Klingsors letzter Sommer

Hermann Hesse · Kapitel 1 von 16

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Klingsors letzter Sommer

Kinderseele

Manchmal handeln wir, gehen aus und ein, tun dies und das, und es ist alles

leicht, unbeschwert und gleichsam unverbindlich, es könnte scheinbar alles auch

anders sein. Und manchmal, zu anderen Stunden, könnte nichts anders sein, ist

nichts unverbindlich und leicht, und jeder Atemzug, den wir tun, ist von

Gewalten bestimmt und schwer von Schicksal.

Die Taten unseres Lebens, die wir die guten nennen und von denen zu

erzählen uns leicht fällt, sind fast alle von jener ersten, „leichten“ Art, und wir

vergessen sie leicht. Andere Taten, von denen zu sprechen uns Mühe macht,

vergessen wir nie mehr, sie sind gewissermaßen mehr unser als andere, und ihre

Schatten fallen lang über alle Tage unseres Lebens.

Unser Vaterhaus, das groß und hell an einer hellen Straße lag, betrat man

durch ein hohes Tor, und sogleich war man von Kühle, Dämmerung und steinern

feuchter Luft umfangen. Eine hohe, düstere Halle nahm einen schweigsam auf,

der Boden von roten Sandsteinfliesen führte leicht ansteigend gegen die Treppe,

deren Beginn zuhinterst tief im Halbdunkel lag. Viele tausend Male bin ich

durch dies hohe Tor eingegangen, und niemals hatte ich acht auf Tor und Flur,

Fliesen und Treppe; dennoch war es immer ein Übergang in eine andere Welt, in

„unsere“ Welt. Die Halle roch nach Stein, sie war finster und hoch, hinten führte

die Treppe aus der dunklen Kühle empor und zu Licht und hellem Behagen.

Immer aber war erst die Halle und die ernste Dämmerung da: etwas von Vater,

etwas von Würde und Macht, etwas von Strafe und schlechtem Gewissen.

Tausendmal ging man lachend hindurch. Manchmal aber trat man herein und

war sogleich erdrückt und zerkleinert, hatte Angst, suchte rasch die befreiende

Treppe.

Als ich elf Jahre alt war, kam ich eines Tages von der Schule her nach Hause,

an einem von den Tagen, wo Schicksal in den Ecken lauert, wo leicht etwas

passiert. An diesen Tagen scheint jede Unordnung und Störung der eigenen

Seele sich in unserer Umwelt zu spiegeln und sie zu entstellen. Unbehagen und

Angst beklemmen unser Herz, und wir suchen und finden ihre vermeintlichen

Ursachen außer uns, sehen die Welt schlecht eingerichtet und stoßen überall auf

Widerstände.

Ähnlich war es an jenem Tage. Von früh an bedrückte mich — wer weiß

woher? vielleicht aus Träumen der Nacht — ein Gefühl wie schlechtes

Gewissen, obwohl ich nichts Besonderes begangen hatte. Meines Vaters Gesicht

hatte am Morgen einen leidenden und vorwurfsvollen Ausdruck gehabt, die

Frühstücksmilch war lau und fad gewesen. In der Schule war ich zwar nicht in

Nöte geraten, aber es hatte alles wieder einmal trostlos, tot und entmutigend

geschmeckt und hatte sich vereinigt zu jenem mir schon bekannten Gefühl der Ohnmacht und Verzweiflung, das uns sagt, daß die Zeit endlos sei, daß wir ewig

und ewig klein und machtlos und im Zwang dieser blöden, stinkenden Schule

bleiben werden, Jahre und Jahre, und daß dies ganze Leben sinnlos und

widerwärtig sei.

Auch über meinen derzeitigen Freund hatte ich mich heute geärgert. Ich hatte

seit kurzem eine Freundschaft mit Oskar Weber, dem Sohn eines

Lokomotivführers, ohne recht zu wissen, was mich zu ihm zog. Er hatte neulich

damit geprahlt, daß sein Vater sieben Mark im Tag verdiene, und ich hatte aufs

Geratewohl erwidert, der meine verdiene vierzehn. Daß er sich dadurch hatte

imponieren lassen, ohne Einwände zu machen, war der Anfang der Sache

gewesen. Einige Tage später hatte ich mit Weber einen Bund gegründet, indem

wir eine gemeinsame Sparkasse anlegten, aus welcher später eine Pistole gekauft

werden sollte. Die Pistole lag im Schaufenster eines Eisenhändlers, eine massive

Waffe mit zwei bläulichen Stahlrohren. Und Weber hatte mir vorgerechnet, daß

man nur eine Weile richtig zu sparen brauche, dann könne man sie kaufen. Geld

gebe es ja immer, er bekomme sehr oft einen Zehner für Ausgänge, oder sonst

ein Trinkgeld, und manchmal finde man Geld auf der Gasse, oder Sachen mit

Geldeswert, wie Hufeisen, Bleistücke und anderes, was man gut verkaufen

könne. Einen Zehner hatte er auch sofort für unsere Kasse hergegeben, und der

hatte mich überzeugt und mir unseren ganzen Plan als möglich und

hoffnungsvoll erscheinen lassen.

Indem ich an jenem Mittag unsere Hausflur betrat und mir in der kellerig

kühlen Luft dunkle Mahnungen an tausend unbequeme und hassenswerte Dinge

und Weltordnungen entgegenwehten, waren meine Gedanken mit Oskar Weber

beschäftigt. Ich fühlte, daß ich ihn nicht liebte, obwohl sein gutmütiges Gesicht,

das mich an eine Waschfrau erinnerte, mir sympathisch war. Was mich zu ihm

hinzog, war nicht seine Person, sondern etwas anderes, ich könnte sagen sein

Stand — es war etwas, das er mit fast allen Buben von seiner Art und Herkunft

teilte: eine gewisse freche Lebenskunst, ein dickes Fell gegen Gefahr und

Demütigung, eine Vertrautheit mit den kleinen praktischen Angelegenheiten des

Lebens, mit Geld, mit Kaufläden und Werkstätten, Waren und Preisen, mit

Küche und Wäsche und dergleichen. Solche Knaben wie Weber, denen die

Schläge in der Schule nicht weh zu tun schienen und die mit Knechten,

Fuhrleuten und Fabrikmädchen verwandt und befreundet waren, die standen

anders und gesicherter in der Welt, als ich; sie waren gleichsam erwachsener, sie

wußten, wieviel ihr Vater im Tag verdiene, und wußten ohne Zweifel auch sonst

noch vieles, worin ich unerfahren war. Sie lachten über Ausdrücke und Witze,

die ich nicht verstand. Sie konnten überhaupt auf eine Weise lachen, die mir

versagt war, auf eine dreckige und rohe, aber unleugbar erwachsene und beinah „männliche“ Weise. Es half nichts, daß man klüger war als sie und in der Schule

viel mehr wußte. Es half nichts, daß man besser als sie gekleidet, gekämmt und

gewaschen war. Im Gegenteil, eben diese Unterschiede kamen ihnen zugute. In

die „Welt“, wie sie mir in Dämmerschein und Abenteuerschein vorschwebte,

schienen mir solche Knaben wie Weber ganz ohne Schwierigkeiten eingehen zu

können, während m i r die „Welt“ so sehr verschlossen war und jedes ihrer Tore

durch unendliches Älterwerden, Schulesitzen, durch Prüfungen und

Erzogenwerden mühsam erobert werden mußte. Natürlich fanden solche Knaben

auch Hufeisen, Geld und Stücke Blei auf der Straße, bekamen Lohn für

Besorgungen, kriegten in Läden allerlei geschenkt und gediehen auf jede Weise.

Ich fühlte dunkel, daß meine Freundschaft zu Weber und seiner Sparkasse

nichts war als wilde Sehnsucht nach jener „Welt“. An Weber war nichts für mich

liebenswert, als sein großes Geheimnis, kraft dessen er den Erwachsenen näher

stand als ich, in einer schleierlosen, nackteren, robusteren Welt lebte, als ich mit

meinen Träumen und Wünschen. Und ich fühlte voraus, daß er mich enttäuschen

würde, daß es mir nicht gelingen werde, ihm sein Geheimnis und den magischen

Schlüssel zum Leben zu entreißen.

Eben hatte er mich verlassen, und ich wußte, er ging nun nach Hause, breit

und behäbig, pfeifend und vergnügt, von keiner Sehnsucht, von keinen

Ahnungen verdüstert. Wenn er die Dienstmägde und Fabrikler antraf und ihr

rätselhaftes, vielleicht wunderbares, vielleicht verbrecherisches Leben führen

sah, so war es ihm kein Rätsel und ungeheures Geheimnis, keine Gefahr, nichts

Wildes und Spannendes, sondern selbstverständlich, bekannt und heimatlich wie

der Ente das Wasser. So war es. Und ich hingegen, ich würde immer

nebendraußen stehen, allein und unsicher, voll von Ahnungen, aber ohne

Gewißheit.

Überhaupt, das Leben schmeckte an jenem Tage wieder einmal hoffnungslos

fade, der Tag hatte etwas von einem Montag an sich, obwohl er ein Samstag war,

er roch nach Montag, dreimal so lang und dreimal so öde als die anderen Tage.

