Dreizehn Mädchen

Alessia Saberi · Kapitel 27 von 32

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Dreizehn Mädchen

Kapitel 27

Ich entschied mich vorerst dagegen meinen Eltern von dem Drohanruf zu erzählen. Sie hätten sich nur noch mehr Sorgen gemacht als ohnehin schon. Immerhin wussten sie bereits von dem Drohbrief und dass in Kiras Fall wegen Mordes ermittelt wurde. Wenn ich jetzt von dem Anruf erzählte, würden sie doch sofort glauben, dass der Mörder nun mich auf seiner Liste hatte.

Vielleicht hatte er das auch.

Es war vermutlich nicht gerade eine kluge Entscheidung, meine Eltern nicht einzuweihen, aber ich wusste doch auch nicht, ob sich nicht einfach jemand verwählt hatte. Zwar bezweifelte ich das, aber möglich war es. Und dann würde ich meine Eltern nur unnötig in Panik versetzen.

Daher setzte ich mir selbst ein Limit: Wenn es noch einen solchen Anruf gab oder ein weiterer Drohbrief einging, dann würde ich ihnen natürlich davon erzählen.

Mareike meldete sich an diesem Tag nicht mehr und ich war ein wenig nervös. Was, wenn der Ladenbesitzer sie besucht hatte und sie nun sein nächstes Opfer war? Würde es bald einen Artikel zu ihrem tragischen Tod geben? Ich zögerte, sie anzurufen, immerhin musste sie arbeiten und vielleicht war es eben auch genau das, was sie davon abhielt sich zu melden: Ihre Arbeit.

Zumindest hatte sie meine Nachricht bekommen und gelesen, sie wusste nun also, was für Bilder der Typ von ihr hatte. Andererseits hatte das nichts zu bedeuten, flüsterte eine giftige Stimme in mir. Es konnte immerhin auch sein, dass der Ladenbesitzer die Nachricht geöffnet hatte …

Diese Gedanken machten mich noch wahnsinnig.

Ich war froh, als meine Mutter und Lena nach Hause kamen. Das bedeutete Abwechslung und so murrte ich auch kaum, als Lena mich bat mit ihr englische Vokalen zu lernen. Es war angenehm für eine Weile die Ereignisse dieses Tages aus dem Kopf zu kriegen.

Allerdings ließ die Nervosität mich nicht los.

Als ich abends in mein Zimmer ging, ließ ich sofort die Jalousien runter und beobachtete durch einen Spalt für eine Weile den Garten. Natürlich war da nichts. Die Spiegelung, die ich gesehen hatte, hatte sicher irgendeinen natürlichen Ursprung gehabt. Wäre es anders gewesen, hätte der Grund dafür auf dem Grundstück gegenüber sein müssen und da wohnte, soweit ich wusste, ein älteres Ehepaar.

Die hatten mich ganz sicher nicht beobachtet oder auf irgendeine Weise für diese Spiegelung gesorgt. Nicht alles, was geschah, hatte etwas mit Kiras Tod und ihrem Mörder zu tun.

Seufzend wandte ich mich vom Fenster ab und setzte mich an meinen Schreibtisch. Ich schaltete meinen Laptop ein, öffnete den Internetbrowser und gab „Journalist“ ins Suchfeld ein. Falls ich tatsächlich ein Praktikum bei Mareikes Zeitung ergatterte, wollte ich mich gründlich informieren. Bestimmt würden mir einige Fragen gestellt werden, warum ich mich für den Job interessierte und ähnliches.

Vino gesellte sich schließlich zu mir, schnupperte kurz an meinem Bein und sprang schließlich maunzend auf mein Bett. Ich musste lächeln, als ich ihn beobachtete, wie er es sich auf meinem Kissen bequem machte.

„Nachher bin ich wieder voll mit deinen Haaren“, tadelte ich ihn spaßeshalber. Nicht, dass es mich störte, zudem war ich selbst Schuld. Ich hätte es ihm nie erlauben dürfen in mein Bett zu kommen, wenn ich ihn da nicht haben wollte. Wobei ich bezweifelte, dass man Katzen das wirklich effektiv verbieten konnte. Vermutlich half nur, die Zimmertüren immer geschlossen zu halten, wenn sie irgendwo nicht hindurften.

Vino maunzte nur erneut, dann schloss er die Augen. Schlafen war eben interessanter als mir zuzuhören. Grinsend wandte ich mich wieder meinem Laptop zu und vertiefte mich in Artikel über Journalisten und Journalismus. Ich vergaß völlig die Zeit darüber und bemerkte nur am Rande, wie sich alle fertig machten.

Erst lange nachdem Lena und meine Eltern mir eine gute Nacht gewünscht hatten, schaute ich wieder auf die Uhr. Es war nach Mitternacht. Das und der ganze Tag erklärten meine Müdigkeit. Ich schloss das Internetprogramm und stand auf. Licht hatte ich keines gemacht und ich ließ es auch jetzt aus. Der Lichtschein des Laptops reichte mir, um mich zurechtzufinden.

