Klingsors letzter Sommer

Hermann Hesse · Kapitel 6 von 16

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Klingsors letzter Sommer

Kapitel V

Teresina entzog sich geschmeidig einer zu kühnen Liebkosung, hielt seine

beiden Hände fest, brachte ihre Augen nah an seine und flüsterte wie abwesend:

„Was bist du für ein Mensch, du? Warum liebe ich dich? Warum zieht mich

etwas zu dir? Du bist schon alt und bist nicht schön — wie ist das? Höre, ich

glaube doch, daß du ein Verbrecher bist. Bist du nicht einer? Ist dein Geld nicht

gestohlen?“

Er suchte sich loszumachen: „Rede nicht, Teresina! Alles Geld ist gestohlen,

alle Habe ist ungerecht. Ist denn das wichtig? Wir sind alle Sünder, wir sind alle

Verbrecher, nur schon weil wir leben. Ist denn das wichtig?“

„Ach, was ist wichtig?“ zuckte sie auf.

„Wichtig ist, daß wir diesen Becher austrinken,“ sagte Klein langsam, „nichts

anderes ist wichtig. Vielleicht kommt er nicht wieder. Willst du mit mir schlafen

kommen, oder darf ich mit zu dir gehen?“

„Komm zu mir,“ sagte sie leise. „Ich habe Angst vor dir, und doch muß ich

bei dir sein. Sage mir dein Geheimnis nicht! Ich will nichts wissen!“

Das Abklingen des Motors weckte sie, sie riß sich los, strich sich klärend über

Haar und Kleider. Das Boot lief leise an den Steg, Laternenlichter spiegelten

splitternd im schwarzen Wasser. Sie stiegen aus.

„Halt, meine Tasche!“ rief Teresina nach zehn Schritten. Sie lief zum Steg

zurück, sprang ins Boot, fand auf dem Polster die Tasche mit ihrem Geld liegen,

warf dem mißtrauisch blickenden Fährmann einen der Scheine hin und lief Klein

in die Arme, der sie am Kai erwartete.

 

V

 

Der Sommer hatte plötzlich begonnen, in zwei heißen Tagen hatte er die Welt

verändert, die Wälder vertieft, die Nächte verzaubert. Heiß drängte sich Stunde

an Stunde, schnell lief die Sonne ihren glühenden Halbkreis ab, schnell und

hastig folgten ihr die Sterne, Lebensfieber glühte hoch, eine lautlose gierige Eile

jagte die Welt.

Ein Abend kam, da wurde Teresinas Tanz im Kursaal durch ein rasend

hertobendes Gewitter unterbrochen. Lampen erloschen, irre Gesichter grinsten

sich im weißen Flackern der Blitze an, Weiber schrien, Kellner brüllten, Fenster

zerklirrten im Sturm.

Klein hatte Teresina sofort zu sich an den Tisch gezogen, wo er neben dem

alten Komiker saß.

„Herrlich!“ sagte er. „Wir gehen. Du hast doch keine Angst?“

„Nein, nicht Angst. Aber du darfst heut nicht mit mir kommen. Du hast drei

Nächte nicht geschlafen, und du siehst scheußlich aus. Bring mich nach Haus,

und dann geh schlafen in dein Hotel! Nimm Veronal, wenn du es brauchst. Du

lebst wie ein Selbstmörder.“

Sie gingen, Teresina im geborgten Mantel eines Kellners, mitten durch Sturm

und Blitze und aufheulende Staubwirbel durch die leer gefegten Straßen, hell

und frohlockend knallten die prallen Donnerschläge durch die aufgewühlte

Nacht, plötzlich brauste Regen los, auf dem Pflaster zerspritzend, voll und voller

mit dem erlösenden Schluchzen wilder Güsse im dicken Sommerlaub.

Naß und durchschüttelt kamen sie in die Wohnung der Tänzerin, Klein ging

nicht nach Hause, es wurde nicht mehr davon gesprochen. Aufatmend traten sie

ins Schlafzimmer, taten lachend die durchnäßten Kleider ab, durchs Fenster

schrillte grell das Licht der Blitze, in den Akazien wühlte Sturm und Regen sich

müde.