Verdammt und widerwärtig war dies Leben, verlogen und ekelhaft war es. Die

Erwachsenen taten, als sei die Welt vollkommen und als seien sie selber

Halbgötter, wir Knaben aber nichts als Auswurf und Abschaum. Diese Lehrer

—! Man fühlte Streben und Ehrgeiz in sich, man nahm redliche und

leidenschaftliche Anläufe zum Guten, sei es nun zum Lernen der griechischen

Unregelmäßigen oder zum Reinhalten seiner Kleider, zum Gehorsam gegen die

Eltern oder zum schweigenden, heldenhaften Ertragen aller Schmerzen und

Demütigungen — ja, immer und immer wieder erhob man sich, glühend und

fromm, um sich Gott zu widmen und den idealen, reinen, edlen Pfad zur Höhe

zu gehen, Tugend zu üben, Böses stillschweigend zu dulden, anderen zu helfen — ach, und immer und immer wieder blieb es ein Anlauf, ein Versuch und

kurzer Flatterflug! Immer wieder passierte schon nach Tagen, o schon nach

Stunden etwas, was nicht hätte sein dürfen, etwas Elendes, Betrübendes und

Beschämendes. Immer wieder fiel man mitten aus den trotzigsten und adligsten

Entschlüssen und Gelöbnissen plötzlich unentrinnbar in Sünde und Lumperei, in

Alltag und Gewöhnlichkeiten zurück! Warum war es so, daß man die Schönheit

und Richtigkeit guter Vorsätze so wohl und tief erkannte und im Herzen fühlte,

wenn doch beständig und immerzu das ganze Leben (die Erwachsenen

einbegriffen) nach Gewöhnlichkeit stank und überall darauf eingerichtet war, das

Schäbige und Gemeine triumphieren zu lassen? Wie konnte es sein, daß man

morgens im Bett auf den Knien oder nachts vor angezündeten Kerzen sich mit

heiligem Schwur dem Guten und Lichten verbündete, Gott anrief und jedem

Laster für immer Fehde ansagte — und daß man dann, vielleicht bloß ein paar

Stunden später, an diesem selben heiligen Schwur und Vorsatz den elendesten

Verrat üben konnte, sei es auch nur durch das Einstimmen in ein verführerisches

Gelächter, durch das Gehör, das man einem dummen Schulbubenwitze lieh?

Warum war das so? Ging es andern anders? Waren die Helden, die Römer und

Griechen, die Ritter, die ersten Christen — waren diese alle andere Menschen

gewesen als ich, besser, vollkommener, ohne schlechte Triebe, ausgestattet mit

irgendeinem Organ, das mir fehlte, das sie hinderte, immer wieder aus dem

Himmel in den Alltag, aus dem Erhabenen ins Unzulängliche und Elende

zurückzufallen? War die Erbsünde jenen Helden und Heiligen unbekannt? War

das Heilige und Edle nur Wenigen, Seltenen, Auserwählten möglich? Aber

warum war mir, wenn ich nun also kein Auserwählter war, dennoch dieser Trieb

nach dem Schönen und Adligen eingeboren, diese wilde, schluchzende

Sehnsucht nach Reinheit, Güte, Tugend? War das nicht zum Hohn? Gab es das

in Gottes Welt, daß ein Mensch, ein Knabe, gleichzeitig alle hohen und alle

bösen Triebe in sich hatte und leiden und verzweifeln mußte, nur so als eine

unglückliche und komische Figur, zum Vergnügen des zuschauenden Gottes?

Gab es das? Und war dann nicht — ja war dann nicht die ganze Welt ein

Teufelsspott, gerade wert, sie anzuspucken?! War dann nicht Gott ein Scheusal,

ein Wahnsinniger, ein dummer, widerlicher Hanswurst? — Ach, und während

ich mit einem Beigeschmack von Empörerwollust diese Gedanken dachte, strafte

mich schon mein banges Herz durch Zittern für die Blasphemie!

Wie deutlich sehe ich, nach dreißig Jahren, jenes Treppenhaus wieder vor mir,

mit den hohen, blinden Fenstern, die gegen die nahe Nachbarmauer gingen und

so wenig Licht gaben, mit den weißgescheuerten, tannenen Treppen und

Zwischenböden und dem glatten, harthölzernen Geländer, das durch meine

tausend sausenden Abfahrten poliert war! So fern mir die Kindheit steht, und so unbegreiflich und märchenhaft sie mir im ganzen erscheint, so ist mir doch alles

genau erinnerlich, was schon damals, mitten im Glück, in mir an Leid und

Zwiespalt vorhanden war. Alle diese Gefühle waren damals im Herzen des

Kindes schon dieselben, wie sie es immer blieben: Zweifel am eigenen Wert,

Schwanken zwischen Selbstüberschätzung und Mutlosigkeit, zwischen

weltverachtender Idealität und gewöhnlicher Sinneslust — und wie damals, so

sah ich auch hundertmal später noch in diesen Zügen meines Wesens bald

verächtliche Krankheit, bald Auszeichnung, habe zu Zeiten den Glauben, daß

mich Gott auf diesem qualvollen Wege zu besonderer Vereinsamung und

Vertiefung führen wolle, und finde zu andern Zeiten wieder in alledem nichts als

die Zeichen einer schäbigen Charakterschwäche, einer Neurose, wie Tausende

sie mühsam durchs Leben schleppen.

Wenn ich alle die Gefühle und ihren qualvollen Widerstreit auf ein

Grundgefühl zurückführen und mit einem einzigen Namen bezeichnen sollte, so

wüßte ich kein anderes Wort als: Angst. Angst war es, Angst und Unsicherheit,

was ich in allen jenen Stunden des gestörten Kinderglücks empfand: Angst vor

Strafe, Angst vor dem eigenen Gewissen, Angst vor Regungen meiner Seele, die

ich als verboten und verbrecherisch empfand.

Auch in jener Stunde, von der ich erzähle, kam dies Angstgefühl wieder über

mich, als ich in dem heller und heller werdenden Treppenhause mich der Glastür

näherte. Es begann mit einer Beklemmung im Unterleib, die bis zum Halse

emporstieg und dort zum Würgen oder zu Übelkeit wurde. Zugleich damit

empfand ich in diesen Momenten stets, und so auch jetzt, eine peinliche

Geniertheit, ein Mißtrauen gegen jeden Beobachter, einen Drang zu Alleinsein

und Sichverstecken.

Mit diesem üblen und verfluchten Gefühl, einem wahren Verbrechergefühl,

kam ich in den Korridor und in das Wohnzimmer. Ich spürte: es ist heut der

Teufel los, es wird etwas passieren. Ich spürte es, wie der Barometer einen

veränderten Luftdruck spürt, mit rettungsloser Passivität. Ach, nun war es

wieder da, dies Unsägliche! Der Dämon schlich durchs Haus, Erbsünde nagte

am Herzen, riesig und unsichtbar stand hinter jeder Wand ein Geist, ein Vater

und Richter.

Noch wußte ich nichts, noch war alles bloß Ahnung, Vorgefühl, nagendes

Unbehagen. In solchen Lagen war es oft das beste, wenn man krank wurde, sich

erbrach und ins Bett legte. Dann ging es manchmal ohne Schaden vorüber, die

Mutter oder Schwester kam, man bekam Tee und spürte sich von liebender Sorge

umgeben, und man konnte weinen oder schlafen, um nachher gesund und froh in

einer völlig verwandelten, erlösten und hellen Welt zu erwachen.

Meine Mutter war nicht im Wohnzimmer, und in der Küche war nur die Magd. Ich beschloß, zum Vater hinauf zu gehen, zu dessen Studierzimmer eine

schmale Treppe hinaufführte. Wenn ich auch Furcht vor ihm hatte, zuweilen war

es doch gut, sich an ihn zu wenden, dem man so viel abzubitten hatte. Bei der

Mutter war es einfacher und leichter, Trost zu finden; beim Vater aber war der

Trost wertvoller, er bedeutete einen Frieden mit dem richtenden Gewissen, eine

Versöhnung und ein neues Bündnis mit den guten Mächten. Nach schlimmen

Auftritten, Untersuchungen, Geständnissen und Strafen war ich oft aus des

Vaters Zimmer gut und rein hervorgegangen, bestraft und ermahnt zwar, aber

voll neuer Vorsätze, durch die Bundesgenossenschaft des Mächtigen gestärkt

gegen das feindliche Böse. Ich beschloß, den Vater aufzusuchen und ihm zu

sagen, daß mir übel sei.

Und so stieg ich die kleine Treppe hinauf, die zum Studierzimmer führte.

Diese kleine Treppe mit ihrem eigenen Tapetengeruch und dem trockenen Klang

der hohlen, leichten Holzstufen war noch unendlich viel mehr als die Hausflur

ein bedeutsamer Weg und ein Schicksalstor; über diese Stufen hatten viele

wichtige Gänge mich geführt, Angst und Gewissensqual hatte ich hundertmal

dort hinaufgeschleppt, Trotz und wilden Zorn, und nicht selten hatte ich

Erlösung und neue Sicherheit zurückgebracht. Unten in unsrer Wohnung waren

Mutter und Kind zu Hause, dort wehte harmlose Luft; hier oben wohnten Macht

und Geist, hier waren Gericht und Tempel und das „Reich des Vaters“.

Etwas beklommen wie immer drückte ich die altmodische Klinke nieder und

öffnete die Tür halb. Der väterliche Studierzimmergeruch floß mir wohlbekannt

entgegen: Bücher- und Tintenduft verdünnt durch blaue Luft aus halboffnen

Fenstern, weiße, reine Vorhänge, ein verlorner Faden von Kölnisch-Wasser-Duft,

und auf dem Schreibtisch ein Apfel. — Aber die Stube war leer.

Mit einer Empfindung halb von Enttäuschung und halb von Aufatmen trat ich

ein. Ich dämpfte meinen Schritt und trat nur mit den Zehen auf, so wie wir hier

oben manchmal gehen mußten, wenn der Vater schlief oder Kopfweh hatte. Und

kaum war dies leise Gehen mir bewußt geworden, so bekam ich Herzklopfen

und spürte verstärkt den angstvollen Druck im Unterleib und in der Kehle

wieder. Ich ging schleichend und angstvoll weiter, einen Schritt und wieder

einen Schritt, und schon war ich nicht mehr ein harmloser Besucher und

Bittsteller, sondern ein Eindringling. Mehrmals schon hatte ich heimlich in des

Vaters Abwesenheit mich in seine beiden Zimmer geschlichen, hatte sein

geheimes Reich belauscht und erforscht und hatte zweimal auch etwas daraus

entwendet.

Die Erinnerung daran war alsbald da und erfüllte mich, und ich wußte sofort:

jetzt war das Unglück da, jetzt passierte etwas, jetzt tat ich Verbotenes und

Böses. Kein Gedanke an Flucht! Vielmehr, ich dachte wohl daran, dachte sehnlich und inbrünstig daran, davonzulaufen, die Treppe hinab und in mein

Stübchen oder in den Garten — aber ich wußte, ich werde das doch nicht tun,

nicht tun können. Innig wünschte ich, mein Vater möchte sich im Nebenzimmer

rühren und hereintreten und den ganzen grauenvollen Bann durchbrechen, der

mich dämonisch zog und fesselte. O käme er doch! Käme er doch, scheltend

meinetwegen, aber käme er nur, eh es zu spät ist!

