Klingsors letzter Sommer

Hermann Hesse · Kapitel 5 von 16

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Klingsors letzter Sommer

Kapitel IV

Hastig kleidete er sich an, ohne Licht, suchte vor der Tür seine staubigen

Stiefel, schlich hinab und aus dem Hause und lief, auf müden, einsinkenden

Beinen, verzweifelt durch Dorf und Nacht davon, von sich selbst verhöhnt, von

sich selbst verfolgt, von sich selbst gehaßt.

 

I V

 

Ringend und verzweifelnd schlug sich Klein mit seinem Dämon. Was ihm

seine Schicksalstage an Neuem, an Erkenntnis und Erlösung gebracht hatten,

war in der trunkenen Gedankenhast und Hellsichtigkeit des vergangenen Tages

zu einer Welle gestiegen, deren Höhe ihm unverlierbar erschienen war, während

er schon wieder aus ihr zu sinken begann. Jetzt lag er wieder im Tal und

Schatten, noch kämpfend, noch heimlich hoffend, aber tief verwundet. Einen

Tag lang, einen kurzen, glänzenden Tag lang war es ihm gelungen, die einfache

Kunst zu üben, die jeder Grashalm kann. Einen armen Tag lang hatte er sich

selbst geliebt, sich selbst als Eines und Ganzes gefühlt, nicht in feindliche Teile

zerspalten, er hatte sich geliebt, und in sich die Welt und Gott, und nichts als

Liebe, Bestätigung und Freude war ihm von überall her entgegengekommen.

Hätte gestern ein Räuber ihn überfallen, ein Polizist ihn verhaftet, es wäre

Bestätigung, Lächeln, Harmonie gewesen! Und nun, mitten im Glück war er

wieder umgefallen und klein geworden. Er ging mit sich ins Gericht, während

sein Innerstes wußte, daß jedes Gericht falsch und töricht sei. Die Welt, welche

einen herrlichen Tag lang durchsichtig und ganz von Gott erfüllt gewesen war,

lag wieder hart und schwer, und jedes Ding hatte seinen eigenen Sinn, und jeder

Sinn widersprach jedem andern. Die Begeisterung dieses Tages hatte wieder

weichen, hatte sterben können! Sie, die heilige, war eine Laune gewesen, und die

Sache mit Teresina eine Einbildung, und das Abenteuer im Wirtshaus eine

zweifelhafte und anrüchige Geschichte.

Er wußte bereits, daß das würgende Angstgefühl nur dann verging, wenn er

nicht an sich schulmeisterte und Kritik übte, nicht in den Wunden stocherte, in

den alten Wunden. Er wußte: alles Schmerzende, alles Dumme, alles Böse wurde

zum Gegenteil, wenn man es als Gott erkennen konnte, wenn man ihm in seine

tiefsten Wurzeln nachging, die weit über das Weh und Wohl und Gut und Böse

hinauf reichten. Er wußte es. Aber es war nichts dagegen zu tun, der böse Geist

war in ihm, Gott war wieder ein Wort, schön und fern. Er haßte und verachtete sich, und dieser Haß kam, wenn es Zeit war, ebenso ungewollt und unabwendbar

über ihn wie zu andern Zeiten die Liebe und das Vertrauen. Und so mußte es

immer wieder gehen! Immer und immer wieder würde er die Gnade und das

Selige erleben, und immer wieder das verfluchte Gegenteil, und nie würde sein

Leben die Straße gehen, die sein eigener Wille ihm vorschrieb. Spielball und

schwimmender Kork, würde er ewig hin und wider geschlagen werden. Bis es zu

Ende war, bis einmal eine Welle sich überschlug und Tod oder Wahnsinn ihn

aufnahm. O, möchte es bald sein!

Zwangsweise kehrten die ihm längst so bitter vertrauten Gedanken wieder,

unnütze Sorgen, unnütze Ängste, unnütze Selbstanklagen, deren Unsinn

einzusehen nur eine Qual mehr war. Eine Vorstellung kehrte wieder, die er

kürzlich (ihm schien, es seien Monate dazwischen) auf der Reise gehabt hatte:

