Dreizehn Mädchen

Alessia Saberi · Kapitel 19 von 32

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Dreizehn Mädchen

Kapitel 19

Natürlich beobachtete mich niemand. Das war nur mein Gehirn, das mir etwas vorgaukelte. Dennoch blieb das Gefühl. War es Kira ähnlich gegangen? Hatte sie sich auch beobachtet gefühlt, als sie allein gewesen war?

Ich versuchte mich abzulenken, was mir nicht gelingen wollte. Egal, welches YouTube Video ich anklickte oder welches Buch ich in die Hand nahm, immer wieder blickte ich nervös zum Fenster und erwartete, dass dort jemand sein Gesicht gegen die Scheibe pressen würde. Meine Tür hatte ich geschlossen, es konnte also niemand durch den Türspalt schauen.

Aber durch das altmodische Schlüsselloch konnte jemand spähen. Da würde er zwar nur die Wand gegenüber der Tür sehen, aber einmal da, breitete sich der Gedanke aus und ich stellte mir vor, wie jemand – Kiras Mörder – vor meiner Tür hockte, das Auge direkt vor dem Schlüsselloch, das Gesicht von einer Maske verdeckt. Eine schlichte, schwarze Maske, die nur Augen und Mund freiließ, sodass er hier hereinsehen und grinsen konnte …

Schluss damit. Entschlossen stand ich auf und ging zu der Tür rüber. Niemand hockte davor, um durch das Schlüsselloch zu starren. Natürlich nicht. Das war nur meine Fantasie, die mir Horrorszenarien vorspielte. Papa würde sicher noch eine Weile bei seinem Freund bleiben, auch wenn sie nicht mehr arbeiteten, aber Mama und Lena waren hoffentlich bald zurück, dann würde es nicht mehr so einsam und unheimlich im Haus sein.

Unheimlich.

Ich hatte mein Zuhause nie als unheimlich betrachtet, aber seit Kiras Tod und mit dem Wissen, dass ihr Mörder auch hier gewesen war, hatte sich dies geändert. Es gab zu viele Möglichkeiten für Einbrecher ins Haus zu gelangen und somit konnte auch Kiras Mörder jederzeit ins Haus gelangen. Er konnte gerade jetzt, während ich in meinem Zimmer grübelte, die Haustür oder ein Fenster aufhebeln, ins Haus einsteigen und sich an mich heranschleichen, um eine Schnüfflerin loszuwerden.

Schaudernd rieb ich mir über die Arme und ging nach unten, um die Haustür noch einmal zu überprüfen. Sie war abgeschlossen, natürlich, aber die Kontrolle gab mir eine gewisse Sicherheit – zumindest solange, bis ich in meinem Zimmer war. Da überfielen mich wieder Vorstellungen davon, dass jemand ins Haus eingedrungen war und die Tür hinter sich verriegelt hatte.

Wir hatten in der Kommode im Flur die Ersatzschlüssel für alle Türen im Haus, auch die für die Haustür. Kiras Mörder konnte das eigentlich nicht wissen, aber was, wenn doch? Wenn er es irgendwie mitbekommen hatte?

Ich machte mich verrückt.

Da ich Ablenkung brauchte und alle bisherigen Versuche nicht funktioniert hatten, beschloss ich einen Spaziergang zu machen. Vielleicht konnte ich auch zu dem Laden fahren. Mareike war womöglich noch da und ich konnte sie irgendwo draußen abfangen und gleich ausfragen.

Die Idee gefiel mir. Draußen unter Leuten würde meine Fantasie hoffentlich nicht mehr so durchdrehen wie allein hier im Haus.

Etwas unentschlossen spazierte ich tatsächlich erst eine Weile, bevor ich an einer Haltestelle hielt. Wenn ich Mareikes Wagen nicht in der Straße sah, konnte ich immer noch umkehren und sie anrufen, damit wir uns trafen. Ich war neugierig, ob sie doch noch etwas von dem Ladenbesitzer herausfinden würde.

