Klingsors letzter Sommer

Hermann Hesse · Kapitel 11 von 16

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Klingsors letzter Sommer

Die Musik des Untergangs

Wirf den dummen Brief ins Feuer, und wirf ins Feuer

Deinen Klingsor.

 

D i e M u s i k d e s U n t e r g a n g s

 

Der letzte Tag des Juli war gekommen, Klingsors Lieblingsmonat, die hohe

Festzeit Li Tai Pes, war verblüht, kam nimmer wieder, Sonnenblumen schrien im

Garten golden ins Blau empor. Zusammen mit dem treuen Thu Fu pilgerte

Klingsor an diesem Tage durch eine Gegend, die er liebte: verbrannte Vorstädte,

staubige Straßen unter hoher Allee, rot und orange bemalte Hütten am sandigen

Ufer, Lastwagen und Ladeplätze der Schiffe, lange violette Mauern, farbiges

armes Volk. Am Abend dieses Tages saß er am Rand einer Vorstadt im Staube

und malte die farbigen Zelte und Wagen eines Karussells, am Straßenbord auf

kahlem, versengtem Anger saß er hingekauert, angesogen von den starken

Farben der Zelte. Tief biß er sich fest im verschossenen Lila einer Zeltborte, im

freudigen Grün und Rot der schwerfälligen Wohnwagen, in den blau-weiß

gestrichnen Gerüststangen. Grimmig wühlte er im Kadmium, wild im süßkühlen

Kobalt, zog die verfließenden Striche Krapplack durch den gelb und grünen

Himmel. Noch eine Stunde, o, weniger, dann war Schluß, die Nacht kam, und

morgen begann schon der August, der brennende Fiebermonat, der so viel

Todesfurcht und Bangnis in seine glühenden Becher mischt. Die Sense war

geschärft, die Tage neigten sich, der Tod lachte versteckt im bräunenden Laub.

Klinge hell und schmettre, Kadmium! Prahle laut, üppiger Krapplack! Lache

grell, Zitrongelb! Her mit dir, tiefblauer Berg der Ferne! An mein Herz ihr,

staubgrüne matte Bäume! Wie seid ihr müd, wie laßt ihr ergebene fromme Äste

sinken! Ich trinke euch, ich schlucke, ich fresse euch, holde Erscheinungen! Ich

täusche euch Dauer und Unsterblichkeit vor, ich, der Vergänglichste, der

Ungläubigste, der Traurigste, der mehr als ihr alle an der Angst vor dem Tode

leidet. Juli ist verbrannt, August wird schnell verbrannt sein, plötzlich fröstelt

uns aus gelbem Laub am betauten Morgen das große Gespenst entgegen.

Plötzlich fegt November über den Wald. Plötzlich lacht das große Gespenst,

plötzlich friert uns das Herz, plötzlich fällt uns das liebe rosige Fleisch von den

Knochen, in der Wüste heult der Schakal, heiser singt sein verfluchtes Lied der

Aasgeier. Ein verfluchtes Blatt der Großstadt bringt mein Bild und darunter

steht: „Vortrefflicher Maler, Expressionist, großer Kolorist, starb am 16. dieses

Monats.“

Voll Haß riß er eine Furche Pariserblau unter den grünen Zigeunerwagen. Voll

Erbitterung schlug er die Kante Chromgelb auf die Prellsteine. Voll tiefer

Verzweiflung setzte er Zinnober in einen ausgesparten Fleck, vertilgte das

fordernde Weiß, kämpfte blutend um Fortdauer, schrie hellgrün und neapelgelb

zum unerbittlichen Gott. Stöhnend warf er mehr Blau in das fade Staubgrün,

flehend zündete er innigere Lichter im Abendhimmel an. Die kleine Palette voll

reiner, unvermischter Farben von hellster Leuchtkraft, sie war sein Trost, sein

Turm, sein Arsenal, sein Gebetbuch, seine Kanone, aus der er nach dem bösen

Tode schoß. Purpur war Leugnung des Todes, Zinnober war Verhöhnen der

Verwesung. Gut war sein Arsenal, glänzend stand seine kleine tapfere Truppe,

strahlend läuteten die raschen Schüsse seiner Kanonen auf. Es half ja nichts,

alles Schießen war ja vergebens, aber Schießen war doch gut, war Glück und

Trost, war noch Leben, war noch Triumphieren.

