Dreizehn Mädchen

Alessia Saberi · Kapitel 29 von 32

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Dreizehn Mädchen

Kapitel 29

Ich lief an der Haltestelle auf und ab und blickte immer wieder auf mein Handy. Es waren noch ein paar Minuten, bis Mareike mich abholen würde, ich war einfach viel zu früh aus dem Haus gegangen. Meinen Eltern hatte ich nicht erzählt, dass wir in den Laden gehen wollten, sondern nur, dass ich mich mit Mareike traf.

Jonathan hatte mir auch schon geschrieben, dass er sich gleich auf den Weg machen würde. Irgendwie hatte das ganze Vorhaben etwas von diesen Plänen der jugendlichen Helden in irgendwelchen Filmen. Leider gingen diese Pläne oft schief, bevor es dann das ruhmreiche Finale gab. Leider war das hier kein Film und ich wusste nicht, ob ich vor dem Finale stand, dann hätte ich mir keine Sorgen machen müssen.

Im Finale gewannen doch meist die Guten.

Ich musste über mich selbst lachen. Es mochte albern sein, mein Leben mit Filmen zu vergleichen, aber es lenkte mich ab und das tat gut. Ich war so aufgeregt, dass ich nicht mehr wusste, wohin mit mir.

Endlich sah ich Mareikes Wagen in die Straße biegen. Sie hielt an der Haltestelle und ich nahm auf dem Beifahrersitz Platz. Prüfend sah sie mich an.

„Bist du ganz sicher? Du kannst immer noch aussteigen und nach Hause gehen. Und wenn ich mich nicht bei dir melde, dann kannst du die Polizei rufen.“ Sie sah genauso nervös aus, wie ich mich fühlte. Ich schüttelte den Kopf.

„Falls er wirklich was mit dir vorhat, ist es Wahnsinn, da alleine hinzugehen. Ich komme mit.“ Ich schnallte mich an, um meine Aussage zu unterstreichen, und sie seufzte.

„Okay. Ich bin sogar ganz froh, dass du mitkommst. Diese Sache mit den Bildern macht mich ziemlich fertig. Ich weiß echt nicht, wann er die aufgenommen hat.“ Sie fuhr wieder los und blickte konzentriert auf die Straße, aber ich sah auch Sorge in ihren Augen.

„Du hattest doch auch das Gefühl, beobachtet zu werden. Ich wette, das war dieser Typ.“ Ich sah ebenfalls aus dem Fenster. „Lena sagte gestern auch zu mir, sie hätte jemanden im Garten gesehen. Zumindest glaubt sie, dass da jemand war. Ich hab es erst einmal auf den Nachbarsjungen geschoben. Ich will nicht, dass sie Angst hat.“

„Wenn die Polizei ihn nur endlich überführen könnte. Dann wäre der Spuk endlich vorbei und wir hätten endlich alle unsere Ruhe.“ Mareike bog ab und ich drehte mich etwas, um sie ansehen zu können.

„Wenn wir ihnen das mit den Fotos erzählen, dann haben sie einen Punkt, bei dem sie ansetzen können.“

„Willst du dir den Ärger wirklich antun? Immerhin hast du dich in das Büro geschlichen.“

„Ja, aber das ist es doch in diesem Fall wert.“

„Das ist es wohl.“ Sie seufzte erneut und nickte. „Gut, dann mach ich das morgen. Ich versuche einfach dich aus der Sache rauszuhalten. Ich kann ja behaupten, ich hätte mich in das Büro geschlichen.“

„Und wenn sie nach Details fragen? Der Farbe der Bücher oder so?“ Nicht, dass ich scharf auf Ärger war, aber es flog ganz sicher auf, wenn Mareike log und womöglich bekamen wir dann noch mehr Ärger. Nein, hier galt wohl das Sprichwort „Augen zu und durch“. Unbefugtes Betreten privater Räume in einem Laden wurde sicher nicht wie Einbruch behandelt. Das hoffte ich zumindest.

Jonathan fiel mir wieder ein und ein Blick auf mein Handy zeigte mir eine Nachricht von ihm. Er hatte einen Parkplatz in der Nähe des Ladens ergattert und hatte diesen genau im Blick. Ich antwortete ihm schnell, dass wir unterwegs waren, dann sah ich zu Mareike, um ihr zu erzählen, was ich mit Jonathan abgemacht hatte. Aber sie kam mir zuvor.