„Wir waren noch nicht wieder in Castiglione,“ spottete Klein. „Wann gehen

wir?“

„Wir werden wieder gehen, verlaß dich drauf. Hast du Langeweile?“

Er zog sie an sich, beide fieberten, und Nachglanz des Gewitters loderte in

ihrer Liebkosung. In Stößen kam durchs Fenster die gekühlte feuchte Luft, mit

bittrem Geruch von Laub und stumpfem Geruch von Erde. Aus dem

Liebeskampf fielen sie beide schnell in Schlummer. Auf dem Kissen lag sein

ausgehöhltes Gesicht neben ihrem frischen, sein dünnes trocknes Haar neben

ihrem vollen blühenden. Vor dem Fenster glühte das Nachtgewitter in letzten

Flammen auf, wurde müde und erlosch, der Sturm schlief ein, beruhigt rann ein

stiller Regen in die Bäume.

Bald nach ein Uhr erwachte Klein, der keinen längern Schlaf mehr kannte, aus

einem schweren schwülen Traumgewirre, mit wüstem Kopf und schmerzenden

Augen. Regungslos lag er eine Weile, die Augen aufgerissen, sich besinnend, wo

er sei. Es war Nacht, jemand atmete neben ihm, er war bei Teresina.

Langsam richtete er sich auf. Nun kamen die Qualen wieder, nun war ihm

wieder beschieden, Stunde um Stunde zu liegen, Weh und Angst im Herzen,

allein, nutzlose Leiden leiden, nutzlose Gedanken denken, nutzlose Sorgen

sorgen. Aus dem Alpdrücken, das ihn geweckt hatte, krochen schwere fette

Gefühle ihm nach, Ekel und Grauen, Übersättigung, Selbstverachtung.

Er tastete nach dem Licht und drehte an. Die kühle Helligkeit floß übers weiße

Kissen, über die Stühle voll Kleider, schwarz hing das Fensterloch in der

schmalen Wand. Über Teresinas abgewandtes Gesicht fiel Schatten, ihr Nacken

und Haar glänzte hell.

So hatte er einst auch seine Frau zuweilen liegen sehen, auch neben ihr war er

zu Zeiten schlaflos gelegen, ihren Schlummer beneidend, von ihrem satten

zufriedenen Atemholen wie verhöhnt. Nie, niemals war man von seinem

Nächsten so ganz und gar, so vollkommen verlassen, als wenn er schlief! Und

wieder, wie schon oft, fiel ihm das Bild des leidenden Jesus ein, im Garten

Gethsemane, wo die Todesangst ihn ersticken will, seine Jünger aber schlafen,

schlafen.

Leise zog er das Kissen mehr zu sich herüber, samt dem schlafenden Kopf

Teresinas. Nun sah er ihr Gesicht, im Schlaf so fremd, so ganz bei sich selbst, so

ganz von ihm abgewandt. Eine Schulter und Brust lag bloß, unter dem Leintuch

wölbte sich sanft ihr Leib bei jedem Atemzug. Komisch, fiel ihm ein, wie man in

Liebesworten, in Gedichten, in Liebesbriefen immer und immer von den süßen

Lippen und Wangen sprach, und nie von Bauch und Bein! Schwindel!

Schwindel! Er betrachtete Teresina lang. Mit diesem schönen Leib, mit dieser

Brust und diesen weißen, gesunden, starken, gepflegten Atmen und Beinen

würde sie ihn noch oft verlocken und ihn umschlingen und Lust von ihm

nehmen und dann ruhen und schlafen, satt und tief, ohne Schmerzen, ohne

Angst, ohne Ahnung, schön und stumpf und dumm wie ein gesundes schlafendes

Tier. Und er würde neben ihr liegen, schlaflos, mit flackernden Nerven, das Herz

voll Pein. Noch oft? Noch oft? Ach nein, nicht oft mehr, nicht viele Male mehr,

vielleicht keinmal mehr! Er zuckte zusammen. Nein, er wußte es: keinmal mehr!