Thu Fu war gegangen, einen Freund zu besuchen, der dort zwischen Fabrik

und Ladeplatz seine Zauberburg bewohnte. Nun kam er und brachte ihn mit, den

armenischen Sterndeuter.

Klingsor, mit dem Bilde fertig, atmete tief auf, als er die beiden Gesichter bei

sich sah, das blonde gute Haar Thu Fus, den schwarzen Bart und den mit weißen

Zähnen lächelnden Mund des Magiers. Und da kam mit ihnen auch der Schatten,

der lange, dunkle, mit den weit zurückgeflohenen Augen in den tiefen Höhlen.

Willkommen auch du, Schatten, lieber Kerl!

„Weißt du, was für ein Tag heut ist?“ fragte Klingsor seinen Freund.

„Der letzte Juli, ich weiß.“

„Ich stellte heut ein Horoskop,“ sagte der Armenier, „und da sah ich, daß

dieser Abend mir etwas bringen wird. Saturn steht unheimlich, Mars neutral,

Jupiter dominiert. Li Tai Pe, sind Sie nicht ein Julikind?“

„Ich bin am zweiten Juli geboren.“

„Ich dachte es. Ihre Sterne stehen verwirrt, Freund, nur Sie selbst könnten sie

deuten. Fruchtbarkeit umgibt Sie wie eine Wolke, die nahe am Bersten ist.

Seltsam stehen Ihre Sterne, Klingsor, Sie müssen es fühlen.“

Li packte sein Gerät zusammen. Erloschen war die Welt, die er gemalt hatte,

erloschen der gelb und grüne Himmel, ertrunken die blaue helle Fahne, ermordet

und verwelkt das schöne Gelb. Er war hungrig und durstig, die Kehle hing ihm

voll Staub.

„Freunde,“ sagte er herzlich, „wir wollen diesen Abend beisammen bleiben.

Wir werden nicht mehr zusammen sein, wir alle vier, ich lese das nicht aus den

Sternen, es steht mir im Herzen geschrieben. Mein Julimond ist vorüber, dunkel

glühn seine letzten Stunden, in der Tiefe ruft die große Mutter. Nie war die Welt

so schön, nie war ein Bild von mir so schön, Wetterleuchten zuckt, Musik des Untergangs ist angestimmt. Wir wollen sie mitsingen, die süße bange Musik, wir

wollen hier beisammen bleiben und Wein trinken und Brot essen.“

Neben dem Karussell, dessen Zelt eben abgedeckt und für den Abend gerüstet

wurde, standen einige Tische unter Bäumen, eine hinkende Magd ging ab und

zu, ein kleines Wirtshaus lag im Schatten. Hier blieben sie und saßen am

Brettertisch, Brot wurde gebracht und Wein in die irdenen Schalen geschenkt,

unter den Bäumen glommen Lichter auf, drüben begann die Orgel des Karussells

zu erdröhnen, heftig warf sie ihre bröckelnde gelle Musik in den Abend.

„Dreihundert Becher will ich heute leeren,“ rief Li Tai Pe und stieß mit dem

Schatten an. „Sei gegrüßt, Schatten, standhafter Zinnsoldat! Seid gegrüßt,

Freunde! Seid gegrüßt, elektrische Lichter, Bogenlampen und funkelnde

Pailletten am Karussell! O, daß Louis da wäre, der flüchtige Vogel! Vielleicht ist

er uns schon vorausgeflogen in den Himmel. Vielleicht auch kommt er morgen

wieder, der alte Schakal, und findet uns nicht mehr und lacht und pflanzt

Bogenlampen und Fahnenstangen auf unser Grab.“

Still ging der Magier und holte neuen Wein, froh lächelten seine weißen

Zähne aus dem roten Mund.