Wie gut es wäre, sich auf die Schienen unter einen Bahnzug zu stürzen, den

Kopf voran! Diesem Bilde ging er begierig nach, atmete es wie Äther ein: den

Kopf voran, alles in Splitter und Fetzen gehauen und gemahlen, alles auf die

Räder gewickelt und auf den Schienen zu nichts zerrieben! Tief fraß sein Leid

sich in diese Visionen ein, mit Beifall und Wollust hörte, sah und schmeckte er

die gründliche Zerstörung des Friedrich Klein, fühlte sein Herz und Gehirn

zerrissen, verspritzt, zerstampft, den schmerzenden Kopf zerkracht, die

schmerzenden Augen ausgelaufen, die Leber zerknetet, die Nieren zerrieben, das

Haar wegrasiert, die Knochen, Knie und Kinn zerpulvert. Das war es, was der

Totschläger Wagner hatte fühlen wollen, als er seine Frau, seine Kinder und sich

selbst im Blut ersäufte. Genau dies war es. O, er verstand ihn so gut! Er selbst

war Wagner, war ein Mensch von guten Gaben, fähig das Göttliche zu fühlen,

fähig zu lieben, aber allzu beladen, allzu nachdenklich, allzu leicht zu ermüden,

allzu wohl unterrichtet über seine Mängel und Krankheiten. Was in aller Welt

hatte solch ein Mensch, solch ein Wagner, solch ein Klein denn zu tun? Immer

die Kluft vor Augen, die ihn von Gott trennte, immer den Riß der Welt durch

sein eignes Herz gehen fühlend, ermüdet, aufgerieben vom ewigen Aufschwung

zu Gott, der ewig mit Rückfall endete — was sollte solch ein Wagner, solch ein

Klein anderes tun als sich auslöschen, sich und alles was an ihn erinnern konnte,

und sich zurückwerfen in den dunkeln Schoß, aus dem der Unausdenkliche

immer und ewig wieder die vergängliche Welt der Gestaltungen ausstieß? Nein,

es war nichts anderes möglich! Wagner mußte gehen, Wagner mußte sterben,

Wagner mußte sich aus dem Buch des Lebens ausstreichen. Es mochte vielleicht

nutzlos sein, sich umzubringen, es mochte vielleicht lächerlich sein. Vielleicht

war alles das ganz richtig, was die Bürger, in jener anderen Welt drüben, über

den Selbstmord sagten. Aber gab es irgend etwas für den Menschen in diesem

Zustande, das nicht nutzlos, das nicht lächerlich war? Nein, nichts. Immer noch besser, den Schädel unter den Eisenrädern zu haben, ihn krachen zu fühlen und

mit Willen in den Abgrund zu tauchen.

Auf schwankenden Knien hielt er sich Stunde um Stunde rastlos unterwegs.

Auf den Schienen einer Bahnlinie, an die der Weg ihn geführt hatte, lag er einige

Zeit, schlummerte sogar ein, den Kopf auf dem Eisen, erwachte wieder und hatte

vergessen, was er wollte, stand auf, wehte taumelnd weiter, Schmerzen an den

Sohlen, Qualen im Kopf, zuweilen fallend, von einem Dorn verletzt, zuweilen

leicht und wie schwebend, zuweilen Schritt um Schritt mühsam bezwingend.

„Jetzt reitet mich der Teufel reif!“ sang er heiser vor sich hin. Reif werden!

Unter Qualen fertig gebraten, zu Ende geröstet werden, wie der Kern im

Pfirsich, um reif zu sein, um sterben zu können!

Ein Funke schwamm hier in seiner Finsternis, an den hing er alsbald alle

Inbrunst seiner zerrissenen Seele. Ein Gedanke: es war nutzlos, sich zu töten,

sich jetzt zu töten, es hatte keinen Wert, sich Glied für Glied auszurotten und zu

zerschlagen, es war nutzlos! Gut aber und erlösend war es, zu leiden, unter

Qualen und Tränen reif gegoren, unter Schlägen und Schmerzen fertig

geschmiedet zu werden. Dann durfte man sterben, und dann war es ein gutes

Sterben, schön und sinnvoll, das Seligste der Welt, seliger als jede Liebesnacht:

ausgeglüht und völlig hingegeben in den Schoß zurückzufallen, zum Erlöschen,

zum Erlösen, zur Neugeburt. Solch ein Tod, solch ein reifer und guter, edler Tod

allein hatte Sinn, nur er war Erlösung, nur er war Heimkehr. Sehnsucht weinte in

seinem Herzen auf. O, wo war der schmale, schwere Weg, wo war die Pforte? Er

war bereit, er sehnte sich mit jeder Zuckung seines von Ermattung zitternden

Leibes, seiner von Todespein geschüttelten Seele.

