Dreizehn Mädchen

Alessia Saberi · Kapitel 26 von 32

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Dreizehn Mädchen

Kapitel 26

 

Ich lief in meinem Zimmer auf und ab, während ich auf den Rückruf von Mareike wartete. Nachdem sie sich nicht gemeldet hatte, hatte ich ihr eine Nachricht hinterlassen, aber sie hatte sie noch nicht gelesen. Meine Gedanken machten sich selbstständig und fantasierten sich zusammen, was alles passiert sein könnte.

Der Ladenbesitzer arbeitete heute nicht, da hatte er Zeit sich mit Mareike zu treffen. Würde es bald ein neues Opfer geben? War Mareike gerade mit dem Typen unterwegs, ohne zu ahnen, dass er Fotos von ihr sammelte?

Schaudernd griff ich nach meinem Handy. Sie hatte die Nachricht noch immer nicht gelesen. Ich zögerte. Sollte ich sie noch einmal anrufen? Allerdings befürchtete ich, wenn sie tatsächlich gerade mit dem Ladenbesitzer verabredet war und er meine Anrufe mitbekam, nur ebenfalls auf dessen Liste zu landen – wenn ich nicht bereits auf dieser stand.

Vielleicht war es am besten, wenn ich die Polizei rief. Die konnten dann ermitteln, warum der Mann Fotos von Mareike bei sich hatte. Ob er irgendwo auch Fotos von Kira hatte? Vermutlich. Vielleicht nicht in seinem Büro, vielleicht irgendwo anders. Vielleicht bewahrte er in seinem Büro nur die Bilder seines aktuellen Opfers auf.

Das war doch zum Verrücktwerden. Ich hätte mich gar nicht darauf einlassen dürfen mit Mareike über ihre Theorien zu sprechen und mich in diese zu vertiefen. Das hatte doch erst dazu geführt, dass ich unbedingt in den Laden gewollt hatte. Andererseits … hätte ich es nicht getan, würde ich nichts von den Bildern wissen und könnte Mareike nun nicht warnen. Es konnte ja auch sein, dass sie gerade einfach beschäftigt war und meine Nachricht nicht mitbekommen hatte.

Als mein Handy vibrierte, zuckte ich zusammen.

Mareike!

„Hey, sorry, ich hatte grad ein längeres Gespräch mit meiner Redakteurin“, erklärte sie, nachdem ich den Anruf entgegengenommen hatte und noch bevor ich mein Hallo krächzen konnte. „Stimmt was nicht?“ Und schon sprudelte alles aus mir heraus.

Ich erzählte Mareike von diesem unbändigen Wunsch, den Laden zu besuchen und mich dort umzusehen, meinem heutigen Besuch dort und der wirklich zufälligen Chance nach hinten zu gelangen – und den Fotos, die ich entdeckt hatte.

„Ich kann sie dir schicken“, erklärte ich, als ich an diesem Punkt ankam. Mareike war still geworden, was ich verstehen konnte. Mir hätte es auch die Sprache verschlagen, hätte mir jemand das alles erzählt. Gerade die Sache mit den Fotos hätte mich fertig gemacht.

„Vielleicht ist er auch nur ein perverser Stalker.“ Mareike klang nicht überzeugt, hätte ich schätzen müssen, hätte ich vermutet, dass sie gerade so verstört war wie ich es nach meiner Entdeckung gewesen war. Und wie ich es immer noch war.

„Und wenn nicht? Wenn er auch von Kira solche Bilder hat? Von Isabelle? Von anderen Mädchen, die jetzt tot sind?“ Ich begann wieder in meinem Zimmer auf und ab zu laufen und trat schließlich an mein Fenster. „Sollten wir damit nicht die Polizei rufen? Sie könnten sich in dem Laden umsehen. Jetzt können wir ihnen ja einen Grund nennen.“

„Ich weiß nicht, ob das so einfach ist. Was, wenn er die Fotos heimlich aufgenommen hat, als ich da war? Oder sie von einer Überwachungskamera stammen und er sich daraus Bilder gebastelt hat? Wie gesagt, er könnte einfach ein Perverser sein.“

„Ein Perverser, der Mädchen tötet.“

„Das vielleicht auch. Aber dass er Fotos von mir hat, beweist leider gar nichts. Glaub mir, ich würde es mir auch wünschen, aber ich glaube nicht, dass es für die Polizei reicht, um sein ganzes Büro oder gar den Laden auf den Kopf zu stellen. Ganz zu schweigen davon, dass du vermutlich auch Ärger kriegen wirst, weil du dich heimlich reingeschlichen hast.“

„Das wäre mir egal, wenn wir nur irgendwie endlich was finden würden. Und die Fotos sind doch ein Hinweis.“ Mareike seufzte leise.