„Schwermut,“ sagte er mit einem Blick zu Klingsor hinüber, „ist eine Sache,

die man nicht mit sich tragen sollte. Es ist so leicht — es ist das Werk einer

Stunde, einer kurzen intensiven Stunde mit zusammengebissenen Zähnen, dann

ist man mit der Schwermut für immer fertig.“

Klingsor sah aufmerksam auf seinen Mund, auf die hellen klaren Zähne,

welche einst in einer glühenden Stunde die Schwermut erwürgt und totgebissen

hatten. War auch ihm möglich, was dem Sterndeuter möglich gewesen war? O,

kurzer süßer Blick in ferne Gärten: Leben ohne Angst, Leben ohne Schwermut!

Er wußte, diese Gärten waren ihm unerreichbar. Er wußte, ihm war andres

bestimmt, anders blickte zu ihm Saturn herüber, andre Lieder wollte Gott auf

seinen Saiten spielen.

„Jeder hat seine Sterne,“ sagte Klingsor langsam, „jeder hat seinen Glauben.

Ich glaube nur an Eines: an den Untergang. Wir fahren in einem Wagen überm

Abgrund, und die Pferde sind scheu geworden. Wir stehen im Untergang, wir

alle, wir müssen sterben, wir müssen wieder geboren werden, die große Wende

ist für uns gekommen. Es ist überall das Gleiche: der große Krieg, die große

Wandlung in der Kunst, der große Zusammenbruch der Staaten des Westens. Bei

uns im alten Europa ist alles das gestorben, was bei uns gut und unser eigen war;

unsre schöne Vernunft ist Irrsinn geworden, unser Geld ist Papier, unsre

Maschinen können bloß noch schießen und explodieren, unsre Kunst ist

Selbstmord. Wir gehen unter, Freunde, so ist es uns bestimmt, die Tonart Tsing

Tse ist angestimmt.“

Der Armenier schenkte Wein ein.

„Wie Sie wollen,“ sagte er. „Man kann ja sagen, und man kann nein sagen, das

ist nur Kinderspiel. Untergang ist etwas, das nicht existiert. Damit Untergang

oder Aufgang wäre, müßte es unten und oben geben. Unten und oben aber gibt

es nicht, das lebt nur im Gehirn des Menschen, in der Heimat der Täuschungen.

Alle Gegensätze sind Täuschungen: weiß und schwarz ist Täuschung, Tod und

Leben ist Täuschung, gut und böse ist Täuschung. Es ist das Werk einer Stunde,

einer glühenden Stunde mit zusammengebissenen Zähnen, dann hat man das

Reich der Täuschungen überwunden.“

Klingsor hörte seiner guten Stimme zu.

„Ich spreche von uns,“ gab er Antwort, „ich spreche von Europa, von unsrem

alten Europa, das zweitausend Jahre lang das Gehirn der Welt zu sein glaubte.

Dies geht unter. Meinst du, Magier, ich kenne dich nicht? Du bist ein Bote aus

dem Osten, ein Bote auch an mich, vielleicht ein Spion, vielleicht ein

verkleideter Feldherr. Du bist hier, weil hier das Ende beginnt, weil du hier

Untergang witterst. Aber wir gehen gerne unter, du, wir sterben gerne, wir

wehren uns nicht.“

„Du kannst auch sagen: gerne werden wir geboren,“ lachte der Asiate. „Dir

scheint es Untergang, mir scheint es vielleicht Geburt. Beides ist Täuschung. Der

Mensch, der an die Erde glaubt als an die feststehende Scheibe unterm Himmel,

der sieht und glaubt Aufgang und Untergang — und alle, fast alle Menschen

glauben an diese feste Scheibe! Die Sterne selbst wissen kein Auf und Unter.“

„Sind nicht Sterne untergegangen?“ rief Thu Fu.

