Klingsors letzter Sommer
Der Kareno-Tag
D e r K a r e n o - T a g
Zusammen mit den Freunden aus Barengo und mit Agosto und Ersilia
unternahm Klingsor die Fußreise nach Kareno. Sie sanken in der Morgenstunde,
zwischen den stark duftenden Spiräen und umzittert von den noch betauten
Spinngeweben der Waldränder, durch den steilen warmen Wald hinab in das Tal
von Pampambio, wo vom Sommertag betäubt an der gelben Straße grelle gelbe
Häuser schliefen, vornübergeneigt und halbtot, und am versiegten Bach die
weißen metallenen Weiden hingen mit schweren Flügeln über den goldenen
Wiesen. Farbig schwamm die Karawane der Freunde auf der rosigen Straße
durch das dampfende Talgrün: die Männer weiß und gelb in Leinen und Seide,
die Frauen weiß und rosa, der herrliche veronesergrüne Sonnenschirm Ersilias
funkelte wie ein Kleinod im Zauberring.
Melancholisch klagte der Doktor, mit der menschenfreundlichen Stimme: „Es
ist ein Jammer, Klingsor, Ihre wunderbaren Aquarelle werden in zehn Jahren alle
weiß sein; diese Farben, die Sie bevorzugen, halten alle nicht.“
Klingsor: „Ja, und was noch schlimmer ist: Ihre schönen braunen Haare,
Doktor, werden in zehn Jahren alle grau sein, und eine kleine Weile später liegen
unsere hübschen frohen Knochen irgendwo in einem Loch in der Erde, leider
auch Ihre so schönen und gesunden Knochen, Ersilia. Kinder, wir wollen nicht
so spät im Leben noch anfangen vernünftig zu werden. Hermann, wie spricht Li
Tai Pe?“
Hermann der Dichter blieb stehen und sprach:
Das Leben vergeht wie ein Blitzstrahl,
Dessen Glanz kaum so lange währt, daß man ihn sehen kann.
Wenn die Erde und der Himmel ewig unbeweglich stehen,
Wie rasch fliegt die wechselnde Zeit über das Antlitz der Menschen.
O du, der du beim vollen Becher sitzest und nicht trinkst,
O sage mir, auf wen wartest du noch?
„Nein,“ sagte Klingsor, „ich meine den andern Vers, mit Reimen, von den
Haaren, die am Morgen noch dunkel waren —“
Hermann sagte alsbald den Vers:
Noch am Morgen glänzten deine Haare wie schwarze Seide,
Abend hat schon Schnee auf sie getan,
Wer nicht will, daß er lebendigen Leibes sterbend leide,
Schwinge den Becher und fordre den Mond als Kumpan!
Klingsor lachte laut, mit seiner etwas heiseren Stimme.
„Braver Li Tai Pe! Er hatte Ahnungen, er wußte allerlei. Auch wir wissen
allerlei, er ist unser alter kluger Bruder. Dieser trunkene Tag würde ihm gefallen,
es ist gerade so ein Tag, an dessen Abend es schön wäre, den Tod Li Tai Pes zu
sterben, im Boot auf dem stillen Fluß. Ihr werdet sehen, alles wird heut
wunderbar sein.“
„Was war das für ein Tod, den Li Tai Pe auf dem Fluß gestorben ist?“ fragte
die Malerin.
Aber Ersilia unterbrach, mit ihrer guten tiefen Stimme: „Nein, jetzt höret auf!
Wer noch ein Wort von Tod und Sterben sagt, den habe ich nicht mehr lieb.
Finisca adesso, brutto Klingsor!“
Klingsor kam lachend zu ihr herüber: „Wie haben Sie recht, bambina! Wenn
ich noch ein Wort vom Sterben sage, dürfen Sie mir mit dem Sonnenschirm in
beide Augen stoßen. Aber im Ernst, es ist heut wunderbar, liebe Menschen! Ein
Vogel singt heut, der ist ein Märchenvogel, ich hab’ ihn schon am Morgen
gehört. Ein Wind geht heut, der ist ein Märchenwind, das himmlische Kind, der
weckt die schlafenden Prinzessinnen auf und schüttelt den Verstand aus den
Köpfen. Heut blüht eine Blume, die ist eine Märchenblume, die ist blau und
blüht nur einmal im Leben, und wer sie pflückt, der hat die Seligkeit.“
„Meint er etwas damit?“ fragte Ersilia den Doktor. Klingsor hörte es.
