Dreizehn Mädchen
Kapitel 15
Ich konnte es kaum glauben, was für ein Pech ich hatte, als ich mich auf den Weg zu meinem Treffen mit Jonathan machte. Der Bus machte nach der zweiten Haltestelle schlapp, sodass wir alle aussteigen und unseren Weg anderweitig fortsetzen mussten, da natürlich auch der nächste Bus erst einmal nicht weiterkommen würde. Er hätte den defekten Bus theoretisch überholen können, aber der stand so unglücklich in einer Kurve, dass nicht einmal ein normaler PKW an ihm vorbeigekommen wäre. Ich beschloss nach Hause zu gehen und mein Fahrrad zu nehmen, das allerdings nicht in der Garage stand.
„Mama?“ Ich fand meine Mutter im Garten, wo sie gerade die Beete goss.
„Wolltest du dich nicht mit Jonathan treffen?“
„Der Bus hatte eine Panne. Ich wollte mein Rad nehmen. Es ist nicht in der Garage.“ Fragend sah ich sie an, woraufhin sie nickte.
„Ich habe es vorhin Sybille geliehen. Von gegenüber. Ihr Rad hatte einen Platten und sie war spät dran.“
„Na toll.“ Ratlos sah ich meine Mutter an. Es störte mich nicht einmal, dass sie das Rad verliehen hatte, ich nutzte es ohnehin kaum und es war eh mehr eine Art Familienrad. Ich hatte es bloß ausgesucht. Nein, mich ärgerte einfach, dass ich nicht wusste, wie ich jetzt zu dem Café kommen sollte. Mein Vater hatte sein Rad vor einigen Wochen verkauft, da er es gar nicht mehr genutzt hatte, sonst hätte ich einfach seins genommen.
„Ich fahr dich. Ich nehme Lena mit und geh dann noch mal einkaufen.“ Meine Mutter leerte die Gießkanne über den Rosen aus und gemeinsam gingen wir rein.
„Das wäre super. Ich sag eben Jonathan Bescheid, dass ich etwas später komme.“ Ich zog mein Handy hervor, allerdings musste ich feststellen, dass der Akku leer war. Soviel dazu. Ich hatte Jonathans Nummer nur im Handy gespeichert, wie gut, dass mir noch zu Hause eingefallen war ihn anzurufen. Rasch lief ich in mein Zimmer rauf und stöpselte mein Handy in das Ladekabel und …
Nichts.
Eigentlich sollte sich das Ding jetzt einschalten, aber da tat sich gar nichts. Verdammt, bitte nicht auch das noch. Das Handy war noch nicht alt und ich hatte doch gar nicht so viel damit gemacht. Die paar Stürze sollte es mir eigentlich verzeihen, mein altes Handy hatte viel mehr einstecken müssen.
„Kommst du?“ hörte ich meine Mutter von unten und seufzte leise auf. Ich ließ das Handy eingestöpselt auf dem Tisch zurück und lief runter.
„Ich glaub, mein Handy ist kaputt.“
„Und du hast natürlich alle deine Kontakte nur da drin“, stellte meine Mutter mit einem süffisanten Grinsen fest und ich schnitt ihr eine Grimasse.
„Ich weiß, ich weiß … Die guten alten Zeiten, in denen ihr alles in Notizbüchern aufgeschrieben habt, da konnte euch so ein kaputtes Telefon nichts.“
„Ganz genau.“ Meine Mutter lachte. „Schau einfach nachher noch mal und sonst bring es morgen zur Reparatur.“
„Muss ich wohl.“ Hoffentlich ließen sich meine ganzen Daten noch retten. Ich hatte da alles drin. Telefonnummern, E-Mail-Adressen, Fotos. Vielleicht war die Variante meiner Mutter mit dem zusätzlichen richtigen Notizbuch gar nicht verkehrt. Selbst wenn sie ihr Handy verlieren sollte, hatte sie so noch alle ihre Kontakte an einem Platz.