Stöhnend bohrte er den Daumen in seine Augenhöhle, wo zwischen Auge und

Stirn diese teuflischen Schmerzen saßen. Gewiß, auch Wagner hatte diese

Schmerzen gehabt, der Lehrer Wagner. Er hatte sie gehabt, diese wahnsinnigen

Schmerzen, gewiß jahrelang, und hatte sie getragen und erlitten, und sich dabei

reifen und Gott näher kommen gemeint in seinen Qualen, seinen nutzlosen

Qualen. Bis er eines Tages es nicht mehr ertragen konnte — so wie auch er,

Klein, es nicht mehr ertragen konnte. Die Schmerzen waren ja das wenigste,

aber die Gedanken, die Träume, das Alpdrücken! Da war Wagner eines Nachts

aufgestanden und hatte gesehen, daß es keinen Sinn habe, noch mehr, noch viele

solche Nächte voll Qual aneinander zu reihen, daß man dadurch nicht zu Gott

komme, und hatte das Messer geholt. Es war vielleicht unnütz, es war vielleicht

töricht und lächerlich von Wagner, daß er gemordet hatte. Wer seine Qualen

nicht kannte, wer seine Pein nicht gelitten hatte, der konnte es ja nicht verstehen.

Er selbst hatte vor kurzem, in einem Traum, eine Frau mit dem Messer

erstochen, weil ihr entstelltes Gesicht ihm unerträglich gewesen war. Entstellt

war freilich jedes Gesicht, das man liebte, entstellt und grausam aufreizend,

wenn es nicht mehr log, wenn es schwieg, wenn es schlief. Da sah man ihm auf

den Grund und sah nichts von Liebe darin, wie man auch im eigenen Herzen nichts von Liebe fand, wenn man auf den Grund sah. Da war nur Lebensgier und

Angst, und aus Angst, aus dummer Kinderangst vor der Kälte, vor dem

Alleinsein, vor dem Tode floh man zueinander, küßte sich, umarmte sich, rieb

Wange an Wange, legte Bein zu Bein, warf neue Menschen in die Welt. So war

es. So war er einst zu seiner Frau gekommen. So war die Frau des Wirtes in

einem Dorf zu ihm gekommen, einst, am Anfang seines jetzigen Weges, in einer

kahlen steinernen Kammer, barfuß und schweigend, getrieben von Angst, von

Lebensgier, von Trostbedürfnis. So war auch er zu Teresina gekommen, und sie

zu ihm. Es war stets derselbe Trieb, dasselbe Begehren, dasselbe

Mißverständnis. Es war auch stets dieselbe Enttäuschung, dasselbe grimme Leid.

Man glaubte, Gott nah zu sein, und hielt ein Weib in den Armen. Man glaubte,

Harmonie erreicht zu haben, und hatte nur seine Schuld und seinen Jammer

weggewälzt, auf ein fernes zukünftiges Wesen! Ein Weib hielt man in den

Armen, küßte ihren Mund, streichelte ihre Brust und zeugte mit ihr ein Kind,

und einst würde das Kind, vom selben Schicksal ereilt, in einer Nacht ebenso

neben einem Weibe liegen und ebenso aus dem Rausch erwachen und mit

schmerzenden Augen in den Abgrund sehen, und das Ganze verfluchen.

Unerträglich, das zu Ende zu denken!

Sehr aufmerksam betrachtete er das Gesicht der Schlafenden, die Schulter und

Brust, das gelbe Haar. Das alles hatte ihn entzückt, hatte ihn getäuscht, hatte ihn

verlockt, das alles hatte ihm Lust und Glück vorgelogen. Nun war es aus, nun

wurde abgerechnet. Er war in das Theater Wagner eingetreten, er hatte erkannt,

warum jedes Gesicht, sobald die Täuschung dahinfiel, so entstellt und

unausstehlich war.

