Klingsors letzter Sommer

Hermann Hesse · Kapitel 8 von 16

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Klingsors letzter Sommer

Louis

L o u i s

 

Louis der Grausame war vom Himmel gefallen, plötzlich war er da, Klingsors

alter Freund, der Reisende, der Unberechenbare, der in der Eisenbahn wohnte

und dessen Atelier sein Rucksack war. Gute Stunden tropften vom Himmel

dieser Tage, gute Winde wehten. Sie malten gemeinsam, auf dem Ölberg und in

Cartago.

„Ob diese ganze Malerei eigentlich einen Wert hat?“ sagte Louis auf dem

Ölberg, nackt im Grase liegend, den Rücken rot von der Sonne. „Man malt doch

bloß faute de mieux, mein Lieber. Hättest du immer das Mädchen auf dem

Schoß, das dir gerade gefällt, und die Suppe im Teller, nach der heute dein Sinn

steht, du würdest dich nicht mit dem wahnsinnigen Kinderspiel plagen. Die

Natur hat zehntausend Farben, und wir haben uns in den Kopf gesetzt, die Skala

auf zwanzig zu reduzieren. Das ist die Malerei. Zufrieden ist man nie, und muß

noch die Kritiker ernähren helfen. Hingegen eine gute Marseiller Fischsuppe,

caro mio, und ein kleiner lauer Burgunder dazu, und nachher ein Mailänder

Schnitzel, zum Dessert Birnen und einen Gorgonzola, und ein türkischer Kaffee

— das sind Realitäten, mein Herr, das sind Werte! Wie ißt man schlecht in eurem

Palästina hier! Ach Gott, ich wollte, ich wär’ in einem Kirschbaum, und die

Kirschen wüchsen mir ins Maul, und grade über mir auf der Leiter stünde das

braune heftige Mädchen, dem wir heut früh begegnet sind. Klingsor, gib das

Malen auf! Ich lade dich zu einem guten Essen in Laguno ein, es wird bald

Zeit.“

„Gilt es?“ fragte Klingsor blinzelnd.

„Es gilt. Ich muß nur vorher noch schnell an den Bahnhof. Nämlich, offen

gestanden, ich habe einer Freundin telegraphiert, daß ich am Sterben sei, sie

kann um elf Uhr da sein.“

Lachend riß Klingsor die begonnene Studie vom Brett.

„Recht hast du, Junge. Gehen wir nach Laguno! Zieh dein Hemd an, Luigi.

Die Sitten hier sind von großer Unschuld, aber nackt kannst du leider nicht in die

Stadt gehen.“

Sie gingen ins Städtchen, sie gingen zum Bahnhof, eine schöne Frau kam an,

sie aßen schön und gut in einem Restaurant, und Klingsor, der dies in seinen

ländlichen Monaten ganz vergessen hatte, war erstaunt, daß es alle diese Dinge

noch gab, diese lieben heiteren Dinge: Forellen, Lachsschinken, Spargeln,

Chablis, Waliser Dôle, Benediktiner.

Nach dem Essen fuhren sie, alle drei, in der Seilbahn durch die steile Stadt

hinauf, quer durch die Häuser, an Fenstern und hängenden Gärten vorüber, es war sehr hübsch, sie blieben sitzen und fuhren wieder hinab, und noch einmal

hinauf und hinab. Sonderbar schön und seltsam war die Welt, sehr farbig, etwas

fragwürdig, etwas unwahrscheinlich, jedoch wunderschön. Klingsor nur war ein

wenig befangen, er trug Kaltblütigkeit zur Schau, wollte sich nicht in Luigis

schöne Freundin verlieben. Sie gingen nochmals in ein Kaffee, sie gingen in den

leeren mittäglichen Park, legten sich am Wasser unter die Riesenbäume. Vieles

sahen sie, was hätte gemalt werden müssen: rote edelsteinerne Häuser in tiefem

Grün, Schlangenbäume und Perückenbäume, blau und braun berostet.