Lena wartete bereits am Auto, sie sah nicht begeistert aus. Einkaufen war eben nicht ihre Leidenschaft, aber allein zu Hause bleiben wollte sie auch nicht nach ihrem Erlebnis. Ganz abgesehen davon, dass meine Mutter das nicht zugelassen hätte. Sie ließ mich ja auch nicht gerne allein zu Hause, aber ich war älter als Lena und sie wollte mir nicht mehr Vorschriften machen als nötig. Ich sah aber oft genug die Sorge in ihren Augen, wenn sie sich unbeobachtet fühlte.
Während der Fahrt erzählte mir Lena von ihrer kommenden Reitstunde. Sie wollte jetzt bald mit Springen anfangen, da sie es bei anderen Mädchen gesehen und für toll befunden hatte. Ich wusste, dass meine Eltern da gespalten waren. Mein Vater meinte, sie solle es ruhig versuchen, meine Mutter hielt wenig vom Springreiten. Bei mir war es damals auch nicht anders gewesen, aber ich hatte daran auch schnell das Interesse verloren. Ausritte hatten mir schon immer mehr Spaß gemacht. Lena schwärmte davon, wie gut ihre Freundin Liljana schon war und dass sie auch so gut werden wollte.
„Und sie bekommt ein eigenes Pferd“, trumpfte sie auf, als wir schließlich hielten, und warf einen kleinen Blick zu unserer Mutter. „Dann kann sie jeden Tag zum Reiten.“
„Zeig erst einmal, dass du wirklich länger dabeibleibst, dann reden wir über ein Pflegepferd. Natürlich nur, wenn deine Noten weiterhin so gut bleiben.“ Genau die gleichen Bedingungen hatte ich damals auch zu hören bekommen, als ich wegen eines eigenen Pferdes bei meinen Eltern angekommen war. Erziehung änderte sich wohl kaum im Laufe von ein paar Jahren. Grinsend schnallte ich mich ab.
„Danke fürs Fahren. Wenn was ist … ach, Mist, ich kann nicht anrufen, mein Handy liegt ja auf dem Tisch und lädt.“
„Hier, nimm meins. Ich denke, beim Einkaufen brauch ich keins. Pin sind dein und Lenas Geburtsmonat.“ Meine Mutter nutzte immer die Daten aus der Familie für ihren Pin und wechselte diesen auch ziemlich häufig. Dass sie da nie durcheinandergeriet, wunderte mich schon länger. Ich steckte das Handy ein und verabschiedete mich von den beiden, dann machte ich mich auf den Weg zum Café. Durch die ganze Aktion hatte ich mich nun fast eine halbe Stunde verspätet und es wunderte mich nicht Jonathan nirgends zu sehen. Und anrufen konnte ich ihn nicht, um ihn zu fragen, ob ihm auch etwas dazwischengekommen war oder ob er bereits gegangen war, weil er dachte, ich versetze ihn.
Mist.
Ich vermutete letzteres und es tat mir leid, dass ich das nicht gleich aufklären konnte. Warum musste mein blödes Handy auch ausgerechnet jetzt kaputtgehen? Ich verließ das Café wieder, um draußen noch kurz zu warten, falls er doch noch kommen sollte. Allerdings zweifelte ich daran. Während ich die Straße rauf und runter schaute, kam mir die Frage, warum ich Jonathan nicht gleich versucht hatte anzurufen, als ich den defekten Bus verlassen hatte. Gut, es hätte wohl nicht funktioniert, vermutlich war mein Akku da schon leer gewesen, aber es wunderte mich dennoch. So egal, dass ich mich ohne vorherige Erklärung zu einem Treffen verspätete, war er mir nun nicht. Jeden meiner Freunde hätte ich noch vom Bus aus angerufen und ich zählte Jonathan inzwischen zu meinen Freunden.