Klein stand vom Bett auf und ging auf die Suche nach einem Messer. Im

Vorbeischleichen streifte er Teresinas lange hellbraune Strümpfe vom Stuhl —

dabei fiel ihm blitzschnell ein, wie er sie das erstemal gesehen, im Park, und wie

von ihrem Gang und von ihrem Schuh und straffen Strumpf der erste Reiz ihm

zugeflogen war. Er lachte leise, wie schadenfroh, und nahm Teresinas Kleider,

Stück um Stück, in die Hand, befühlte sie und ließ sie zu Boden fallen. Dann

suchte er weiter, dazwischen für Momente alles vergessend. Sein Hut lag auf

dem Tisch, er nahm ihn gedankenlos in die Hände, drehte ihn, fühlte, daß er naß

war, und setzte ihn auf. Beim Fenster blieb er stehen, sah in die Schwärze

hinaus, hörte Regen singen, es klang wie aus verschollenen anderen Zeiten her.

Was wollte das alles von ihm, Fenster, Nacht, Regen — was ging es ihn an, das

alte Bilderbuch aus der Kinderzeit?

Plötzlich blieb er stehen. Er hatte ein Ding in die Hand genommen, das auf

einem Tische lag, und sah es an. Es war ein silberner ovaler Handspiegel, und

aus dem Spiegel schien ihm sein Gesicht entgegen, das Gesicht Wagners, ein irres verzogenes Gesicht mit tiefen schattigen Höhlen und zerstörten,

zersprungenen Zügen. Das geschah ihm jetzt so merkwürdig oft, daß er sich

unversehens in einem Spiegel sah, ihm schien, er habe früher jahrzehntelang nie

in einen geblickt. Auch das, schien es, gehörte zum Theater Wagner.

Er blieb stehen und blickte lang in das Glas. Dies Gesicht des ehemaligen

Friedrich Klein war fertig und verbraucht, es hatte ausgedient, Untergang schrie

aus jeder Falte. Dies Gesicht mußte verschwinden, es mußte ausgelöscht werden.

Es war sehr alt, dies Gesicht, viel hatte sich in ihm gespiegelt, allzu viel, viel

Lug und Trug, viel Staub und Regen war darüber gegangen. Es war einmal glatt

und hübsch gewesen, er hatte es einst geliebt und gepflegt und Freude daran

gehabt, und hatte es oft auch gehaßt. Warum? Beides war nicht mehr zu

begreifen.

Und warum stand er jetzt da, nachts in diesem kleinen fremden Zimmer, mit

einem Glas in der Hand und einem nassen Hut auf dem Kopf, ein seltsamer

Hanswurst — was war mit ihm? Was wollte er? Er setzte sich auf den Tischrand.

Was hatte er gewollt? Was suchte er? Er hatte doch etwas gesucht, etwas sehr

Wichtiges gesucht?

Ja, ein Messer.

Plötzlich ungeheuer erschüttert sprang er empor und lief zum Bett. Er beugte

sich über das Kissen, sah das schlafende Mädchen im gelben Haare liegen. Sie

lebte noch! Er hatte es noch nicht getan! Grauen überfloß ihn eisig. Mein Gott,

nun war es da! Nun war es so weit, und es geschah, was er schon immer und

immer in seinen furchtbarsten Stunden hatte kommen sehen. Nun war es da. Nun

stand er, Wagner, am Bett einer Schlafenden, und suchte das Messer! — Nein, er

wollte nicht. Nein, er war nicht wahnsinnig. Gott sei Dank, er war nicht

wahnsinnig! Nun war es gut.

Es kam Friede über ihn. Langsam zog er seine Kleider an, die Hosen, den

Rock, die Schuhe. Nun war es gut.

Als er nochmals zum Bett treten wollte, fühlte er Weiches unter seinem Fuß.

Da lagen Teresinas Kleider am Boden, die Strümpfe, das hellgraue Kleid.

Sorgfältig hob er sie auf und legte sie über den Stuhl.

Er löschte das Licht und ging aus dem Zimmer. Vor dem Hause troff Regen

still und kühl, nirgends Licht, nirgends ein Mensch, nirgends ein Laut, nur der

Regen. Er wandte das Gesicht nach oben und ließ sich den Regen über Stirn und

Wangen laufen. Kein Himmel zu finden. Wie dunkel es war! Gern, gern hätte er

einen Stern gesehen.

