Klingsors letzter Sommer
Kapitel III
blühenden Rosenstämme, dunkle volle Kugeln, abgezeichnet, hier und da von
Leuchtkäfern überflogen. Seine Gedanken ruhten, es gab nichts zu denken. Die
Rosenkugeln schaukelten leicht im Nachtwind, Teresina saß neben ihm, an
ihrem Ohr hing glitzernd der grüne Stein. Die Welt war in Ordnung.
Jetzt legte Teresina die Hand auf seinen Arm.
„Wir werden miteinander sprechen. Nicht hier. Ich erinnere mich jetzt, Sie im
Park gesehen zu haben. Ich bin morgen dort, um die gleiche Zeit. Ich bin jetzt
müde und muß bald schlafen. Gehen Sie lieber vorher, sonst pumpen meine
Kollegen Sie an.“
Da ein Kellner vorüberlief, hielt sie ihn an:
„Eugenio, der Herr will zahlen.“
Er zahlte, gab ihr die Hand, zog den Hut, und ging davon, dem See nach, er
wußte nicht wohin. Unmöglich, jetzt sich in sein Hotelzimmer zu legen. Er lief
die Seestraße weiter, zum Städtchen und den Vororten hinaus, bis die Bänke am
Ufer und die Anlagen ein Ende nahmen. Da setzte er sich auf die Ufermauer und
sang vor sich hin, ohne Stimme, verschollene Liederbruchstücke aus
Jugendjahren. Bis es kalt wurde und die steilen Berge eine feindselige Fremdheit
annahmen. Da ging er zurück, den Hut in der Hand.
Ein verschlafener Nachtportier öffnete ihm die Tür.
„Ja, ich bin etwas spät,“ sagte Klein, und gab ihm einen Franken.
„O, wir sind das gewohnt. Sie sind noch nicht der Letzte. Das Motorboot von
Castiglione ist auch noch nicht zurück.“
I I I
Die Tänzerin war schon da, als Klein sich im Park einfand. Sie ging mit ihrem
federnden Schritt im Innern des Gartens um die Rasenstücke und stand plötzlich
am schattigen Eingang eines Gehölzes vor ihm.
Teresina musterte ihn aufmerksam mit den hellgrauen Augen, ihr Gesicht war
ernst und etwas ungeduldig. Sofort im Gehen fing sie zu sprechen an.
„Können Sie mir sagen, was das gestern war? Wie kommt das, daß wir uns so
in den Weg liefen? Ich habe darüber nachgedacht. Ich sah Sie gestern im
Kursaalgarten zweimal. Das erstemal standen Sie am Ausgang und sahen mich
an, Sie sahen gelangweilt oder geärgert aus, und als ich Sie sah, fiel mir ein:
Dem bin ich schon einmal im Park begegnet. Es war kein guter Eindruck, und ich gab mir Mühe, Sie gleich wieder zu vergessen. Dann sah ich Sie wieder,
kaum eine Viertelstunde später. Sie saßen am Nebentisch und sahen plötzlich
ganz anders aus, ich merkte nicht gleich, daß Sie derselbe seien, der mir vorher
begegnet war. Und dann, nach meinem Tanz, standen Sie auf einmal vor mir und
hielten mich an der Hand, oder ich Sie, ich weiß nicht recht. Wie ging das zu?
Sie müssen doch etwas wissen. Aber ich hoffe, Sie sind nicht etwa gekommen,
um mir Liebeserklärungen zu machen?“
Sie sah ihn befehlend an.
„Ich weiß nicht,“ sagte Klein. „Ich bin nicht mit bestimmten Absichten
gekommen. Ich liebe Sie, seit gestern, aber wir brauchen ja nicht davon zu
sprechen.“
„Ja, sprechen wir von anderm. Es war gestern einen Augenblick etwas
zwischen uns da, was mich beschäftigt und auch erschreckt hat, als hätten wir
irgend etwas Ähnliches oder Gemeinsames. Was ist das? Und, die Hauptsache:
Was war das für eine Verwandlung mit Ihnen? Wie war es möglich, daß Sie
innerhalb einer Stunde zwei so ganz verschiedene Gesichter haben konnten? Sie
sahen aus wie ein Mensch, der sehr Wichtiges erlebt hat.“
„Wie sah ich aus?“ fragte er kindlich.
„O, zuerst sahen Sie aus wie ein älterer, etwas vergrämter, unangenehmer
Herr. Sie sahen aus wie ein Philister, wie ein Mann, der gewohnt ist, den Zorn
über seine eigene Unfähigkeit an andern auszulassen.“
Er hörte mit gespannter Teilnahme zu und nickte lebhaft. Sie fuhr fort:
„Und dann, nachher, das läßt sich nicht gut beschreiben. Sie saßen etwas
vorgebückt; als Sie mir zufällig in die Augen fielen, dachte ich in der ersten
Sekunde noch: Herrgott, haben diese Philister traurige Haltungen! Sie hatten den
Kopf auf die Hand gestützt, und das sah nun plötzlich so seltsam aus: es sah aus,
als wären Sie der einzige Mensch in der Welt, und als sei es Ihnen ganz und gar
einerlei, was mit Ihnen und mit der ganzen Welt geschähe. Ihr Gesicht war wie
eine Maske, schauderhaft traurig oder auch schauderhaft gleichgültig —“
Sie brach ab, schien nach Worten zu suchen, sagte aber nichts.
