und ging nach draußen, wo sich einige andere meiner Mitschüler befanden. Sie standen in kleinen Grüppchen zusammen und unterhielten sich, manche rauchten auch oder versuchten coole Posen zu machen, während ihre Freunde sie fotografierten. Ich sackte auf eine der Bänke und lehnte mich etwas zurück, um in den mittlerweile dunklen Himmel zu schauen, unterließ dies aber auch gleich wieder, als mir schwindelig wurde. Vielleicht hätte ich die letzten beiden Mojitos nicht trinken sollen.
Bewegung würde mir guttun. Ich stand auf und merkte dabei gleich, dass ich mich in meinen Highheels nicht gut auf dem Rasen würde bewegen können, also zog ich die Dinger aus und stellte sie unter die Bank. Das kurze Gras stach durch meine Nylonstrumpfhose in meine Fußsohle, es tat allerdings nicht weh, sondern kitzelte vielmehr. Schon bald war ich aus dem Lichtkreis der Terrasse verschwunden.
Hier draußen standen zwar vereinzelt noch Laternen herum, aber es war insgesamt ruhiger und weniger belebt als näher bei der Terrasse. Ich schlug einen Bogen, als ich auf einer überdachten Steinbank ein knutschendes Pärchen entdeckte. Dafür bot sich der weitläufige Garten natürlich auch an. Ob sich hier wohl noch mehr Paare aufhielten? Vermutlich. Es war mir allerdings gerade auch egal. Immerhin war das hier kein privater Raum, sie mussten damit rechnen, dass jemand sie störte. Wenn sie ähnlich betrunken waren wie ich in diesem Moment, dann war es ihnen aber wohl gleichgültig, wenn jemand sie erwischte.
Ich fand schließlich eine weitere Steinbank und beschloss eine kurze Pause zu machen. Das Restaurant und die Terrasse waren ein verschwommener Lichtfleck, der vor meinen Augen tanzte. Verdammt, wieviel hatte ich denn getrunken? Konnte ich ein paar Gläser vergessen haben? Ich rieb mir über die Augen, aber es blieb dabei. Die Lichter waren verschwommen und tanzten vor meinen Augen. Wenigstens war mir nicht übel.
Gähnend streckte ich die Füße von mir und wackelte mit den Zehen. Erst jetzt merkte ich, wie weh mir die Füße von den blöden Highheels taten. Ich war die Dinger einfach nicht gewohnt, meist trug ich flache Schuhe oder zumindest einen deutlich kleineren Absatz. Neben mir raschelte es im Gebüsch und im ersten Moment dachte ich, es sei der Wind, aber so stark wehte der gar nicht. Hockte da vielleicht ein Pärchen und hatte mich nun bemerkt? Es musste so sein. Oder einer meiner Mitschüler hatte sich ins Gebüsch verkrochen, um hier zu kotzen oder zu pinkeln. Ich vermutete jedoch ein Paar, das ich aufgeschreckt hatte.
„Sorry, wollte euch nicht stören. Macht einfach weiter.“ Kichernd erhob ich mich von der Bank und winkte in Richtung des Busches, auch wenn sie das in der Dunkelheit nicht sehen konnten. Eine Gestalt erhob sich aus dem Busch, ein dunkler Schatten vor den Büschen. Doch jemand, der die Büsche als Toilette zweckentfremdet hatte? Nüchtern hätte mich das wohl gestört, in diesem Moment jedoch war es mir egal. Langsam näherte sich der Schatten mir, aber ich konnte ihn immer noch nicht erkennen. Es war zu dunkel dafür. „Kommst du mit zurück? Ich glaub, ich will noch einen Mojito. Betrunken bin ich eh.“
Wer es auch war, er antwortete nicht. Es musste einer meiner Mitschüler sein. Vielleicht war er genauso betrunken wie ich und versuchte gerade den Sinn meiner Worte zu verstehen. Aber wenigstens Hallo hätte er sagen können, das war arg unhöflich, dass er gar nicht reagierte. Irgendwo in meinem Kopf, gedämpft durch die Wirkung des Alkohols, wuchs mein Unbehagen, erinnerte ich mich daran, dass der Mörder meiner besten Freundin immer noch auf freiem Fuß war. Wäre ich nüchtern gewesen, hätte ich mich wohl nicht ganz so weit von den anderen abgesetzt. Das Restaurant und der Garten waren nicht hermetisch abgeriegelt, jeder konnte auf das Gelände kommen.