Ruhig ging er durch die Straßen, vom Regen durchweicht. Kein Mensch, kein

Hund begegnete ihm, die Welt war ausgestorben. Am Seeufer ging er von Boot

zu Boot, sie waren alle hoch ans Land gezogen und stramm mit Ketten befestigt. Erst ganz in der Vorstadt außen fand er eins, das locker am Strick hing und sich

lösen ließ. Das machte er los und hängte die Ruder ein. Schnell war das Ufer

vergangen, es floß ins Grau hinweg wie nie gewesen, nur Grau und Schwarz und

Regen war noch auf der Welt, grauer See, nasser See, grauer See, nasser

Himmel, alles ohne Ende.

Draußen, weit im See, zog er die Ruder ein. Es war nun so weit, und er war

zufrieden. Früher hatte er, in den Augenblicken, wo Sterben ihm unvermeidlich

schien, doch immer gern noch ein wenig gezögert, die Sache auf morgen

verschoben, es erst noch einmal mit dem Weiterleben probiert. Davon war nichts

mehr da. Sein kleines Boot, das war er, das war sein kleines, umgrenztes,

künstlich versichertes Leben — rundum aber das weite Grau, das war die Welt,

das war All und Gott, dahinein sich fallen zu lassen war nicht schwer, das war

leicht, das war froh.

Er setzte sich auf den Rand des Bootes nach außen, die Füße hingen ins

Wasser. Er neigte sich langsam vor, neigte sich vor, bis hinter ihm das Boot

elastisch entglitt. Er war im All.

In die kleine Zahl von Augenblicken, welche er von da an noch lebte, war viel

mehr Erlebnis gedrängt als in den vierzig Jahren, die er zuvor bis zu diesem Ziel

unterwegs gewesen war.

Es begann damit: Im Moment, wo er fiel, wo er einen Blitz lang zwischen

Bootsrand und Wasser schwebte, stellte sich ihm dar, daß er einen Selbstmord

begehe, eine Kinderei, etwas zwar nicht Schlimmes, aber Komisches und

ziemlich Törichtes. Das Pathos des Sterbenwollens und das Pathos des Sterbens

selbst fiel in sich zusammen, es war nichts damit. Sein Sterben war nicht mehr

notwendig, jetzt nicht mehr. Es war erwünscht, es war schön und willkommen,

aber notwendig war es nicht mehr. Seit dem Moment, seit dem aufblitzenden

Sekundenteil, wo er sich mit ganzem Wollen, mit ganzem Verzicht auf jedes

Wollen, mit ganzer Hingabe hatte vom Bootsrand fallen lassen, in den Schoß der

Mutter, in den Arm Gottes — seit diesem Augenblick hatte das Sterben keine

Bedeutung mehr. Es war ja alles so einfach, es war ja alles so wunderbar leicht,

es gab ja keine Abgründe, keine Schwierigkeiten mehr. Die ganze Kunst war:

sich fallen lassen! Das leuchtete als Ergebnis seines Lebens hell durch sein

ganzes Wesen: sich fallen lassen! Hatte man das einmal getan, hatte man einmal

sich dahingegeben, sich anheimgestellt, sich ergeben, hatte man einmal auf alle

Stützen und jeden festen Boden unter sich verzichtet, hörte man ganz und gar

nur noch auf den Führer im eigenen Herzen, dann war alles gewonnen, dann war

alles gut, keine Angst mehr, keine Gefahr mehr.

Dies war erreicht, dies Große, Einzige: er hatte sich fallen lassen! Daß er sich

ins Wasser und in den Tod fallen ließ, wäre nicht notwendig gewesen, ebensogut hätte er sich ins Leben fallen lassen können. Aber daran lag nicht viel, wichtig

war dies nicht. Er würde leben, er würde wieder kommen. Dann aber würde er

keinen Selbstmord mehr brauchen und keinen von all diesen seltsamen

Umwegen, keine von all diesen mühsamen und schmerzlichen Torheiten mehr,

denn er würde die Angst überwunden haben.