„Du hast sehr liebe und lustige Sachen gemalt, Luigi,“ sagte Klingsor, „die ich

alle sehr liebe: Fahnenstangen, Clowns, Zirkusse. Aber das Liebste von allem ist

mir ein Fleck auf deinem nächtlichen Karussellbild. Weißt du, da weht über dem

violetten Gezelt und fern von all den Lichtern hoch oben in der Nacht eine kühle

kleine Fahne, hellrosa, so schön, so kühl, so einsam, so scheußlich einsam! Das

ist wie ein Gedicht von Li Tai Pe oder von Paul Verlaine. In dieser kleinen,

dummen Rosafahne ist alles Weh und alle Resignation der Welt, und auch noch

alles gute Lachen über Weh und Resignation. Daß du dieses Fähnchen gemalt

hast, damit ist dein Leben gerechtfertigt, ich rechne es dir hoch an, das

Fähnchen.“

„Ja, ich weiß, daß du es gern hast.“

„Du selber hast es auch gern. Schau, wenn du nicht einige solche Sachen

gemalt hättest, dann würden alle guten Essen und Weine und Weiber und Kaffees

dir nichts helfen, du wärest ein armer Teufel. So aber bist du ein reicher Teufel,

und bist ein Kerl, den man lieb hat. Sieh, Luigi, ich denke oft wie du: unsre

ganze Kunst ist bloß ein Ersatz, ein mühsamer und zehnmal zu teuer bezahlter

Ersatz für versäumtes Leben, versäumte Tierheit, versäumte Liebe. Aber es ist

doch nicht so. Es ist ganz anders. Man überschätzt das Sinnliche, wenn man das

Geistige nur als einen Notersatz für fehlendes Sinnliches ansieht. Das Sinnliche

ist um kein Haar mehr wert als der Geist, so wenig wie umgekehrt. Es ist alles

eins, es ist alles gleich gut. Ob du ein Weib umarmst oder ein Gedicht machst, ist

dasselbe. Wenn nur die Hauptsache da ist, die Liebe, das Brennen, das

Ergriffensein, dann ist es einerlei, ob du Mönch auf dem Berge Athos bist oder

Lebemann in Paris.“

Louis blickte langsam aus den spöttischen Augen herüber. „Junge, brich dir

man keene Verzierungen ab!“

Mit der schönen Frau durchstreiften sie die Gegend. Im Sehen waren sie beide

stark, das konnten sie. Im Umkreis der paar Städtchen und Dörfer sahen sie

Rom, sahen Japan, sahen die Südsee und zerstörten die Illusionen wieder mit

spielendem Finger; ihre Laune zündete Sterne am Himmel an und löschte sie

wieder aus. Durch die üppigen Nächte ließen sie ihre Leuchtkugeln steigen; die Welt war Seifenblase, war Oper, war froher Unsinn.

Louis, der Vogel, schwebte auf seinem Fahrrad durch die Hügelgegend, war

da und dort, während Klingsor malte. Manche Tage opferte Klingsor, dann saß er

wieder verbissen draußen und arbeitete. Louis wollte nicht arbeiten. Louis war

plötzlich abgereist, samt der Freundin, schrieb eine Karte aus weiter Ferne.

Plötzlich war er wieder da, als Klingsor ihn schon verloren gegeben hatte, stand

im Strohhut und offnen Hemde vor der Tür, als wäre er nie weggewesen. Noch

einmal sog Klingsor aus dem süßesten Becher seiner Jugendzeit den Trank der

Freundschaft. Viele Freunde hatte er, viele liebten ihn, vielen hatte er gegeben,

vielen sein rasches Herz geöffnet, aber nur zwei von den Freunden hörten auch

in diesem Sommer noch den alten Herzensruf von seinen Lippen: Louis der

Maler, und der Dichter Hermann, genannt Thu Fu.

An manchen Tagen saß Louis im Feld auf seinem Malstuhl, im

Birnbaumschatten, im Pflaumenbaumschatten, und malte nicht. Er saß und

dachte und hielt Papier auf das Malbrett geheftet und schrieb, schrieb viel,

schrieb viele Briefe. Sind Menschen glücklich, die so viele Briefe schreiben? Er

schrieb angestrengt, Louis, der Sorglose, sein Blick hing eine Stunde lang

peinlich am Papier. Viel Verschwiegenes trieb ihn um. Klingsor liebte ihn dafür.

Anders tat Klingsor. Er konnte nicht schweigen. Er konnte sein Herz nicht

verbergen. Von den heimlichen Leiden seines Lebens, von denen wenige

wußten, ließ er doch die Nächsten wissen. Oft litt er an Angst, an Schwermut, oft

lag er im Schacht der Finsternis gefangen, Schatten aus seinem frühern Leben

fielen zu Zeiten übergroß in seine Tage und machten sie schwarz. Dann tat es

ihm wohl, Luigis Gesicht zu sehen. Dann klagte er ihm zuweilen.