„Ich geh wieder rein“, murmelte ich. Das Unbehagen hatte mich nun doch leicht gepackt, glitt aber immer wieder an meinem alkoholvernebelten Verstand ab. Den Blick weiter auf die Gestalt vor mir gerichtet, machte ich ein paar Schritte zurück. Die Gestalt rührte sich nicht, mein Herz dagegen begann heftig zu pochen. Für einen Mitschüler war das hier ein sehr seltsames Verhalten, egal wie betrunken derjenige war. Genaugenommen fühlte sich die ganze Situation plötzlich bedrohlich an und torkelnd wich ich weiter zurück, bevor ich mich umdrehte und auf das Restaurant zueilte.
Etwas traf mich an der Schulter und da es gerade um meinen Gleichgewichtssinn ohnehin nicht gut bestellt war, ging ich zu Boden. Ein scharfer Schmerz schoss durch meine Knie und meine Handflächen, aber ich ignorierte ihn so gut es ging und versuchte mich gleichzeitig aufzurichten und umzudrehen, um zu sehen, ob die schweigende Gestalt mir gefolgt war. Weit kam ich nicht mit meinem Versuch, jemand drückte mich zu Boden. Ich tat das einzige, was mir gerade einfiel.
Ich schrie.
So laut es ging schrie ich nach Hilfe. Das Gewicht auf mir wurde leichter, aber ich wagte nicht mich zu rühren. Vielleicht war mein Angreifer bewaffnet, vielleicht zog er gerade eine Waffe, um mich zu töten. Ich schrie einfach immer weiter, hoffte, dass endlich jemand kommen und mir helfen würde, und schließlich hörte ich tatsächlich Schritte näherkommen.
„Paula? Was ist los?“ Das war Britta, ich spürte, wie Hände mich packten und hochzogen. Vor mir standen Britta, Rabia und drei Jungs. Britta nahm mich vorsichtig in den Arm, während ich mich panisch umsah.
„Da … da war jemand … hat mich angegriffen“, stammelte ich und krallte mich an Britta. Ich konnte außer meinen Mitschülern allerdings niemanden sehen, der Kerl musste wieder in die Dunkelheit verschwunden sein. Vermutlich war er nun wieder irgendwo in den Büschen oder floh bereits auf die Straße.
„Komm erst einmal rein.“ Britta zog mich sanft mit sich. Im Restaurant angekommen drückte sie mich auf eine Bank und setzte sich neben mich. Sie nahm eine der Wasserflaschen vom Tisch und füllte ein Glas, das sie mir reichte. „Trink erst einmal was. Und dann noch mal. Jemand hat dich angegriffen?“
„Ja.“ Mit zitternden Fingern nahm ich das Glas entgegen und trank einen Schluck. „Ich wollte etwas raus. Mich etwas bewegen. Frische Luft schnappen. Und da hinten war jemand im Gebüsch. Ich dachte, es war ein Mitschüler.“ Ich schauderte und sah mich hektisch um. Hier entdeckte ich nur mehr oder weniger bekannte Gesichter. Britta und Rabia saßen neben mir auf der Bank, die drei Jungs, von denen ich nur Björn näher kannte, standen neben uns und hörten aufmerksam zu.
„Ich ruf die Polizei“, erklärte einer von ihnen und Björn und Britta nickten.
„Wozu? Hier ist sicher niemand mehr. Wenn überhaupt wer da war.“ Der dritte Junge, mit dem ich nur einmal einen Sportkurs gehabt hatte und dessen Name mir einfach nicht einfallen wollte, zuckte mit den Schultern. „Du bist ganz schön betrunken. Vermutlich bist du nur gestolpert.“
„Mich hat wer gestoßen“, blaffte ich den Typ an und er zuckte erneut mit den Schultern.