Leise schlich ich ins Bad, um mir die Zähne zu putzen, dann kehrte ich in mein Zimmer zurück und schaltete den Laptop aus. Bevor ich ins Bett ging, warf ich erneut einen Blick aus dem Fenster.

Draußen war es dunkel und dementsprechend sah ich nichts. Diesmal gab es auch kein Glühen einer brennenden Zigarette, Martin-Markus schlief entweder bereits oder er suchte sich nun einen anderen Ort zum Rauchen als Nachbargärten. Und doch schien es mir, als wäre da etwas bei den Büschen. Ein weiterer Schatten, der da nicht sein sollte.

Mein Herz begann zu rasen und das plötzliche Rauschen in meinen Ohren war so laut, dass ich mich fragte, ob ich es hören würde, wenn jetzt jemand das Haus oder mein Zimmer betrat.

Hatte Kira sich auch so gefühlt? Hatte sie auch etwas gesehen und nicht gewusst, was es war – ob da überhaupt etwas war oder sie sich nur etwas einbildete? Ich war mir nämlich gerade nicht sicher, ob da tatsächlich etwas bei den Büschen war oder mir meine Augen einfach nur einen Streich spielten.

Geh nachsehen.

Das war die gleiche giftige Stimme, die mir erklärt hatte, dass der Ladenbesitzer Mareike bereits erwischt haben könnte. Nachsehen würde ich jetzt ganz sicher nicht. In einem Film oder einem Buch hätte die Heldin natürlich nachgesehen und wäre dem Mörder oder seinem Gehilfen in die Hände gefallen, um dann von ihrem heimlichen Schwarm gerettet zu werden.

Da ich keinen heimlichen Schwarm hatte, entfiel die Rettung durch ihn. Nein. Ich würde in meinem Zimmer bleiben. Aber ich konnte mit der Handytaschenlampe in den Garten leuchten. Ich trat zu meinem Bett und griff nach meinem Handy. Bevor ich die Taschenlampe einschaltete, deckte ich das Lämpchen mit der Hand ab, damit der Lichtschein nicht gleich von draußen entdeckt werden konnte.

Ich atmete ein paar Mal tief durch, dann kehrte ich zum Fenster zurück und öffnete es. Wenn jemand im Garten war, dachte er hoffentlich, dass ich bloß lüften wollte. Bevor ich es mir anders überlegen konnte, leuchtete ich runter in den Garten.

Da war nichts.

Natürlich nicht. Meine Nerven hatten mir einen Streich gespielt und mich etwas sehen lassen, was nicht da gewesen war. Ich leuchtete noch nach links und recht, aber es blieb dabei: Da war rein gar nichts.

Erleichtert schaltete ich die Taschenlampe aus und setzte mich in meinen Bürostuhl. Das Fenster ließ ich einen Moment offen, um tatsächlich zu lüften. Die frische Luft tat gut. Ich schickte Mareike noch eine Nachricht mit einem „gute Nacht dir“ und hoffte, dass sie mir morgen schreiben würde.

Schließlich stellte ich mein Fenster auf Kipp und legte mich hin. Vino döste noch immer auf meinem Kopfkissen und schnaufte leise, als ich ihn anstupste, damit er Platz machte. Irgendwie einigten wir uns, dass ich doch noch etwas vom Kissen abbekam.

Obwohl es spät und ich müde war, dauerte es, bevor meine Gedanken soweit Ruhe gaben, dass ich langsam wegdöste. Und ausgerechnet in diesem Moment klingelte es an der Haustür.

Ich fuhr im Bett hoch und krallte mich in meine Decke. Hatte ich mir das nur eingebildet? Vino stupste sanft gegen meinen Arm und ich zuckte zusammen, dann legte ich eine Hand auf seinen Rücken. Seine Anwesenheit beruhigte mich.

Als ich Schritte auf dem Flur hörte, stand ich auf und verließ mein Zimmer. Lena stand an der Treppe nach unten und wandte sich mir mit müdem Blick zu.

„Es hat geklingelt“, murmelte sie schläfrig.

„Ja. Ich geh nachsehen. Schau, ob Mama oder Papa wach sind.“ Sie nickte und ich eilte nach unten. Warum klingelte jemand – und vor allem wer? War einem unserer Nachbarn etwas passiert? Aber dann hätten sie doch eher einen Notarzt gerufen und nicht bei uns geklingelt.

Ein Blick durch den Spion gab den Blick frei auf einen Polizisten.

Ich runzelte die Stirn und schaute nach, ob die Kette vorlag, bevor ich die Tür öffnete. Immerhin konnte der Typ auch nur als Polizist verkleidet sein. Ich konnte von hier aus nicht sehen, ob ein Polizeiwagen auf der Straße stand.

„Meine Eltern kommen gleich“, erklärte ich anstelle einer Begrüßung und der Mann sah mich prüfend an. Prüfend und beinahe misstrauisch, wenn ich seinen Blick richtig deutete. Ich tastete zur Seite und schaltete das Licht im Hausflur ein.