„Sie haben recht,“ sagte Klein bescheiden. „Sie haben so richtig gesehen, daß
ich erstaunt sein müßte. Sie haben mich gelesen wie einen Brief. Aber eigentlich
ist es ja nur natürlich und richtig, daß Sie das alles sahen.“
„Warum natürlich?“
„Weil Sie, auf eine etwas andere Art, beim Tanzen ganz das gleiche
ausdrücken. Wenn Sie tanzen, Teresina, und auch sonst in manchen
Augenblicken, sind Sie wie ein Baum oder ein Berg oder Tier, oder ein Stern,
ganz für sich, ganz allein, Sie wollen nichts anders sein, als was Sie sind, einerlei
ob gut oder böse. Ist es nicht das gleiche, was Sie bei mir sahen?“
Sie betrachtete ihn prüfend, ohne Antwort zu geben.
„Sie sind ein wunderlicher Mensch,“ sagte sie dann zögernd. „Und wie ist das
nun: sind Sie wirklich so, wie Sie da aussahen? Ist Ihnen wirklich alles einerlei,
was mit Ihnen geschieht?“
„Ja. Nur nicht immer. Ich habe oft auch Angst. Aber dann kommt es wieder,
und die Angst ist fort, und dann ist alles einerlei. Dann ist man stark. Oder
vielmehr: einerlei ist nicht das Richtige: alles ist köstlich und willkommen, es
sei, was es sei.“
„Einen Augenblick hielt ich es sogar für möglich, daß Sie ein Verbrecher
wären.“
„Auch das ist möglich. Es ist sogar wahrscheinlich. Sehen Sie, ein
‚Verbrecher‘, das sagt man so, und man meint damit, daß einer etwas tut, was
andre ihm verboten haben. Er selber aber, der Verbrecher, tut ja nur, was in ihm
ist. — Sehen Sie, das ist die Ähnlichkeit, die wir beide haben: wir beide tun hier
und da, in seltnen Augenblicken, das, was in uns ist. Nichts ist seltener, die
meisten Menschen kennen das überhaupt nicht. Auch ich kannte es nicht, ich
sagte, dachte, tat, lebte nur Fremdes, nur Gelerntes, nur Gutes und Richtiges, bis
es eines Tages damit zu Ende war. Ich konnte nicht mehr, ich mußte fort, das
Gute war nimmer gut, das Richtige war nimmer richtig, das Leben war nicht
mehr zu ertragen. Aber ich möchte es dennoch ertragen, ich liebe es sogar,
obwohl es soviel Qualen bringt.“
„Wollen Sie mir sagen, wie Sie heißen und wer Sie sind?“
„Ich bin der, den Sie vor sich sehen, sonst nichts. Ich habe keinen Namen und
keinen Titel und auch keinen Beruf. Ich mußte das alles aufgeben. Mit mir steht
es so, daß ich nach einem langen braven und fleißigen Leben eines Tages aus
dem Nest gefallen bin, es ist noch nicht lange her, und jetzt muß ich untergehen
oder fliegen lernen. Die Welt geht mich nichts mehr an, ich bin jetzt ganz allein.“
Etwas verlegen fragte sie: „Waren Sie in einer Anstalt?“
„Verrückt, meinen Sie? Nein. Obwohl auch das ja möglich wäre.“ Er wurde
zerstreut, Gedanken packten ihn von innen. Mit beginnender Unruhe sprach er
fort: „Wenn man darüber r e d e t , wird auch das Einfachste gleich kompliziert
und unverständlich. Wir sollten gar nicht davon sprechen! — Man tut das ja auch
nur, man spricht nur dann darüber, wenn man es nicht verstehen w i l l .“
„Wie meinen Sie das? Ich will wirklich verstehen. Glauben Sie mir! Es
interessiert mich sehr.“
Er lächelte lebhaft.