„Vielleicht hat dich ein Nachtfalter gestreift und du hast es als mehr interpretiert, als es war.“
„Blödsinn!“
„Wir wissen es alle nicht und betrunken oder nicht, die Berührung eines Nachtfalters haut niemanden um“, erklärte Rabia und drückte meine Hand. „Und … vermutlich habt ihr es nicht gesehen, aber da sind Risse in ihrem Kleid. Wir rufen die Polizei.“
„Und was sollen die tun? Hast du wen gesehen?“ Der blöde Kerl wartete nicht einmal auf meine Antwort, sondern schnitt mir das Wort ab, gerade als ich dazu ansetzte etwas zu sagen: „Nein, hast du nicht. Es ist zu dunkel dafür. Du bist betrunken. Du hast dir das alles nur eingebildet, als du gestolpert bist.“
„Was bist du für ein blödes Arschloch?“ fuhr ich auf und hätte ihm gerade am Liebsten eine Ohrfeige verpasst. Oder auch mehrere. Ich hatte mir das gerade nicht eingebildet. Da war jemand gewesen und er hatte mich angegriffen. Allerdings blieb ich sitzen, was größtenteils an Britta und Rabia lag, die mich im Arm hielten. Ein wenig spielte auch der Alkohol eine Rolle, ich wollte vor diesem Kerl nicht herumtorkeln.
„Vielleicht ist es Einbildung, vielleicht nicht. Das ist egal. Wir rufen die Polizei.“ Rabias Stimme hatte einen entschlossenen Klang.
„Macht, was ihr wollt.“ Der Idiot drehte sich um und ließ uns allein. Björn zog sein Handy aus seiner Hosentasche und tippte kurz darauf herum, während er bereits nach draußen ging. Hier drinnen war es ihm vermutlich zu laut.
Es tat mir leid meinen Mitschülern die Party auf diese Weise zu vermiesen, aber ich hatte mir das nicht eingebildet und ich hatte mir auch keinen solchen Angriff gewünscht. Ich blieb mit Britta und Rabia auf der Bank sitzen und nippte hin und wieder an einem Glas Wasser, während wir auf die Polizei warteten. Es sprach sich schnell herum, was passiert war. Die Reaktionen waren geteilt, stellte ich fest. Einige glaubten mir, andere waren auch der Meinung, dass ich mir das nur eingebildet hatte. Und langsam kam ich ebenfalls ins Zweifeln.
Hatten sie vielleicht Recht? Konnte ich mir das alles doch eingebildet haben? Betrunken war ich eindeutig und in solch einem Zustand konnte man seinem Verstand nicht immer trauen. Immerhin hatte ich auch gedacht, die Lichter von der Terrasse würde vor mir tanzen. Vielleicht war mein Blick tatsächlich einfach nur völlig verschwommen gewesen und ich hatte nur die Büsche gesehen. Und der Schlag gegen die Schulter … War es wirklich ein Schlag gewesen? Konnte es vielleicht tatsächlich ein Nachtfalter gewesen sein, der mich gestreift hatte? Die Viecher waren immerhin nicht ganz klein und ich war betrunken, vielleicht hatte ich mit meinem benebelten Geist die Berührung als Schlag wahrgenommen. Oder vielleicht war es auch eine Fledermaus gewesen.
Ich fühlte mich blöd und albern, als schließlich Björn mit zwei Polizisten zu uns an den Tisch kam. Was sollte ich ihnen auch schon erzählen? Mein Mitschüler hatte Recht – ich war betrunken und hatte nichts gesehen, ich konnte mir auch alles nur eingebildet haben. Dennoch erzählte ich ihnen, was ich erlebt hatte. Sie nahmen alles auf und waren höflich, aber ich sah bei dem jüngeren der beiden deutlichen Zweifel in den Augen. Vermutlich schob er auch alles auf den Alkohol und wollte wieder weg von hier. Verübeln konnte ich es ihm nicht, schließlich zweifelte ich gerade auch selber an mir und meinem Verstand.
Konnte der Schlag wirklich nur von einer Motte oder einer Fledermaus gekommen sein? Eine Fledermaus war größer, sie brachte ein gewisses Gewicht mit sich und wenn sie im vollen Flug gegen jemanden stieß, konnte sich das vielleicht wie ein Schlag anfühlen. Erfahrungen hatte ich mit diesen Tieren bisher nicht gesammelt, ausschließen konnte und wollte ich es daher nicht.
Ich war jedenfalls froh, als die beiden Polizisten sich nach der Befragung verabschiedeten und Rabia ein Taxi rief. Sie wollte auch gehen und ich war froh, dass ich nicht allein bleiben würde. Britta wollte noch etwas bleiben, ich sah es ihr an, daher lehnte ich es auch ab, als sie anbot uns zu begleiten. Wir waren zu zweit, das Taxi würde uns direkt vor der Tür zum Restaurant abholen – da konnte nichts passieren. Ganz abgesehen davon, dass ich mir den Angriff vielleicht nur eingebildet hatte.