Ich hustete, um meine Anwesenheit zu melden, und als keine Antwort kam,

rief ich leise: „Papa!“ Es blieb alles still, an den Wänden schwiegen die vielen

Bücher, ein Fensterflügel bewegte sich im Winde und warf einen hastigen

Sonnenspiegel über den Boden. Niemand erlöste mich, und in mir selber war

keine Freiheit, anders zu tun, als der Dämon wollte. Verbrechergefühl zog mir

den Magen zusammen und machte mir die Fingerspitzen kalt, mein Herz flatterte

angstvoll. Noch wußte ich keineswegs, was ich tun würde. Ich wußte nur, es

würde etwas Schlechtes sein.

Nun war ich beim Schreibtisch, nahm ein Buch in die Hand und las einen

englischen Titel, den ich nicht verstand. Englisch haßte ich — das sprach der

Vater stets mit der Mutter, wenn wir es nicht verstehen sollten und auch wenn sie

Streit hatten. In einer Schale lagen allerlei kleine Sachen, Zahnstocher,

Stahlfedern, Stecknadeln. Ich nahm zwei von den Stahlfedern und steckte sie in

die Tasche, Gott weiß wozu, ich brauchte sie nicht und hatte keinen Mangel an

Federn. Ich tat es nur, um dem Zwang zu folgen, der mich fast erstickt hätte,

dem Zwang, Böses zu tun, mir selbst zu schaden, mich mit Schuld zu beladen.

Ich blätterte in meines Vaters Papieren, sah einen angefangenen Brief liegen, ich

las die Worte: „es geht uns und den Kindern, Gott sei Dank, recht gut,“ und die

lateinischen Buchstaben seiner Handschrift sahen mich an wie Augen.

Dann ging ich leise und schleichend in das Schlafzimmer hinüber. Da stand

Vaters eisernes Feldbett, seine braunen Hausschuhe darunter, ein Taschentuch

lag auf dem Nachttisch. Ich atmete die väterliche Luft in dem kühlen, hellen

Zimmer ein, und das Bild des Vaters stieg deutlich vor mir auf, Ehrfurcht und

Auflehnung stritten in meinem beladenen Herzen. Für Augenblicke haßte ich ihn

und erinnerte mich seiner mit Bosheit und Schadenfreude, wie er zuweilen an

Kopfwehtagen still und flach in seinem niederen Feldbett lag, sehr lang und

gestreckt, ein nasses Tuch über der Stirn, manchmal seufzend. Ich ahnte wohl,

daß auch er, der Gewaltige, kein leichtes Leben habe, daß auch ihm, dem

Ehrwürdigen, Zweifel an sich selbst und Bangigkeit nicht unbekannt waren.

Schon war mein seltsamer Haß verflogen, Mitleid und Rührung folgten ihm.

Aber inzwischen hatte ich eine Schieblade der Kommode herausgezogen. Da lag

Wäsche geschichtet und eine Flasche Kölnisches Wasser, das er liebte; ich wollte

daran riechen, aber die Flasche war noch ungeöffnet und fest verstöpselt, ich legte sie wieder zurück. Daneben fand ich eine kleine runde Dose mit

Mundpastillen, die nach Lakrizen schmeckten, von denen steckte ich einige in

den Mund. Eine gewisse Enttäuschung und Ernüchterung kam über mich, und

zugleich war ich doch froh, nicht mehr gefunden und genommen zu haben.

Schon im Ablassen und Verzichten zog ich noch spielend an einer andern

Lade, mit etwas erleichtertem Gefühl und mit dem Vorsatz, nachher die zwei

gestohlenen Stahlfedern drüben wieder an ihren Ort zu legen. Vielleicht waren

Rückkehr und Reue möglich, Wiedergutmachung und Erlösung. Vielleicht war

Gottes Hand über mir stärker als alle Versuchung . . .

Da sah ich mit schnellem Blick noch eilig in den Spalt der kaum

aufgezogenen Lade. Ach, wären Strümpfe oder Hemden oder alte Zeitungen

darin gewesen! Aber da war nun die Versuchung, und sekundenschnell kehrte

der kaum gelockerte Krampf und Angstbann wieder, meine Hände zitterten, und

mein Herz schlug rasend. Ich sah in einer aus Bast geflochtenen, indischen oder

sonst exotischen Schale etwas liegen, etwas Überraschendes, Verlockendes,

einen ganzen Kranz von weiß bezuckerten, getrockneten Feigen!

Ich nahm ihn in die Hand, er war wundervoll schwer. Dann zog ich zwei, drei

Feigen heraus, steckte eine in den Mund, einige in die Tasche. Nun waren alle

Angst und alles Abenteuer doch nicht umsonst gewesen. Keine Erlösung, keinen

Trost konnte ich mehr von hier fortnehmen, so wollte ich wenigstens nicht leer

ausgehen. Ich zog noch drei, vier Feigen von dem Ring, der davon kaum leichter

wurde, und noch einige, und als meine Taschen gefüllt und von dem Kranz wohl

mehr als die Hälfte verschwunden war, ordnete ich die übriggebliebenen Feigen

auf dem etwas klebrigen Ring lockerer an, so daß weniger zu fehlen schienen.

Dann stieß ich, in plötzlichem hellem Schrecken, die Lade heftig zu und rannte

davon, durch beide Zimmer, die kleine Stiege hinab und in mein Stübchen, wo

ich stehen blieb und mich auf meinen kleinen Stehpult stützte, in den Knien

wankend und nach Atem ringend.

Bald darauf tönte unsre Tischglocke. Mit leerem Kopf und ganz von

Ernüchterung und Ekel erfüllt, stopfte ich die Feigen in mein Bücherbrett,

verbarg sie hinter Büchern und ging zu Tische. Vor der Eßzimmertür merkte ich,

daß meine Hände klebten. Ich wusch sie in der Küche. Im Eßzimmer fand ich

alle schon am Tische warten. Ich sagte schnell Gutentag, der Vater sprach das

Tischgebet, und ich beugte mich über meine Suppe. Ich hatte keinen Hunger,

jeder Schluck machte mir Mühe. Und neben mir saßen meine Schwestern, die

Eltern gegenüber, alle hell und munter und in Ehren, nur ich Verbrecher elend

dazwischen, allein und unwürdig, mich fürchtend vor jedem freundlichen Blick,

den Geschmack der Feigen noch im Munde. Hatte ich oben die Schlafzimmertür

auch zugemacht? Und die Schublade?

Nun war das Elend da. Ich hätte mir die Hand abhauen lassen, wenn dafür

meine Feigen wieder oben in der Kommode gelegen hätten. Ich beschloß, sie

fortzuwerfen, sie mit in die Schule zu nehmen und zu verschenken. Nur daß sie

wegkämen, daß ich sie nie wieder sehen müßte!

„Du siehst heut’ schlecht aus,“ sagte mein Vater über den Tisch weg. Ich sah

auf meinen Teller und fühlte seine Blicke auf meinem Gesicht. Nun würde er es

merken. Er merkte ja alles, immer. Warum quälte er mich vorher noch? Mochte

er mich lieber gleich abführen und meinetwegen totschlagen.

„Fehlt dir etwas?“ hörte ich seine Stimme wieder. Ich log, ich sagte, ich habe

Kopfweh.

„Du mußt dich nach Tisch ein wenig hinlegen,“ sagte er. „Wieviel Stunden

habt ihr heut nachmittag?“

„Bloß Turnen.“

„Nun, turnen wird dir nicht schaden. Aber iß auch, zwinge dich ein bißchen!

Es wird schon vergehen.“

Ich schielte hinüber. Die Mutter sagte nichts, aber ich wußte, daß sie mich

anschaue. Ich aß meine Suppe hinunter, kämpfte mit Fleisch und Gemüse,

schenkte mir zweimal Wasser ein. Es geschah nichts weiter. Man ließ mich in

Ruhe. Als zum Schluß mein Vater das Dankgebet sprach: „Herr, wir danken dir,

denn du bist freundlich, und deine Güte währet ewiglich,“ da trennte wieder ein

ätzender Schnitt mich von den hellen, heiligen, vertrauensvollen Worten und von

allen, die am Tische saßen; mein Händefalten war Lüge, und meine andächtige

Haltung war Lästerung.

Als ich aufstand, strich mir die Mutter übers Haar und ließ ihre Hand einen

Augenblick auf meiner Stirn liegen, ob sie heiß sei. Wie bitter war das alles!

In meinem Stübchen stand ich dann vor dem Bücherbrett. Der Morgen hatte

nicht gelogen, alle Anzeichen hatten recht gehabt. Es war ein Unglückstag

geworden, der schlimmste, den ich je erlebt hatte. Schlimmeres konnte kein

Mensch ertragen. Wenn noch Schlimmeres über einen kam, dann mußte man

sich das Leben nehmen. Man müßte Gift haben, das war das beste, oder sich

hängen. Es war überhaupt besser, tot zu sein, als zu leben. Es war ja alles so

falsch und häßlich. Ich stand und sann und griff zerstreut nach den verborgenen

Feigen und aß davon, eine und mehrere, ohne es recht zu wissen.

Unsre Sparkasse fiel mir in die Augen, sie stand im Bord unter den Büchern.

Es war eine Zigarrenkiste, die ich fest zugenagelt hatte; in den Deckel hatte ich

mit dem Taschenmesser einen ungefügen Schlitz für die Geldstücke geschnitten.

Er war schlecht und roh geschnitten, der Schlitz, Holzsplitter standen heraus.

Auch das konnte ich nicht richtig. Ich hatte Kameraden, die konnten so etwas

mühsam und geduldig und tadellos machen, daß es aussah wie vom Schreiner gehobelt. Ich aber pfuschte immer nur, hatte es eilig und machte nichts sauber

fertig. So war es mit meinen Holzarbeiten, so mit meiner Handschrift und

meinen Zeichnungen, so war es mit meiner Schmetterlingssammlung und mit

allem. Es war nichts mit mir. Und nun stand ich da und hatte wieder gestohlen,

schlimmer als je. Auch die Stahlfedern hatte ich noch in der Tasche. Wozu?

Warum hatte ich sie genommen — nehmen m ü s s e n ? Warum mußte man, was

man gar nicht wollte?