„Für uns, für unsre Augen.“

Er schenkte die Tassen voll, immer machte er den Schenken, immer war er

dienstfertig und lächelte dazu. Er ging mit dem leeren Kruge weg, neuen Wein

zu holen. Schmetternd schrie die Karussellmusik.

„Gehen wir hinüber, es ist so schön,“ bat Thu Fu, und sie gingen hin, standen

an der bemalten Barriere, sahen im stechenden Glanz der Pailletten und Spiegel

das Karussell im Kreise wüten, hundert Kinder mit den Augen gierig am Glanze

hängen. Einen Augenblick fühlte Klingsor tief und lachend das Urtümliche und

Negerhafte dieser kreiselnden Maschine, dieser mechanischen Musik, dieser

grellen wilden Bilder und Farben, Spiegel und irrsinnigen Schmucksäulen, alles

trug Züge von Medizinmann und Schamane, von Zauber und uralter

Rattenfängerei, und der ganze wilde wüste Glanz war im Grund nichts andres als

der zuckende Glanz des Blechlöffels, den der Hecht für ein Fischlein hält und an

dem man ihn herauszieht.

Alle Kinder mußten Karussell fahren. Allen Kindern gab Thu Fu Geld, alle

Kinder lud der Schatten ein. In Knäueln umgaben sie die Schenkenden, hingen sich an, flehten, dankten. Ein schönes blondes Mädchen, zwölfjährig, dem gaben

sie alle, sie fuhr jede Runde. Im Lichterglanz wehte hold der kurze Rock um ihre

schönen Knabenbeine. Ein Knabe weinte. Knaben schlugen sich. Peitschend

knallten zur Orgel die Tschinellen, gossen Feuer in den Takt, Opium in den

Wein. Lange standen die Vier im Getümmel.

Wieder saßen sie dann unterm Baume, in die Tassen goß der Armenier den

Wein, schürte Untergang, lächelte hell.

„Dreihundert Becher wollen wir heute leeren,“ sang Klingsor; sein

verbrannter Schädel glühte gelb, laut schallte sein Gelächter hin; Schwermut

kniete, ein Riese, auf seinem zuckenden Herzen. Er stieß an, er pries den

Untergang, das Sterbenwollen, die Tonart Tsing Tse. Brausend erscholl die

Karussellmusik. Aber innen im Herzen saß Angst, das Herz wollte nicht sterben,

das Herz haßte den Tod.

Plötzlich klirrte eine zweite Musik wütend in die Nacht, schrill, hitzig, aus

dem Hause her. Im Erdgeschoß, neben dem Kamin, dessen Gesimse voll schön

geordneter Weinflaschen stand, knallte ein Maschinenklavier los,

Maschinengewehr, wild, scheltend, überstürzt. Leid schrie aus verstimmten

Tönen, Rhythmus bog mit schwerer Dampfwalze stöhnende Dissonanzen nieder.

Volk war da, Licht, Lärm, Burschen tanzten und Mädchen, auch die hinkende

Magd, auch Thu Fu. Er tanzte mit dem blonden kleinen Mädchen, Klingsor sah

zu, leicht und hold wehte ihr kurzes Sommerkleid um die dünnen schönen Beine,

freundlich lächelte Thu Fus Gesicht, voll Liebe. An der Kaminecke saßen die

andern, vom Garten hereingekommen, nah bei der Musik, mitten im Lärm.

Klingsor sah Töne, hörte Farben. Der Magier nahm Flaschen vom Kamin,

öffnete, schenkte ein. Hell stand sein Lächeln auf dem braunen klugen Gesicht.

Furchtbar donnerte die Musik im niedern Saal. In die Reihe der alten Flaschen

überm Kamin brach der Armenier langsam eine Bresche, wie ein Tempelräuber

Kelch um Kelch die Geräte eines Altars wegnimmt.