Oder hielt ich den Kontakt zu ihm nur aufrecht, weil er Kiras Freund gewesen war? Dieser Gedanke war mir vorher nie gekommen und er war absurd. Oder vielleicht doch nicht? Mit meinen Freunden war es anders als mit Jonathan, der Kontakt war regelmäßiger und intensiver. Wenn Jonathan und ich uns schrieben und erst einmal „drin“ waren, dann alberten wir auch viel herum und es fühlte sich mit ihm an wie mit einem meiner anderen Freunde. Aber zu einer Freundschaft gehörte doch viel mehr. Vielleicht war das gerade tatsächlich ein Zeichen dafür gewesen, dass ich Jonathan nicht ganz dort einstufte, wo meine anderen Freunde standen.
Was es nun auch war, ich hatte mich verspätet und er würde wohl nicht mehr kommen. Hoffentlich verstand er es, wenn ich es ihm erklärte. Absicht war es ja nicht gewesen. Ich schaute noch einmal die Straße entlang, aber noch immer kein Jonathan zu sehen. Also sollte ich mich wohl auf den Heimweg machen. Ob die Strecke inzwischen wieder frei war? Ich würde es herausfinden.
Der Antiquitätenladen fiel mir ein.
Unschlüssig biss ich mir auf die Unterlippe. Eigentlich sollte ich mich von dem Laden fernhalten, aber da war immer noch diese leise Stimme in mir, die mir sagte, ich solle mich da mal selber umsehen. Vermutlich hatte ich ohnehin Pech und er hatte bereits geschlossen, wenn ich ankam. Es war mittlerweile nach sieben Uhr, ich glaubte nicht, dass so ein kleiner Laden so lange geöffnet hatte. Dennoch machte ich mich auf den Weg dorthin. Ich konnte mir ja auch einfach neugierig die Auslagen anschauen, eine potentielle Kundin, die einfach zu spät gekommen war.
Was ich mir davon versprach, wusste ich allerdings auch nicht.
Vielleicht wollte ich einfach endlich diese Stimme in mir ruhigstellen. Wenn ich einmal direkt bei dem Laden gewesen war, war meine Neugierde vielleicht endlich befriedigt. Und wenn er bereits geschlossen war, konnte ich auch niemandem dort weiter auffallen. Mir war klar, dass ich mich gerade selber zu beruhigen versuchte, weil ich wusste, wie dämlich meine Idee war. Neugier ist der Katze Tod, schoss es mir unterwegs durch den Kopf. Hoffentlich würde das Sprichwort nicht auf mich zutreffen.
Lange brauchte ich nicht, bis ich vor dem Laden stand. Er war tatsächlich geschlossen, ein altmodisches Schild wies noch zusätzlich darauf hin neben dem schlichten Schildchen, auf dem die Öffnungszeiten standen. Ich betrachtete kurz die Auslagen im Schaufenster. Alte Bücher, eine Lampe, die auf einer Kommode stand, ein Holzkistchen, nichts Spannendes. Es machte keinen Sinn hierzubleiben. Der Laden war geschlossen, selbst wenn noch geöffnet gewesen wäre, hätte ich nicht hier sein sollen. Ich konnte Mareikes strafende Miene bereits vor mir sehen, wenn sie davon erfuhr. Nicht, dass ich es ihr unbedingt erzählen wollte.
Eine Bewegung zog meine Aufmerksamkeit auf sich. Jemand kam durch den Laden nach vorne, gleich darauf öffnete sich die Tür und der Ladenbesitzer, den ich bei den Besuchen mit Kira schon gesehen hatte, verließ das Geschäft. Er sah mich fragend an, dann lächelte er freundlich.