In der Zigarrenkiste klapperte ein einziges Geldstück, der Zehner von Oskar

Weber. Seither war nichts dazu gekommen. Auch diese Sparkassengeschichte

war so eine meiner Unternehmungen! Alles taugte nichts, alles mißriet und blieb

im Anfang stecken, was ich begann! Mochte der Teufel diese unsinnige

Sparkasse holen! Ich mochte nichts mehr von ihr wissen.

Diese Zeit zwischen Mittagessen und Schulbeginn war an solchen Tagen wie

heute immer mißlich und schwer herumzubringen. An guten Tagen, an

friedlichen, vernünftigen, liebenswerten Tagen war es eine schöne und

erwünschte Stunde; ich las dann entweder in meinem Zimmer an einem

Indianerbuche oder lief sofort nach Tische wieder auf den Schulplatz, wo ich

immer einige unternehmungslustige Kameraden traf, und dann spielten wir,

schrien und rannten und erhitzten uns, bis der Glockenschlag uns in die völlig

vergessene „Wirklichkeit“ zurückrief. Aber an Tagen wie heute — mit wem

wollte man da spielen und wie die Teufel in der Brust betäuben? Ich sah es

kommen — noch nicht heute, aber ein nächstes Mal, vielleicht bald. Da würde

mein Schicksal vollends zum Ausbruch kommen. Es fehlte ja nur noch eine

Kleinigkeit, eine winzige Kleinigkeit mehr an Angst und Leid und Ratlosigkeit,

dann lief es über, dann mußte es ein Ende mit Schrecken nehmen. Eines Tages,

an gerade so einem Tag wie heute, würde ich vollends im Bösen untersinken, ich

würde in Trotz und Wut und wegen der sinnlosen Unerträglichkeit dieses Lebens

etwas Gräßliches und Entscheidendes tun, etwas Gräßliches, aber Befreiendes,

das der Angst und Quälerei ein Ende machte, für immer. Ungewiß war, was es

sein würde; aber Phantasien und vorläufige Zwangsvorstellungen davon waren

mir schon mehrmals verwirrend durch den Kopf gegangen, Vorstellungen von

Verbrechen, mit denen ich an der Welt Rache nehmen und zugleich mich selbst

preisgeben und vernichten würde. Manchmal war es mir so, als würde ich unser

Haus anzünden: ungeheure Flammen schlugen mit Flügeln durch die Nacht,

Häuser und Gassen wurden vom Brand ergriffen, die ganze Stadt loderte riesig

gegen den schwarzen Himmel. Oder zu andern Zeiten war das Verbrechen

meiner Träume eine Rache an meinem Vater, ein Mord und grausiger Totschlag.

Ich aber würde mich dann benehmen wie jener Verbrecher, jener einzige,

richtige Verbrecher, den ich einmal hatte durch die Gassen unsrer Stadt führen sehen. Es war ein Einbrecher, den man gefangen hatte und in das Amtsgericht

führte, mit Handschellen gefesselt, einen steifen Melonenhut schief auf dem

Kopf, vor ihm und hinter ihm ein Landjäger. Dieser Mann, der durch die Straßen

und durch einen riesigen Volksauflauf von Neugierigen getrieben wurde, an

tausend Flüchen, boshaften Witzen und herausgeschrienen bösen Wünschen

vorbei, dieser Mann hatte in nichts jenen armen, scheuen Teufeln geglichen, die

man zuweilen vom Polizeidiener über die Straße begleitet sah und welche

meistens bloß arme Handwerksburschen waren, die gebettelt hatten. Nein, dieser

war kein Handwerksbursche und sah nicht windig, scheu und weinerlich aus,

oder flüchtete in ein verlegen-dummes Grinsen, wie ich es auch schon gesehen

hatte — dieser war ein echter Verbrecher und trug den etwas zerbeulten Hut

kühn auf einem trotzigen und ungebeugten Schädel, er war bleich und lächelte

still verachtungsvoll, und das Volk, das ihn beschimpfte und anspie, wurde

neben ihm zu Pack und Pöbel. Ich hatte damals selbst mitgeschrien: „Man hat

ihn, der gehört gehängt!“; aber dann sah ich seinen aufrechten, stolzen Gang,

wie er die gefesselten Hände vor sich her trug, und wie er auf dem zähen, bösen

Kopf den Melonenhut kühn wie eine phantastische Krone trug — und wie er

lächelte! und da schwieg ich. So wie dieser Verbrecher aber würde auch ich

lächeln und den Kopf steif halten, wenn man mich ins Gericht und auf das

Schafott führte, und wenn die vielen Leute um mich her drängten und hohnvoll

aufschrien — ich würde nicht ja und nicht nein sagen, einfach schweigen und

verachten.

Und wenn ich hingerichtet und tot war und im Himmel vor den ewigen

Richter kam, dann wollte ich mich keineswegs beugen und unterwerfen. O nein,

und wenn alle Engelscharen ihn umstanden und alle Heiligkeit und Würde aus

ihm strahlte! Mochte er mich verdammen, mochte er mich in Pech sieden lassen!

Ich wollte mich nicht entschuldigen, mich nicht demütigen, ihn nicht um

Verzeihung bitten, nichts bereuen! Wenn er mich fragte: „Hast du das und das

getan?“ so würde ich rufen: „Jawohl habe ich’s getan, und noch mehr, und es

war recht, daß ich’s getan habe, und wenn ich kann, werde ich es wieder und

wieder tun. Ich habe totgeschlagen, ich habe Häuser angezündet, weil es mir

Spaß machte, und weil ich dich verhöhnen und ärgern wollte. Ja, denn ich hasse

dich, ich spucke dir vor die Füße, Gott. Du hast mich gequält und geschunden,

du hast Gesetze gegeben, die niemand halten kann, du hast die Erwachsenen

angestiftet, uns Jungen das Leben zu versauen.“

Wenn es mir glückte, mir dies vollkommen deutlich vorzustellen und fest

daran zu glauben, daß es mir gelingen würde, genau so zu tun und zu reden,

dann war mir für Augenblicke finster wohl. Sofort aber kehrten die Zweifel

wieder. Würde ich nicht schwach werden, würde mich einschüchtern lassen, würde doch nachgeben? Oder, wenn ich auch alles tat, wie es mein trotziger

Wille war — würde nicht Gott einen Ausweg finden, eine Überlegenheit, einen

Schwindel, so wie es den Erwachsenen und Mächtigen ja immer gelang, am

Ende noch mit einem Trumpf zu kommen, einen schließlich doch noch zu

beschämen, einen nicht für voll zu nehmen, einen unter der verfluchten Maske

des Wohlwollens zu demütigen? Ach, natürlich würde es so enden.

Hin und her gingen meine Phantasien, ließen bald mich, bald Gott gewinnen,

hoben mich zum unbeugsamen Verbrecher und zogen mich wieder zum Kind

und Schwächling herab.

Ich stand am Fenster und schaute auf den kleinen Hinterhof des

Nachbarhauses hinunter, wo Gerüststangen an der Mauer lehnten und in einem

kleinen winzigen Garten ein paar Gemüsebeete grünten. Plötzlich hörte ich

durch die Nachmittagsstille Glockenschläge hallen, fest und nüchtern in meine

Visionen hinein, einen klaren, strengen Stundenschlag, und noch einen. Es war

zwei Uhr, und ich schreckte aus den Traumängsten in die der Wirklichkeit

zurück. Nun begann unsre Turnstunde, und wenn ich auch auf Zauberflügeln fort

und in die Turnhalle gestürzt wäre, ich wäre doch schon zu spät gekommen.

Wieder Pech! Das gab übermorgen Aufruf, Schimpfworte und Strafe. Lieber

ging ich gar nicht mehr hin, es war doch nichts mehr gutzumachen. Vielleicht

mit einer sehr guten, sehr feinen und glaubhaften Entschuldigung — aber es

wäre mir in diesem Augenblick keine eingefallen, so glänzend mich auch unsre

Lehrer zum Lügen erzogen hatten; ich war jetzt nicht imstande, zu lügen, zu

erfinden, zu konstruieren. Besser war es, vollends ganz aus der Stunde

wegzubleiben. Was lag daran, ob jetzt zum großen Unglück noch ein kleines

kam!

Aber der Stundenschlag hatte mich geweckt und meine Phantasiespiele

gelähmt. Ich war plötzlich sehr schwach, überwirklich sah mein Zimmer mich

an, Pult, Bilder, Bett, Bücherschaft, alles geladen mit strenger Wirklichkeit, alles

Zurufe aus der Welt, in der man leben mußte, und die mir heut wieder einmal so

feindlich und gefährlich geworden war. Wie denn? Hatte ich nicht die

Turnstunde versäumt? Und hatte ich nicht gestohlen, jämmerlich gestohlen, und

hatte die verdammten Feigen im Bücherbrett liegen, soweit sie nicht schon

aufgegessen waren? Was ging mich jetzt der Verbrecher, der liebe Gott und das

Jüngste Gericht an! Das würde alles dann schon kommen, zu seiner Zeit — aber

jetzt, jetzt im Augenblick war es weit weg und war dummes Zeug, nichts weiter.

Ich hatte gestohlen, und jeden Augenblick konnte das Verbrechen entdeckt

werden. Vielleicht war es schon so weit, vielleicht hatte mein Vater droben schon

jene Schieblade gezogen und stand vor meiner Schandtat, beleidigt und erzürnt,

und überlegte sich, auf welche Art mir der Prozeß zu machen sei. Ach, er war möglicherweise schon unterwegs zu mir, und wenn ich nicht sofort entfloh, hatte

ich in der nächsten Minute schon sein ernstes Gesicht mit der Brille vor mir.

Denn er wußte natürlich sofort, daß ich der Dieb war. Es gab keine Verbrecher in

unserm Hause außer mir, meine Schwestern taten nie so etwas, Gott weiß

warum. Aber wozu brauchte mein Vater da in seiner Kommode solche

Feigenkränze verborgen zu haben?