„Ja, ja. Sie wollen sich darüber unterhalten. Sie haben etwas erlebt und wollen
jetzt darüber reden. Ach, es hilft nichts. Reden ist der sichere Weg dazu, alles
mißzuverstehen, alles seicht und öde zu machen. — Sie wollen mich ja nicht verstehen und auch sich selber nicht! Sie wollen bloß Ruhe haben vor der
Mahnung, die Sie gespürt haben. Sie wollen mich und die Mahnung damit abtun,
daß Sie die Etikette finden, unter der Sie mich einreihen können. Sie versuchen
es mit dem Verbrecher und mit dem Geisteskranken, Sie wollen meinen Stand
und Namen wissen. Das alles führt aber nur weg vom Verstehen, das alles ist
Schwindel, liebes Fräulein, ist schlechter Ersatz für Verstehen, ist vielmehr
Flucht vor dem Verstehenwollen, vor dem Verstehenmüssen.“
Er unterbrach sich, strich gequält mit der Hand über die Augen, dann schien
ihm etwas Freundliches einzufallen, er lächelte wieder. „Ach sehen Sie, als Sie
und ich gestern einen Augenblick lang genau das gleiche fühlten, da sagten wir
nichts und fragten nichts und dachten auch nichts — auf einmal gaben wir
einander die Hand, und es war gut. Jetzt aber — jetzt reden wir und denken und
erklären — und alles ist seltsam und unverständlich geworden, was so einfach
war. Und doch wäre es ganz leicht für Sie, mich ebenso gut zu verstehen wie ich
Sie.“
„Sie glauben mich so gut zu verstehen?“
„Ja, natürlich. Wie Sie leben, weiß ich nicht. Aber Sie leben, wie ich es auch
getan habe und wie alle es tun, meistens im Dunkeln und an sich selber vorbei,
irgendeinem Zweck, einer Pflicht, einer Absicht nach. Das tun fast alle
Menschen, daran ist die ganze Welt krank, daran wird sie auch untergehen.
Manchmal aber, beim Tanzen zum Beispiel, geht die Absicht oder Pflicht Ihnen
verloren, und Sie leben auf einmal ganz anders. Sie fühlen auf einmal so, als
wären Sie allein auf der Welt, oder als könnten Sie morgen tot sein, und da
kommt alles heraus, was Sie wirklich sind. Wenn Sie tanzen, stecken Sie damit
sogar andere an. Das ist Ihr Geheimnis.“
Sie ging eine Strecke weit rascher. Zu äußerst auf einem Vorsprung überm See
blieb sie stehen.
„Sie sind sonderbar,“ sagte sie. „Manches kann ich verstehen. Aber — was
wollen Sie eigentlich von mir?“
Er senkte den Kopf und sah einen Augenblick traurig aus.
„Sie sind es so gewohnt, daß man immer etwas von Ihnen haben will.
Teresina, ich will von Ihnen nichts, was nicht Sie selber wollen und gerne tun.
Daß ich Sie liebe, kann Ihnen gleichgültig sein. Es ist kein Glück, geliebt zu
werden. Jeder Mensch liebt sich selber, und doch quälen sich Tausende ihr
Leben lang. Nein, geliebt werden ist kein Glück. Aber lieben, das ist Glück!“
„Ich würde Ihnen gern irgendeine Freude machen, wenn ich könnte,“ sagte
Teresina langsam, wie mitleidig.
„Das können Sie, wenn Sie mir erlauben, Ihnen irgendeinen Wunsch zu
erfüllen.“
„Ach, was wissen Sie von meinen Wünschen!“
„Allerdings, Sie sollten keine haben. Sie haben ja den Schlüssel zum Paradies,
das ist Ihr Tanz. Aber ich weiß, daß Sie doch Wünsche haben, und das ist mir
lieb. Und nun wissen Sie: da ist einer, dem macht es Spaß, Ihnen jeden Wunsch
zu erfüllen.“
Teresina besann sich. Ihre wachsamen Augen wurden wieder scharf und kühl.
Was konnte er von ihr wissen? Da sie nichts fand, begann sie vorsichtig:
„Meine erste Bitte an Sie wäre die, daß Sie aufrichtig sind. Sagen Sie mir, wer
Ihnen etwas von mir erzählt hat.“
„Niemand. Ich habe niemals mit einem Menschen über Sie gesprochen. Was
ich weiß — es ist sehr wenig — weiß ich von Ihnen selbst. Ich hörte Sie gestern
sagen, daß Sie sich wünschen, einmal in Castiglione zu spielen.“
Ihr Gesicht zuckte.
„Ach so, Sie haben mich belauscht.“
„Ja, natürlich. Ich habe Ihren Wunsch verstanden. Weil Sie nicht immer einig
mit sich sind, suchen Sie nach Erregung und Betäubung.“
„O nein, ich bin nicht so romantisch, wie Sie meinen. Ich suche beim Spiel
nicht Betäubung, sondern einfach Geld. Ich möchte einmal reich sein oder doch
sorgenfrei, ohne mich dafür verkaufen zu müssen. Das ist alles.“
„Das klingt so richtig, und doch glaube ich es nicht. Aber wie Sie wollen! Sie
wissen ja im Grunde ganz gut, daß Sie sich nie zu verkaufen brauchen. Reden
wir nicht davon! Aber wenn Sie Geld haben wollen, sei es nun zum Spielen oder
sonst, so nehmen Sie es doch von mir! Ich habe mehr, als ich brauche, glaube
ich, und lege keinen Wert darauf.“
Teresina zog sich wieder zurück.