Als der Morgen am Himmel aufgraute und der bleierne See im ersten kühlen

Silberblitz erwachte, stand der Gejagte in einem kleinen Kastanienwalde, hoch

über See und Stadt, zwischen Farnkraut und hohen, blühenden Spiräen, feucht

vom Tau. Mit erloschenen Augen, doch lächelnd, starrte er in die wunderliche

Welt. Er hatte den Zweck seiner triebhaften Irrfahrt erreicht: er war so totmüde,

daß die geängstigte Seele schwieg. Und, vor allem, die Nacht war vorbei! Der

Kampf war gekämpft, eine Gefahr war überstanden. Von der Erschöpfung

gefällt, sank er wie ein Toter zwischen Farn und Wurzeln auf den Waldboden,

den Kopf ins Heidelbeerkraut, vor seinen versagenden Sinnen schmolz die Welt

hinweg. Die Hände ins Gekräut geballt, Brust und Gesicht an der Erde, gab er

sich hungernd dem Schlafe hin, als sei es der ersehnte letzte.

In einem Traume, von dem nur wenige Bruchstücke ihm nachher erinnerlich

waren, sah er folgendes: An einem Tor, das wie der Eingang zu einem Theater

aussah, hing ein großer Schild mit einer riesigen Aufschrift: sie hieß (das war

unentschieden) entweder „Lohengrin“ oder „Wagner“. Zu diesem Tore ging er hinein. Drinnen war eine Frau, die glich der Wirtsfrau von heute nacht, aber auch

seiner eigenen Frau. Ihr Kopf war entstellt, er war zu groß, und das Gesicht zu

einer fratzenhaften Maske verändert. Widerwille gegen diese Frau ergriff ihn

mächtig, er stieß ihr ein Messer in den Leib. Aber eine andere Frau, wie ein

Spiegelbild der ersten, kam von hinten über ihn, rächend, schlug ihm scharfe,

starke Krallen in den Hals und wollte ihn erwürgen.

Beim Aufwachen aus diesem tiefen Schlaf sah er verwundert Wald über sich

und war steif vom harten Liegen, doch erfrischt. Mit leiser Beängstigung klang

der Traum in ihm nach. Was für seltsame, naive und negerhafte Spiele der

Phantasie! dachte er, einen Augenblick lächelnd, als ihm die Pforte mit der

Aufforderung zum Eintritt in das Theater „Wagner“ wieder einfiel. Welche Idee,

sein Verhältnis zu Wagner so darzustellen! Dieser Traumgeist war roh, aber

genial. Er traf den Nagel auf den Kopf. Und er schien alles zu wissen! Das

Theater mit der Aufschrift „Wagner“ war das nicht er selbst, war es nicht die

Aufforderung, in sich selbst einzutreten, in das fremde Land seines wahren

Innern? Denn Wagner war er selber — Wagner war der Mörder und Gejagte in

ihm, aber Wagner war auch der Komponist, der Künstler, das Genie, der

Verführer, die Neigung zu Lebenslust, Sinnenlust, Luxus — Wagner war der

Sammelname für alles Unterdrückte, Untergesunkene, zu kurz Gekommene in

dem ehemaligen Beamten Friedrich Klein. Und „Lohengrin“ — war nicht auch

das er selbst, Lohengrin, der irrende Ritter mit dem geheimnisvollen Ziel, den

man nicht nach seinem Namen fragen darf? Das weitere war unklar, die Frau mit

dem furchtbaren Maskenkopf und die andere mit den Krallen — der Messerstoß

in ihren Bauch erinnerte ihn auch noch an irgend etwas, er hoffte es noch zu

finden — die Stimmung von Mord und Todesgefahr war seltsam und grell

vermischt mit der von Theater, Masken und Spiel.

Beim Gedanken an die Frau und das Messer sah er einen Augenblick deutlich

sein eheliches Schlafzimmer vor sich. Da mußte er an die Kinder denken — wie

hatte er die vergessen können! Er dachte an sie, wie sie morgens in ihren

Nachthemdchen aus den kleinen Betten kletterten. Er mußte an ihre Namen

denken, besonders an Elly. O, die Kinder! Langsam liefen ihm Tränen aus den

Augen über das übernächtige Gesicht. Er schüttelte den Kopf, erhob sich mit

einiger Mühe und begann Laub und Erdkrumen von seinen zerdrückten Kleidern

zu lesen. Nun erst erinnerte er sich klar dieser Nacht, der kahlen Steinkammer in

der Dorfschenke, der fremden Frau an seiner Brust, seiner Flucht, seiner

gehetzten Wanderung. Er sah dies kleine, entstellte Stück Leben an wie ein

Kranker die abgezehrte Hand, den Ausschlag an seinem Bein anschaut.