Ich hatte mein Stübchen schon verlassen und mich durch die hintere Haustür

und den Garten davongemacht. Die Gärten und Wiesen lagen in heller Sonne,

Zitronenfalter flogen über den Weg. Alles sah jetzt schlimm und drohend aus,

viel schlimmer als heut morgen. O, ich kannte das schon, und doch meinte ich es

nie so qualvoll gespürt zu haben: wie da alles in seiner Selbstverständlichkeit

und mit seiner guten Gewissensruhe mich ansah, Stadt und Kirchturm, Wiesen

und Weg, Grasblüten und Schmetterlinge, und wie alles Hübsche und Fröhliche,

was man sonst mit Freuden sah, nun fremd und verzaubert war! Ich kannte das,

ich wußte, wie es schmeckt, wenn man in Gewissensangst durch die gewohnte

Gegend läuft! Jetzt konnte der seltenste Schmetterling über die Wiese fliegen

und sich vor meinen Füßen hinsetzen — es war nichts, es freute nicht, reizte

nicht, tröstete nicht. Jetzt konnte der herrlichste Kirschbaum mir seinen vollsten

Ast herbieten — es hatte keinen Wert, es war kein Glück dabei. Jetzt gab es

nichts als fliehen, vor dem Vater, vor der Strafe, vor mir selber, vor meinem

Gewissen, fliehen und rastlos sein, bis dennoch unerbittlich und unentrinnbar

alles kam, was kommen mußte.

Ich lief und war rastlos, ich lief bergan und hoch bis zum Walde, und vom

Eichenberg nach der Hofmühle hinab, über den Steg und jenseits wieder bergauf

und durch Wälder hinan. Hier hatten wir unser letztes Indianerlager gehabt. Hier

hatte letztes Jahr, als der Vater auf Reisen war, unsre Mutter mit uns Kindern

Ostern gefeiert und im Wald und Moos die Eier für uns versteckt. Hier hatte ich

einst mit meinen Vettern in den Ferien eine Burg gebaut, sie stand noch halb.

Überall Reste von einstmals, überall Spiegel, aus denen mir ein andrer

entgegensah, als der ich heute war! War ich das alles gewesen? So lustig, so

zufrieden, so dankbar, so kameradschaftlich, so zärtlich mit der Mutter, so ohne

Angst, so unbegreiflich glücklich? War das ich gewesen? Und wie hatte ich so

werden können, wie ich jetzt war, so anders, so ganz anders, so böse, so voll

Angst, so zerstört? Alles war noch wie immer, Wald und Fluß, Farnkräuter und

Blumen, Burg und Ameisenhaufen, und doch alles wie vergiftet und verwüstet.

Gab es denn gar keinen Weg zurück, dorthin, wo das Glück und die Unschuld

war? Konnte es nie mehr werden, wie es gewesen war? Würde ich jemals wieder

so lachen, so mit den Schwestern spielen, so nach Ostereiern suchen?

Ich lief und lief, den Schweiß auf der Stirn, und hinter mir lief meine Schuld und lief groß und ungeheuer der Schatten meines Vaters als Verfolger mit.

An mir vorbei liefen Alleen, sanken Waldränder hinab. Auf einer Höhe

machte ich halt, abseits vom Weg, ins Gras geworfen, mit Herzklopfen, das vom

Bergaufwärtsrennen kommen konnte, das vielleicht bald besser wurde. Unten

sah ich Stadt und Fluß, sah die Turnhalle, wo jetzt die Stunde zu Ende war und

die Buben auseinanderliefen, sah das lange Dach meines Vaterhauses. Dort war

meines Vaters Schlafzimmer und die Schublade, in der die Feigen fehlten. Dort

war mein kleines Zimmer. Dort würde, wenn ich zurückkam, das Gericht mich

treffen. — Aber wenn ich nicht zurückkam?

Ich wußte, daß ich zurückkommen werde. Man kam immer zurück, jedesmal.

Es endete immer so. Man konnte nicht fort, man konnte nicht nach Afrika

fliehen oder nach Berlin. Man war klein, man hatte kein Geld, niemand half

einem. Ja, wenn alle Kinder sich zusammentaten und einander hülfen! Sie waren

viele, es gab mehr Kinder als Eltern. Aber nicht alle Kinder waren Diebe und

Verbrecher. Wenige waren so wie ich. Vielleicht war ich der einzige. Aber nein,

ich wußte, es kamen öfters solche Sachen vor wie meine — ein Onkel von mir

hatte als Kind auch gestohlen und viel Sachen angestellt, das hatte ich

irgendwann einmal erlauscht, heimlich aus einem Gespräch der Eltern, heimlich,

wie man alles Wissenswerte erlauschen mußte. Doch das alles half mir nicht,

und wenn jener Onkel selber da wäre, er würde mir auch nicht helfen! Er war

jetzt längst groß und erwachsen, er war Pastor, und er würde zu den

Erwachsenen halten und mich im Stich lassen. So waren sie alle. Gegen uns

Kinder waren sie alle irgendwie falsch und verlogen, spielten eine Rolle, gaben

sich anders, als sie waren. Die Mutter vielleicht nicht, oder weniger.

Ja, wenn ich nun nicht mehr heimkehren würde? Es könnte ja etwas passieren,

ich konnte den Hals brechen oder ertrinken oder unter die Eisenbahn kommen.

Dann sah alles anders aus. Dann brachte man mich nach Hause, und alles war

still und erschrocken und weinte, und ich tat allen leid, und von den Feigen und

allem war nicht mehr die Rede.

Ich wußte sehr gut, daß man sich selber das Leben nehmen konnte. Ich dachte

auch, daß ich das wohl einmal tun würde, später, wenn es einmal ganz schlimm

kam. Gut wäre es gewesen, krank zu werden, aber nicht bloß so mit Husten,

sondern richtig todkrank, so wie damals, als ich Scharlachfieber hatte.

Inzwischen war die Turnstunde längst vorüber, und auch die Zeit war vorüber,

wo man mich zu Hause zum Kaffee erwartete. Vielleicht riefen und suchten sie

jetzt nach mir, in meinem Zimmer, im Garten und Hof, auf dem Estrich. Wenn

aber der Vater meinen Diebstahl schon entdeckt hatte, dann wurde nicht gesucht,

dann wußte er Bescheid.

Es war mir nicht möglich, länger liegenzubleiben. Das Schicksal vergaß mich nicht, es war hinter mir her. Ich nahm das Laufen wieder auf. Ich kam an einer

Bank in den Anlagen vorüber, an der hing wieder eine Erinnerung, wieder eine,

die einst schön und lieb gewesen war und jetzt wie Feuer brannte. Mein Vater

hatte mir ein Taschenmesser geschenkt, wir waren zusammen

spazierengegangen, froh und in gutem Frieden, und er hatte sich auf diese Bank

gesetzt, während ich im Gebüsch mir eine lange Haselrute schneiden wollte.

Und da brach ich im Eifer das neue Messer ab, die Klinge dicht am Heft, und

kam entsetzt zurück, wollte es erst verheimlichen, wurde aber gleich danach

gefragt. Ich war sehr unglücklich, wegen dem Messer und weil ich Scheltworte

erwartete. Aber da hatte mein Vater nur gelächelt, mir leicht die Schulter berührt

und gesagt: „Wie schade, du armer Kerl!“ Wie hatte ich ihn da geliebt, wieviel

ihm innerlich abgebeten! Und jetzt, wenn ich an das damalige Gesicht meines

Vaters dachte, an seine Stimme, an sein Mitleid — was war ich für ein

Ungeheuer, daß ich diesen Vater so oft betrübt, belogen und heut bestohlen hatte!

Als ich wieder in die Stadt kam, bei der oberen Brücke und weit von unserm

Hause, hatte die Dämmerung schon begonnen. Aus einem Kaufladen, hinter

dessen Glastür schon Licht brannte, kam ein Knabe gelaufen, der blieb plötzlich

stehen und rief mich mit Namen an. Es war Oskar Weber. Niemand konnte mir

ungelegener kommen. Immerhin erfuhr ich von ihm, daß der Lehrer mein Fehlen

in der Turnstunde nicht bemerkt habe. Aber wo ich denn gewesen sei?

„Ach nirgends,“ sagte ich, „ich war nicht recht wohl.“

Ich war schweigsam und zurückweisend, und nach einer Weile, die ich

empörend lang fand, merkte er, daß er mir lästig sei. Jetzt wurde er böse.

„Laß mich in Ruh’,“ sagte ich kalt, „ich kann allein heimgehen.“

„So?“ rief er jetzt. „Ich kann gradeso gut allein gehen wie du, dummer Fratz!

Ich bin nicht dein Pudel, daß du’s weißt. Aber vorher möchte ich doch wissen,

wie das jetzt eigentlich mit unserer Sparkasse ist! Ich habe einen Zehner

hineingetan und du nichts.“

„Deinen Zehner kannst du wiederhaben, heut noch, wenn du Angst um ihn

hast. Wenn ich dich nur nimmer sehen muß. Als ob ich von dir etwas annehmen

würde!“

„Du hast ihn neulich gern genommen,“ meinte er höhnisch, aber nicht, ohne

einen Türspalt zur Versöhnung offen zu lassen.

Aber ich war heiß und böse geworden, alle in mir angehäufte Angst und

Ratlosigkeit brach in hellen Zorn aus. Weber hatte mir nichts zu sagen! Gegen

ihn war ich im Recht, gegen ihn hatte ich ein gutes Gewissen. Und ich brauchte

jemand, gegen den ich mich fühlen, gegen den ich stolz und im Recht sein

konnte. Alles Ungeordnete und Finstere in mir strömte wild in diesen Ausweg.

Ich tat, was ich sonst so sorgfältig vermied, ich kehrte den Herrensohn heraus, ich deutete an, daß es für mich keine Entbehrung sei, auf die Freundschaft mit

einem Gassenbuben zu verzichten. Ich sagte ihm, daß für ihn jetzt das

Beerenessen in unserm Garten und das Spielen mit meinen Spielsachen ein Ende

habe. Ich fühlte mich aufglühen und aufleben: ich hatte einen Feind, einen

Gegner, einen, der schuld war, den man packen konnte. Alle Lebenstriebe

sammelten sich in diese erlösende, willkommene, befreiende Wut, in die

grimmige Freude am Feind, der diesmal nicht in mir selbst wohnte, der mir

gegenüberstand, mich mit erschreckten, dann mit bösen Augen anglotzte, dessen

Stimme ich hörte, dessen Vorwürfe ich verachten, dessen Schimpfworte ich

übertrumpfen konnte.

Im anschwellenden Wortwechsel, dicht nebeneinander, trieben wir die

dunkelnde Gasse hinab; da und dort sah man uns aus einer Haustüre nach. Und

alles, was ich gegen mich selber an Wut und Verachtung empfand, kehrte sich

gegen den unseligen Weber. Als er damit zu drohen begann, er werde mich dem

Turnlehrer anzeigen, war es Wollust für mich: er setzte sich ins Unrecht, er

wurde gemein, er stärkte mich.