„Ich kenne Sie ja kaum. Wie soll ich Geld von Ihnen nehmen?“
Er zog plötzlich den Hut, wie von einem Schmerz befallen, und brach ab.
„Was haben Sie?“ rief Teresina.
„Nichts, nichts. — Erlauben Sie, daß ich gehe! Wir haben zuviel gesprochen,
viel zuviel. Man sollte nie soviel sprechen.“
Und da lief er schon, ohne Abschied genommen zu haben, rasch und wie von
Verzweiflung hingeweht durch den Baumgang fort. Die Tänzerin sah ihm mit
gestauten, uneinigen Empfindungen nach, aufrichtig verwundert über ihn und
über sich.
Er aber lief nicht aus Verzweiflung, sondern nur aus unerträglicher Spannung
und Gefülltheit. Es war ihm plötzlich unmöglich geworden, noch ein Wort zu
sagen, noch ein Wort zu hören, er mußte allein sein, mußte notwendig allein
sein, denken, horchen, sich selber zuhören. Das ganze Gespräch mit Teresina
hatte ihn selbst in Erstaunen gesetzt und überrascht, die Worte waren ohne seinen Willen so gekommen, es hatte ihn wie ein Würgen das heftige Bedürfnis
befallen, seine Erlebnisse und Gedanken mitzuteilen, zu formen, auszusprechen,
sie sich selber zuzurufen. Er war erstaunt über jedes Wort, das er sich sagen
hörte, aber mehr und mehr fühlte er, wie er sich in etwas hineinredete, was nicht
mehr einfach und richtig war, wie er unnützerweise das Unbegreifliche zu
erklären versuchte — und mit einemmal war es ihm unerträglich geworden, er
hatte abbrechen müssen.
Jetzt aber, wo er sich der vergangenen Viertelstunde wieder zu erinnern
suchte, empfand er dies Erlebnis freudig und dankbar. Es war ein Fortschritt,
eine Erlösung, eine Bestätigung.
Die Zweifelhaftigkeit, in welche die ganze gewohnte Welt für ihn gefallen
war, hatte ihn furchtbar ermüdet und gepeinigt. Er hatte das Wunder erlebt, daß
das Leben am sinnvollsten wird in den Augenblicken, wo alle Sinne und
Bedeutungen uns verloren gehen. Immer wieder aber war ihm der peinliche
Zweifel gekommen, ob diese Erlebnisse wirklich wesentlich seien, ob sie mehr
seien als kleine zufällige Kräuselungen an der Oberfläche eines ermüdeten und
erkrankten Gemütes, Launen im Grunde, kleine Nervenschwankungen. Jetzt
hatte er gesehen, gestern abend und heute, daß sein Erlebnis wirklich war. Es
hatte aus ihm gestrahlt und ihn verändert, es hatte einen andern Menschen zu
ihm hergezogen. Seine Vereinsamung war durchbrochen, er liebte wieder, es gab
jemand, dem er dienen und Freude machen wollte, er konnte wieder lächeln,
wieder lachen!
Die Welle ging durch ihn hin wie Schmerz und wie Wollust, er zuckte vor
Gefühl, Leben klang in ihm auf wie eine Brandung, unbegreiflich war alles. Er
riß die Augen auf und sah: Bäume an einer Straße, Silberflocken im See, ein
rennender Hund, Radfahrer — und alles war sonderbar, märchenhaft und
beinahe allzu schön, alles wie nagelneu aus Gottes Spielzeugschachtel
genommen, alles nur für ihn da, für Friedrich Klein, und er selbst nur dazu da,
diesen Strom von Wunder und Schmerz und Freude durch sich hinzucken zu
fühlen. Überall war Schönheit, in jedem Dreckhaufen am Weg, überall war tiefes
Leiden, überall war Gott. Ja, das war Gott, und so hatte er ihn, vor
unausdenklichen Zeiten, als Knabe einst empfunden und mit dem Herzen
gesucht, wenn er „Gott“ und „Allgegenwart“ dachte. Herz, brich nicht vor Fülle!
Wieder schossen aus allen vergessenen Schächten seines Lebens frei
gewordene Erinnerungen zu ihm empor, unzählbare: an Gespräche, an seine
Verlobungszeit, an Kleider, die er als Kind getragen, an Ferienmorgen der
Studentenzeit, und ordneten sich in Kreisen um einige feste Mittelpunkte: um die
Gestalt seiner Frau, um seine Mutter, um den Mörder Wagner, um Teresina.
Stellen aus klassischen Schriftstellern fielen ihm ein und lateinische Sprichwörter, die ihn als Schüler einst ergriffen hatten, und törichte sentimentale
Verse aus Volksliedern. Der Schatten seines Vaters stand hinter ihm, er erlebte
wieder den Tod seiner Schwiegermutter. Alles, was je durch Auge und Ohr,
durch Menschen und Bücher, mit Wonne oder Leid in ihn eingegangen und in
ihm untergesunken war, alles schien wieder da zu sein, alles zugleich, aufgerührt
und durcheinander gewirbelt, ohne Ordnung, doch voller Sinn, alles wichtig,
alles bedeutungsvoll, alles unverloren.
