Dreizehn Mädchen

Alessia Saberi · Kapitel 31 von 32

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Dreizehn Mädchen

Kapitel 31

Meine Gedanken wirbelten durcheinander, während ich dem Weg folgte, den wir gekommen war. Mir war klar, dass Mareike mich hier leicht finden konnte, aber ich wusste auch nicht, wohin ich mich sonst wenden sollte. Irgendwo hier würde ich entweder auf eine Haltestelle oder zumindest Leute stoßen, die ich nach einer Haltestelle fragen konnte.

Der Schatten beherrschte meine Gedanken. Ich fragte mich, was das gewesen war. Wie zum Teufel hatte Mareike das bitte gemacht? Hätte ich etwas von ihr zu essen oder zu trinken angenommen, hätte ich ja gedacht, dass sie da irgendetwas hineingemischt und ich Halluzinationen hatte. Aber so einfach war es nicht.

Und dann Grit. Sie war wieder verschwunden, nachdem ich die Flucht angetreten hatte, aber ich hatte sie gesehen. Und nach dem Erlebnis mit dem Schatten glaubte ich nicht, dass ich mir das eingebildet hatte. Doch wie das alles sein konnte, konnte ich mir momentan nicht beantworten. Ich war mir nicht mal sicher, ob ich das jemals konnte oder ob es überhaupt jemanden gab, der das konnte.

Mit Geistern hatte ich mich nie beschäftigt. Ich glaubte nicht an sie und fertig. Aber was konnte Grit anderes sein als ein Geist? Sie war tot. Wenn ich sie also sah, musste sie ein Geist sein. Was hatte es dann aber mit Mareike und ihrem Schatten auf sich?

Als ich eine Frau mit drei Hunden um eine Ecke biegen sah, traten meine Überlegungen in den Hintergrund. Ich ging auf sie zu und legte mir einen Text zurecht, falls sie Fragen stellte, warum ich nicht wusste, wo hier die nächste Haltestelle war. Aber das wollte sie gar nicht wissen. Sie beschrieb mir den Weg und ging dann bereits mit ihren Hunden weiter.

Ich folgte ihrer Beschreibung und war froh, als ich die Haltestelle erreichte. Gleichzeitig überfiel mich Angst. Was, wenn Mareike bereits zu Hause auf mich wartete? Wenn sie meinen Eltern und Lena etwas angetan hatte? Ich holte mein Handy hervor, aber es war noch immer genauso tot wie zuvor.

Auf dem Plan in dem Haltestellenhäuschen schaute ich nach, wohin ich fahren musste. Ich wechselte auf die andere Straßenseite, da ich in die andere Richtung musste. Nach einigen Minuten kam der Bus und ich stieg vorne ein. Der Platz hinter dem Busfahrer war frei und ich blieb direkt hier.

Schaudernd verschränkte ich die Arme vor der Brust, um so ein wenig das Zittern zu unterbinden, das mich befallen hatte. Ich schaute aus dem Fenster und bemerkte einen roten Schimmer in meiner Spiegelung. Auch nach mehrmaligem Blinzeln blieb er und als ich mich auf mein verschwommenes Spiegelbild konzentrierte, sah ich Grits Züge in diesem.

Also war sie noch da.

War ich besessen? Ich hatte genügend Horrorfilme gesehen, dass mir dieser Gedanke Angst machte. Andererseits hatte Grit mir bisher nichts getan. Und wenn ich daran dachte, wie oft ich schon einen roten Schimmer in einer Spiegelung bemerkt hatte, war sie wohl schon eine Weile um mich herum. Jetzt wurde mir auch bewusst, dass dieser rote Schimmer ihre Haare waren, die sich so leuchtend spiegelten.

Nach einmaligem Umsteigen erreichte ich schließlich meine Haltestelle. Zögernd machte ich mich auf den Heimweg. War Mareike hier? Wartete sie irgendwo in der Straße auf mich und würde mich direkt wieder angreifen? Doch keiner der Wagen sah aus wie ihrer.