„Ich meine damit: Dieser Tag kommt niemals wieder, und wer ihn nicht ißt
und trinkt und schmeckt und riecht, dem wird er in aller Ewigkeit kein zweites
Mal angeboten. Niemals wird die Sonne so scheinen wie heut, sie hat eine
Konstellation am Himmel, eine Verbindung mit Jupiter, mit mir, mit Agosto und Ersilia und uns allen, die kommt nie, niemals wieder, nicht in tausend Jahren.
Darum möchte ich jetzt, weil das Glück bringt, ein wenig an Ihrer linken Seite
gehen und Ihren smaragdenen Sonnenschirm tragen, in seinem Licht wird mein
Schädel aussehen wie ein Opal. Sie aber müssen auch mittun und müssen ein
Lied singen, eines von Ihren schönsten.“
Er nahm Ersilias Arm, sein scharfes Gesicht tauchte weich in den blaugrünen
Schatten des Schirmes, in den er verliebt war und dessen grellsüße Farbe ihn
entzückte.
Ersilia fing zu singen an:
Il mio papa non vuole,
Ch’ io spos’ un bersaglier —
Stimmen schlossen sich an, man schritt singend bis zum Walde und in den Wald
hinein, bis die Steigung zu groß wurde, der Weg führte wie eine Leiter steil
bergan durch die Farnkräuter den großen Berg empor.
„Wie wundervoll gradlinig ist dieses Lied!“ lobte Klingsor. „Der Papa ist
gegen die Liebenden, wie er es immer ist. Sie nehmen ein Messer, das gut
schneidet, und machen den Papa tot. Weg ist er. Sie machen es in der Nacht,
niemand sieht sie als der Mond, der verrät sie nicht, und die Sterne, die sind
stumm, und der liebe Gott, der wird ihnen schon verzeihen. Wie schön und
aufrichtig ist das! Ein heutiger Dichter würde dafür gesteinigt werden.“
Man klomm im durchsonnten spielenden Kastanienschatten den engen
Bergweg hinan. Wenn Klingsor aufblickte, sah er vor seinem Gesicht die dünnen
Waden der Malerin rosig aus durchsichtigen Strümpfen scheinen. Sah er zurück,
so wölbte sich über dem schwarzen Negerkopf Ersilias der Türkis des
Sonnenschirmes. Darunter war sie violett in Seide, die einzige Dunkle unter
allen Figuren.
Bei einem Bauernhaus blau und orange lagen gefallene grüne Sommeräpfel in
der Wiese, kühl und sauer, von denen probierten sie. Die Malerin erzählte
schwärmend von einem Ausflug auf der Seine, in Paris, einst, vor dem Kriege.
Ja, Paris, und das selige Damals!
„Das kommt nicht wieder. Nie mehr.“
„Es soll auch nicht,“ rief der Maler heftig und schüttelte grimmig den scharfen
Sperberkopf. „Nichts soll wiederkommen! Wozu denn? Was sind das für
Kinderwünsche! Der Krieg hat alles, was vorher war, zu einem Paradies
umgemalt, auch das Dümmste, auch das Entbehrlichste. Gut so, es war schön in
Paris und schön in Rom und schön in Arles. Aber ist es heut und hier weniger
schön? Das Paradies ist nicht Paris und nicht die Friedenszeit, das Paradies ist
hier, da oben liegt es auf dem Berg, und in einer Stunde sind wir mitten drin und sind die Schächer, zu denen gesagt wird: Heut wirst du mit mir im Paradiese
sein.“
Sie brachen aus dem durchsprenkelten Schatten des Waldpfades auf die offene
breite Fahrstraße hinaus, die führte licht und heiß in großen Spiralen zur Höhe.
Klingsor, die Augen mit der dunkelgrünen Brille geschützt, ging als letzter und
blieb oft zurück, um die Figuren sich bewegen und ihre farbigen Konstellationen
zu sehen. Er hatte nichts zum Arbeiten mitgenommen, absichtlich, nicht einmal
das kleine Notizbuch, und stand doch hundertmal still, bewegt von Bildern.