„Du bist ein großer Künstler,“ flüsterte der Sterndeuter Klingsor zu, indem er

seine Tasse füllte. „Du bist einer der größten Künstler dieser Zeit. Du hast das

Recht, dich Li Tai Pe zu nennen. Aber du bist, Li Tai, du bist ein gehetzter,

armer, ein gepeinigter und angstvoller Mensch. Du hast die Musik des

Untergangs angestimmt, du sitzest singend in deinem brennenden Haus, das du

selber angezündet hast, und es ist dir nicht wohl dabei, Li Tai Pe, auch wenn du

jeden Tag dreihundert Becher leerst und mit dem Monde anstößt. Es ist dir nicht

wohl dabei, es ist dir sehr weh dabei, Sänger des Untergangs, willst du nicht

innehalten? Willst du nicht leben? Willst du nicht fortdauern?“

Klingsor trank und flüsterte mit seiner etwas heisern Stimme zurück: „Kann

man denn Schicksal wenden? Gibt es denn Freiheit des Wollens? Kannst denn du, Sterndeuter, meine Sterne anders lenken?“

„Nicht lenken, nur deuten kann ich sie. Lenken kannst nur du dich selbst. Es

gibt Freiheit des Wollens. Sie heißt Magie.“

„Warum soll ich Magie treiben, wenn ich Kunst treiben kann? Ist Kunst nicht

ebenso gut?“

„Alles ist gut. Nichts ist gut. Magie hebt Täuschungen auf. Magie hebt jene

schlimmste Täuschung auf, die wir ‚Zeit‘ heißen.“

„Tut das Kunst nicht auch?“

„Sie versucht es. Ist dein gemalter Juli, den du in deinen Mappen hast, dir

genug? Hast du Zeit aufgehoben? Bist du ohne Angst vor dem Herbst, vor dem

Winter?“

Klingsor seufzte und schwieg, schweigend trank er, schweigend füllte der

Magier seine Tasse. Irrsinnig tobte die entfesselte Klaviermaschine, zwischen

den Tanzenden schwebte engelhaft Thu Fus Gesicht. Der Juli war zu Ende.

Klingsor spielte mit den leeren Flaschen auf dem Tische, ordnete sie im

Kreise.

„Dies sind unsre Kanonen,“ rief er, „mit diesen Kanonen schießen wir die Zeit

kaputt, den Tod kaputt, das Elend kaputt. Auch mit Farben habe ich auf den Tod

geschossen, mit dem feurigen Grün, mit dem knallenden Zinnober, mit dem

süßen Geraniumlack. Oft habe ich ihn auf den Schädel getroffen, Weiß und Blau

habe ich ihm ins Auge gejagt. Oft habe ich ihn in die Flucht geschlagen. Noch

oft werde ich ihn treffen, ihn besiegen, ihn überlisten. Seht den Armenier, wieder

öffnet er eine alte Flasche, und die eingeschlossene Sonne vergangener Sommer

schießt uns ins Blut. Auch der Armenier hilft uns, auf den Tod zu schießen, auch

der Armenier weiß keine andre Waffe gegen den Tod.“

Der Magier brach Brot und aß.

„Gegen den Tod brauche ich keine Waffe, weil es keinen Tod gibt. Es gibt

aber eines: Angst vor dem Tode. Die kann man heilen, gegen die gibt es eine

Waffe. Es ist die Sache einer Stunde, die Angst zu überwinden. Aber Li Tai Pe

will nicht. Li liebt ja den Tod, er liebt ja seine Angst vor dem Tode, seine

Schwermut, sein Elend, nur die Angst hat ihn ja all das gelehrt, was er kann und

wofür wir ihn lieben.“

Spöttisch stieß er an, seine Zähne blitzten, immer heiterer ward sein Gesicht,

Leid schien ihm fremd. Niemand gab Antwort. Klingsor schoß mit der

Weinkanone gegen den Tod. Groß stand der Tod vor den offenen Türen des

Saales, der von Menschen, Wein und Tanzmusik geschwollen war. Groß stand

der Tod vor den Türen, leise rüttelte er am schwarzen Akazienbaum, finster

stand er im Garten auf der Lauer. Alles war draußen voll Tod, voll von Tod, nur

hier im engen schallenden Saal ward noch gekämpft, ward noch herrlich und tapfer gekämpft gegen den schwarzen Belagerer, der nah durch die Fenster

greinte.