Ich erreichte unser Haus. Immer noch zögernd schloss ich auf und betrat vorsichtig den Flur. In Küche und Wohnzimmer brannte Licht und ich hatte die Tür kaum geschlossen, da waren meine Eltern bei mir und meine Mutter zog mich in eine feste Umarmung.

„Du bist wieder da, es geht dir gut“, hörte ich sie schluchzen und sah über ihre Schulter hinweg verwirrt zu meinem Vater. Er sah besorgt aus. Hinter ihm entdeckte ich Jonathan und zwei junge Polizisten.

„Was ist denn los?“ fragte ich verwirrt und tätschelte unbeholfen den Rücken meiner Mutter.

„Das hab wohl ich zu verantworten“, begann Jonathan mit verlegener Miene. „Als du mir geschrieben hast, bin ich zwar gleich losgefahren, aber dann hab ich festgestellt, dass es keine Kamperstraße gibt. Auch keinen Kamperweg oder Pfad oder sonst eine Abwandlung. Ich konnte dich nicht erreichen und … da bin ich hierhergefahren und hab deinen Eltern alles erzählt. Und sie haben die Polizei gerufen.“

„Wo ist Mareike?“ fragte meine Mutter. „Ihr wart doch zusammen unterwegs?“

„Ja …“ Ich schluckte. Von dem Schatten konnte ich ihnen doch nichts erzählen. Also musste eine abgeschwächte Version her. Wir gingen ins Wohnzimmer und setzten uns und ich erzählte, wie sich ihr Verhalten plötzlich veränderte und sie mich dann angriff.

Auch von dem Verdacht gegen den Ladenbesitzer erzählte ich. Von den Fotos, die ich bei ihm gefunden hatte, von dem Gedanken, dass die beiden vielleicht zusammenarbeiteten. Die Polizisten sahen nicht einmal halb so verärgert aus, wie ich erwartet hatte, als ich schließlich erklärte, wie ich in den Raum gelangt war, auch meine Eltern sahen eher besorgt als ärgerlich aus. Aber das konnte ja noch kommen.

„Ich weiß nicht, wo sie jetzt ist“, endete ich nach einer Weile. „Sie war neben ihrem Wagen zusammengesackt. Keine Ahnung, was los war.“ Das war nicht einmal gelogen. Zwar hatte ich eine Vermutung, aber ich wusste nicht, ob ich mit der richtig lag. Und selbst wenn – weder meine Eltern noch die Polizisten oder Jonathan hätten mir geglaubt.

„Können Sie mir das Kennzeichen von Frau Langers Wagen nennen?“ fragte die Polizistin mich, während ihr Kollege noch in seinen Notizblock kritzelte.

„Nein, tut mir leid. Da hab ich nie drauf geachtet. Es ist ein VW. Glaub ich. In Schwarz.“

„Ich werde veranlassen, dass eine Streife zum Park fährt. Ihrer Beschreibung nach weiß ich, welchen Eingang Sie genommen hatten.“ Die Polizistin notierte ebenfalls etwas in ihrem Block. Dann hob sie den Blick und sah mich ernst an. „Sie hatten Glück.“

„Ich weiß.“

Nachdem die Polizisten gegangen waren, sah ich kläglich zu meinen Eltern und Jonathan.

„Ich weiß … ich hätte euch schon früher alles erzählen sollen. Aber ich dachte doch nicht, dass Mareike …“ Ich brach ab. Da war so ein dämlicher Kloß in meinem Hals. Sie hatte mich die ganze Zeit nur belogen.