„Er hat mir übrigens eine andere Adresse genannt, weil er da gerade vorher noch einen Termin hat. Ich hoffe, das Navi führt mich nicht in die Irre.“

„Eine andere Adresse?“ Ich sah sie alarmiert an. „Der hat doch garantiert was vor.“

„Ich fürchte auch. Vermutlich ist es doch gut, dass du so beharrlich bist und mitkommen wolltest.“ Sie sah kurz zu mir und lächelte schwach. „Aber ich glaube, ich hätte doch noch abgesagt, würdest du nicht mitkommen. Ich finde das alles ziemlich seltsam.“

„Ich auch.“ Ich schnaufte, dann erzählte ich ihr von dem Plan, den ich mit Jonathan ausgemacht hatte. „Und nun wartet er umsonst vor dem Laden. Wohin sollst du denn eigentlich kommen?“

„In ein Café in der Kamperstraße.“

„Kenn ich nicht.“ Was nichts heißen musste. Ich kannte eben nicht alle Straßen der Stadt, wer tat das schon? Aber ich hoffte, dass das Café nicht ganz abgelegen war. „Ich sag Jonathan Bescheid.“

„Tu das. Vielleicht ist es ganz gut, wenn noch jemand heimlich alles beobachtet.“ Mareike schauderte. „Vielleicht versucht er ja doch was, auch wenn wir zu zweit sind.“

„Die Idee hatte ich auch schon“, murmelte ich und tippte schnell die Adressänderung an Jonathan. Seine Antwort kam sofort und bestand aus einem einfachen „bin unterwegs“. So würden wir zumindest zu dritt sein. Ich sah erschrocken zu Mareike. „Was ist, wenn er einen Komplizen hat? Vielleicht seinen Mitarbeiter oder jemand anderen?“ Sie wurde blass.

„Wir sollten uns jetzt nicht verrückt machen. Vielleicht hofft er ja wirklich auf ein gutes Geschäft und hat bloß einen Schmuckkoffer dabei. Keine Waffen, keinen Komplizen.“ Ich hoffte, dass sie Recht hatte, aber so ganz loslassen wollte mich der Gedanke nicht.

Es war noch hell und wenn wir uns in einem Café trafen, dann waren da auch noch andere Leute. Die waren nicht alle mit dem Ladenbesitzer verbündet und würden uns nicht einfach einsperren. Mareike hatte sicher Recht und er hoffte, ein gutes Geschäft abzuschließen. Immerhin ging er wohl davon aus, dass sie wirklich auf der Suche nach Schmuck war. Töten konnte er Mareike auch immer noch, wenn er ihr Geld bekommen hatte.

Mareike ließ schon bald die für mich vertrauten Straßen hinter uns. Ich versuchte mich zu orientieren, aber hier war nichts, was ich kannte. Selbst die Buslinie, die hier fuhr, nutzte ich so gut wie nie.

Ich sah auf mein Handy, um zu sehen, ob Jonathan mir noch einmal geschrieben hatte, wobei ich erschrocken bemerkte, dass mein Akku bereits unter 50 Prozent lag. Dabei hatte ich das Handy noch komplett aufgeladen, bevor ich losgegangen war. Warum musste der Akku ausgerechnet jetzt zicken?

„Hast du ein Ladekabel dabei? Mein Akku macht schlapp.“

„Im Handschuhfach.“ Ich öffnete das Handschuhfach, doch es war leer. Mareike runzelte die Stirn. „Ich nehme es immer mit und stecke es da rein.“

„Dann muss ich jetzt sparsam sein.“ Ich schaute nach, ob ich im Hintergrund irgendwelche Apps offen hatte, aber da war nichts. Vermutlich war mein Akku einfach hinüber, denn während ich noch auf die Anzeige blickte, schrumpfte sie stetig. Jetzt hatte ich nur noch 39 Prozent. „Wieviel Akku hast du noch?“

„Müsste noch bei um die 90 Prozent liegen. Ich habe das Handy aufgeladen, bevor ich aufgebrochen bin.“ Sie zog ihr Handy aus der Hosentasche und klappte die Schutzhülle auf. „Ja, 89 Prozent. Wir können also auf jeden Fall noch die Polizei rufen, sollte es doch nötig sein.“ Ich erinnerte mich, dass ich vor kurzem erst schon einmal Probleme mit dem Akku gehabt hatte. Aber irgendwie war das dann wieder in Vergessenheit geraten, danach hatte ja alles wieder normal funktioniert.

Der Verkehr nahm ab und ich sah auf einer Seite dichte Baumgruppen. War das der Stadtpark? Natürlich war ich da schon ein paar Mal gewesen, aber das war entweder mit der Klasse oder mit meinen Eltern gewesen und ich hatte nie so richtig auf den Weg geachtet.

„Will er dich im Stadtpark treffen?“ Ich sah fragend zu Mareike und die zuckte mit den Schultern.

„Keine Ahnung. Ich kenn mich hier nicht aus. Aber kann schon sein. Es gibt Cafés in Parks. Also bei uns jedenfalls gibt es eines, das hat leckere Waffeln.“

„Hier gibt es auch eines.“ Wenn ich mit meinen Eltern und Lena einen Ausflug hierher machte, gingen wir auch immer in das Café. Aber gab es hier eine Kamperstraße? Ich konnte es nicht sagen, ich hatte da nie drauf geachtet. Wenn mich wer fragte, dann sprach ich von dem Café im Stadtpark. Es gab nur eines, jeder wusste, welches ich meinte.