„Wir haben geschlossen, tut mir leid. Morgen ab neun Uhr sind wir aber gerne für Sie da.“ Damit schloss er die Tür hinter sich ab und ich nickte, etwas verdutzt darüber, dass der Mann doch noch hier war. Und er sah so normal aus. Das war ein blöder Gedanke. Selbst wenn er Kira und die anderen Mädchen getötet haben sollte, würde man ihm das nicht direkt ansehen. Ansonsten wären Verbrechen schneller aufgeklärt.
„Ja, danke“, beeilte ich mich zu antworten und fuhr mir durch die Haare. „Ich hatte mich spontan zu einem Besuch entschlossen. Zu spät. Schade. Dann ein anderes Mal. Bis dann.“ Irgendwie klang ich nicht nach mir selbst, vermutlich stand ich einfach etwas neben mir, weil ich hier den Mann sah, den ich des Mordes an Kira verdächtigte. Er nickte nur und ging dann zu einem Wagen, der nur wenige Meter weiter entfernt parkte.
Das hatte mir ja nun gar nichts gebracht.
Als der Mann losfuhr, machte ich mich auf den Weg zu der Haltestelle. Vielleicht sollte ich wirklich einfach morgen noch einmal in den Laden kommen. Aber was sollte mir das denn bringen? Mareike und Frau Walters hatten absolut Recht, das hier war kein Spiel. Die Polizei ermittelte in diesem Fall, ich sollte mich da heraushalten.
Wenigstens war der defekte Bus bereits abgeschleppt, sodass mein Bus keinen Umweg fuhr und ich gut nach Hause kam. Zuhause angekommen gab ich meiner Mutter ihr Handy zurück. Sie wunderte sich, dass ich so früh schon wieder zurück war, und ich erklärte ihr, dass ich mich verspätet hatte und Jonathan sicher keine Lust mehr gehabt hatte zu warten.
„Er wird es dir sicher nicht übelnehmen, wenn du es ihm erklärst.“
„Hoffentlich. Er ist nett. Kira hatte echt Glück mit ihm.“
„Ich kenn ihn ja nun nicht, aber Katja hat das auch schon mal gesagt.“ Meine Mutter schürzte die Lippen und sah mich fragend an. „Du hast schon länger nichts von einem Jungen erzählt.“
„Weil es keine interessanten Jungs gibt.“ Ich streckte ihr die Zunge raus und sie lachte leise.
„Irgendwann gibt es wieder einen.“
„Mal schauen. Ich geh rauf.“ Vino schlief auf meinem Sessel, stellte ich fest, als ich mein Zimmer betrat. Ich ließ ihn weiterschlafen und griff nach meinem Handy. Der Bildschirm war immer noch schwarz. Mist. Mit wenig Hoffnung zog ich den Stecker des Ladekabels und steckte ihn gleich wieder ein.
Das Handy schaltete sich direkt ein.
„Du verarschst mich“, entfuhr es mir und ich starrte auf das Handy in meiner Hand, das zu laden begann. Im nächsten Moment hätte ich mir am liebsten gegen die Stirn geklatscht. Klar. Vermutlich war nicht mein Handy kaputt, sondern das Ladekabel. Vielleicht hatte es einen Wackelkontakt oder so. Das würde erklären, warum es vorher nicht geladen hatte, es nun aber tat. Wäre ich da mal vorhin schon darauf gekommen, dann hätte ich mir ein Ersatzkabel nehmen können.
Etwas berührte mich am Knie und ich zuckte zusammen, aber es war bloß Vino. Wahrscheinlich hatte ich ihn nun doch geweckt. Maunzend verlangte er nach Aufmerksamkeit und ich nahm ihn auf den Arm, um mich dann mit ihm zu setzen.
„Was meinst du, findet die Polizei Kiras Mörder?“ fragte ich ihn leise. Schnurrend rieb er seinen Kopf an meinem Kinn und in einem plötzlichen Anfall guter Laune nahm ich das als Bejahung. Die Polizei würde herausfinden, wer Kira und die anderen Mädchen getötet hatte. Und dann würde das Arschloch endlich ins Gefängnis kommen.