„Ich hab es gerade auch deinen Eltern und den Polizisten erzählt.“ Jonathan seufzte leise auf. „Nach Kiras Tod hatte ich es den Polizisten zwar auch erzählt, aber ich weiß nicht, ob sie das weiterverfolgt hatten. Jedenfalls hatte Kira mir erzählt, dass sie sich in einem Forum angemeldet hatte, um Infos über Journalismus zu kriegen. Und sie hat sich da mit einer Journalistin angefreundet. Der Nick war Isa L. Und Mareike ist Journalistin. Ich hab da bis heute nicht mehr dran gedacht, aber es fiel mir direkt ein, als ich nach dieser Straße suchte.“

Es wurde ihm eingefallen.

Grit. Sie klang eindeutig amüsiert. Hatte sie ihm diesen Gedanken eingeflüstert? Ich konnte sie schlecht hier fragen.

„Mareikes Schwester hieß Isabelle. Isa L. Das könnte sie gewesen sein. Also, Mareike.“ Ich rieb mir die Arme, da mir immer kälter wurde. Mir fiel wieder ein, was Mareike im Park gesagt hatte: „Und du musstest dich ja ausgerechnet für Journalismus interessieren.“ Das konnte doch nicht ihr Grund gewesen sein, oder?

Ich habe mich auch für Journalismus interessiert.

Ein wenig Schwermut schwang bei diesen Worten mit. Ob Grit sich auch mit Mareike angefreundet hatte? Ich konnte sie ja fragen, sobald ich allein in meinem Zimmer war.

„Vielleicht ist sie nur eine Mittäterin“, überlegte meine Mutter. „Dieser Ladenbesitzer muss ja mit ihr in Verbindung stehen. Einfach so wird er nicht Fotos von ihr in seinem Büro haben. Und es wäre nicht das erste Mal, dass es ein Täterpärchen gibt.“

„Ich denke, ich sollte jetzt gehen.“ Jonathan stand auf und verabschiedete sich von uns. Mein Vater brachte ihn zur Tür und meine Mutter nahm mich erneut in den Arm.

„Ich bin auf jeden Fall froh, dass dir nichts passiert ist. Mareike … ich kann es einfach nicht glauben. Aber es stimmt einfach. Man kann den Leuten nur bis vor die Stirn gucken.“

„Ja, leider“, murmelte ich erstickt und dann brachen die Tränen hervor, die ich schon die ganze Zeit gespürt hatte.

Ich saß noch eine Weile so mit meinen Eltern zusammen. Zu ihren Fragen hatte ich keine Antworten. Nein, mir war nie aufgefallen, dass Mareike sich seltsam verhalten hätte. Ich hatte mich die ganze Zeit so sehr auf den Ladenbesitzer konzentriert, dass einfach niemand anderer für mich in Frage gekommen war.

Außerdem war mir Mareike einfach immer völlig normal erschienen. Ich sackte auf mein Bett, nachdem ich mich völlig mechanisch umgezogen und mir die Zähne geputzt hatte, und starrte vor mich hin. Würde sie es erneut versuchen? Sie wusste ja, wo ich wohnte. Mein Blick wanderte zum Fenster und ich stand auf, um nach draußen zu schauen.

Da war nichts, zumindest sah ich niemanden. Ich ließ die Jalousien herunter und setzte mich wieder aufs Bett. Wenn die Polizei sie fand, würde sie sich dann wehren? Bei dem Gedanken schauderte ich. Mit diesem Schatten schaffte sie es sicher zu entkommen. Sie konnte jederzeit hier auftauchen.

Ich nahm mein Handy zur Hand, das ich eingestöpselt hatte und das sich nun wieder auflud. Es ließ sich normal starten. Ich entdeckte ein paar Nachrichten von Jonathan, der mir geschrieben hatte, dass es keine Kamperstraße gab. Seine letzte Nachricht bestand aus einem „Das ist nicht witzig, antworte mir!!!“. Das hatte sich ja nun alles aufgeklärt.