Einsam stand seine hagere Gestalt, weiß auf der rötlichen Straße, am Rand des
Akaziengehölzes. Sommer hauchte heiß über den Berg, Licht floß senkrecht
herab, Farbe dampfte hundertfältig aus der Tiefe herauf. Über die nächsten
Berge, die grün und rot mit weißen Dörfern aufklangen, schauten bläuliche
Bergzüge, und lichter und blauer dahinter neue und neue Züge und ganz fern und
unwirklich die kristallnen Spitzen von Schneebergen. Über dem Wald von
Akazien und Kastanien trat freier und mächtiger der Felsrücken und höckrige
Gipfel des Salute hervor, lila und hellviolett. Schöner als alles waren die
Menschen, wie Blumen standen sie im Licht unterm Grün, wie ein riesiger
Skarabäus leuchtete der smaragdne Sonnenschirm, Ersilias schwarzes Haar
darunter, die weiße schlanke Malerin, mit rosigem Gesicht, und alle andern.
Klingsor trank sie mit durstigem Auge, seine Gedanken aber waren bei Gina.
Erst in einer Woche konnte er sie wieder sehen, sie saß in einem Büro in der
Stadt und schrieb auf der Maschine, selten nur glückte es, daß er sie sah, und nie
allein. Und sie liebte er, gerade sie, die nichts von ihm wußte, die ihn nicht
kannte, nicht verstand, für die er nur ein seltner seltsamer Vogel, ein fremder
berühmter Maler war. Wie seltsam war das, daß gerade an ihr sein Verlangen
hängen blieb, daß kein anderer Liebesbecher ihm genügte. Er war es nicht
gewohnt, lange Wege um eine Frau zu gehen. Um Gina ging er sie, um eine
Stunde neben ihr zu sein, ihre schlanken kleinen Finger zu halten, seinen Schuh
unter ihren zu schieben, einen schnellen Kuß auf ihren Nacken zu drücken. Er
sann darüber nach, sich selbst ein drolliges Rätsel. War dies schon die Wende?
Schon das Alter? War es nur das, nur der Johannistrieb des Vierzigjährigen zur
Zwanzigjährigen?
Der Bergrücken war erreicht, und jenseits brach eine neue Welt dem Blick
entgegen: hoch und unwirklich der Monte Gennaro, aufgebaut aus lauter steilen
spitzen Pyramiden und Kegeln, die Sonne schräg dahinter, jedes Plateau
emailglänzend auf tief violetten Schatten schwimmend. Zwischen dort und hier
die flimmernde Luft, und unendlich tief verloren der schmale blaue Seearm, kühl
hinter grünen Waldflammen ruhend.
Ein winziges Dorf auf dem Berggrat: ein Herrschaftsgut mit kleinem Wohnhaus, vier, fünf andere Häuser, steinern, blau und rosig bemalt, eine
Kapelle, ein Brunnen, Kirschbäume. Die Gesellschaft hielt in der Sonne am
Brunnen, Klingsor ging weiter, durch einen Torbogen in ein schattiges Gehöft,
drei bläuliche Häuser standen hoch, mit wenig kleinen Fenstern, Gras und Geröll
dazwischen, eine Ziege, Brennesseln. Ein Kind lief vor ihm fort, er lockte es,
zog Schokolade aus der Tasche. Es hielt, er fing es ein, streichelte und fütterte
es, es war scheu und schön, ein kleines schwarzes Mädchen, erschrockene
schwarze Tieraugen, schlanke nackte Beine braun und glänzend. „Wo wohnt
ihr?“ fragte er, sie lief zur nächsten Tür, die in dem Häusergeklüft sich öffnete.
Aus einem finstern Steinraum wie aus Höhlen der Urzeit trat ein Weib, die
Mutter, auch sie nahm Schokolade. Aus schmutzigen Kleidern stieg der braune
Hals, ein festes breites Gesicht, sonnverbrannt und schön, breiter voller Mund,
großes Auge, roher süßer Liebreiz, Geschlecht und Mutterschaft sprach breit und
still aus großen asiatischen Zügen. Er neigte sich verführend zu ihr, sie wich
lächelnd aus, schob das Kind zwischen sich und ihn. Er ging weiter, zu einer
Wiederkehr entschlossen. Diese Frau wollte er malen, oder ihr Geliebter sein, sei
es nur eine Stunde lang. Sie war alles: Mutter, Kind, Geliebte, Tier, Madonna.
Langsam kehrte er zur Gesellschaft zurück, das Herz voll von Träumen. Auf
der Mauer des Gutes, dessen Wohnhaus leer und geschlossen schien, waren alte
rauhe Kanonenkugeln befestigt, eine launische Treppe führte durch Gebüsch zu
einem Hain und Hügel, zu oberst ein Denkmal, da stand barock und einsam eine
Büste, Kostüm Wallenstein, Locken, gewellter Spitzbart. Spuk und Phantastik
umglühte den Berg, im gleißenden Mittagslicht, Wunderliches lag auf der Lauer,
auf eine andere, ferne Tonart war die Welt gestimmt. Klingsor trank am
Brunnen, ein Segelfalter flog her und sog an den verspritzten Tropfen auf dem
kalksteinernen Brunnenrand.