Der Andrang wurde zur Qual, zu einer Qual, die von höchster Wollust nicht zu
unterscheiden war. Sein Herz schlug rasch, Tränen standen ihm in den Augen. Er
begriff, daß er nahe am Wahnsinn stehe, und wußte doch, daß er nicht
wahnsinnig werden würde, und blickte zugleich in dies neue Seelenland des
Irrsinns mit demselben Erstaunen und Entzücken wie in die Vergangenheit, wie
in den See, wie in den Himmel: auch hier war alles zauberhaft, wohllaut und voll
Bedeutung. Er begriff, warum im Glauben edler Völker der Wahnsinn für heilig
galt. Er begriff alles, alles sprach zu ihm, alles war ihm erschlossen. Es gab
keine Worte dafür, es war falsch und hoffnungslos, irgend etwas in Worten
ausdenken und verstehen zu wollen! Man mußte nur offenstehen, nur bereit sein:
dann konnte jedes Ding, dann konnte in unendlichem Zug wie in eine Arche
Noahs die ganze Welt in einen hineingehen, und man besaß sie, verstand sie und
war eins mit ihr.
Trauer ergriff ihn. O, wenn alle Menschen dies wüßten, dies erlebten! Wie
wurde drauflos gelebt, drauflos gesündigt, wie blind und maßlos wurde gelitten!
Hatte er nicht gestern noch sich über Teresina geärgert? Hatte er nicht gestern
noch seine Frau gehaßt, sie angeklagt und für alles Leid seines Lebens
verantwortlich machen wollen? Wie traurig, wie dumm, wie hoffnungslos! Alles
war doch so einfach, so gut, so sinnvoll, sobald man es von innen sah, sobald
man hinter jedem Ding das Wesen stehen sah, ihn, Gott.
Hier bog ein Weg zu neuen Vorstellungsgärten und Bilderwäldern ein.
Wendete er sein heutiges Gefühl der Zukunft zu, sprühten hundert Glücksträume
auf, für ihn und für alle. Sein vergangenes, dumpfes, verdorbenes Leben sollte
nicht beklagt, nicht angeklagt, nicht gerichtet werden, sondern erneut und ins
Gegenteil verwandelt, voll Sinn, voll Freude, voll Güte, voll Liebe. Die Gnade,
die er erlebt, mußte widerstrahlen und weiter wirken. Bibelsprüche kamen ihm
in den Sinn, und alles, was er von begnadeten Frommen und Heiligen wußte. So
hatte es immer begonnen, bei allen. Sie waren denselben harten und finstern
Weg geführt worden wie er, feig und voll Angst, bis zur Stunde der Umkehr und
Erleuchtung. „In der Welt habet ihr Angst,“ hatte Jesus zu seinen Jüngern gesagt.
Wer aber die Angst überwunden hatte, der lebte nicht mehr in der Welt, sondern
in Gott, im tausendjährigen Reich.
So hatten alle gelehrt, alle Weisen der ganzen Welt, Buddha und
Schopenhauer, Jesus, die Griechen. Es gab nur e i n e Weisheit, nur e i n e n
Glauben, nur ein Denken: das Wissen von Gott in uns. Wie wurde das in den
Schulen, Kirchen, Büchern und Wissenschaften verdreht und falsch gelehrt!
Mit weiten Flügelschlägen flog Kleins Geist durch die Bezirke seiner innern
Welt, seines Wissens, seiner Bildung. Auch hier, wie in seinem äußern Leben,
lag Gut um Gut, Schatz um Schatz, Quelle um Quelle, aber jedes für sich,
abgesondert, tot und wertlos. Nun aber, mit dem Strahl des Wissens, mit der
Erleuchtung, zuckte auch hier plötzlich Ordnung, Sinn und Formung durch das
Chaos, Schöpfung begann, Leben und Beziehung sprang von Pol zu Pol.
Sprüche entlegenster Kontemplation wurden selbstverständlich, Dunkles wurde
hell, und das Einmaleins wurde zum mystischen Bekenntnis. Beseelt und
liebeglühend ward auch diese Welt. Die Kunstwerke, die er in jüngeren Jahren
geliebt hatte, klangen mit neuem Zauber herauf. Er sah: die rätselhafte Magie der
Kunst öffnete sich demselben Schlüssel. Kunst war nichts andres als Betrachtung
der Welt im Zustand der Gnade, der Erleuchtung. Kunst war: hinter jedem Ding
Gott zeigen.
Flammend schritt der Beseligte durch die Welt, jeder Zweig an jedem Baume
hatte teil an einer Ekstase, strebte edler empor, hing inniger herab, war Sinnbild
und Offenbarung. Dünne violette Wolkenschatten liefen über den Seespiegel,
schaudernd in zärtlicher Süße. Jeder Stein lag bedeutungsvoll neben seinem
Schatten. So schön, so tief und heilig liebenswert war die Welt noch nie
gewesen, oder nie mehr seit den geheimnisvollen, sagenhaften Jahren der ersten
Kindheit. „So ihr nicht werdet wie die Kinder,“ fiel ihm ein, und er fühlte: ich
bin wieder Kind geworden, ich bin ins Himmelreich eingegangen.