In gefaßter Trauer, noch mit Tränen in den Augen, sagte er leise vor sich hin:

„Gott, was hast du noch mit mir im Sinn?“ Aus den Gedanken der Nacht klang nur die eine Stimme voll Sehnsucht in ihm fort: nach Reifsein, nach Heimkehr,

nach Sterbendürfen. War denn sein Weg noch weit? War die Heimat noch fern?

War noch viel, viel Schweres, war noch Unausdenkliches zu leiden? Er war

bereit dazu, er bot sich hin, sein Herz stand offen: Schicksal, stoß zu!

Langsam kam er durch Bergwiesen und Weinberge gegen die Stadt

hinabgeschritten. Er suchte sein Zimmer auf, wusch und kämmte sich, wechselte

die Kleider. Er ging speisen, trank etwas von dem guten Wein, und spürte die

Ermüdung in den steifen Gliedern sich lösen und wohlig werden. Er erkundigte

sich, wenn im Kursaal getanzt werde, und ging zur Teestunde hin.

Teresina tanzte eben, als er eintrat. Er sah das eigentümlich glänzende

Tanzlächeln auf ihrem Gesicht wieder und freute sich. Er begrüßte sie, als sie zu

ihrem Tisch zurückging, und nahm dort Platz.

„Ich möchte Sie einladen, heute abend mit mir nach Castiglione zu fahren,“

sagte er leise.

Sie besann sich.

„Gleich heut?“ fragte sie. „Eilt es so sehr?“

„Ich kann auch warten. Aber es wäre hübsch. Wo darf ich Sie erwarten?“

Sie widerstand der Einladung nicht und nicht dem kindlichen Lachen, das für

Augenblicke seltsam hübsch in seinem zerfurchten, einsamen Gesicht hing, wie

an der letzten Wand eines abgebrannten und eingerissenen Hauses noch eine

frohe bunte Tapete hängt.

„Wo waren Sie denn?“ fragte sie neugierig. „Sie waren gestern so plötzlich

verschwunden. Und jedesmal haben Sie ein anderes Gesicht, auch heute wieder.

— Sie sind doch nicht Morphinist?“

Er lachte nur, mit dem seltsam hübschen und etwas fremdartigen Lachen, bei

dem sein Mund und Kinn ganz knabenhaft aussah, während über Stirn und

Augen unverändert der Dornenreif lag.

„Bitte holen Sie mich gegen neun Uhr ab, im Restaurant des Hotel Esplanade.

Ich glaube, um neun geht ein Boot. Aber sagen Sie, was haben Sie seit gestern

gemacht?“

„Ich glaube, ich war spazieren, den ganzen Tag, und auch die ganze Nacht. Ich

habe eine Frau in einem Dorf trösten müssen, weil ihr Mann fortgelaufen war.

Und dann habe ich mir viel Mühe mit einem italienischen Lied gegeben, das ich

lernen wollte, weil es von einer Teresina handelt.“

„Was ist das für ein Lied?“

„Es fängt an: Su in cima di quel boschetto.“

„Um Gottes willen, diesen Gassenhauer kennen Sie auch schon? Ja, der ist

jetzt in Mode bei den Ladenmädchen.“

„O, ich finde das Lied sehr hübsch.“

„Und eine Frau haben Sie getröstet?“

„Ja, sie war traurig, ihr Mann war weggelaufen und war ihr untreu.“

„So? Und wie haben Sie sie getröstet?“

„Sie kam zu mir, um nicht mehr allein zu sein. Ich habe sie geküßt und bei mir

liegen gehabt.“

„War sie denn hübsch?“

„Ich weiß nicht, ich sah sie nicht genau. — Nein, lachen Sie nicht, nicht

hierüber! Es war so traurig.“

Sie lachte dennoch. „Wie sind Sie komisch! Nun, und geschlafen haben Sie

überhaupt nicht? Sie sehen danach aus.“

„Doch, ich habe mehrere Stunden geschlafen, in einem Wald dort oben.“

Sie blickte seinem Finger nach, der in die Saaldecke deutete, und lachte laut.

„In einem Wirtshaus?“

„Nein, im Wald. In den Heidelbeeren. Sie sind schon beinahe reif.“

„Sie sind ein Phantast. — Aber ich muß tanzen, der Direktor klopft schon. —

Wo sind Sie, Claudio?“

Der schöne, dunkle Tänzer stand schon hinter ihrem Stuhl, die Musik begann.

Am Schluß des Tanzes ging er.

Abends holte er sie pünktlich ab und war froh, den Smoking angezogen zu

haben, denn Teresina hatte sich überaus festlich gekleidet, violett mit vielen

Spitzen, und sah wie eine Fürstin aus.