Mareike bog in einen Weg ein. Das Straßenschild konnte ich nicht lesen, aber da sie langsamer wurde, vermutete ich, dass wir uns unserem Ziel näherten. Der Weg führte zwischen zwei großen Gebäuden hindurch, die vielleicht Lagerhallen waren. Ich konnte mich nicht erinnern, ob es beim Stadtpark Lagerhallen gab, aber möglich war es.

Der Park war ziemlich ausgedehnt und wenn ich mit meinen Eltern und Lena hinfuhr, kamen wir immer aus der gleichen Richtung. Ich wusste nicht, was es an den anderen Seiten des Parks gab. An einer Stelle lag er nah am Bahnhof, das könnte die Lagerhallen erklären. Vielleicht gehörten sie der Stadt oder dem Bahnunternehmen.

Mein Handy piepte und ein Blick darauf verriet mir, dass ich bei 15 Prozent Akkuladung angekommen war. Verflucht. Das passte mir gar nicht, aber ich konnte es nicht ändern. Zum Glück hatte Mareike noch genug Akku. Und vielleicht machte ich mir wirklich umsonst Sorgen.

Wir waren in einem Café verabredet – da waren andere Leute, sie würden uns mit dem Ladenbesitzer sehen und wenn er irgendwas plante und die Polizei herausfand, dass wir in dem Café gewesen waren, konnte das Personal dort ihn sicher beschreiben. Zumindest hoffte ich das.

Wie wahrscheinlich ist es, dass sie sich wirklich an ihn erinnern?

Wieder diese giftige Stimme. Irgendwie verstörte sie mich. Sie war wie eine innere Stimme und irgendwie doch nicht. Aber vermutlich war es auch nur meine Aufregung, die mich so denken ließ. Der Zweifel war jedenfalls berechtigt.

Vielleicht würde sich niemand an uns erinnern. Cafés waren gerade abends gut besucht, es herrschte Trubel, das Personal war mit bedienen und kassieren beschäftigt und die Gäste interessierten sich mehr für ihre Getränke, ihr Essen, ihre Freunde oder Dates als für andere Gäste, die sie nicht kannten. Und je länger es dauerte, bis die Polizei im Falle eines Falles das Personal befragte, desto wahrscheinlicher war es, dass sich niemand mehr an bestimmte Gäste erinnerte. Zumal wir nicht mal Stammgäste waren, zumindest Mareike und ich nicht. Bei dem Ladenbesitzer wusste ich es nicht.

Was war wohl sein Plan? Wollte er einen netten Abend mit Mareike verbringen, sie in Sicherheit wiegen und dann auf dem Rückweg zum Auto angreifen? Vielleicht hatte er auch etwas dabei, das er ihr in ihr Getränk mischen wollte.

Mareike hielt hinter einer weiteren Lagerhalle. Vor uns lag der Stadtpark, zumindest vermutete ich, dass er das war. Sie sah stirnrunzelnd aus dem Fenster.

„Wir müssen von hier ein Stück zu Fuß gehen.“

„Das gefällt mir nicht.“

„Mir auch nicht.“ Sie seufzte. „Du kannst immer noch hier im Wagen bleiben. Oder ich schaue nach, wo sich die nächste Haltestelle befindet und fahre dich hin.“

„Nein. Das hatten wir doch schon. Falls er was plant, ist es völlig bescheuert, wenn du alleine zu dem Treffen gehst.“

„Ich bin nicht allein. Wir treffen uns in einem Café.“ Sie lächelte schwach. „Aber ich bin mir nicht sicher, ob ich mich alleine hinwagen oder ihn nicht doch noch anrufen und absagen würde, sobald ich dich beim Bus abgesetzt habe.“ Sie zog den Autoschlüssel ab, was irgendwie so endgültig wirkte, dann schaute sie auf ihr Handy. „Wir sind spät dran. Ich hab mich mit der Zeit verkalkuliert. Na ja, muss er eben etwas warten.“ Ich sah ebenfalls auf mein Handy – oder vielmehr versuchte ich es.

Tot.

„Mein Akku ist komplett leer.“

„Du hast doch nichts gemacht.“ Mareike sah mich irritiert an und ich seufzte.

„Vermutlich ist der Akku im Eimer. Ich hatte da schon mal Probleme mit und hab es dann irgendwie verbummelt mich darum zu kümmern. Es ging dann ja wieder.“ Sie seufzte ebenfalls.

„Gut, ich hab ja mein Handy dabei und noch genug Akku, falls was sein sollte.“ Wir stiegen aus und sie verriegelte den Wagen, dann warf sie noch einen Blick auf ihr Handy. „Wir müssen einfach den Weg lang, dann kommt eine Biegung und da müsste dann das Café auch schon sein. Da müsste es doch auch einen Parkplatz geben? Ich muss mich bei der Eingabe ins Navi vertan haben.“

„Also, wenn es das Café ist, das ich kenne, ist da kein Parkplatz. Es dürfen keine Autos in den Stadtpark fahren, außer halt die von der Stadtreinigung und so.“ Ich folgte ihr auf den schmalen Pfad und sie brummelte leise.

„Okay. Mir wäre nur wohler, wenn der Wagen näher am Café wäre. Nur … für alle Fälle.“