Als er Müdigkeit und Hunger zu spüren begann, fand er sich weit von der
Stadt. Nun erinnerte er sich, woher er kam, was gewesen war, und daß er ohne
Abschied von Teresina weggelaufen war. Im nächsten Dorf suchte er ein
Wirtshaus. Ein kleiner ländlicher Weinschank, mit einem eingepflockten
Holztisch im Gärtchen unterm Kirschlorbeer, zog ihn an. Er verlangte Essen,
man hatte aber nichts als Wein und Brot. Eine Suppe, bat er, oder Eier, oder
Schinken. Nein, es gab solche Sachen hier nicht. Niemand aß hier dergleichen
bei der teuren Zeit. Er hatte erst mit der Wirtin, dann mit einer Großmutter
verhandelt, die auf der Steinschwelle der Haustür saß und Wäsche flickte. Nun
setzte er sich in den Garten untern tiefschattenden Baum, mit Brot und herbem
Rotwein. Im Nachbargarten, unsichtbar hinter Reblaub und aufgehängter
Wäsche, hörte er zwei Mädchenstimmen singen. Plötzlich fuhr ein Wort des
Liedes ihm ins Herz, ohne daß er es doch festhalten konnte. Es kam im nächsten
Vers wieder, es war der Name Teresina. Das Lied, ein Couplet von halb komischer Art, handelte von einer Teresina. Er verstand:
La sua mama a la finestra
Con una voce serpentina:
Vieni a casa, o Teresina,
Lasc’ andare quel traditor!
Teresina! Wie liebte er sie! Wie herrlich war es, zu lieben!
Er legte den Kopf auf den Tisch und dämmerte, schlummerte, ein und
erwachte wieder, mehrmals, oftmals. Es war Abend. Die Wirtin kam und stellte
sich vor den Tisch, über den Gast verwundert. Er legte Geld hin, erbat noch ein
Glas Wein, fragte sie nach jenem Liede. Sie wurde freundlich, brachte den Wein
und blieb bei ihm stehen. Er ließ sich das ganze Teresina-Lied vorsagen, und
hatte große Freude an dem Vers:
Jo non sono traditore
E ne meno lusinghero,
Jo son’ figlio d’un ricco Signore,
Son’ venuto per fare l’amor.
Die Wirtin meinte, jetzt könnte er eine Suppe haben, sie koche ohnehin für ihren
Mann, den sie erwarte.
Er aß Gemüsesuppe und Brot, der Wirt kam heim, an den grauen Steindächern
des Dorfes verglühte die späte Sonne. Er fragte nach einem Zimmer, es wurde
ihm eines angeboten, eine Kammer mit dicken nackten Steinwänden. Er nahm
es. Noch nie hatte er in einer solchen Kammer geschlafen, sie kam ihm vor wie
das Gelaß aus einem Räuberdrama. Nun ging er durch das abendliche Dorf, fand
einen kleinen Kramladen noch offen, bekam Schokolade zu kaufen und verteilte
sie an Kinder, die in Mengen durch die Gasse schwärmten. Sie liefen ihm nach,
Eltern grüßten ihn, jedermann wünschte ihm gute Nacht, und er gab es zurück,
nickte allen den alten und jungen Menschen zu, die auf den Schwellen und
Vortreppen der Häuser saßen.
Mit Freude dachte er an seine Kammer im Wirtshaus, an diese primitive,
höhlenhafte Unterkunft, wo der alte Kalk von den grauen Mauern blätterte und
nichts Unnützes an den nackten Wänden hing, nicht Bild noch Spiegel, nicht
Tapete noch Vorhang. Er lief durch das abendliche Dorf wie durch ein
Abenteuer, alles war beglänzt, alles voll geheimer Versprechung.
In die Osteria zurückkehrend, sah er vom leeren und dunkeln Gastzimmer aus
Licht in einem Türspalt, ging ihm nach und kam in die Küche. Der Raum
erschien ihm wie eine Märchenhöhle, das wenige dünne Licht floß über einen
roten steinernen Boden und verlief sich, ehe es die Wände und Decke erreichte, in dichte warme Dämmerung, und von dem ungeheuer und tiefschwarz
herabhängenden Rauchfang schien eine unerschöpfliche Quelle von Finsternis
auszufließen.
Die Frau saß da mit der Großmutter, sie saßen beide gebückt, klein und
schwach auf niederen demütigen Schemeln, die Hände auf den Knien ausruhend.