Am Strande führte er Teresina nicht zum Kursschiff, sondern in ein hübsches

Motorboot, das er für den Abend gemietet hatte. Sie stiegen ein, in der

halboffenen Kajüte lagen Decken für Teresina bereit und Blumen. Mit scharfer

Kurve schnob das rasche Boot zum Hafen hinaus in den See.

Draußen in der Nacht und Stille sagte Klein: „Teresina, ist es nicht eigentlich

schade, jetzt dort hinüber unter die vielen Menschen zu gehen? Wenn Sie Lust

haben, fahren wir weiter, ohne Ziel, solang es uns gefällt, oder wir fahren in

irgendein hübsches stilles Dorf, trinken einen Landwein und hören zu, wie die

Mädchen singen. Was meinen Sie?“

Sie schwieg, und er sah alsbald Enttäuschung auf ihrem Gesicht. Er lachte.

„Nun, es war ein Einfall von mir, verzeihen Sie. Sie sollen vergnügt sein und

haben, was Ihnen Spaß macht, ein andres Programm haben wir nicht. In zehn

Minuten sind wir drüben.“

„Interessiert Sie denn das Spiel gar nicht?“ fragte sie.

„Ich werde ja sehen, ich muß es erst probieren. Der Sinn davon ist mir noch

etwas dunkel. Man kann Geld gewinnen und Geld verlieren. Ich glaube, es gibt

stärkere Sensationen.“

„Das Geld, um das gespielt wird, braucht ja nicht bloß Geld zu sein. Es ist für jeden ein Sinnbild, jeder gewinnt oder verliert nicht Geld, sondern all die

Wünsche und Träume, die es für ihn bedeutet. Für mich bedeutet es Freiheit.

Wenn ich Geld habe, kann niemand mir mehr befehlen. Ich lebe, wie ich will.

Ich tanze, wann und wo und für wen ich will. Ich reise, wohin ich will.“

Er unterbrach sie.

„Was sind Sie für ein Kind, liebes Fräulein! Es gibt keine solche Freiheit,

außer in Ihren Wünschen. Werden Sie morgen reich und frei und unabhängig —

übermorgen verlieben Sie sich in einen Kerl, der Ihnen das Geld wieder

abnimmt, oder der Ihnen bei Nacht den Hals abschneidet.“

„Reden Sie nicht so scheußlich! Also: wenn ich reich wäre, würde ich

vielleicht einfacher leben als jetzt, aber ich täte es, weil es mir Spaß machte,

freiwillig und nicht aus Zwang. Ich hasse Zwang! Und sehen Sie, wenn ich nun

mein Geld im Spiel einsetze, dann sind bei jedem Verlust und Gewinn alle meine

Wünsche beteiligt, es geht um alles, was mir wertvoll und begehrenswert ist, und

das gibt ein Gefühl, das man sonst nicht leicht findet.“

Klein sah sie an, während sie sprach, ohne sehr auf ihre Worte zu achten.

Ohne es zu wissen, verglich er Teresinas Gesicht mit dem Gesicht jener Frau,

von der er im Walde geträumt hatte.

Erst als das Boot in die Bucht von Castiglione einfuhr, wurde es ihm bewußt,

denn jetzt erinnerte ihn der Anblick des beleuchteten Blechschildes mit dem

Stationsnamen heftig an den Schild im Traum, auf welchem „Lohengrin“ oder

„Wagner“ gestanden hatte. Genau so hatte jenes Schild ausgesehen, genau so

groß, so grau und weiß, so grell beleuchetet. War dies hier die Bühne, die auf ihn

wartete? Kam er hier zu Wagner? Nun fand er auch, daß Teresina der Traumfrau

glich, vielmehr den beiden Traumfrauen, deren eine er mit dem Messer

totgestochen, deren andre ihn tödlich mit den Krallen gewürgt hatte. Ein

Schrecken lief ihm über die Haut. Hing denn das alles zusammen? Wurde er

wieder von unbekannten Geistern geführt? Und wohin? Zu Wagner? Zu Mord?

Zu Tod?

Beim Aussteigen nahm Teresina seinen Arm, und so Arm in Arm gingen sie

durch den kleinen bunten Lärm der Schifflände, durchs Dorf und in das Kasino.