Louis aber sah diese Schwächen nicht gerne. Sie quälten ihn, sie forderten

Mitleid. Klingsor gewöhnte sich daran, dem Freund sein Herz zu zeigen, und

begriff zu spät, daß er ihn damit verliere.

Wieder begann Louis von Abreise zu sprechen. Klingsor wußte, nun würde er

ihn noch für Tage halten können, für drei, für fünf; plötzlich aber würde er ihm

den gepackten Koffer zeigen und abreisen, um lange Zeit nicht wieder zu

kommen. Wie war das Leben kurz, wie unwiederbringlich war alles! Den

einzigen seiner Freunde, der seine Kunst ganz verstand, dessen eigene Kunst der

seinen nah und ebenbürtig war, diesen einzigen hatte er nun erschreckt und

belästigt, ihn verstimmt und abgekühlt, bloß aus dummer Schwäche und

Bequemlichkeit, bloß aus dem kindlichen und unanständigen Bedürfnis, einem

Freund gegenüber sich keine Mühe geben zu müssen, keine Geheimnisse vor

ihm zu hüten, keine Haltung vor ihm zu bewahren. Wie dumm, wie knabenhaft

war das gewesen! So strafte sich Klingsor, zu spät.

Den letzten Tag wanderten sie zusammen durch die goldenen Täler, Louis war sehr guter Laune, Abreise war Lebenslust für sein Vogelherz. Klingsor machte

mit, sie hatten wieder den alten, leichten, spielenden und spöttischen Ton

gefunden, und ließen ihn nimmer los. Abends saßen sie im Garten des

Wirtshauses. Fische ließen sie sich backen, Reis mit Pilzen kochen, und gossen

Maraschino über Pfirsiche.

„Wohin reisest du morgen?“ fragte Klingsor.

„Ich weiß nicht.“

„Fährst du zu der schönen Frau?“

„Ja. Vielleicht. Wer kann das wissen? Frage nicht so viel. Wir wollen jetzt,

zum Schluß, noch einen guten Weißwein trinken. Ich bin für Neuenburger.“

Sie tranken; plötzlich rief Louis: „Es ist schon gut, daß ich abreise, alter

Seehund. Manchmal, wenn ich so neben dir sitze, zum Beispiel jetzt, fällt mir

plötzlich etwas Dummes ein. Es fällt mir ein, daß jetzt da die zwei Maler sitzen,

die unser gutes Vaterland hat, und dann habe ich ein scheußliches Gefühl in den

Knien, wie wenn wir beide aus Bronze wären und Hand in Hand auf einem

Denkmal stehen müßten, weißt du, so wie der Goethe und der Schiller. Die

können schließlich auch nichts dafür, daß sie ewig dastehen und einander an der

Bronzehand halten müssen, und daß sie uns allmählich so fatal und verhaßt

geworden sind. Vielleicht waren sie ganz feine Kerle und reizende Burschen,

vom Schiller habe ich früher einmal ein Stück gelesen, das war direkt hübsch.

Und doch ist jetzt das aus ihm geworden, daß er ein berühmtes Vieh ist, und

neben seinem siamesischen Zwilling stehen muß, Gipskopf neben Gipskopf, und

daß man ihre gesammelten Werke herumstehen sieht und sie in den Schulen

erklärt. Es ist schauderhaft. Denke dir, ein Professor in hundert Jahren, wie er

den Gymnasiasten predigt: Klingsor, geboren 1877, und sein Zeitgenosse Louis,

genannt der Vielfraß, Erneuerer der Malerei, Befreiung vom Naturalismus der

Farbe, bei näherer Betrachtung zerfällt dies Künstlerpaar in drei deutlich

unterscheidbare Perioden! Lieber komme ich noch heut unter eine Lokomotive.“

„Gescheiter wäre es, es kämen alle Professoren darunter.“

„So große Lokomotiven gibt es nicht. Du weißt, wie kleinlich unsre Technik

ist.“

Schon kamen Sterne herauf. Plötzlich stieß Louis sein Glas an das des

Freundes.

„So, wir wollen anstoßen und austrinken. Dann setze ich mich auf mein Rad

und adieu. Nur keinen langen Abschied! Der Wirt ist bezahlt. Prosit, Klingsor!“

Sie stießen an, sie tranken aus, im Garten stieg Louis aufs Zweirad, schwang

den Hut, war fort. Nacht, Sterne. Louis war in China. Louis war eine Legende.

Klingsor lächelte traurig. Wie liebte er diesen Zugvogel! Lange stand er im

Kies des Wirtsgartens, sah die leere Straße hinab.