Die Wirtsfrau weinte, niemand kümmerte sich um den Eintretenden. Er setzte
sich auf den Rand eines Tisches neben Gemüseresten, ein stumpfes Messer
blinkte bleiern auf, im Lichtschein glühte blankes Kupfergeschirr rot an den
Wänden. Die Frau weinte, die alte Graue stand ihr bei und murmelte mit ihr in
der Mundart, er verstand allmählich, daß Hader im Hause und der Mann nach
einem Streit wieder fortgegangen war. Er fragte, ob er sie geschlagen habe,
bekam aber keine Antwort. Allmählich fing er an zu trösten. Er sagte, der Mann
werde gewiß schon bald wiederkommen. Die Frau sagte scharf: „Heut nicht und
vielleicht auch morgen nicht.“ Er gab es auf, die Frau setzte sich aufrechter, man
saß schweigend, das Weinen war verstummt. Die Einfachheit des Vorgangs, zu
dem keine Worte gemacht wurden, schien ihm wundervoll. Man hatte Streit
gehabt, man hatte Schmerz empfangen, man hatte geweint. Jetzt war es vorbei,
jetzt saß man still und wartete. Das Leben würde schon weiter gehen. Wie bei
Kindern. Wie bei Tieren. Nur nicht reden, nur nicht das Einfache kompliziert
machen, nur nicht die Seele nach außen drehen.
Klein lud die Großmutter ein, Kaffee zu kochen, für sie alle drei. Die Frauen
leuchteten auf, die Alte legte sofort Reisig in den Kamin, es knisterte von
brechenden Zweigen, von Papier, von aufprasselnder Flamme. Im jäh
aufflammenden Feuerschein sah er das Gesicht der Wirtin, von unten her
beleuchtet, etwas vergrämt und doch beruhigt. Sie schaute ins Feuer,
zwischenein lächelte sie, plötzlich stand sie auf, ging langsam zum Wasserhahn
und wusch sich die Hände.
Dann saßen sie alle drei am Küchentisch und tranken den heißen schwarzen
Kaffee, und einen alten Wacholderlikör dazu. Die Weiber wurden lebendiger, sie
erzählten und fragten, lachten über Kleins mühsame und fehlerhafte Sprache.
Ihm schien, er sei schon sehr lange hier. Wunderlich, was in diesen Tagen alles
Platz hatte! Ganze Zeiträume und Lebensabschnitte fanden Raum in einem
Nachmittag, jede Stunde schien mit Lebensfracht überladen. Sekundenlang
zuckte Furcht in ihm wetterleuchtend auf, es könnte plötzlich Müdigkeit und
Verbrauch der Lebenskraft ihn verhundertfacht überfallen und ihn aussaugen,
wie Sonne einen Tropfen vom Felsen leckt. In diesen sehr flüchtigen, doch
zuweilen wiederkehrenden Augenblicken, in diesem fremden Wetterleuchten sah
er sich selbst leben, fühlte und sah in sein Gehirn und sah dort in beschleunigten
Schwingungen einen unsäglich komplizierten, zarten, kostbaren Apparat vor tausendfacher Arbeit vibrieren, wie hinter Glas ein höchst sensibles Uhrwerk,
das zu stören ein Stäubchen genügt.
Es wurde ihm erzählt, daß der Wirt sein Geld in unsichere Geschäfte stecke,
viel außer Hause sei und da und dort Verhältnisse mit Frauen unterhalte. Kinder
waren nicht da. Während Klein sich Mühe gab, die italienischen Worte für
einfache Fragen und Auskünfte zu finden, arbeitete hinterm Glas das zarte
Uhrwerk rastlos in seinem Fieber fort, jeden gelebten Moment sofort in seine
Abrechnungen und Abwägungen einbeziehend.
Zeitig erhob er sich, um schlafen zu gehen. Er gab den beiden Frauen die
Hand, der alten und der jungen, die ihn durchdringend ansah, während die
Großmutter mit dem Gähnen kämpfte. Dann tastete er sich die dunkle
Steintreppe hinauf, erstaunlich hohe Riesenstufen, in seine Kammer. Dort fand
er Wasser in einem Tonkrug bereit, wusch sich das Gesicht, vermißte einen
Augenblick Seife, Hausschuhe, Nachthemd, lag noch eine Viertelstunde im
Fenster, auf das granitne Gesimse gestützt, zog sich dann vollends aus und legte
sich in das harte Bett, dessen grobe Leinwand ihn entzückte und einen Schwall
von holden ländlichen Vorstellungen weckte. War es nicht das einzig Richtige,
stets so zu leben, in einem Raum aus vier Steinwänden, ohne den lächerlichen
Kram der Tapeten, des Schmucks, der vielen Möbel, ohne all das übertriebene
und im Grund barbarische Zubehör? Ein Dach überm Kopf, gegen den Regen,
eine einfache Decke um sich, gegen die Kälte, etwas Brot und Wein oder Milch,
gegen den Hunger, morgens die Sonne zum Wecken, abends die Dämmerung
zum Einschlafen — brauchte der Mensch mehr?