Hier gewann alles jenen halb reizenden, halb ermüdenden Schimmer von

Unwahrscheinlichkeit, den die Veranstaltungen gieriger Menschen stets da

bekommen, wo sie fern den Städten in stille Landschaften verirrt stehen. Die

Häuser waren zu groß und zu neu, das Licht zu reichlich, die Säle zu prächtig,

die Menschen zu lebhaft. Zwischen den großen, finsteren Bergzügen und dem

weiten, sanften See hing der kleine dichte Bienenschwarm begehrlicher und

übersättigter Menschen so ängstlich gedrängt, als sei er keine Stunde seiner

Dauer gewiß, als könne jeden Augenblick etwas geschehen, das ihn wegwischte. Aus Sälen, wo gespeist und Champagner getrunken wurde, quoll süße überhitzte

Geigenmusik heraus, auf Treppen zwischen Palmen und laufenden Brunnen

glühten Blumengruppen und Frauenkleider durcheinander, bleiche

Männergesichter über offnen Abendröcken, blaue Diener mit Goldknöpfen

geschäftig, dienstbar und vielwissend, duftende Weiber mit südlichen Gesichtern

bleich und glühend, schön und krank, und nordische derbe Frauen drall,

befehlend und selbstbewußt, alte Herren wie aus Illustrationen zu Turgenjew und

Fontane.

Klein fühlte sich unwohl und müde, sobald sie die Säle betraten. Im großen

Spielsaal zog er zwei Tausenderscheine aus der Tasche.

„Wie nun?“ fragte er. „Wollen wir gemeinsam spielen?“

„Nein, nein, das ist nichts. Jeder für sich.“

Er gab ihr einen Schein und bat sie, ihn zu führen. Sie standen bald an einem

Spieltisch. Klein legte seine Banknote auf eine Nummer, das Rad wurde gedreht,

er verstand nichts davon, sah nur seinen Einsatz weggewischt und

verschwunden. Das geht schnell, dachte er befriedigt, und wollte Teresina

zulachen. Sie war nicht mehr neben ihm. Er sah sie bei einem andern Tisch

stehen und ihr Geld wechseln. Er ging hinüber. Sie sah nachdenklich, besorgt

und sehr beschäftigt aus wie eine Hausfrau.

Er folgte ihr an einen Spieltisch und sah ihr zu. Sie kannte das Spiel und folgte

ihm mit scharfer Aufmerksamkeit. Sie setzte kleine Summen, nie mehr als

fünfzig Franken, bald hier bald dort, gewann einige Male, steckte Scheine in ihre

perlengestickte Handtasche, zog wieder Scheine heraus.

„Wie geht’s?“ fragte er zwischenein.

Sie war empfindlich über die Störung.

„O, lassen Sie mich spielen! Ich werde es schon gut machen.“ Bald wechselte

sie den Tisch, er folgte ihr, ohne daß sie ihn sah. Da sie so sehr beschäftigt war

und seine Dienste nie in Anspruch nahm, zog er sich auf eine Lederbank an der

Wand zurück. Einsamkeit schlug über ihm zusammen. Er versank wieder in

Nachdenken über seinen Traum. Es war sehr wichtig, ihn zu verstehen.

Vielleicht würde er nicht oft mehr solche Träume haben, vielleicht waren sie wie

im Märchen die Winke der guten Geister: zweimal, auch dreimal wurde man

gelockt, oder wurde gewarnt, war man dann immer noch blind, so nahm das

Schicksal seinen Lauf und keine befreundete Macht griff mehr ins Rad. Von Zeit

zu Zeit blickte er nach Teresina aus, sah sie an einem der Tische bald sitzen, bald

stehen, hell schimmerte ihr gelbes Haar zwischen den Fräcken.

Wie lang sie mit den tausend Franken ausreicht! dachte er gelangweilt, bei mir

ging das schneller.

Einmal nickte sie ihm zu. Einmal, nach einer Stunde, kam sie herüber, fand ihn in sich versunken und legte ihm die Hand auf den Arm.

„Was machen Sie? Spielen Sie denn nicht?“

„Ich habe schon gespielt.“

„Verloren?“

„Ja. O, es war nicht viel.“

„Ich habe etwas gewonnen. Nehmen Sie von meinem Geld.“

„Danke, heut nicht mehr. — Sind Sie zufrieden?“

„Ja, es ist schön. Nun, ich gehe wieder. Oder wollen Sie schon nach Hause?“

Sie spielte weiter, da und dort sah er ihr Haar zwischen den Schultern der

Spieler aufglänzen. Er brachte ihr ein Glas Champagner hinüber, und trank selbst

ein Glas. Dann setzte er sich wieder auf die Lederbank an der Wand.