Dem Grat nach führte die Bergstraße weiter, unter Kastanien, unter
Nußbäumen, sonnig, schattig. An einer Biegung, eine Wegkapelle, alt und gelb,
in der Nische verblichene alte Bilder, ein Heiligenkopf engelsüß und kindlich,
ein Stück Gewand rot und braun, der Rest verbröckelt. Klingsor liebte alte Bilder
sehr, wenn sie ihm ungesucht entgegenkamen, er liebte solche Fresken, er liebte
die Wiederkehr dieser schönen Werke zum Staub und zur Erde.
Wieder Bäume, Reben, heiße Straße blendend, wieder eine Biegung: da war
das Ziel, plötzlich, unverhofft: ein dunkler Torgang, eine große hohe Kirche aus
rotem Stein, froh und selbstbewußt in den Himmel hinan geschmettert, ein Platz
voll Sonne, Staub und Frieden, rot verbrannter Rasen, der unterm Fuße brach,
Mittagslicht von grellen Wänden zurückgeworfen, eine Säule, eine Figur darauf,
unsichtbar vor Sonnenschwall, eine Steinbrüstung um weiten Platz über blaue
Unendlichkeit. Dahinter das Dorf, Kareno, uralt, eng, finster, sarazenisch, düstere Steinhöhlen unter verblichen braunem Ziegelstein, Gassen bedrückend
traumschmal und voll Finsternis, kleine Plätze plötzlich in weißer Sonne
aufschreiend, Afrika und Nagasaki, darüber der Wald, darunter der blaue
Absturz, weiße, fette, satte Wolken oben.
„Es ist komisch,“ sagte Klingsor, „wie lange man braucht, bis man sich in der
Welt ein bißchen auskennt! Als ich einmal nach Asien fuhr, vor Jahren, kam ich
im Schnellzug in der Nacht sechs Kilometer von hier vorbeigefahren, oder zehn,
und wußte nichts. Ich fuhr nach Asien, und es war damals sehr notwendig, daß
ich es tat. Aber alles, was ich dort fand, das finde ich heut auch hier: Urwald,
Hitze, schöne fremde Menschen ohne Nerven, Sonne, Heiligtümer. Man braucht
so lang, bis man lernt, an einem einzigen Tage drei Erdteile zu besuchen. Hier
sind sie. Willkommen, Indien! Willkommen, Afrika! Willkommen, Japan!“
Die Freunde kannten eine junge Dame, die hier oben hauste, und Klingsor
freute sich auf den Besuch bei der Unbekannten sehr. Er nannte sie die Königin
der Gebirge, so hatte eine geheimnisvolle morgenländische Erzählung in den
Büchern seiner Knabenjahre geheißen.
Erwartungsvoll brach die Karawane durch die blaue Schattenschlucht der
Gassen, kein Mensch, kein Laut, kein Huhn, kein Hund. Aber im Halbschatten
eines Fensterbogens sah Klingsor lautlos eine Gestalt stehen, ein schönes
Mädchen, schwarzäugig, rotes Kopftuch um schwarzes Haar. Ihr Blick, still nach
den Fremden lauernd, traf den seinen, einen langen Atemzug lang schauten sie,
Mann und Mädchen, sich in die Augen, voll und ernst, zwei fremde Welten
einen Augenblick lang einander nah. Dann lächelten sich beide kurz und innig
den ewigen Gruß der Geschlechter zu, die alte, süße, gierige Feindschaft, und
mit einem Schritt um die Kante des Hauses war der fremde Mann
hinweggeflossen, und lag in des Mädchens Truhe, Bild bei vielen Bildern,
Traum bei vielen Träumen. In Klingsors nie ersättigtem Herzen stach der kleine
Stachel, einen Augenblick zögerte er und dachte umzukehren, Agosto rief ihn,
Ersilia fing zu singen an, eine Schattenmauer schwand hinweg, und ein kleiner
greller Platz mit zwei gelben Palästen lag still und blendend im verzauberten
Mittag, schmale steinerne Balkone, geschlossene Läden, herrliche Bühne für den
ersten Akt einer Oper.