Der Bus war gut gefüllt, sodass ich an der Tür blieb. Die Gegend zog an mir vorbei, ich nahm sie kaum wahr. Meine Gedanken drehten sich weiterhin um den Angriff während des Abiballs. Ich musste meinen Eltern davon erzählen, auch wenn ich jetzt schon wusste, dass sie sich bloß Sorgen machen würden.

Vielleicht war es besser, wenn ich den Vorfall ihnen gegenüber etwas verharmloste. Dass ich einen Angriff durch Kiras Mörder befürchtete, wollte ich ihnen nicht sagen. Sie würden mich vermutlich gar nicht mehr aus dem Haus lassen, wenn sie meine Sorge teilten. Wobei ich auch nicht mehr das Verlangen verspürte abends auszugehen. Der Gedanke auf den dunklen, einsamen Straßen alleine unterwegs zu sein, gefiel mir nicht.

Endlich konnte ich aussteigen und draußen atmete ich erst einmal tief durch. Es würde mir guttun, wenn ich mein Auslandsjahr antrat. Da würde ich Abstand zu den Ereignissen hier gewinnen und würde mich auch nicht mehr sorgen, ob mir jemand auflauerte.

Der Weg zu dem Laden war kurz und ich konnte Mareikes Wagen nirgendwo entdecken. Vielleicht hatte sie hier keinen Parkplatz gefunden und hatte weiter weg parken müssen. Ich überlegte, ob ich den Laden betreten sollte. Eigentlich war es Blödsinn. Ich würde nichts herausfinden können und den Mann plump nach Kira zu fragen, würde nichts bringen.

Dennoch trat ich an das Schaufenster und blickte in das Innere des Ladens. Ich konnte nur einen großen, schlaksigen Typen sehen, der ein Regal einräumte. Vielleicht war Mareike mit dem Ladenbesitzer in einem hinteren Raum, um sich dort die Ware zeigen zu lassen, wegen der sie vermeintlich hier war.

Seufzend wandte ich mich wieder ab. Das brachte nichts. In Filmen und Büchern gingen die Hauptcharaktere auf diese Weise den Geheimnissen auf die Spur und fanden immer etwas heraus, was sie dann in noch größere Gefahr brachte, als sie ohnehin schon waren. Aber das hier war kein Film, kein Buch. Wenn unser Verdacht stimmte und der Ladenbesitzer Kiras Mörder war und er auch wusste, dass wir ihn verdächtigten, dann war es gefährlich sich hier aufzuhalten.

Für Mareike war es sicherlich auch gefährlich. Wenn der Typ wusste, dass sie die Schwester eines früheren Opfers war und nach ihm suchte, würde er sicher aufpassen, was er tat und sagte. Und wenn Mareike für seinen Geschmack zu viel wusste, würde er … Ich wollte mir das gar nicht weiter ausmalen, aber der Gedanke drängte sich einfach immer wieder auf.

Aber was sollte ich machen? Ich konnte höchstens die Polizei rufen und das könnte auch Ärger bringen, wenn hier gar nichts geschehen war und es Mareike gut ging. Wenn ich hineinging, erregte ich vielleicht nur noch mehr die Aufmerksamkeit des Ladenbesitzers, was so ziemlich das Letzte war, was ich wollte, wenn er denn tatsächlich Kiras Mörder war.

Kira.

Ich atmete tief durch und beschloss Kiras Grab zu besuchen. Das würde mich garantiert von meinen Gedanken ablenken und da das Wetter ganz gut war, hoffte ich, dass der Friedhof auch nicht völlig einsam dalag, sondern noch ein paar Leute dort sein würden.

Vor Ort gab es auch eine Gärtnerei, dort konnte ich eine Orchidee für Kira kaufen. Ich fragte mich unwillkürlich, ob sie noch irgendwo war und beobachtete, was hier geschah. Früher hatte ich mir über so etwas nie großartig den Kopf zerbrochen, aber nun fragte ich mich eben doch, was nach dem Tod geschah.