Wie war das mit den beiden Frauen im Traum? Sie hatten seiner eigenen Frau

geglichen und auch der Frau im Dorfwirtshaus und auch Teresina. Von andern

Frauen wußte er nicht, seit Jahren nicht. Die eine Frau hatte er erstochen, voll

Abscheu über ihr verzerrtes geschwollenes Gesicht. Die andre hatte ihn

überfallen, von hinten, und erwürgen wollen. Was war nun richtig? Was war

bedeutsam? Hatte er seine Frau verwundet, oder sie ihn? Würde er an Teresina

zugrunde gehen, oder sie an ihm? Konnte er eine Frau nicht lieben, ohne ihr

Wunden zu schlagen, und ohne von ihr verwundet zu werden? War das sein

Fluch? Oder war das allgemein? Ging es allen so? War alle Liebe so?

Und was verband ihn mit dieser Tänzerin? Daß er sie liebte? Er hatte viele

Frauen geliebt, die nie davon erfahren hatten. Was band ihn an sie, die drüben

stand und das Glücksspiel wie ein ernstes Geschäft betrieb? Wie war sie kindlich

in ihrem Eifer, in ihrer Hoffnung, wie war sie gesund, naiv und lebenshungrig!

Was würde sie davon verstehen, wenn sie seine tiefste Sehnsucht kannte, das

Verlangen nach Tod, das Heimweh nach Erlöschen, nach Rückkehr in Gottes

Schoß! Vielleicht würde sie ihn lieben, schon bald, vielleicht würde sie mit ihm

leben — aber würde es anders sein, als es mit seiner Frau gewesen war? Würde

er nicht, immer und immer, mit seinen innigsten Gefühlen allein sein?

Teresina unterbrach ihn. Sie blieb bei ihm stehen und gab ihm ein Bündel

Banknoten in die Hand.

„Bewahren Sie mir das auf, bis nachher.“

Nach einer Zeit, er wußte nicht, war es lang oder kurz, kam sie wieder und

erbat das Geld zurück.

Sie verliert, dachte er, Gott sei Dank! Hoffentlich ist sie bald fertig.

Kurz nach Mitternacht kam sie, vergnügt und etwas erhitzt. „So, ich höre auf.

Sie Armer sind gewiß müde. Wollen wir nicht noch einen Bissen essen, eh’ wir

heimfahren?“

In einem Speisesaal aßen sie Schinkeneier und Früchte und tranken

Champagner. Klein erwachte und wurde munter. Die Tänzerin war verändert,

froh und in einem leichten süßen Rausch. Sie sah und wußte wieder, daß sie

schön war und schöne Kleider trug, sie spürte die Blicke der Männer, die von

benachbarten Tischen herüber warben, und auch Klein fühlte die Verwandlung, sah sie wieder von Reiz und holder Verlockung umgeben, hörte wieder den

Klang von Herausforderung und Geschlecht in ihrer Stimme, sah wieder ihre

Hände weiß und ihren Hals perlfarben aus den Spitzen steigen.

„Haben Sie auch tüchtig gewonnen?“ fragte er lachend.

„Es geht, noch nicht das große Los. Es sind etwa fünftausend.“

„Nun, das ist ja ein hübscher Anfang.“

„Ja, ich werde natürlich fortfahren, das nächstemal. Aber das richtige ist es

noch nicht. Es muß auf einmal kommen, nicht tropfenweise.“

Er wollte sagen: „Dann müßten Sie auch nicht tropfenweise setzen, sondern

alles auf einmal“ — aber er stieß statt dessen mit ihr an, auf das große Glück,

und lachte und plauderte weiter.

Wie war das Mädchen hübsch, gesund und einfach in seiner Freude! Vor einer

Stunde noch hatte sie an den Spieltischen gestanden, streng, besorgt, faltig, böse,

rechnend. Jetzt sah sie aus, als habe nie eine Sorge sie berührt, als wisse sie

nichts von Geld, Spiel, Geschäften, als kenne sie nur Freude, Luxus und

müheloses Schwimmen an der schillernden Oberfläche des Lebens. War das

alles wahr, alles echt? Er selbst lachte ja auch, war ja auch vergnügt, warb ja

auch um Freude und Liebe aus heitern Augen — und doch saß zugleich einer in

ihm, der an das alles nicht glaubte, der dem allem mit Mißtrauen und mit Hohn

zusah. War das bei andern Menschen anders? Ach, man wußte so wenig, so

verzweifelt wenig von den Menschen! Hundert Jahreszahlen von lächerlichen

Schlachten und Namen von lächerlichen alten Königen hatte man in den Schulen

gelernt, und man las täglich Artikel über Steuern oder über den Balkan, aber

vom Menschen wußte man nichts! Wenn eine Glocke nicht schellte, wenn ein

Ofen rauchte, wenn ein Rad in einer Maschine stockte, so wußte man sogleich,

wo zu suchen sei, und tat es mit Eifer, und fand den Schaden und wußte, wie er

zu heilen war. Aber das Ding in uns, die geheime Feder, die allein dem Leben

den Sinn gibt, das Ding in uns, das allein lebt, das allein fähig ist, Lust und Weh

zu fühlen, Glück zu begehren, Glück zu erleben — das war unbekannt, von dem

wußte man nichts, gar nichts, und wenn es krank wurde, so gab es keine

Heilung. War es nicht wahnsinnig?