„Ankunft in Damaskus,“ rief der Doktor. „Wo wohnt Fatme, die Perle unter
den Frauen?“
Antwort kam überraschend aus dem kleineren Palast. Aus der kühlen
Schwärze hinter der halbgeschlossenen Balkontür sprang ein seltsamer Ton,
noch einer und zehnmal der gleiche, dann die Oktave dazu, zehnmal — ein
Flügel, der gestimmt wurde, ein singender Flügel voller Töne mitten in
Damaskus.
Hier mußte es sein, hier wohnte sie. Das Haus schien aber ohne Tor zu sein,
nur rosig gelbe Mauer mit zwei Balkonen, darüber am Verputz des Giebels eine
alte Malerei: Blumen blau und rot und ein Papagei. Eine gemalte Tür hätte hier
sein müssen, und wenn man dreimal an sie pochte und den Schlüssel Salomonis
dazu sprach, ging die gemalte Pforte auf, und den Wanderer empfing der Duft
von persischen Ölen, hinter Schleiern thronte hoch die Königin der Gebirge.
Sklavinnen kauerten auf den Stufen zu ihren Füßen, der gemalte Papagei flog
kreischend auf die Schulter der Herrin.
Sie fanden eine winzige Tür in einer Nebengasse, eine heftige Glocke,
teuflischer Mechanismus, schrillte böse auf, eng wie eine Leiter führte eine steile
Treppe empor. Unausdenklich, wie der Flügel in dies Haus gekommen war.
Durchs Fenster? Durchs Dach?
Ein großer schwarzer Hund kam gestürzt, ein kleiner blonder Löwe ihm nach,
großer Lärm, die Stiege klapperte, hinten sang der Flügel elfmal den gleichen
Ton. Aus einem rosig getünchten Raum quoll sanftsüßes Licht, Türen schlugen.
War da ein Papagei?
Plötzlich stand die Königin der Gebirge da, schlanke elastische Blüte, straff
und federnd, ganz in Rot, brennende Flamme, Bildnis der Jugend. Vor Klingsors
Auge stoben hundert geliebte Bilder hinweg, und das neue sprang strahlend auf.
Er wußte sofort, daß er sie malen würde, nicht nach der Natur, sondern den
Strahl in ihr, den er empfangen hatte, das Gedicht, den holden herben Klang:
Jugend, Rot, Blond, Amazone. Er würde sie ansehen, eine Stunde lang, vielleicht
mehrere Stunden lang. Er würde sie gehen sehen, sitzen sehen, lachen sehen,
vielleicht tanzen sehen, vielleicht singen hören. Der Tag war gekrönt, der Tag
hatte seinen Sinn gefunden. Was weiter dazu kommen mochte, war Geschenk,
war Überfluß. Immer war es so: das Erlebnis kam nie allein, immer flogen ihm
Vögel voraus, immer gingen ihm Boten und Vorzeichen voran, der mütterlich
asiatische Tierblick unter jener Tür, die schwarze Dorfschöne im Fenster, dies
und das.
Eine Sekunde lang empfand er aufzuckend: „Wäre ich zehn Jahre jünger, zehn
kurze Jahre, so könnte diese mich haben, mich fangen, mich um den Finger
wickeln! Nein, du bist zu jung, du kleine rote Königin, du bist zu jung für den
alten Zauberer Klingsor! Er wird dich bewundern, er wird dich auswendig
lernen, er wird dich malen, er wird das Lied deiner Jugend für immer
aufzeichnen; aber er wird keine Wallfahrt um dich tun, keine Leiter nach dir
steigen, keinen Mord um dich begehen und kein Ständchen vor deinem hübschen
Balkon bringen. Nein, leider wird er dies alles nicht tun, der alte Maler Klingsor,
das alte Schaf. Er wird dich nicht lieben, er wird nicht den Blick nach dir werfen,
den er nach der Asiatin, den er nach der Schwarzen im Fenster warf, die vielleicht keinen Tag jünger ist als du. Für sie ist er nicht zu alt, nur für dich,
Königin der Gebirge, rote Blume am Berg. Für dich, Steinnelke, ist er zu alt. Für
dich genügt die Liebe nicht, die Klingsor zwischen einem Tag voll Arbeit und
einem Abend voll Rotwein zu verschenken hat. Desto besser wird mein Auge
dich trinken, schlanke Rakete, und von dir wissen, wenn du mir lang erloschen
bist.“
Durch Räume mit Steinböden und offenen Bogen kam man in einen Saal, wo
barocke wilde Stuckfiguren über hohen Türen emporflackerten und rundum auf
dunklem gemalten Fries Delphine, weiße Rosse und rosenrote Amoretten durch
ein dicht bevölkertes Sagenmeer schwammen. Ein paar Stühle und am Boden die
Teile des zerlegten Flügels, sonst war nichts in dem großen Raum, aber zwei
verlockende Türen führten auf die zwei kleinen Balkone über dem strahlenden
Opernplatz hinaus, und gegenüber über Eck brüsteten sich die Balkone des
Nachbarpalastes, auch sie mit Bildern bemalt, dort schwamm ein roter feister
Kardinal wie ein Goldfisch in der Sonne.