War da nichts mehr, blieb man als Geist da, wurde man wiedergeboren? Es gab so viele Möglichkeiten und nichts davon hatte ich je in Betracht gezogen. Ich glaubte nicht an Wiedergeburt oder Geister oder ein Paradies oder die Hölle, aber glauben oder in meinem Fall nichtglauben war nicht wissen.

Erstaunlich, worüber man sich den Kopf zerbrechen konnte, wenn man verkatert durch die Gegend fuhr und versuchte sich von dem Gedanken abzulenken, dass ein Mörder wusste, wo man lebte.

Und da waren sie wieder, die trüben Gedanken und das widerliche Gefühl beobachtet zu werden. Ich war froh, dass ich weder auf der Straße noch im Bus allein war. Dieser Bus war auch nicht so voll wie der zuvor und ich ergatterte einen Platz nah bei der Tür.

Die Umgebung flog nahezu an mir vorbei und ich merkte gar nicht, wie wir uns meinem Ziel näherten, viel zu sehr war ich in Gedanken versunken. Hätte ich Kira helfen können? Hätte ihr Tod verhindert werden können?

Diese Fragen hatten mich nie losgelassen, auch wenn sie immer wieder in den Hintergrund rückten. Aber sie waren doch immer da, nagten an mir und weckten diffuse Schuldgefühle, auch wenn ich wusste, dass ich nichts für ihren Tod konnte. Dennoch stellte ich mir vor, wie es gewesen wäre, wenn ich Kira überzeugt hätte, dass sie mit ihren Eltern sprach.

Gedankenverloren wie ich war, verpasste ich tatsächlich meine Haltestelle, sodass ich ein Stück zurücklaufen musste, was mir aber nichts ausmachte. Ich hoffte, dass die Bewegung und die frische Luft meinen Kater vertreiben wollten.

In der Gärtnerei gab es nur weiße Schnittorchideen, also nahm ich eine davon und eine rosa Kamelie, um einen kleinen Farbtupfer zu haben. Ich hatte mit meiner Einschätzung Recht gehabt, es waren einige Leute auf dem Friedhof. Auch in dem Abschnitt, in dem sich Kiras Grab befand, waren zwei ältere Frauen, die sich gemeinsam um ein Grab kümmerten.

Irgendwer musste vor mir an Kiras Grab gewesen sein, ich entdeckte frische Rosen in einer schlichten Vase. Vielleicht war Jonathan hier gewesen. Er hatte mir erzählt, dass er immer herkam, wenn seine Zeit es zuließ.

Ich steckte meine Blumen in die Vase, die meine Mutter gekauft hatte, und entsorgte die alten Blumen, die bereits welk waren. Danach blieb ich eine Weile an Kiras Grab und erzählte ihr von meinem Auslandsjahr, von Mareikes und meinem Verdacht.

„Ich hoffe, dass Mareike etwas herausfindet und der Kerl eingesperrt wird.“ Ich rückte die Vasen etwas zurecht und entfernte ein paar welke Blätter, die ihren Weg auf Kiras Grab gefunden hatten. „Dann ist er endlich weg. Auch wenn es noch mehr Scheißkerle wie ihn gibt.“

Das war auch so ein Gedanke, der bisher nur vage am Rande meines Bewusstseins herumgetrieben war. Aber es war so. Es gab viel zu viele Verbrechen auf der Welt, der Mord an Kira war nicht der einzige. Kurz überfiel mich der Gedanke, dass ich doch zur Polizei gehen sollte. Dort konnte ich dabei mithelfen Verbrechen aufzuklären.

Aber das war sicher nichts für mich. Man jagte ja nicht nur Mörder, Diebe oder Vergewaltiger, man musste sich auch mit Nachbarschaftsstreitigkeiten und dergleichen befassen. Ich konnte darauf verzichten mit Blumentöpfen beworfen zu werden. Selber hatte ich das noch nie beobachtet, nicht einmal ähnliches, aber meine Mutter hatte es einmal gesehen, wie zwei Polizisten aus einer Wohnung heraus mit vollen Blumentöpfen attackiert worden waren.