Wunderbarer Gedanke: ein Leben ohne Angst! Die Angst überwinden, das

war die Seligkeit, das war die Erlösung. Wie hatte er sein Leben lang Angst

gelitten, und nun, wo der Tod ihn schon am Halse würgte, fühlte er nichts mehr

davon, keine Angst, kein Grauen, nur Lächeln, nur Erlösung, nur

Einverstandensein. Er wußte nun plötzlich, was Angst ist, und daß sie nur von

dem überwunden werden kann, der sie erkannt hat. Man hatte vor tausend

Dingen Angst, vor Schmerzen, vor Richtern, vor dem eigenen Herzen, man hatte

Angst vor dem Schlaf, Angst vor dem Erwachen, vor dem Alleinsein, vor der

Kälte, vor dem Wahnsinn, vor dem Tode — namentlich vor ihm, vor dem Tode.

Aber all das waren nur Masken und Verkleidungen. In Wirklichkeit gab es nur

eines, vor dem man Angst hatte: das Sichfallenlassen, den Schritt in das

Ungewisse hinaus, den kleinen Schritt hinweg über all die Versicherungen, die

es gab. Und wer sich einmal, ein einziges Mal hingegeben hatte, wer einmal das

große Vertrauen geübt und sich dem Schicksal anvertraut hatte, der war befreit.

Er gehorchte nicht mehr den Erdgesetzen, er war in den Weltraum gefallen und

schwang im Reigen der Gestirne mit. So war das. Es war so einfach, jedes Kind

konnte das verstehen, konnte das wissen.

Er dachte dies nicht, wie man Gedanken denkt, er lebte, fühlte, tastete, roch

und schmeckte es. Er schmeckte, roch, sah und verstand, was Leben war. Er sah

die Erschaffung der Welt, er sah den Untergang der Welt, beide wie zwei

Heerzüge beständig gegeneinander in Bewegung, nie vollendet, ewig unterwegs.

Die Welt wurde immerfort geboren, sie starb immerfort. Jedes Leben war ein

Atemzug, von Gott ausgestoßen. Jedes Sterben war ein Atemzug, von Gott

eingesogen. Wer gelernt hatte, nicht zu widerstreben, sich fallen zu lassen, der

starb leicht, der wurde leicht geboren. Wer widerstrebte, der litt Angst, der starb

schwer, der wurde ungern geboren.

Im grauen Regendunkel über dem Nachtsee sah der Untersinkende das Spiel

der Welt gespiegelt und dargestellt: Sonnen und Sterne rollten herauf, rollten

hinab, Chöre von Menschen und Tieren, Geistern und Engeln standen

gegeneinander, sangen, schwiegen, schrien, Züge von Wesen zogen

gegeneinander, jedes sich selbst mißkennend, sich selbst hassend, und sich in

jedem andern Wesen hassend und verfolgend. Ihrer aller Sehnsucht war nach

Tod, war nach Ruhe, ihr Ziel war Gott, war die Wiederkehr zu Gott und das

Bleiben in Gott. Dies Ziel schuf Angst, denn es war ein Irrtum. Es gab kein Bleiben in Gott! Es gab keine Ruhe! Es gab nur das ewige, ewige, ewige,

herrliche, heilige Ausgeatmetwerden und Eingeatmetwerden, Gestaltung und

Auflösung, Geburt und Tod, Auszug und Wiederkehr, ohne Pause, ohne Ende.

Und darum gab es nur eine Kunst, nur eine Lehre, nur ein Geheimnis: sich fallen

lassen, sich nicht gegen Gottes Willen sträuben, sich an nichts klammern, nicht

an Gut noch Böse. Dann war man erlöst, dann war man frei von Leid, frei von

Angst, nur dann.