Als wir in der Nähe der Metzgergasse handgemein wurden, blieben gleich ein

paar Leute stehen und sahen unserm Handel zu. Wir hieben einander in den

Bauch und ins Gesicht und traten mit den Schuhen gegeneinander. Nun hatte ich

für Augenblicke alles vergessen, ich war im Recht, war kein Verbrecher,

Kampfrausch beglückte mich, und wenn Weber auch stärker war als ich, so war

ich flinker, klüger, rascher, feuriger. Wir wurden heiß und schlugen uns wütend.

Als er mir mit einem verzweifelten Griff den Hemdkragen aufriß, fühlte ich mit

Inbrunst den Strom kalter Luft über meine glühende Haut laufen.

Und im Hauen, Reißen und Treten, Ringen und Würgen hörten wir nicht auf,

uns weiter mit Worten anzufeinden, zu beleidigen und zu vernichten, mit

Worten, die immer glühender, immer törichter und böser, immer dichterischer

und phantastischer wurden. Und auch darin war ich ihm über, war böser,

dichterischer, erfinderischer. Sagte er Hund, so sagte ich Sauhund. Rief er

Schuft, so schrie ich Satan. Wir bluteten beide, ohne etwas zu fühlen, und dabei

häuften unsre Worte böse Zauber und Wünsche, wir empfahlen einander dem

Galgen, wünschten uns Messer, um sie einander in die Rippen zu jagen und

darin umzudrehen, wir beschimpften einer des andern Namen, Herkunft und

Vater.

Es war das erste und einzige Mal, daß ich einen solchen Kampf im vollen

Kriegsrausch bis zu Ende ausfocht, mit allen Hieben, allen Grausamkeiten, allen

Beschimpfungen. Zugesehen hatte ich oft und mit grausender Lust diese

vulgären, urtümlichen Flüche und Schandworte angehört; nun schrie ich sie

selber heraus, als sei ich ihrer von klein auf gewohnt und in ihrem Gebrauch geübt. Tränen liefen mir aus den Augen und Blut über den Mund. Die Welt aber

war herrlich, sie hatte einen Sinn, es war gut zu leben, gut zu hauen, gut zu

bluten und bluten zu machen.

Niemals vermochte ich in der Erinnerung das Ende dieses Kampfes wieder zu

finden. Irgendeinmal war es aus, irgendeinmal stand ich allein in der stillen

Dunkelheit, erkannte Straßenecken und Häuser, war nahe bei unserm Hause.

Langsam floh der Rausch, langsam hörte das Flügelbrausen und Donnern auf,

und Wirklichkeit drang stückweise vor meine Sinne, zuerst nur vor die Augen.

Da der Brunnen. Die Brücke. Blut an meiner Hand, zerrissene Kleider,

herabgerutschte Strümpfe, ein Schmerz im Knie, einer im Auge, keine Mütze

mehr da — alles kam nach und nach, wurde Wirklichkeit und sprach zu mir.

Plötzlich war ich tief ermüdet, fühlte meine Knie und Arme zittern, tastete nach

einer Hauswand.

Und da war unser Haus. Gott sei Dank! Ich wußte nichts auf der Welt mehr,

als daß dort Zuflucht war, Friede, Licht, Geborgenheit. Aufatmend schob ich das

hohe Tor zurück.

Da mit dem Duft von Stein und feuchter Kühle überströmte mich plötzlich

Erinnerung, hundertfach. O Gott! O lieber Gott! Es roch nach Strenge, nach

Gesetz, nach Verantwortung, nach Vater und Gott. Ich hatte gestohlen. Ich war

kein verwundeter Held, der vom Kampfe heimkehrte. Ich war kein armes Kind,

das nach Hause findet und von der Mutter in Wärme und Mitleid gebettet wird.

Ich war Dieb, ich war Verbrecher. Da droben war nicht Zuflucht, Bett und Schlaf

für mich, nicht Essen und Pflege, nicht Trost und Vergessen. Auf mich wartete

Schuld und Gericht.

Damals in der finstern abendlichen Flur und im Treppenhaus, dessen viele

Stufen ich unter Mühen erklomm, atmete ich, wie ich glaube, zum erstenmal in

meinem Leben für Augenblicke den kalten Äther, die Einsamkeit, das Schicksal.

Ich sah keinen Ausweg, ich hatte keine Pläne, auch keine Angst, nichts als das

kalte, rauhe Gefühl: „Es muß sein.“ Am Geländer zog ich mich die Treppe

hinauf. Vor der Glastür fühlte ich Lust, noch einen Augenblick mich auf die

Treppe zu setzen, aufzuatmen, Ruhe zu haben. Ich tat es nicht, es hatte keinen

Zweck. Ich mußte hinein. Beim Öffnen der Tür fiel mir ein, wie spät es wohl

sei?

Ich trat ins Eßzimmer. Da saßen sie um den Tisch und hatten eben gegessen,

ein Teller mit Äpfeln stand noch da. Es war gegen acht Uhr. Nie war ich ohne

Erlaubnis so spät heimgekommen, nie hatte ich beim Abendessen gefehlt.

„Gott sei Dank, da bist du!“ rief meine Mutter lebhaft. Ich sah, sie war in

Sorge um mich gewesen. Sie lief auf mich zu und blieb erschrocken stehen, als

sie mein Gesicht und die beschmutzten und zerrissenen Kleider sah. Ich sagte nichts und blickte niemand an, doch spürte ich deutlich, daß Vater und Mutter

sich mit Blicken meinetwegen verständigten. Mein Vater schwieg und

beherrschte sich; ich fühlte, wie zornig er war. Die Mutter nahm sich meiner an,

Gesicht und Hände wurden mir gewaschen, Pflaster aufgeklebt, dann bekam ich

zu essen. Mitleid und Sorgfalt umgab mich, ich saß still und tief beschämt, fühlte

die Wärme und genoß sie mit schlechtem Gewissen. Dann ward ich zu Bett

geschickt. Dem Vater gab ich die Hand, ohne ihn anzusehen.

Als ich schon im Bette lag, kam die Mutter noch zu mir. Sie nahm meine

Kleider vom Stuhl und legte mir andere hin, denn morgen war Sonntag. Dann

fing sie behutsam zu fragen an, und ich mußte von meiner Rauferei erzählen. Sie

fand es zwar schlimm, schalt aber nicht und schien ein wenig verwundert, daß

ich dieser Sache wegen so sehr gedrückt und scheu war. Dann ging sie.

Und nun, dachte ich, war sie überzeugt, daß alles gut sei. Ich hatte Händel

ausgefochten und war blutig gehauen worden, aber das würde morgen vergessen

sein. Von dem andern, dem Eigentlichen, wußte sie nichts. Sie war betrübt

gewesen, aber unbefangen und zärtlich. Auch der Vater wußte also vermutlich

noch nichts.

Und nun überkam mich ein furchtbares Gefühl von Enttäuschung. Ich merkte

jetzt, daß ich seit dem Augenblick, wo ich unser Haus betreten hatte, ganz und

gar von einem einzigen, sehnlichen, verzehrenden Wunsch erfüllt gewesen war.

Ich hatte nichts anderes gedacht, gewünscht, ersehnt, als daß das Gewitter nun

ausbrechen möge, daß das Gericht über mich ergehe, daß das Furchtbare zur

Wirklichkeit werde und die entsetzliche Angst davor aufhöre. Ich war auf alles

gefaßt, zu allem bereit gewesen. Mochte ich schwer gestraft, geschlagen und

eingesperrt werden! Mochte er mich hungern lassen! Mochte er mich verfluchen

und verstoßen! Wenn nur die Angst und Spannung ein Ende nahm!

Statt dessen lag ich nun da, hatte noch Liebe und Pflege genossen, war

freundlich geschont und für meine Unarten nicht zur Rechenschaft gezogen

worden und konnte nun aufs neue warten und bangen. Sie hatten mir die

zerrissenen Kleider, das lange Fortbleiben, das versäumte Abendessen vergeben,

weil ich ein wenig müde war und blutete und ihnen leid tat, vor allem aber, weil

sie das andere nicht ahnten, weil sie nur von meinen Unarten, nichts von meinem

Verbrechen wußten. Es würde mir doppelt schlimmgehen, wenn es nun ans Licht

kam! Vielleicht schickte man mich, wie man früher einmal gedroht hatte, in eine

solche Besserungsanstalt, wo man altes, hartes Brot essen und während der

ganzen Freizeit Holz sägen und Stiefel putzen mußte, wo es Schlafsäle mit

Aufsehern geben sollte, die einen mit dem Stock schlugen und morgens um vier

Uhr mit kaltem Wasser weckten. Oder man übergab mich der Polizei?

Jedenfalls aber, es komme wie es möge, lag wieder eine Wartezeit vor mir. Noch länger mußte ich die Angst ertragen, noch länger mit meinem Geheimnis

herumgehen, vor jedem Blick und Schritt im Hause zittern und niemand ins

Gesicht sehen können.

Oder war es am Ende möglich, daß mein Diebstahl gar nicht bemerkt wurde?

Daß alles blieb, wie es war? Daß ich mir alle diese Angst und Pein vergebens

gemacht hatte? — O, wenn das geschehen sollte, wenn dies Unausdenkliche,

Wundervolle möglich war, dann wollte ich ein ganz neues Leben beginnen, dann

wollte ich Gott danken und mich dadurch würdig zeigen, daß ich Stunde für

Stunde ganz rein und fleckenlos lebte! Was ich schon früher versucht hatte und

was mir mißglückt war, jetzt würde es gelingen, jetzt war mein Vorsatz und

Wille stark genug, jetzt nach diesem Elend, dieser Hölle voll Qual! Mein ganzes

Wesen bemächtigte sich dieses Wunschgedankens und sog sich inbrünstig daran

fest. Trost regnete vom Himmel, Zukunft tat sich blau und sonnig auf. In diesen

Phantasien schlief ich endlich ein und schlief unbeschwert die ganze, gute Nacht

hindurch.