Spöttisch blickte der Magier über den Tisch, spöttisch schenkte er die Schalen

voll. Viele Schalen schon hatte Klingsor zerbrochen, neue hatte er ihm gegeben.

Viel hatte auch der Armenier getrunken, aber aufrecht saß er wie Klingsor.

„Laß uns trinken, Li,“ höhnte er leise. „Du liebst ja den Tod, gerne willst du ja

untergehen, gerne den Tod sterben. Sagtest du nicht so, oder habe ich mich

getäuscht — oder hast du mich und dich selber am Ende getäuscht? Laß uns

trinken, Li, laß uns untergehen!“

Zorn quoll in Klingsor empor. Auf stand er, stand aufrecht und hoch, der alte

Sperber mit dem scharfen Kopf, spie in den Wein, zerschmiß seine volle Tasse

am Boden. Weithin spritzte der rote Wein in den Saal, die Freunde wurden

bleich, fremde Menschen lachten.

Aber schweigend und lächelnd holte der Magier eine neue Tasse, schenkte sie

lächelnd voll, bot sie lächelnd Li Tai an. Da lächelte Li, da lächelte auch er. Über

sein verzerrtes Gesicht lief das Lächeln wie Mondlicht.

„Kinder,“ rief er, „laßt diesen Fremdling reden! Er weiß viel, der alte Fuchs, er

kommt aus einem versteckten und tiefen Bau. Er weiß viel, aber er versteht uns

nicht. Er ist zu alt, um Kinder zu verstehen. Er ist zu weise, um Narren zu

verstehen. Wir, wir Sterbenden, wissen mehr vom Tode als er. Wir sind

Menschen, nicht Sterne. Seht da meine Hand, die eine kleine blaue Schale voll

Wein hält! Sie kann viel, diese Hand, diese braune Hand. Sie hat mit vielen

Pinseln gemalt, sie hat neue Stücke der Welt aus dem Finstern gerissen und vor

die Augen der Menschen gestellt. Diese braune Hand hat viele Frauen unterm

Kinn gestreichelt, und hat viele Mädchen verführt, viel ist sie geküßt worden,

Tränen sind auf sie gefallen, ein Gedicht hat Thu Fu auf sie gedichtet. Diese

liebe Hand, Freunde, wird bald voll Erde und voll Maden sein, keiner von euch

würde sie mehr anrühren. Wohl, eben darum liebe ich sie. Ich liebe meine Hand,

ich liebe meine Augen, ich liebe meinen weißen, zärtlichen Bauch, ich liebe sie

mit Bedauern und mit Spott und mit großer Zärtlichkeit, weil sie alle so bald

verwelken und verfaulen müssen. Schatten du, dunkler Freund, alter Zinnsoldat

auf dem Grabe Andersens, auch dir ergeht es so, lieber Kerl! Stoß mit mir an,

unsre lieben Glieder und Eingeweide sollen leben!“

Sie stießen an, dunkel lächelte der Schatten aus seinen tiefen Höhlenaugen —

und plötzlich ging etwas durch den Saal, wie ein Wind, wie ein Geist. Verstummt

war unversehens die Musik, plötzlich, wie erloschen, weggeflossen waren die

Tänzer, von der Nacht verschlungen, und die Hälfte der Lichter war verlöscht.

Klingsor blickte nach den schwarzen Türen. Draußen stand der Tod. Er sah ihn

stehen. Er roch ihn. Wie Regentropfen in Landstraßenstaub, so roch der Tod.