Die Angst vor Mareike blieb. Vielleicht tauchte sie auch mitten in der Nacht auf, wenn alle schliefen? Ich rollte mich auf dem Bett ein und lauschte in die Dunkelheit. Vino lag wie immer neben mir. Dass er ruhig schlief, beruhigte mich. Tiere waren doch so feinfühlig. Er hätte es gemerkt, hätte sich irgendwas getan. Zumindest hoffte ich das.

Ja, er wird es merken.

„Grit?“

Ja.

„Danke. Für vorhin.“ Ich war sicher, ich hätte mich nicht bewegt, wäre sie nicht gewesen. Vermutlich hätte ich Mareike und diesen Schatten nur mit offenem Mund angestarrt und sie hätte … Der Gedanke ließ mich schlucken und ich vergrub das Gesicht in Vinos Fell.

Du musst mir nicht danken. Aber ich brauche nun wieder etwas Ruhe.

Ihre Stimme klang tatsächlich schwächer als vorhin noch. Ob Geister auch schlafen mussten? Vielleicht. Was wusste ich schon über Geister? Gar nichts. Ich hatte bis heute ja nicht einmal an sie geglaubt.

„Kira?“ Wenn Grit mit mir reden konnte, dann Kira doch sicher auch. Aber ich bekam keine Antwort. Ich dachte an den Traum vor ein paar Tagen. War es wirklich ein Traum oder war Kira bei mir gewesen und hatte mich tatsächlich gebeten, ihr Lieblingslied einzuschalten? Abwegig erschien mir dieser Gedanke nun auch nicht mehr.

Ich kämpfte gegen den Schlaf an. Trotz der Ereignisse und der Aufregung war ich nun müde – oder vielleicht auch gerade deswegen. Seufzend stand ich schließlich auf. Ich wollte nicht schlafen. Ich hatte Angst, dass Mareike sich in der Nacht ins Haus schleichen würde.

Während ich mich an meinen Schreibtisch setzte und den Laptop einschaltete, schlief Vino weiter. Wenn er schlief, würde er es vermutlich nicht früh genug bemerken, wenn etwas Seltsames geschah.

Ich wusste gar nicht, was ich eigentlich wollte. Ziellos surfte ich durch das Internet, schaute auf Facebook herum, betrachtete Bilder und landete nach einer Weile auf einer italienischen Nachrichtenseite. Musik machte ich keine, ich wollte mögliche Geräusche früh genug hören und mich nicht von Musik ablenken lassen.

Wahrscheinlich war es total albern nicht schlafen zu wollen. Irgendwann würde ich mich ohnehin nicht weiter wachhalten können. Und dennoch hatte ich Angst schlafen zu gehen. Ich stellte mir vor, dass Mareike mich irgendwie beobachtete und zuschlug, sobald ich eingeschlafen war. Vielleicht schickte sie ihren Schatten, um mich im Schlaf zu ersticken.

Schaudernd stand ich auf und trat an das Fenster. Einen Moment zögerte ich noch, dann schob ich die Lamellen der Jalousien etwas auseinander, um nach draußen zu schauen. Da ich kein Licht im Zimmer angemacht hatte, würde man mich von draußen wohl nicht sehen. Zumindest hoffte ich das. Aber wer wusste, ob Mareike Licht brauchte …

Ich konnte allerdings in der Dunkelheit auch nichts ausmachen. Seufzend kehrte ich an den Schreibtisch zurück und schaltete den Laptop aus. Im Dunkeln tappte ich zum Bett zurück. Vino regte sich, als ich mich hinlegte, und schmuste sich in meine Arme. Ich kraulte ihm leicht durch das Fell.

Vielleicht war Mareike ja auch bereits auf der Flucht und ich würde sie nie wiedersehen. Dieser Gedanke begleitete mich in den Schlaf, der durchsetzt war von Schatten, einem geisterhaften Flüstern und einer Bedrohung irgendwo hinter mir, die auch immer hinter mir blieb, egal wie oft und wie schnell ich mich umdrehte.