Während er mit Teresina trank und lachte, stiegen in andern Bezirken seiner

Seele solche Fragen auf und nieder, dem Bewußtsein bald näher bald ferner.

Alles war zweifelhaft, alles schwamm im Ungewissen. Wenn er nur das Eine

gewußt hätte: ob diese Unsicherheit, diese Not, diese Verzweiflung mitten in der

Freude, dieses Denkenmüssen und Fragenmüssen auch in andern Menschen so

war, oder nur in ihm allein, in dem Sonderling Klein?

Eines fand er, darin unterschied er sich von Teresina, darin war sie anders als

er, war kindlich und primitiv gesund. Dies Mädchen rechnete, wie alle Menschen, und wie auch er selbst es früher getan hatte, immerzu instinktiv mit

Zukunft, mit Morgen und Übermorgen, mit Fortdauer. Hätte sie sonst spielen

und das Geld so ernst nehmen können? Und da, das fühlte er tief, da stand es bei

ihm anders. Für ihn stand hinter jedem Gefühl und Gedanken das Tor offen, das

ins Nichts führte. Wohl litt er an Angst, an Angst vor sehr vielem, vor dem

Wahnsinn, vor der Polizei, der Schlaflosigkeit, auch an Angst vor dem Tod. Aber

alles, wovor er Angst empfand, das begehrte und ersehnte er dennoch zugleich

— er war voll brennender Sehnsucht und Neugierde nach Leid, nach Untergang,

nach Verfolgung, nach Wahnsinn und Tod.

„Komische Welt,“ sagte er vor sich hin, und meinte damit nicht die Welt um

ihn her, sondern dies innere Wesen. Plaudernd verließen sie den Saal und das

Haus, kamen im blassen Laternenlicht an das schlafende Seeufer, wo sie ihren

Bootsmann wecken mußten. Es dauerte eine Weile, bis das Boot abfahren

konnte, und die beiden standen nebeneinander, plötzlich aus der Lichtfülle und

farbigen Geselligkeit des Kasinos in die dunkle Stille des verlassenen

nächtlichen Ufers verzaubert, das Lachen von drüben noch auf erhitzten Lippen

und schon kühl berührt von Nacht, Schlafnähe und Furcht vor Einsamkeit. Sie

fühlten beide dasselbe. Unversehens hielten sie sich bei den Händen, lächelten

irr und verlegen in die Dunkelheit, spielten mit zuckenden Fingern einer auf

Hand und Arm des andern. Der Bootsmann rief, sie stiegen ein, setzten sich in

die Kabine, und mit heftigem Griff zog er den blonden schweren Kopf zu sich

her und in die ausbrechende Glut seiner Küsse.

Zwischenein sich erwehrend, setzte sie sich aufrecht und fragte: „Werden wir

wohl bald wieder hier herüber fahren?“

Mitten in der Liebeserregung mußte er heimlich lachen. Sie dachte bei allem

noch ans Spiel, sie wollte wiederkommen und ihr Geschäft fortsetzen.

„Wann du willst,“ sagte er werbend, „morgen und übermorgen und jeden Tag,

den du willst.“

Als er ihre Finger in seinem Nacken spielen fühlte, durchzuckte ihn

Erinnerung an das furchtbare Gefühl im Traum, als das rächende Weib ihm die

Nägel in den Hals krallte.

„Jetzt sollte sie mich plötzlich töten, das wäre das richtige,“ dachte er glühend

— „oder ich sie.“

Ihre Brust mit tastender Hand umspannend lachte er leise vor sich hin.

Unmöglich wäre es ihm gewesen, noch Lust und Weh zu unterscheiden. Auch

seine Lust, seine hungrige Sehnsucht nach der Umarmung mit diesem schönen

starken Weibe, war von Angst kaum zu unterscheiden, er ersehnte sie wie der

Verurteilte das Beil. Beides war da, flammende Lust und trostlose Trauer, beides

brannte, beides zuckte in fiebernden Sternen auf, beides wärmte, beides tötete.