Aber kaum hatte er das Licht gelöscht, so war Haus und Kammer und Dorf in
ihm versunken. Er stand wieder am See bei Teresina und sprach mit ihr, konnte
sich des heutigen Gespräches nur mit Mühe erinnern und wurde zweifelhaft, was
er ihr eigentlich gesagt habe, ja ob nicht das ganze Gespräch nur ein Traum und
Phantom von ihm gewesen sei. Die Dunkelheit tat ihm wohl — weiß Gott, wo er
morgen aufwachen würde?
Ein Geräusch an der Tür weckte ihn. Leise wurde die Klinke gedreht, ein
Faden dünnen Lichtes sank herein und zögerte im Spalt. Verwundert und doch
im Augenblick wissend, blickte er hinüber, noch nicht in der Gegenwart. Da
ging die Türe auf, mit einem Licht in der Hand stand die Wirtsfrau, barfuß,
lautlos. Sie blickte zu ihm her, durchdringend, und er lächelte und streckte die
Arme aus, tief erstaunt, gedankenlos. Da war sie schon bei ihm, und ihr dunkles
Haar lag neben ihm auf dem rauhen Kissen.
Sie sprachen kein Wort. Von ihrem Kuß entzündet, zog er sie an sich. Die
plötzliche Nähe und Wärme eines Menschen an seiner Brust, der fremde starke
Arm um seinen Nacken erschütterte ihn seltsam — wie war diese Wärme ihm unbekannt, wie fremd, wie schmerzlich neu war ihm diese Wärme und Nähe —
wie war er allein gewesen, wie sehr allein, wie lang allein! Abgründe und
Flammenhöllen hatten zwischen ihm und aller Welt geklafft — und nun war da
ein fremder Mensch gekommen, in wortlosem Vertrauen und Trostbedürfnis,
eine arme, vernachlässigte Frau, so wie er selbst jahrelang ein vernachlässigter
und verschüchterter Mann gewesen war, und hing an seinem Hals und gab und
nahm und sog mit Gier den Tropfen Wonne aus dem kargen Leben, suchte
trunken und doch schüchtern seinen Mund, spielte mit traurig zärtlichen Fingern
in den seinen, rieb ihre Wange an seiner. Er richtete sich über ihrem blassen
Gesichte auf und küßte sie auf beide geschlossene Augen, und dachte: Sie glaubt
zu nehmen und weiß nicht, daß sie gibt, sie flüchtet ihre Vereinsamung zu mir
und ahnt die meine nicht! Erst jetzt sah er sie, neben der er den ganzen Abend
blind gesessen hatte, sah, daß sie lange, schlanke Hände und Finger hatte,
hübsche Schultern und ein Gesicht voll von Schicksalsangst und blindem
Kinderdurst, und ein halb ängstliches Wissen um kleine, holde Wege und
Übungen der Zärtlichkeit.
Er sah auch und wurde traurig darüber, daß er selbst in der Liebe ein Knabe
und Anfänger geblieben war, in langer, lauer Ehe resigniert, schüchtern und doch
ohne Unschuld, begehrlich und doch voll von schlechtem Gewissen. Noch
während er mit durstigen Küssen an Mund und Brust des Weibes hing, noch
während er ihre Hand zärtlich und fast mütterlich auf seinen Haaren fühlte,
empfand er im voraus Enttäuschung und Druck im Herzen, er fühlte das
Schlimme wiederkommen: die Angst, und es durchfloß ihn schneidend kalt die
Ahnung und Furcht, daß er tief in seinem Wesen nicht zur Liebe fähig sei, daß
Liebe ihm nur Qual und bösen Zauber bringen könne. Noch ehe der kurze Sturm
der Wollust vertobt war, schlug in seiner Seele Bangigkeit und Mißtrauen das
böse Auge auf, Widerwille dagegen, daß er genommen worden sei statt selbst zu
nehmen und zu erobern, und Vorgefühl von Ekel.
Lautlos war die Frau wieder davongeschlüpft, samt ihrem Kerzenlicht. Im
Dunkeln lag Klein, und es kam mitten in der Sättigung der Augenblick, den er
schon vorher, schon vor Stunden in so viel ahnenden wetterleuchtenden
Sekunden gefürchtet, der schlimme Augenblick, wo die überreiche Musik seines
neuen Lebens in ihm nur noch müde und verstimmte Saiten fand und tausend
Lustgefühle plötzlich mit Müdigkeit und Angst bezahlt werden mußten. Mit
Herzklopfen fühlte er alle Feinde auf der Lauer liegen, Schlaflosigkeit,
Depression und Alpdruck. Das rauhe Linnen brannte an seiner Haut, bleich sah
die Nacht durchs Fenster. Unmöglich, hier zu bleiben und wehrlos den
kommenden Qualen standzuhalten! Ach, es kam wieder, die Schuld und Angst
kam wieder und die Traurigkeit und die Verzweiflung! Alles Überwundene, alles Vergangene kam wieder. Es gab keine Erlösung.