Klingsors letzter Sommer

Hermann Hesse · Kapitel 13 von 16

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Klingsors letzter Sommer

Klingsor schreibt an Louis den Grausamen

Erschöpft sank er, kaum entkleidet, ins Bett, löschte das Licht, suchte nach

Schlaf und summte leise die Verse Thu Fus vor sich hin:

 

Bald klirrt der Wind

Über mein braunes Grab.

 

K l i n g s o r s c h r e i b t a n L o u i s d e n G r a u s a m e n

 

Caro Luigi! Lange hat man Deine Stimme nicht mehr gehört. Lebst Du noch

am Lichte? Nagt schon der Geier Dein Gebein?

Hast Du einmal mit einer Stricknadel in einer stehengebliebenen Wanduhr

gestochert? Ich tat es einmal, und habe es erlebt, daß plötzlich der Teufel in das

Werk fuhr und die ganze vorhandene Zeit abrasselte, die Zeiger machten

Wettrennen ums Zifferblatt, mit einem unheimlichen Geräusch drehten sie sich

wahnsinnig fort, prestissimo, bis ebenso plötzlich alles abschnappte und die Uhr

den Geist aufgab. Genau so ist es zurzeit hier bei uns: Sonne und Mond rennen

gehetzt wie Amokläufer über den Himmel, die Tage jagen sich, die Zeit läuft

einem davon, wie durch ein Loch im Sack. Hoffentlich wird auch das Ende dann

ein plötzliches sein und diese betrunkene Welt untergehen, statt wieder in ein

bürgerliches Tempo zu fallen.

Die Tage über bin ich zu sehr beschäftigt, als daß ich etwas denken könnte

(wie wahnsinnig komisch das übrigens klingt, wenn man einen solchen

sogenannten „Satz“ einmal laut vor sich hin sagt: „als daß ich etwas denken

könnte“)! Aber am Abend fehlst Du mir oft. Ich sitze dann meistens irgendwo

im Wald in einem der vielen Keller und trinke den beliebten Rotwein, der zwar

meistens nicht gut ist, aber doch auch das Leben tragen hilft und den Schlaf

befördert. Einige Male bin ich sogar am Tisch im Grotto eingeschlafen und habe

unter dem Grinsen der Eingeborenen bewiesen, daß es mit meiner Neurasthenie

doch nicht so schlimm stehen kann. Manchmal sind Freunde und Mädchen

dabei, und man übt seine Finger am Plastizin weiblicher Glieder und spricht über

Hüte und Absätze und die Kunst. Manchmal glückt es, daß eine gute Temperatur

erreicht wird, dann schreien und lachen wir die ganze Nacht, und die Leute

freuen sich, daß Klingsor so ein lustiger Bruder ist. Es gibt hier eine sehr

hübsche Frau, die jedesmal, wenn ich sie sehe, heftig nach Dir fragt.

Die Kunst, die wir beide treiben, hängt, wie ein Professor sagen würde, noch

immer zu eng am Gegenstand (wäre fein als Bilderrätsel darzustellen). Wir

malen immer noch, wenn auch mit etwas freier Handschrift und für den Bourgeois aufregend genug, die Dinge der „Wirklichkeit“: Menschen, Bäume,

Jahrmärkte, Eisenbahnen, Landschaften. Darin fügen wir uns noch einer

Konvention. „Wirklich“ nennt ja der Bürger die Dinge, die von allen oder doch

vielen ähnlich wahrgenommen und beschrieben werden. Ich habe im Sinn,

sobald dieser Sommer herum ist, eine Zeitlang nur noch Phantasien zu malen,

namentlich Träume. Es wird darin zum Teil auch nach Deinem Sinn zugehen,

nämlich wahnsinnig lustig und überraschend, etwa so wie in den Geschichten

Collofinos des Hasenjägers vom Kölner Dom. Wenn ich auch fühle, daß der

Boden unter mir etwas dünn geworden ist, und wenn ich auch im ganzen mich

wenig nach weitern Jahren und Taten sehne, ich möchte doch immerhin noch

einige heftige Raketen dieser Welt in den Rachen jagen. Ein Bilderkäufer schrieb

mir kürzlich, er sehe mit Bewunderung, wie ich in meinen neuesten Arbeiten

eine zweite Jugend erlebe. Etwas daran ist ja richtig. Zu malen habe ich

eigentlich erst dies Jahr recht angefangen, scheint mir. Aber es ist weniger ein

Frühling, was ich da erlebe, als eine Explosion. Erstaunlich, wie viel Dynamit in

mir noch steckt; aber Dynamit läßt sich schlecht im Sparherd brennen.

Lieber Louis, schon oft habe ich mich im stillen darüber gefreut, daß wir zwei

alten Wüstlinge im Grunde so rührend schamhaft sind und einander lieber die

Gläser an den Kopf schmeißen, als etwas von unsern Gefühlen gegeneinander

merken zu lassen. Möge es so bleiben, alter Igel!

Wir haben dieser Tage in jenem Grotto bei Barengo ein Fest mit Brot und

Wein gefeiert, herrlich klang unser Gesang im hohen Wald in der Mitternacht,

die alten römischen Lieder. Man braucht so wenig zum Glück, wenn man älter

wird und an den Füßen zu frieren beginnt: acht bis zehn Stunden Arbeit im Tag,

einen Liter Piemonteser, ein halbes Pfund Brot, eine Virginia, ein paar

Freundinnen, und allerdings Wärme und gutes Wetter. Die haben wir, die Sonne

funktioniert prachtvoll, mein Schädel ist verbrannt wie der einer Mumie.

An manchen Tagen habe ich das Gefühl, mein Leben und Arbeiten beginne

eben erst, manchmal aber kommt es mir vor, ich habe achtzig Jahre schwer

gearbeitet und habe bald einen Anspruch auf Ruhe und Feierabend. Jeder kommt

einmal an ein Ende, mein Louis, auch ich, auch Du. Weiß Gott, was ich Dir da

schreibe, man sieht, daß ich etwas unwohl bin. Es sind wohl Hypochondrien, ich

habe viel Augenschmerzen, und manchmal verfolgt mich die Erinnerung an eine

Abhandlung über Netzhautablösung, die ich vor Jahren gelesen habe.

Wenn ich durch meine Balkontür hinuntersehe, die Du kennst, dann wird mir

klar, daß wir noch eine gute Weile fleißig sein müssen. Die Welt ist unsäglich

schön und mannigfaltig, durch diese grüne hohe Tür läutet sie Tag und Nacht zu

mir herauf und schreit und fordert, und immer wieder renne ich hinaus und reiße

ein Stück davon an mich, ein winziges Stück. Die grüne Gegend hier ist durch den trocknen Sommer jetzt wunderbar licht und rötlich geworden, ich hätte nie