Klingsors letzter Sommer

Hermann Hesse · Kapitel 10 von 16

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Klingsors letzter Sommer

Klingsor an Edith

Mitten durch seine leisen Worte und durch die aufgewühlte trunkne Stunde

klang tief und klar Ersilias Stimme, still sang sie das Lied vom bel mazzo di fiori

vor sich hin, Friede strömte von ihrem Liede aus, Klingsor hörte es wie von

einer fernen schwimmenden Insel über Meere von Zeit und Einsamkeit herüber.

Er drehte seine leere Weintasse um, er schenkte nimmer ein. Er hörte zu. Ein

Kind sang. Eine Mutter sang. War man nun ein verirrter und verruchter Kerl, im

Schlamm der Welt gebadet, ein Strolch und Luder, oder war man ein kleines

dummes Kind?

„Sora Ersilia,“ sagte er mit Ehrerbietung, „du bist unser guter Stern.“

Durch steilen finstern Wald bergan, an Zweig und Wurzel geklammert, quoll

man hinweg, den Heimweg suchend. Lichter Waldrand ward erreicht, Feld

geentert, schmaler Weg im Maisfeld atmete Nacht und Heimkehr, Mondblick im

spiegelnden Blatt des Maises, Rebenreihen schräg entfliehend. Nun sang

Klingsor, leise, mit der etwas heiseren Stimme, sang leise und viel, deutsch und

malayisch, mit Worten und ohne Worte. Im leisen Gesang strömte er gestaute

Fülle aus, wie eine braune Mauer am Abend gesammeltes Tageslicht ausstrahlt.

Hier nahm einer der Freunde Abschied, und dort einer, schwand im

Rebenschatten auf kleinem Pfad dahin. Jeder ging, jeder war für sich, suchte

Heimkehr, war allein unterm Himmel. Eine Frau küßte Klingsor zur guten

Nacht, brennend sog ihr Mund an seinem. Weg rollten sie, weg schmolzen sie,

alle. Als Klingsor allein die Treppe zu seiner Wohnung erstieg, sang er noch

immer. Er besang und lobte Gott und sich selbst, er pries Li Tai Pe und pries den

guten Wein von Pampambio. Wie ein Götze ruhte er auf Wolken der Bejahung.

„Inwendig,“ sang er, „bin ich wie eine Kugel von Gold, wie die Kuppel eines

Domes, man kniet darin, man betet, Gold strahlt von der Wand, auf altem Bilde

blutet der Heiland, blutet das Herz der Maria. Wir bluten auch, wir Anderen, wir

Irrgegangenen, wir Sterne und Kometen, sieben und vierzehn Schwerter gehn

durch unsre selige Brust. Ich liebe dich, blonde und schwarze Frau, ich liebe

alle, auch die Philister; ihr seid arme Teufel wie ich, ihr seid arme Kinder und

fehlgeratene Halbgötter wie der betrunkne Klingsor. Sei mir gegrüßt, geliebtes

Leben! Sei mir gegrüßt, geliebter Tod!“

 

K l i n g s o r a n E d i t h

 

Lieber Stern am Sommerhimmel!

 

Wie hast Du mir gut und wahr geschrieben, und wie ruft Deine Liebe mir schmerzlich zu, wie ewiges Leid, wie ewiger Vorwurf. Aber Du bist auf gutem

Wege, wenn Du mir, wenn Du Dir selbst jede Empfindung des Herzens

eingestehst. Nur nenne keine Empfindung klein, keine Empfindung unwürdig!

Gut, sehr gut ist jede, auch der Haß, auch der Neid, auch die Eifersucht, auch die

Grausamkeit. Von nichts andrem leben wir als von unsern armen, schönen,

herrlichen Gefühlen, und jedes, dem wir unrecht tun, ist ein Stern, den wir

auslöschen.

Ob ich Gina liebe, weiß ich nicht. Ich zweifle sehr daran. Ich würde kein

Opfer für sie bringen. Ich weiß nicht, ob ich überhaupt lieben kann. Ich kann

begehren, und kann mich in andern Menschen suchen, nach Echo aushorchen,

nach einem Spiegel verlangen, kann Lust suchen, und alles das kann wie Liebe

aussehen.

Wir gehen beide, Du und ich, im selben Irrgarten, im Garten unsrer Gefühle,

die in dieser üblen Welt zu kurz gekommen sind, und wir nehmen dafür, jeder

nach seiner Art, Rache an dieser bösen Welt. Wir wollen aber einer des andern

Träume bestehen lassen, weil wir wissen, wie rot und süß der Wein der Träume

schmeckt.

Klarheit über ihre Gefühle und über die „Tragweite“ und Folgen ihrer

Handlungen haben nur die guten, gesicherten Menschen, die an das Leben

glauben und keinen Schritt tun, den sie nicht auch morgen und übermorgen

werden billigen können. Ich habe nicht das Glück, zu ihnen zu zählen, und ich

fühle und handle so, wie einer, der nicht an morgen glaubt und jeden Tag für den

letzten ansieht.

Liebe schlanke Frau, ich versuche ohne Glück meine Gedanken

auszudrücken. Ausgedrückte Gedanken sind immer so tot! Lassen wir sie leben!

Ich fühle tief und dankbar, wie Du mich verstehst, wie etwas in Dir mir verwandt

ist. Wie das im Buch des Lebens zu buchen sei, ob unsre Gefühle Liebe, Wollust,

Dankbarkeit, Mitleid, ob sie mütterlich oder kindlich sind, das weiß ich nicht.

Oft sehe ich jede Frau an wie ein alter gewiegter Wüstling und oft wie ein

kleiner Knabe. Oft hat die keuscheste Frau für mich die größte Verlockung, oft

die üppigste. Alles ist schön, alles ist heilig, alles ist unendlich gut, was ich

lieben darf. Warum, wie lange, in welchem Grad, das ist nicht zu messen.

Ich liebe nicht Dich allein, das weißt Du, ich liebe auch nicht Gina allein, ich

werde morgen und übermorgen andre Bilder lieben, andre Bilder malen. Bereuen

aber werde ich keine Liebe, die ich je gefühlt, und keine Weisheit oder

Dummheit, die ich ihretwegen begangen. Dich liebe ich vielleicht, weil Du mir

ähnlich bist. Andre liebe ich, weil sie so anders sind als ich.

Es ist spät in der Nacht, der Mond steht überm Salute. Wie lacht das Leben,

wie lacht der Tod!