Sein Leben lag vor ihm wie ein Land mit Wäldern, Talschaften und Dörfern,

das man vom Kamm eines hohen Gebirges übersieht. Alles war gut gewesen,

einfach und gut gewesen, und alles war durch seine Angst, durch sein Sträuben

zu Qual und Verwicklung, zu schauerlichen Knäueln und Krämpfen von Jammer

und Elend geworden! Es gab keine Frau, ohne die man nicht leben konnte —

und es gab auch keine Frau, mit der man nicht hätte leben können. Es gab kein

Ding in der Welt, das nicht ebenso schön, ebenso begehrenswert, ebenso

beglückend war wie sein Gegenteil! Es war selig zu leben, es war selig zu

sterben, sobald man allein im Weltraum hing. Ruhe von außen gab es nicht,

keine Ruhe im Friedhof, keine Ruhe in Gott, kein Zauber unterbrach je die

ewige Kette der Geburten, die unendliche Reihe der Atemzüge Gottes. Aber es

gab eine andere Ruhe, im eigenen Innern zu finden. Sie hieß: Laß dich fallen!

Wehre dich nicht! Stirb gern! Lebe gern!

Alle Gestalten seines Lebens waren bei ihm, alle Gesichter seiner Liebe, alle

Wechsel seines Leidens. Seine Frau war rein und ohne Schuld wie er selbst,

Teresina lächelte kindlich her. Der Mörder Wagner, dessen Schatten so breit über

Kleins Leben gefallen war, lächelte ihm ernst ins Gesicht, und sein Lächeln

erzählte, daß auch Wagners Tat ein Weg zur Erlösung gewesen war, auch sie ein

Atemzug, auch sie ein Symbol, und daß auch Mord und Blut und Scheußlichkeit

nicht Dinge sind, welche wahrhaft existieren, sondern nur Wertungen unsrer

eigenen, selbstquälerischen Seele. Mit dem Morde Wagners hatte er, Klein, Jahre

seines Lebens hingebracht, in Verwerfen und Billigen, Verurteilen und

Bewundern, Verabscheuen und Nachahmen hatte er sich aus diesem Morde

unendliche Ketten von Qualen, von Ängsten, von Elend geschaffen. Er hatte

hundertmal voll Angst seinem eigenen Tode beigewohnt, er hatte sich auf dem

Schafott sterben sehen, er hatte den Schnitt des Rasiermessers durch seinen Hals

gefühlt und die Kugel in seiner Schläfe — und nun, da er den gefürchteten Tod

wirklich starb, war es so leicht, war es so einfach, war es Freude und Triumph!

Nichts in der Welt war zu fürchten, nichts war schrecklich — nur im Wahn

machten wir uns all diese Furcht, all dies Leid, nur in unsrer eignen, geängsteten

Seele entstand Gut und Böse, Wert und Unwert, Begehren und Furcht.

Die Gestalt Wagners versank weit in der Ferne. Er war nicht Wagner, nicht mehr, es gab keinen Wagner, das alles war Täuschung gewesen. Nun, mochte

Wagner sterben! Er, Klein, würde leben.