Am Morgen war Sonntag, und noch im Bett empfand ich, wie den Geschmack

einer Frucht, das eigentümliche, sonderbar gemischte, im ganzen aber so

köstliche Sonntagsgefühl, wie ich es seit meiner Schulzeit kannte. Der

Sonntagmorgen war eine gute Sache: Ausschlafen, keine Schule, Aussicht auf

ein gutes Mittagessen, kein Geruch nach Lehrer und Tinte, eine Menge freie

Zeit. Dies war die Hauptsache. Schwächer nur klangen andere, fremdere, fadere

Töne hinein: Kirchgang oder Sonntagsschule, Familienspaziergang, Sorge um

die schönen Kleider. Damit wurde der reine, gute, köstliche Geschmack und

Duft ein wenig verfälscht und zersetzt — so wie wenn zwei gleichzeitig

gegessene Speisen, etwa ein Pudding und der Saft dazu, nicht ganz

zusammenpaßten, oder wie zuweilen Bonbons oder Backwerk, die man in

kleinen Läden geschenkt bekam, einen fatalen leisen Beigeschmack von Käse

oder von Erdöl hatten. Man aß sie, und sie waren gut, aber es war nichts Volles

und Strahlendes, man mußte ein Auge dabei zudrücken. Nun, so ähnlich war

meistens der Sonntag, namentlich wenn ich in die Kirche oder Sonntagsschule

gehen mußte, was zum Glück nicht immer der Fall war. Der freie Tag bekam

dadurch einen Beigeschmack von Pflicht und von Langeweile. Und bei den

Spaziergängen mit der ganzen Familie, wenn sie auch oft schön sein konnten,

passierte gewöhnlich irgend etwas, es gab Streit mit den Schwestern, man ging

zu rasch oder zu langsam, man brachte Harz an die Kleider; irgendein Haken

war meistens dabei.

Nun, das mochte kommen. Mir war wohl. Seit gestern war eine Masse Zeit

vergangen. Vergessen hatte ich meine Schandtat nicht, sie fiel mir schon am

Morgen wieder ein, aber es war nun so lange her, die Schrecken waren ferngerückt und unwirklich geworden. Ich hatte gestern meine Schuld gebüßt,

wenn auch nur durch Gewissensqualen, ich hatte einen bösen, jammervollen Tag

durchlitten. Nun war ich wieder zu Vertrauen und Harmlosigkeit geneigt und

machte mir wenig Gedanken mehr. Ganz war es ja noch nicht abgetan, es klang

noch ein wenig Drohung und Peinlichkeit nach, so wie in den schönen Sonntag

jene kleinen Pflichten und Kümmernisse mit hineinklangen.

Beim Frühstück waren wir alle vergnügt. Es wurde mir die Wahl zwischen

Kirche und Sonntagsschule gelassen. Ich zog, wie immer, die Kirche vor. Dort

wurde man wenigstens in Ruhe gelassen und konnte seine Gedanken laufen

lassen; auch war der hohe, feierliche Raum mit den bunten Fenstern oft schön

und ehrwürdig, und wenn man mit eingekniffenen Augen durch das lange

dämmernde Schiff gegen die Orgel sah, dann gab es manchmal wundervolle

Bilder; die aus dem Finstern ragenden Orgelpfeifen erschienen oft wie eine

strahlende Stadt mit hundert Türmen. Auch war es mir oft geglückt, wenn die

Kirche nicht voll war, die ganze Stunde ungestört in einem Geschichtenbuch zu

lesen.

Heut nahm ich keines mit und dachte auch nicht daran, mich um den

Kirchgang zu drücken, wie ich es auch schon getan hatte. So viel klang von

gestern abend noch in mir nach, daß ich gute und redliche Vorsätze hatte und

gesonnen war, mich mit Gott, Eltern und Welt freundlich und gefügig zu

vertragen. Auch mein Zorn gegen Oskar Weber war ganz und gar verflogen.

Wenn er gekommen wäre, ich hätte ihn aufs beste aufgenommen.

Der Gottesdienst begann, ich sang die Choralverse mit, es war das Lied „Hirte

deiner Schafe“, das wir auch in der Schule auswendig gelernt hatten. Es fiel mir

dabei wieder einmal auf, wie ein Liedervers beim Singen, und gar bei dem

schleppend langsamen Gesang in der Kirche, ein ganz anderes Gesicht hatte als

beim Lesen oder Hersagen. Beim Lesen war so ein Vers ein Ganzes, hatte einen

Sinn, bestand aus Sätzen. Beim Singen bestand er nur noch aus Worten, Sätze

kamen nicht zustande, Sinn war keiner da, aber dafür gewannen die Worte, die

einzelnen, gesungenen, langhin gedehnten Worte ein sonderbar starkes,

unabhängiges Leben, ja, oft waren es nur einzelne Silben, etwas an sich ganz

Sinnloses, die im Gesang selbständig wurden und Gestalt annahmen. In dem

Vers „Hirte deiner Schafe, der von keinem Schlafe etwas wissen mag“ war zum

Beispiel heute beim Kirchengesang gar kein Zusammenhang und Sinn, man

dachte auch weder an einen Hirten noch an Schafe, man dachte durchaus gar

nichts. Aber das war keineswegs langweilig. Einzelne Worte, namentlich das

„Schla—a—fe“, wurden so seltsam voll und schön, man wiegte sich ganz darin,

und auch das „mag“ tönte geheimnisvoll und schwer, erinnerte an „Magen“ und

an dunkle, gefühlsreiche, halbbekannte Dinge, die man in sich innen im Leibe hat. Dazu die Orgel!

Und dann kam der Stadtpfarrer und die Predigt, die stets so unbegreiflich lang

war, und das seltsame Zuhören, wobei man oft lange Zeit nur den Ton der

redenden Stimme glockenhaft schweben hörte, dann wieder einzelne Worte

scharf und deutlich samt ihrem Sinn vernahm und ihnen zu folgen bemüht war,

solange es ging. Wenn ich nur im Chor hätte sitzen dürfen, statt unter all den

Männern auf der Empore. Im Chor, wo ich bei Kirchenkonzerten schon gesessen

war, da saß man tief in schweren, isolierten Stühlen, deren jeder ein kleines

festes Gebäude war, und über sich hatte man ein sonderbar reizvolles,

vielfältiges, netzartiges Gewölbe, und hoch an der Wand war die Bergpredigt in

sanften Farben gemalt, und das blaue und rote Gewand des Heilands auf dem

blaßblauen Himmel war so zart und beglückend anzusehen.

Manchmal knackte das Kirchengestühl, gegen das ich eine tiefe Abneigung

hegte, weil es mit einer gelben, öden Lackfarbe gestrichen war, an der man

immer ein wenig kleben blieb. Manchmal summte eine Fliege auf und gegen

eines der Fenster, in deren Spitzbogen blaurote Blumen und grüne Sterne gemalt

waren. Und unversehens war die Predigt zu Ende, und ich streckte mich vor, um

den Pfarrer in seinen engen, dunklen Treppenschlauch verschwinden zu sehen.

Man sang wieder, aufatmend und sehr laut, und man stand auf und strömte

hinaus; ich warf den mitgebrachten Fünfer in die Opferbüchse, deren blecherner

Klang so schlecht in die Feierlichkeit paßte, und ließ mich vom Menschenstrom

mit ins Portal ziehen und ins Freie treiben.

Jetzt kam die schönste Zeit des Sonntags, die zwei Stunden zwischen Kirche

und Mittagessen. Da hatte man seine Pflicht getan, man war im langen Sitzen

auf Bewegung, auf Spiele oder Gänge begierig geworden, oder auf ein Buch,

und war völlig frei bis zum Mittag, wo es meistens etwas Gutes gab. Zufrieden

schlenderte ich nach Hause, angefüllt mit freundlichen Gedanken und

Gesinnungen. Die Welt war in Ordnung, es ließ sich in ihr leben. Friedfertig

trabte ich durch Flur und Treppe hinauf.

In meinem Stübchen schien Sonne. Ich sah nach meinen Raupenkästen, die

ich gestern vernachlässigt hatte, fand ein paar neue Puppen, gab den Pflanzen

frisches Wasser.

Da ging die Tür.

Ich achtete nicht gleich darauf. Nach einer Minute wurde die Stille mir

sonderbar; ich drehte mich um. Da stand mein Vater. Er war blaß und sah gequält

aus. Der Gruß blieb mir im Halse stecken. Ich sah: er wußte! Er war da. Das

Gericht begann. Nichts war gut geworden, nichts abgebüßt, nichts vergessen!

Die Sonne wurde bleich, und der Sonntagmorgen sank welk dahin.

Aus allen Himmeln gerissen starrte ich dem Vater entgegen. Ich haßte ihn, warum war er nicht gestern gekommen? Jetzt war ich auf nichts vorbereitet,

hatte nichts bereit, nicht einmal Reue und Schuldgefühl. — Und wozu brauchte

er oben in seiner Kommode Feigen zu haben?

Er ging zu meinem Bücherschrank, griff hinter die Bücher und zog einige

Feigen hervor. Es waren wenige mehr da. Dazu sah er mich an, mit stummer,

peinlicher Frage. Ich konnte nichts sagen. Leid und Trotz würgten mich.

„Was ist denn?“ brachte ich dann heraus.

„Woher hast du diese Feigen?“ fragte er, mit einer beherrschten, leisen

Stimme, die mir bitter verhaßt war.

Ich begann sofort zu reden. Zu lügen. Ich erzählte, daß ich die Feigen bei

einem Konditor gekauft hätte, es sei ein ganzer Kranz gewesen. Woher das Geld

dazu kam? Das Geld kam aus einer Sparkasse, die ich gemeinsam mit einem

Freunde hatte. Da hatten wir beide alles kleine Geld hineingetan, das wir je und

je bekamen. Übrigens — hier war die Kasse. Ich holte die Schachtel mit dem

Schlitz hervor. Jetzt war bloß noch ein Zehner darin, eben weil wir gestern die

Feigen gekauft hatten.

Mein Vater hörte zu, mit einem stillen, beherrschten Gesicht, dem ich nichts

glaubte.

„Wieviel haben denn die Feigen gekostet?“ fragte er mit der zu leisen Stimme.

„Eine Mark und sechzig.“

„Und wo hast du sie gekauft?“

„Beim Konditor.“

„Bei welchem?“

„Bei Haager.“

Es gab eine Pause. Ich hielt die Geldschachtel noch in frierenden Fingern.