Man ging nicht wieder fort. Im Saale wurden Vorräte ausgepackt und ein
Tisch gedeckt, Wein kam, seltener Weißwein aus dem Norden, Schlüssel für
Heere von Erinnerungen. Der Klavierstimmer hatte die Flucht ergriffen, der
zerstückte Flügel schwieg. Nachdenklich starrte Klingsor in das entblößte
Saitengedärme, dann tat er leise den Deckel zu. Seine Augen schmerzten, aber in
seinem Herzen sang der Sommertag, sang die sarazenische Mutter, sang blau
und schwellend der Traum von Kareno. Er aß und stieß mit seinem Glase an
Gläser, er sprach hell und froh, und hinter all dem arbeitete der Apparat in seiner
Werkstatt, sein Blick war um die Steinnelke, um die Feuerblume ringsum wie
das Wasser um den Fisch, ein fleißiger Chronist saß in seinem Gehirn und
schrieb Formen, Rhythmen, Bewegungen genau wie in ehernen Zahlensäulen
auf.
Gespräch und Gelächter füllten den leeren Saal. Klug und gütig lachte der
Doktor, tief und freundlich Ersilia, stark und unterirdisch Agosto, vogelleicht die
Malerin, klug sprach der Dichter, spaßhaft sprach Klingsor, beobachtend und ein
wenig scheu ging die rote Königin unter ihren Gästen, Delphinen und Rossen
umher, war hier und dort, stand am Flügel, kauerte auf einem Kissen, schnitt
Brot, schenkte Wein mit unerfahrener Mädchenhand. Freude scholl im kühlen
Saal, Augen glänzten schwarz und blau, vor den lichten hohen Balkontüren lag
starr der blendende Mittag auf Wache.
Hell floß der edle Wein in die Gläser, holder Gegensatz zum einfachen kalten
Mahl. Hell floß der rote Schein vom Kleid der Königin durch den hohen Saal,
hell und wachsam folgten ihm die Blicke aller Männer. Sie verschwand, kam
wieder und hatte ein grünes Brusttuch umgebunden. Sie verschwand, kam wieder und hatte ein blaues Kopftuch umgebunden.
Nach Tische ermüdet und gesättigt brach man fröhlich auf, in den Wald, legte
sich in Gras und Moos, Sonnenschirme leuchteten, unter Strohhüten glühten
Gesichter, gleißend brannte der Sonnenhimmel. Die Königin der Gebirge lag rot
im grünen Gras, hell stieg ihr feiner Hals aus der Flamme, satt und belebt saß ihr
hoher Schuh am schlanken Fuß. Klingsor, ihr nahe, las sie, studierte sie, füllte
sich mit ihr, wie er als Knabe die Zaubergeschichte von der Königin der Gebirge
gelesen und sich mit ihr erfüllt hatte. Man ruhte, man schlummerte, man
plauderte, man kämpfte mit Ameisen, glaubte Schlangen zu hören, stachliche
Kastanienschalen blieben in Frauenhaaren hängen. Man dachte an abwesende
Freunde, die in diese Stunde gepaßt hätten, es waren nicht viele. Louis der
Grausame wurde herbeigesehnt, Klingsors Freund, der Maler der Karusselle und
Zirkusse, sein phantastischer Geist schwebte nah über der Runde.
Der Nachmittag ging hin, wie ein Jahr im Paradiese. Beim Abschied wurde
viel gelacht, Klingsor nahm alles in seinem Herzen mit: die Königin, den Wald,
den Palast und Delphinensaal, die beiden Hunde, den Papagei.