„Glaub mir, ich will ja auch, dass die Polizei den Kerl mal genauer durchleuchtet. Aber ganz ehrlich … Ich glaube ja, sie würden ihn zuerst einmal fragen, woher er die Fotos hat und er wird irgendwas antworten, von wegen er habe sie heimlich aufgenommen, als ich in seinem Laden war oder wir uns wegen meiner angeblichen Suche getroffen haben.“ Ihre Worte frustrierten mich. Machte sie sich denn gar keine Sorgen.

„Ich würde sterben vor Angst. Wie kannst du so ruhig bleiben?“

„Na ja … zum Einen hat der Kerl weder meine richtige Telefonnummer, noch meine Adresse. Zum Anderen fahre ich bald nach Hause, also kann er mir nicht mehr auflauern, sollte er zufällig wissen, in welchem Hotel ich wohne.“ Gut, da war was dran. Dennoch hätte ich wohl vor Angst gezittert, wäre ich an ihrer Stelle gewesen.

Ich sah eine Bewegung im Garten und seufzte leise auf. Ob das wieder Martin war? Oder Markus, ich hatte meine Eltern nicht mal gefragt, wie er hieß. Vermutlich wollte er eine rauchen und dachte sich, wenn meine Eltern nicht da waren, konnte er das hier machen. Ganz unrecht hatte er gar nicht mal, ich hatte nicht vor zu petzen.

„Okay“, murmelte ich mit etwas Verspätung. „Also keine Polizei?“

„Schick mir mal die Fotos, dann weiß ich, ob ich da bei ihm im Laden war. Dann können wir das immer noch überlegen. Aber ich muss heute noch etwas an einem Artikel arbeiten, meine Redakteurin sitzt mir im Nacken. Ehrlich, wäre ich zu Hause, würde sie mich an den Schreibtisch ketten, bis ich alles so fertig habe, wie sie es möchte.“ Mareike lachte leise und auch von mir fiel ein wenig Anspannung ab, wenn auch nicht annähernd so viel, wie ich mir wünschte.

Wieder bewegte sich etwas im Garten und ich versuchte auszumachen, ob es Martin-Markus war, konnte aber nichts erkennen. Hell genug war es und so dicht waren die Büsche gar nicht, dass er sich jetzt so gut darin hätte verstecken können. Vermutlich war es doch nur ein Tier. Ob eine unserer Katzen nach draußen gelangt war? Wir ließen sie selten raus, wenn wir das Haus verließen, aber vielleicht war es meinen Eltern oder auch mir beim Lüften nicht aufgefallen, dass eine entwischt war.

„Gut, ich schick dir gleich die Fotos und dann lass ich dich arbeiten.“ Ich verabschiedete mich von Mareike und tat, was ich ihr gerade versprochen hatte, danach machte ich einen Rundgang durchs Haus. Zwar war ich mir sicher, dass alle Fenster geschlossen gewesen waren, als ich das Haus verlassen hatte, aber ich wollte mich doch noch einmal davon überzeugen.

Natürlich waren die Fenster immer noch geschlossen, was meine überreizten Nerven nur wenig beruhigte. Einbrecher hatten doch ihre Tricks, wie sie in Häuser gelangten. Mein Trost, dass jetzt am Tag wohl kein Einbrecher einen Versuch starten würde, war verschwunden, seit Lena allein im Haus gewesen war und jemand es eben doch versucht hatte. Es konnte jederzeit passieren.

Wieder bemerkte ich eine Bewegung draußen und nun sah ich auch einen getigerten, bekannten Schwanz. Brina. Also war tatsächlich eine unserer Katzen entwischt. Ich seufzte und ging ins Wohnzimmer, um über die Terrassentür in den Garten zu kommen.

„Brina.“ Rufen war vermutlich sinnlos, außer Vino hörte kaum mal eine unserer Katzen aufs Rufen. Und Vino überlegte bei meinen Eltern und Lena auch gefühlt ständig, ob er wohl reagieren sollte.

Ich blickte mich um. Natürlich war niemand im Garten und so ging ich zu dem Busch, unter dem Brina verschwunden war. Dort hockte ich mich hin und versuchte sie zu erkennen.