Alles an mir war kalt und fror.

Und nun fragte er, mit einer Drohung in der Stimme: „Ist das wahr?“

Ich redete wieder rasch. Ja, natürlich war es wahr, und mein Freund Weber

war im Laden gewesen, ich hatte ihn nur begleitet. Das Geld hatte hauptsächlich

ihm, dem Weber, gehört, von mir war nur wenig dabei.

„Nimm deine Mütze,“ sagte mein Vater, „wir wollen miteinander zum

Konditor Haager gehen. Er wird ja wissen, ob es wahr ist.“

Ich versuchte zu lächeln. Nun ging mir die Kälte bis in Herz und Magen. Ich

ging voran und nahm im Korridor meine blaue Mütze. Der Vater öffnete die

Glastür, auch er hatte seinen Hut genommen.

„Noch einen Augenblick!“ sagte ich, „ich muß noch schnell hinausgehen.“

Er nickte. Ich ging auf den Abtritt, schloß zu, war allein, war noch einen

Augenblick gesichert. O, wenn ich jetzt gestorben wäre!

Ich blieb eine Minute, blieb zwei. Es half nichts. Man starb nicht. Es galt standzuhalten. Ich schloß auf und kam. Wir gingen die Treppe hinunter.

Als wir eben durchs Haustor gingen, fiel mir etwas Gutes ein, und ich sagte

schnell: „Aber heut ist ja Sonntag, da hat der Haager gar nicht offen.“

Das war eine Hoffnung, zwei Sekunden lang. Mein Vater sagte gelassen:

„Dann gehen wir zu ihm in die Wohnung. Komm.“

Wir gingen. Ich schob meine Mütze gerade, steckte eine Hand in die Tasche

und versuchte neben ihm daher zu gehen, als sei nichts Besonderes los. Obwohl

ich wußte, daß alle Leute mir ansahen, ich sei ein abgeführter Verbrecher,

versuchte ich doch mit tausend Künsten, es zu verheimlichen. Ich bemühte mich,

einfach und harmlos zu atmen; es brauchte niemand zu sehen, wie es mir die

Brust zusammenzog. Ich war bestrebt, ein argloses Gesicht zu machen,

Selbstverständlichkeit und Sicherheit zu heucheln. Ich zog einen Strumpf hoch,

ohne daß er es nötig hatte, und lächelte, während ich wußte, daß dies Lächeln

furchtbar dumm und künstlich aussehe. In mir innen, in Kehle und Eingeweiden,

saß der Teufel und würgte mich.

Wir kamen am Gasthaus vorüber, beim Hufschmied, beim Lohnkutscher, bei

der Eisenbahnbrücke. Dort drüben hatte ich gestern abend mit Weber gekämpft.

Tat nicht der Riß beim Auge noch weh? Mein Gott! Mein Gott!

Willenlos ging ich weiter, unter Krämpfen um meine Haltung bemüht. An der

Adlerscheuer vorbei, die Bahnhofstraße hinaus. Wie war diese Straße gestern

noch gut und harmlos gewesen! Nicht denken! Weiter! Weiter!

Wir waren ganz nahe bei Haagers Haus. Ich hatte in diesen paar Minuten

einige hundertmal die Szene voraus erlebt, die mich dort erwartete. Nun waren

wir da. Nun kam es.

Aber es war mir unmöglich, das auszuhalten. Ich blieb stehen.

„Nun? Was ist?“ fragte mein Vater.

„Ich gehe nicht hinein,“ sagte ich leise.

Er sah zu mir herab. Er hatte es ja gewußt, von Anfang an. Warum hatte ich

ihm das alles vorgespielt und mir so viel Mühe gegeben? Es hatte ja keinen Sinn.

„Hast du die Feigen nicht bei Haager gekauft?“ fragte er.

Ich schüttelte den Kopf.

„Ach so,“ sagte er mit scheinbarer Ruhe. „Dann können wir ja wieder nach

Hause gehen.“

Er benahm sich anständig, er schonte mich auf der Straße, vor den Leuten. Es

waren viele Leute unterwegs, jeden Augenblick wurde mein Vater gegrüßt.

Welches Theater! Welche dumme, unsinnige Qual! Ich konnte ihm für diese

Schonung nicht dankbar sein.

Er wußte ja alles! Und er ließ mich tanzen, ließ mich meine nutzlosen

Kapriolen vollführen, wie man eine gefangene Maus in der Drahtfalle tanzen läßt, ehe man sie ersäuft. Ach, hätte er mir gleich zu Anfang, ohne mich

überhaupt zu fragen und zu verhören, mit dem Stock über den Kopf gehauen,

das wäre mir im Grunde lieber gewesen als diese Ruhe und Gerechtigkeit, mit

der er mich in meinem dummen Lügengespinst einkreiste und langsam erstickte.

Überhaupt, vielleicht war es besser, einen groben Vater zu haben, als so einen

feinen und gerechten. Wenn ein Vater, so wie es in Geschichten und Traktätchen

vorkam, im Zorn oder in der Betrunkenheit seine Kinder furchtbar prügelte, so

war er eben im Unrecht, und wenn die Prügel auch weh taten, so konnte man

doch innerlich die Achseln zucken und ihn verachten. Bei meinem Vater ging

das nicht, er war zu fein, zu einwandfrei, er war nie im Unrecht! Ihm gegenüber

wurde man immer klein und elend.

Mit zusammengebissenen Zähnen ging ich vor ihm her ins Haus und wieder in

mein Zimmer. Er war noch immer ruhig und kühl, vielmehr er stellte sich so,

denn in Wahrheit war er, wie ich deutlich spürte, sehr böse. Nun begann er in

seiner gewohnten Art zu sprechen.

„Ich möchte nur wissen, wozu diese Komödie dienen soll? Kannst du mir das

nicht sagen? Ich wußte ja gleich, daß deine ganze hübsche Geschichte erlogen

war. Also wozu die Faxen? Du hältst mich doch nicht im Ernst für so dumm, daß

ich sie dir glauben würde?“

Ich biß weiter auf meine Zähne und schluckte. Wenn er doch aufhören wollte!

Als ob ich selber gewußt hätte, warum ich ihm diese Geschichte vorlog! Als ob

ich selber gewußt hätte, warum ich nicht mein Verbrechen gestehen und um

Verzeihung bitten konnte! Als ob ich selber auch nur gewußt hätte, warum ich

diese unseligen Feigen stahl! Hatte ich das denn g e w o l l t , hatte ich es denn

mit Überlegung und Wissen und aus Gründen getan?! Tat es mir denn nicht leid?

Litt ich denn nicht mehr darunter als er?

Er wartete und machte ein nervöses Gesicht voll mühsamer Geduld. Einen

Augenblick lang war mir selbst die Lage vollkommen klar, im Unbewußten,

doch hätte ich es nicht wie heut mit Worten sagen können. Es war so: Ich hatte

gestohlen, weil ich trostbedürftig in Vaters Zimmer gekommen war und es zu

meiner Enttäuschung leer gefunden hatte. Ich hatte nicht stehlen wollen. Ich

hatte, als der Vater nicht da war, nur spionieren wollen, mich unter seinen

Sachen umsehen, seine Geheimnisse belauschen, etwas über ihn erfahren. So

war es. Dann lagen Feigen da, und ich stahl. Und sofort bereute ich, und den

ganzen Tag gestern hatte ich Qual und Verzweiflung gelitten, hatte zu sterben

gewünscht, hatte mich verurteilt, hatte neue, gute Vorsätze gefaßt. Heut aber —

ja, heut war es nun anders. Ich hatte diese Reue und all das nun ausgekostet, ich

war jetzt nüchterner, und ich spürte unerklärliche, aber riesenstarke Widerstände

gegen den Vater und gegen alles, was er von mir erwartete und verlangte.

Hätte ich ihm das sagen können, so hätte er mich verstanden. Aber auch

Kinder, so sehr sie den Großen an Klugheit überlegen sind, stehen einsam und

ratlos vor dem Schicksal.

Steif vor Trotz und verbissenem Weh schwieg ich weiter, ließ ihn klugreden

und sah mit Leid und seltsamer Schadenfreude zu, wie alles schief ging und

schlimm und schlimmer wurde, wie er litt und enttäuscht war, wie er vergeblich

an alles Bessere in mir appellierte.

Als er fragte: „Also hast du die Feigen gestohlen?“, konnte ich nur nicken.

Mehr als ein schwaches Nicken brachte ich auch nicht über mich, als er wissen

wollte, ob es mir leid tue. — Wie konnte er, der große, kluge Mann, so unsinnig

fragen! Als ob es mir etwa nicht leid getan hätte! Als ob er nicht hätte sehen

können, wie mir das Ganze weh tat und das Herz umdrehte! Als ob es mir

möglich gewesen wäre, mich etwa gar noch meiner Tat und der elenden Feigen

zu freuen!

Vielleicht zum erstenmal in meinem kindlichen Leben empfand ich fast bis

zur Schwelle der Einsicht und des Bewußtwerdens, wie namenlos zwei

verwandte, gegeneinander wohlgesinnte Menschen sich mißverstehen und

quälen und martern können, und wie dann alles Reden, alles Klugseinwollen,

alle Vernunft bloß noch Gift hinzugießt, bloß neue Qualen, neue Stiche, neue

Irrtümer schafft. Wie war das möglich? Aber es w a r möglich, es geschah. Es

war unsinnig, es war toll, es war zum Lachen und zum Verzweifeln — aber es

war so.

Genug nun von dieser Geschichte! Es endete damit, daß ich über den

Sonntagnachmittag in der Dachkammer eingesperrt wurde. Einen Teil ihrer

Schrecken verlor die harte Strafe durch Umstände, welche freilich mein

Geheimnis waren. In der dunkeln, unbenutzten Bodenkammer stand nämlich tief

verstaubt eine Kiste, halb voll mit alten Büchern, von denen einige keineswegs

für Kinder bestimmt waren. Das Licht zum Lesen gewann ich durch das

Beiseiteschieben eines Dachziegels.

Am Abend dieses traurigen Sonntags gelang es meinem Vater, kurz vor

Schlafengehen mich noch zu einem kurzen Gespräch zu bringen, das uns

versöhnte. Als ich im Bette lag, hatte ich die Gewißheit, daß er mir ganz und

vollkommen verziehen habe — vollkommener als ich ihm.