Im Bergabwandern zwischen den Freunden überkam ihn allmählich die frohe
und hingerissene Laune, die er nur an den seltenen Tagen kannte, an denen er
freiwillig die Arbeit hatte ruhen lassen. Hand in Hand mit Ersilia, mit Hermann,
mit der Malerin tanzte er die besonnte Straße hinab, stimmte Lieder an, ergötzte
sich kindlich an Witzen und Wortspielen, lachte hingegeben. Er rannte den
andern voraus und versteckte sich in einen Hinterhalt, um sie zu erschrecken.
So rasch man ging, die Sonne ging rascher, schon bei Palazzetto sank sie
hinter den Berg, und unten im Tale war es schon Abend. Sie hatten den Weg
verfehlt und waren zu tief gestiegen, man war hungrig und müde und mußte die
Pläne aufgeben, die man für den Abend gesponnen hatte: Spaziergang durchs
Korn nach Barengo, Fischessen im Wirtshaus des Seedorfes.
„Liebe Leute,“ sagte Klingsor, der sich auf eine Mauer am Wege gesetzt hatte,
„unsre Pläne waren ja sehr schön, und ein gutes Abendessen bei den Fischern
oder im Monte d’oro würde gewiß mich dankbar finden. Aber wir kommen nicht
mehr so weit, ich wenigstens nicht. Ich bin müde, und ich habe Hunger. Ich gehe
von hier aus keinen Schritt mehr weiter als bis zum nächsten Grotto, der gewiß
nicht weit ist. Dort gibt es Wein und Brot, das genügt. Wer kommt mit?“
Sie kamen alle. Der Grotto wurde gefunden, im steilen Bergwald auf schmaler
Terrasse standen Steinbänke und Tische im Baumdunkel, aus dem Felsenkeller
brachte der Wirt den kühlen Wein, Brot war da. Nun saß man schweigend und
essend, froh, endlich zu sitzen. Hinter den hohen Baumstämmen erlosch der Tag,
der blaue Berg wurde schwarz, die rote Straße wurde weiß, man hörte unten auf
der nächtlichen Straße einen Wagen fahren und einen Hund bellen, da und dort gingen am Himmel Sterne und an der Erde Lichter auf, nicht voneinander zu
unterscheiden.
Glücklich saß Klingsor, ruhte, sah in die Nacht, füllte sich langsam mit
Schwarzbrot, leerte still die bläulichen Tassen mit Wein. Gesättigt fing er wieder
zu plaudern und zu singen an, schaukelte sich im Takt der Lieder, spielte mit den
Frauen, witterte im Duft ihrer Haare. Der Wein schien ihm gut. Alter Verführer,
redete er leicht die Vorschläge zum Weitergehen nieder, trank Wein, schenkte
Wein ein, stieß zärtlich an, ließ neuen Wein kommen. Langsam stiegen aus den
irdenen bläulichen Tassen, Sinnbild der Vergänglichkeit, die bunten Zauber,
wandelten die Welt, färbten Stern und Licht.
Hoch saßen sie in schwebender Schaukel überm Abgrund der Welt und Nacht,
Vögel in goldenem Käfig, ohne Heimat, ohne Schwere, den Sternen gegenüber.
Sie sangen, die Vögel, sangen exotische Lieder, sie phantasierten aus
berauschten Herzen in die Nacht, in den Himmel, in den Wald, in das
fragwürdige, bezauberte Weltall hinein. Antwort kam von Stern und Mond, von
Baum und Gebirg, Goethe saß da und Hafis, heiß duftete Ägypten und innig
Griechenland herauf, Mozart lächelte, Hugo Wolf spielte den Flügel in der irren
Nacht.
Lärm krachte erschreckend auf, Licht blitzte knallend: unter ihnen mitten
durch das Herz der Erde flog mit hundert blendenden Lichtfenstern ein
Eisenbahnzug in den Berg und in die Nacht hinein, oben vom Himmel her
läuteten Glocken einer unsichtbaren Kirche. Lauernd stieg der halbe Mond über
den Tisch, blickte spiegelnd in den dunkeln Wein, riß Mund und Auge einer Frau
aus der Finsternis, lächelte, stieg weiter, sang den Sternen zu. Der Geist Louis
des Grausamen hockte auf einer Bank, einsam, schrieb Briefe.
Klingsor, König der Nacht, hohe Krone im Haar, rückgelehnt auf steinernem
Sitz, dirigierte den Tanz der Welt, gab den Takt an, rief den Mond hervor, ließ
die Eisenbahn verschwinden. Fort war sie, wie ein Sternbild übern Rand des
Himmels fällt. Wo war die Königin der Gebirge? Klang nicht ein Flügel im
Wald, bellte nicht fern der kleine mißtrauische Löwe? Hatte sie nicht eben noch
ein blaues Kopftuch getragen? Halloh, alte Welt, trage Sorge, daß du nicht
zusammenfällst! Hierher, Wald! Dorthin, schwarzes Gebirg! Im Takt bleiben!