Wobei Angriffe mit Blumentöpfen noch vergleichsweise harmlos waren. Man konnte in Schlägereien geraten oder mit irgendwelchen Waffen angegriffen werden. Nein, das war nicht das, was ich mir von meiner Arbeit erhoffte, auch wenn ich immer noch nicht so ganz wusste, was ich wirklich wollte.

Geschichte stand immer noch ganz oben, aber ich merkte, dass ich Abstand zu dieser Idee gewann. Vielleicht kam ich während meines Auslandsjahres darauf, was ich machen wollte. Journalismus klang auch interessant, sicher konnte mir Mareike etwas darüber erzählen, wie das war.

„Kannst du dir mich als Journalistin vorstellen? Wie ich dann über Fußball oder Streiks oder Kochsendungen schreibe?“ Ich lachte leise. Vielleicht ließ sich Geschichte ja auch mit Journalismus kombinieren. Gedanklich notierte ich mir, dass ich da heute Abend mal im Internet nachforschen wollte, und verabschiedete mich schließlich von Kira.

Langsam machte ich mich auf den Rückweg zur Haltestelle. Ich fühlte mich etwas besser, die frische Luft hatte meinen Kater tatsächlich etwas vertrieben und auch meine trüben Gedanken waren verschwunden. Wenn es nach mir ging, konnten sie auch erst einmal wegbleiben. So für die nächsten paar Jahre.

An der Haltestelle wartete bloß ein Junge in Lenas Alter, der auf dem Sitz lümmelte und auf seinem Handy herumspielte. So, wie er leise schimpfte, schien sein Spiel nicht sehr gut zu laufen und ich musste mir ein Grinsen verkneifen.

Zum Glück musste ich mir sein Schimpfen nicht allzu lange anhören, da der Bus bald kam und wir einsteigen konnten. Er ging nach hinten durch, ich wählte die vordere Hälfte des Busses. Gerade als ich mich setzte, vibrierte mein Handy und ich holte es aus der Hosentasche. Es war eine Nachricht von Mareike.

>Es ist frustrierend. Wieder nichts. Wenn ich nur etwas Zeit hätte, um mich mal in Ruhe in seinem Büro umzusehen. Aber ich kann ja nicht in seinen Laden einbrechen.<

Ja, das war tatsächlich frustrierend. Aber Mareike schien ebenfalls immer mehr davon überzeugt zu sein, dass der Mann etwas mit dem Mord an Kira und auch an Isabelle zu tun hatte.

>Und wenn ich dir helfe ihn abzulenken?< Der Satz war schneller geschrieben und abgeschickt, als ich nachdenken konnte. Mareikes Antwort kam ebenfalls prompt.

>Das ist zu gefährlich. Wenn er Kiras Mörder ist und den Zettel bei euch eingeworfen hat, erkennt er dich. Wer weiß, was dann sein nächster Schritt ist.<

Das wollte ich auch nicht erfahren. Also waren wir wieder bei null. Mir fiel der Typ ein, den ich durch das Fenster gesehen hatte, und ich biss mir auf die Unterlippe.

>Ich hab in dem Laden so einen jungen Typen gesehen, der da wohl arbeitet. Vielleicht weiß er irgendwas?< Wann ich ihn gesehen hatte, behielt ich lieber für mich, Mareike hielt immerhin nichts davon, wenn ich mich bei oder gar in dem Laden herumtrieb.

>Selbst wenn, wird er wohl nichts sagen. Schon gar nicht, sollte er auch darin verwickelt sein.<

>Wahrscheinlich hast du Recht. Ach, Mist.< Ich hätte den Ladenbesitzer gerade am liebsten gepackt, geschüttelt und ihn angeschrien, damit er mir endlich die Wahrheit sagte. Verrannten wir uns vielleicht auch einfach mit unserem Verdacht? Beweise hatten wir immerhin keine.