Wasser floß ihm in den Mund, und er trank. Von allen Seiten, durch alle Sinne

floß Wasser herein, alles löste sich auf. Er wurde angesogen, er wurde

eingeatmet. Neben ihm, an ihn gedrängt, so eng beisammen wie die Tropfen im

Wasser, schwammen andere Menschen, schwamm Teresina, schwamm der alte

Sänger, schwamm seine einstige Frau, sein Vater, seine Mutter und Schwester,

und tausend, tausend, tausend andre Menschen, und auch Bilder und Häuser,

Tizians Venus und der Münster von Straßburg, alles schwamm, eng aneinander,

in einem ungeheuren Strom dahin, von Notwendigkeit getrieben, rasch und

rascher, rasend — und diesem ungeheuern, rasenden Riesenstrom der

Gestaltungen kam ein anderer Strom entgegen, ungeheuer, rasend, ein Strom von

Gesichtern, Beinen, Bäuchen, von Tieren, Blumen, Gedanken, Morden,

Selbstmorden, geschriebenen Büchern, geweinten Tränen, dicht, dicht, voll, voll,

Kinderaugen und schwarze Locken und Fischköpfe, ein Weib mit langem starren

Messer im blutigen Bauch, ein junger Mensch, ihm selbst ähnlich, das Gesicht

voll heiliger Leidenschaft, das war er selbst, zwanzigjährig, jener verschollene

Klein von damals! Wie gut, daß auch diese Erkenntnis nun zu ihm kam: daß es

keine Zeit gab! Das einzige, was zwischen Alter und Jugend, zwischen Babylon

und Berlin, zwischen Gut und Böse, Geben und Nehmen stand, das einzige, was

die Welt mit Unterschieden, Wertungen, Leid, Streit, Krieg erfüllte, war der

Menschengeist, der junge ungestüme und grausame Menschengeist im Zustand

der tobenden Jugend, noch fern vom Wissen, noch weit von Gott. Er erfand

Gegensätze, er erfand Namen. Dinge nannte er schön, Dinge häßlich, diese gut,

diese schlecht. Ein Stück Leben wurde Liebe genannt, ein andres Mord. So war

dieser Geist, jung, töricht, komisch. Eine seiner Erfindungen war die Zeit. Eine

feine Erfindung, ein raffiniertes Instrument, sich noch inniger zu quälen und die

Welt vielfach und schwierig zu machen! Von allem, was der Mensch begehrte,

war er immer nur durch Zeit getrennt, nur durch diese Zeit, diese tolle

Erfindung! Sie war eine der Stützen, eine der Krücken, die man vor allem fahren

lassen mußte, wenn man frei werden wollte.

Weiter quoll der Weltstrom der Gestaltungen, der von Gott eingesogene, und

der andere, ihm entgegen, der ausgeatmete. Klein sah Wesen, die sich dem

Strom widersetzten, die sich unter furchtbaren Krämpfen aufbäumten und sich

grauenhafte Qualen schufen: Helden, Verbrecher, Wahnsinnige, Denker,

Liebende, Religiöse. Andre sah er, gleich ihm selbst, rasch und leicht in inniger

Wollust der Hingabe, des Einverstandenseins dahingetrieben, Selige wie er. Aus

dem Gesang der Seligen und aus dem endlosen Qualschrei der Unseligen baute

sich über den beiden Weltströmen eine durchsichtige Kugel oder Kuppel aus Tönen, ein Dom von Musik, in dessen Mitte saß Gott, saß ein heller, vor Helle

unsichtbarer Glanzstern, ein Inbegriff von Licht, umbraust von der Musik der

Weltchöre, in ewiger Brandung.

Helden und Denker traten aus dem Weltstrom, Propheten, Verkünder. „Siehe,

das ist Gott der Herr, und sein Weg führt zum Frieden“, rief einer, und viele

folgten ihm. Ein andrer verkündete, daß Gottes Bahn zum Kampf und Kriege

führe. Einer nannte ihn Licht, einer nannte ihn Nacht, einer Vater, einer Mutter.

Einer pries ihn als Ruhe, einer als Bewegung, als Feuer, als Kühle, als Richter,

als Tröster, als Schöpfer, als Vernichter, als Verzeiher, als Rächer. Gott selbst

nannte sich nicht. Er wollte genannt, er wollte geliebt, er wollte gepriesen,

verflucht, gehaßt, angebetet sein, denn die Musik der Weltchöre war sein

Gotteshaus und war sein Leben — aber es galt ihm gleich, mit welchen Namen

man ihn pries, ob man ihn liebte oder haßte, ob man bei ihm Ruhe und Schlaf,

oder Tanz und Raserei suchte. Jeder konnte suchen. Jeder konnte finden.

Jetzt vernahm Klein seine eigene Stimme. Er sang. Mit einer neuen,

gewaltigen, hellen, hallenden Stimme sang er laut, sang er laut und hallend

Gottes Lob, Gottes Preis. Er sang im rasenden Dahinschwimmen, inmitten der

Millionen Geschöpfe, ein Prophet und Verkünder. Laut schallte sein Lied, hoch

stieg das Gewölbe der Töne auf, strahlend saß Gott im Innern. Ungeheuer

brausten die Ströme hin.