Sterne, wie seid ihr blau und rot, wie im Volkslied: „Deine roten Augen und dein
blauer Mund!“
Malen war schön, Malen war ein schönes, ein liebes Spiel für brave Kinder.
Anders war es, größer und wuchtiger, die Sterne zu dirigieren, Takt des eigenen
Blutes, Farbenkreise der eigenen Netzhaut in die Welt hinein fortzusetzen,
Schwebungen der eigenen Seele ausschwingen zu lassen im Wind der Nacht.
Weg mit dir, schwarzer Berg! Sei Wolke, fliege nach Persien, regne über Uganda! Her mit dir, Geist Shakespeares, sing uns dein besoffenes Narrenlied
vom Regen, der regnet jeglichen Tag!
Klingsor küßte eine kleine Frauenhand, er lehnte sich an eine wohlig atmende
Frauenbrust. Ein Fuß unterm Tische spielte mit seinem. Er wußte nicht, wessen
Hand oder wessen Fuß, er spürte Zärtlichkeit um sich, fühlte alten Zauber neu
und dankbar: er war noch jung, es war noch weit vom Ende, noch ging Strahlung
und Verlockung von ihm aus, noch liebten sie ihn, die guten ängstlichen
Weibchen, noch zählten sie auf ihn.
Er blühte höher auf. Mit leiser, singender Stimme begann er zu erzählen, ein
ungeheures Epos, die Geschichte einer Liebe, oder eigentlich einer Reise nach
der Südsee, wo er in Begleitung von Gauguin und Robinson die Papageieninsel
entdeckt und den Freistaat der glückseligen Inseln begründet hatte. Wie hatten
die tausend Papageien im Abendlicht gefunkelt, wie hatten ihre blauen
Schwänze sich in der grünen Bucht gespiegelt! Ihr Geschrei, und das
hundertstimmige Geschrei der großen Affen hatte ihn wie ein Donner begrüßt,
ihn, Klingsor, als er seinen Freistaat ausrief. Dem weißen Kakadu hatte er die
Bildung eines Kabinetts aufgetragen, und mit dem mürrischen Nashornvogel
hatte er Palmwein aus schweren Kokosbechern getrunken. O, Mond von damals,
Mond der seligen Nächte, Mond über der Pfahlhütte im Schilf! Sie hieß Kül
Kalüa, die braune scheue Prinzessin, schlank und langgliedrig schritt sie im
Pisanggehölz, honigglänzend unterm saftigen Dach der Riesenblätter, Rehauge
im sanften Gesicht, Katzenglut im starken biegsamen Rücken, Katzensprung im
federnden Knöchel und sehnigen Bein. Kül Kalüa, Kind, Urglut und
Kinderunschuld des heiligen Südostens, tausend Nächte lagst du an Klingsors
Brust, und jede war neu, jede war inniger, war holder als alle gewesenen. O, Fest
des Erdgeistes, wo die Jungfern der Papageieninsel vor dem Gotte tanzten!
Über Insel, Robinson und Klingsor, über Geschichte und Zuhörer wölbte sich
die weiß gestirnte Nacht, zärtlich schwoll der Berg wie ein sanfter atmender
Bauch und Busen unter den Bäumen und Häusern und Füßen der Menschen, im
Eilschritt tanzte fiebernd der feuchte Mond über die Himmelshalbkugel, von den
Sternen im wilden schweigenden Tanz verfolgt. Ketten von Sternen waren
aufgereiht, gleißende Schnur der Drahtseilbahn zum Paradiese. Urwald dunkelte
mütterlich, Schlamm der Urwelt duftete Verfall und Zeugung, Schlange kroch
und Krokodil, ohne Ufer ergoß sich der Strom der Gestaltungen.
„Ich werde doch wieder malen,“ sagte Klingsor, „schon morgen. Aber nicht
mehr diese Häuser und Leute und Bäume. Ich male Krokodile und Seesterne,
Drachen und Purpurschlangen, und alles im Werden, alles in der Wandlung, voll
Sehnsucht, Mensch zu werden, voll Sehnsucht, Stern zu werden, voll Geburt,
voll Verwesung, voll Gott und Tod.“