„Paula, ist alles in Ordnung?“ Die Stimme meines Vaters zu hören ließ Erleichterung durch mich fluten und ich trat zur Seite, um ihm das Gespräch mit dem Polizisten zu überlassen. Ich war froh zu sehen, dass auch mein Vater die Kette nicht entfernte.

„Herr Michels?“ hörte ich den Polizisten und mein Vater nickte.

„Friedrich Michels. Ist etwas passiert?“

„Wir haben einen Anruf eines Nachbarn bekommen. Er hat Licht von einer Taschenlampe in Ihrem Haus und Ihrem Garten gesehen und da es in dieser Gegend in den letzten Wochen vermehrt Einbrüche gab, war er besorgt.“ Es durchfuhr mich siedendheiß. Das musste meine Aktion vorhin gewesen sein. Ich tippte meinem Vater auf den Arm und schob mich so vor ihn, dass ich den Polizisten sehen konnte.

„Das muss ich gewesen sein. Ich dachte, ich hätte was im Garten gesehen und hab mit der Taschenlampe vom Handy dann runtergeleuchtet.“ Er sah mich wieder so prüfend an.

„Und wann war das?“

„Ich weiß nicht genau. Vorhin irgendwann. So eine halbe Stunde oder dreiviertel Stunde vielleicht.“ Ich hörte meinen Vater seufzen.

„Warum hast du mich nicht geweckt?“

„Weil ich mir nicht sicher war. Hätte ja auch nur wieder Martin-Markus sein können.“

„Wer?“

„Na, der Nachbarjunge, der hier neulich schon war. Der Raucher.“

„Ach. Marten.“ Ich zuckte nur mit den Schultern. Dann eben Marten. Da war ich mit Martin nicht sehr weit entfernt gewesen.

„Mein Kollege schaut sich bereits hinten um. Ist wirklich alles in Ordnung?“ Was erwartete er denn bitte? Dass wir ihm jetzt sagten, dass die Einbrecher mit ihren Pistolen auf uns zielten? Wäre dem so gewesen, hätten wir es sicher nicht zugegeben.

„Wenn ich überzeugt bin, dass Sie ein echter Polizist sind, lass ich Sie gerne herein“, sagte mein Vater trocken. „Entschuldigen Sie, aber es wäre wohl nicht das erste Mal, dass sich jemand als Polizist verkleidet, um sich irgendwo Zutritt zu verschaffen.“ Das entlockte dem Polizisten ein winziges Lächeln.

„Sie haben Recht und es ist sehr gut, dass Sie eine Kette vorgelegt haben.“ Er zeigte seinen Dienstausweis vor und er sah für mich ziemlich genau so aus wie die von all den Polizisten, mit denen ich wegen Kiras Tod gesprochen hatte. Mein Vater nickte nur, ließ die Kette aber wo sie war.

„Ich versichere Ihnen, es ist alles in Ordnung. Meine Tochter hat es doch gerade erklärt: Das Licht kam von ihr. Ich vermute, sie dachte, dass unsere Nachbarn alle schlafen und hat nicht daran gedacht, dass jemand das Licht auffällig finden könnte.“

„Hab ich wirklich nicht“, gab ich kleinlaut zu und die Miene des Polizisten wurde etwas weicher. Ein zweiter Mann in Polizeiuniform kam um die Ecke.

„Hinten ist nichts. An der beschriebenen Stelle waren bloß zwei Kippen.“

„Und die waren vermutlich von Marten. Hat er also wieder heimlich hier geraucht.“ Mein Vater brummte leise. „Das ist ein Nachbarjunge, bevor Sie fragen. Wir haben ihn erwischt, wie er heimlich in unserem Garten geraucht hat. Von uns raucht niemand, also wird das noch von ihm sein. Oder er war wieder hier, wie gesagt.“

„Gut. Sollte doch noch etwas sein, Sie jemanden auf Ihrem Grundstück bemerken, der nicht hierhergehört oder den sie nicht kennen, dann wählen Sie den Notruf.“

„Ja, natürlich. Danke, dass Sie nachgesehen haben. Und es tut mir leid, dass es ein falscher Alarm war.“ Ich murmelte auch eine Entschuldigung und zog mich etwas zurück. Mein Vater verschloss die Tür und sah fragend zu mir.

„Tut mir leid?“ Ich biss mir auf die Zunge und er seufzte leise.

„Schon gut. Aber wenn du wieder denkst, dass du jemanden im Garten siehst, sag deiner Mutter oder mir Bescheid.“ Ich nickte nur und folgte seinem Blick zu Lena, die auf der Treppe saß und uns mit großen Augen beobachtete. Ihre Müdigkeit war wohl verflogen.

„Komm, wir gehen hoch.“ Ich streckte ihr eine Hand hin, um sie hochzuziehen, und sie nahm sie sofort an. Sie ließ mich auch nicht los, als wir nach oben gegangen waren und als sie mich fragte, ob sie bei mir schlafen konnte, stimmte ich zu. Wie hätte ich auch ablehnen können? Das ganze hatte sie vermutlich an den versuchten Einbruch bei uns erinnert und ich wollte sie da nicht allein lassen.