„Brina, komm schon, lass uns reingehen.“ Ich streckte ihr meine Hand hin und schnalzte leis mit der Zunge. Was bei Vino und Mimi funktionierte, war bei Brina ein reines Glücksspiel und auch diesmal reagierte sie nicht. Auch sah ich sie nicht. War sie womöglich bereits weitergelaufen?

Seufzend richtete ich mich auf und sah mich um. Keine Bewegung, die auf Brina hinwies. Dann sollte sie eben im Garten bleiben. Ich würde nachher meinen Eltern Bescheid geben, vielleicht hatten sie mehr Glück Brina ins Haus zu locken. Vermutlich verlangte sie spätestens dann Einlass, wenn sie Hunger hatte.

Die Terrassentür war hinter mir zugeschwungen, was ich bereits kannte. Bis zu einem bestimmten Winkel geschah das immer, sodass wir meist ein kleines Kissen vorlegten, wenn wir im Wohnzimmer oder Garten saßen, damit ein Spalt für die Katzen offenblieb.

Als ich mich ihr näherte, bemerkte ich ein rotes Blitzen in meiner Spiegelung, das aber gleich wieder verschwunden war. Vermutlich war nur Licht auf die Scheibe gefallen, aber ich musste an das Blitzlicht einer Kamera denken, auch wenn dieses nicht rot war. Aber vielleicht spiegelte sich etwas anderes in der Scheibe.

Verunsichert blickte ich mich wieder um, aber außer den Büschen am Zaun und dem Haus gegenüber sah ich nichts. Da war niemand, der mich beobachtete, das waren nur meine immer noch überreizten Nerven und paranoiden Gedanken.

Dennoch beeilte ich mich ins Haus zu kommen und die Tür hinter mir zu schließen. Vino saß im Wohnzimmer auf einem Sessel und beobachtete mich, statt wie sonst zu mir zu kommen und seinen Kopf gegen mein Bein zu rammen, damit ich ihn beachtete und kraulte. Ich ließ ihn sitzen und kehrte in mein Zimmer zurück.

Von Mareike war noch nichts bezüglich der Fotos gekommen, sie musste vielleicht noch überlegen, ob sie tatsächlich die Polizei einschalten wollte oder nicht. Recht hatte sie ja: Die Polizisten würden wissen wollen, wie ich in das Büro und an die Bilder gekommen war.

Gedanklich malte ich mir das Gespräch mit den Polizisten aus, stellte mir vor, wie meine Eltern von meiner Aktion erfuhren und wie enttäuscht sie sein würden. Aber das war zu verschmerzen, wenn wir nur irgendwie etwas fanden, was gegen den Ladenbesitzer sprach. Der Ärger, den ich vielleicht kriegen konnte, würde sich doch lohnen, wenn der Typ der Mörder war und die Polizei anfing gegen ihn zu ermitteln.

Mein Handy klingelte und ich griff danach, wobei ich erwartete Mareikes Nummer zu sehen. Allerdings war es die Nummer unterdrückt. Ich zögerte, dann fiel mir ein, dass Jonathan Probleme mit seinem Handy erwähnt hatte. Vielleicht hatte er ein neues Handy samt neuer Nummer und dachte, dass ich neugieriger war bei einer unterdrückten Nummer als bei einer völlig unbekannten.

Ich meldete mich, aber ich war zu spät. Da hatte ich zu lange gegrübelt. Aber sicher rief Jonathan noch einmal an, diesmal mit angezeigter Nummer, damit ich auch zurückrufen konnte, wenn ich es wollte.

Nachdem ich Musik eingeschaltet hatte, machte ich es mir in meinem Sessel bequem und dachte noch einmal über alles nach, was heute passiert war. So richtig kam ich aber nicht dazu, denn wieder klingelte mein Handy.

Unbekannte Nummer.

Grinsend meldete ich mich mit einem „Hallo, Jonathan. Dachtest wohl, ich erkenn dich nicht.“, da ich sicher war, dass er es war. Es blieb einen Moment still, vermutlich überlegte er sich eine Antwort, obwohl er sonst auch sehr schnell mit schlagfertigen Antworten war.

„Hör auf zu schnüffeln“, ertönte ein tiefes Krächzen.

Verstört nahm ich das Handy vom Ohr. Die Verbindung war unterbrochen. Für einen Moment fragte ich mich, ob ich mir das eingebildet hatte. Aber das hatte ich nicht.

Jemand hatte mir gerade gedroht.