Klingsors letzter Sommer

Hermann Hesse · Kapitel 15 von 16

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Klingsors letzter Sommer

Das Selbstbildnis

Murmelnd läuft in den Keller,

Meine leere Flasche zu füllen, der Wirt.

 

Morgen, morgen haut mir der bleiche Tod

Seine klirrende Sense ins rote Fleisch,

Lange schon auf der Lauer

Weiß ich ihn liegen, den falschen Hund.

 

Ihn zu höhnen, sing ich die halbe Nacht,

Lalle mein trunkenes Lied in den müden Wald;

Seiner Drohung zu spotten

Ist meines Liedes und meines Trinkens Sinn.

 

Vieles tat und erlitt ich, Wandrer auf langem Weg,

Nun am Abend sitz ich, trinke und warte bang,

Bis die blitzende Sichel

Mir das Haupt vom zuckenden Herzen trennt.

 

D a s S e l b s t b i l d n i s

 

In den ersten Septembertagen, nach vielen Wochen einer ungewöhnlichen

trocknen Sonnenglut, gab es einige Regentage. In diesen Tagen malte Klingsor,

in dem hochfenstrigen Saal seines Palazzos in Castagnetta, sein Selbstporträt,

das jetzt in Frankfurt hängt.

Dies furchtbare und doch so zauberhaft schöne Bild, sein letztes ganz zu Ende

geführtes Werk, steht am Ende der Arbeit jenes Sommers, am Ende einer

unerhört glühenden, rasenden Arbeitszeit, als deren Gipfel und Krönung. Vielen

ist es aufgefallen, daß jeder, der Klingsor kannte, ihn auf diesem Bilde sofort und

unfehlbar wiedererkannte, obwohl niemals ein Bildnis sich so weit von jeder

naturalistischen Ähnlichkeit entfernte.

Wie alle späteren Werke Klingsors, so kann man auch dies Selbstbildnis aus

den verschiedensten Standpunkten betrachten. Für manche, zumal solche, die

den Maler nicht kannten, ist das Bild vor allem ein Farbenkonzert, ein

wunderbar gestimmter, trotz aller heftigen Buntheit still und edel wirkender

Teppich. Andre sehen darin einen letzten kühnen, ja verzweifelten Versuch zur

Befreiung vom Gegenständlichen: ein Antlitz wie eine Landschaft gemalt, Haare

an Laub und Baumrinde erinnernd, Augenhöhlen wie Felsspalten — sie sagen,

dies Bild erinnere an die Natur nur so wie mancher Bergrücken an ein Menschengesicht, mancher Baumast an Hände und Beine erinnert, nur von ferne

her, nur gleichnishaft. Viele aber sehen im Gegenteil gerade in diesem Werk nur

den Gegenstand, das Gesicht Klingsors, von ihm selbst mit unerbittlicher

Psychologie zerlegt und gedeutet, eine riesige Konfession, ein rücksichtsloses,

schreiendes, rührendes, erschreckendes Bekenntnis. Noch andere, und darunter

einige seiner erbittertsten Gegner, sehen in diesem Bildnis lediglich ein Produkt

und Zeichen von Klingsors angeblichem Wahnsinn. Sie vergleichen den Kopf

des Bildes mit dem naturalistisch gesehenen Original, mit Photographien, und

finden in den Deformationen und Übertreibungen der Formen negerhafte,

entartete, atavistische, tierische Züge. Manche von diesen halten sich auch über

das Götzenhafte und Phantastische dieses Bildes auf, sehen eine Art von

monomanischer Selbstanbetung darin, eine Blasphemie und

Selbstverherrlichung, eine Art von religiösem Größenwahn. Alle diese Arten der

Betrachtung sind möglich und noch viele andere.

Während der Tage, die er an diesem Bilde malte, ging Klingsor nicht aus,

außer des Nachts zum Wein, aß nur Brot und Obst, das ihm die Hauswirtin

brachte, blieb unrasiert und sah mit den unter der verbrannten Stirn tief

eingesunkenen Augen in dieser Verwahrlosung in der Tat erschreckend aus. Er

malte sitzend und auswendig, nur von Zeit zu Zeit, fast nur in den

Arbeitspausen, ging er zu dem großen, altmodischen, mit Rosenranken bemalten

Spiegel an der Nordwand, streckte den Kopf vor, riß die Augen auf, schnitt

Gesichter.

Viele, viele Gesichter sah er hinter dem Klingsor-Gesicht im großen Spiegel

zwischen den dummen Rosenranken, viele Gesichter malte er in sein Bild

hinein: Kindergesichter süß und erstaunt, Jünglingsschläfen voll Traum und

Glut, spöttische Trinkeraugen, Lippen eines Dürstenden, eines Verfolgten, eines

Leidenden, eines Suchenden, eines Wüstlings, eines enfant perdu. Den Kopf

aber baute er majestätisch und brutal, einen Urwaldgötzen, einen in sich

verliebten, eifersüchtigen Jehova, einen Popanz, vor dem man Erstlinge und

Jungfrauen opfert. Dies waren einige seiner Gesichter. Ein andres war das des

Verfallenden, des Untergehenden, des mit seinem Untergang Einverstandenen:

Moos wuchs auf seinem Schädel, schief standen die alten Zähne, Risse

durchzogen die welke Haut, und in den Rissen stand Schorf und Schimmel. Das

ist es, was einige Freunde an dem Bilde besonders lieben. Sie sagen: es ist der

Mensch, ecce homo, der müde, gierige, wilde, kindliche und raffinierte Mensch

unsrer späten Zeit, der sterbende, sterbenwollende Europamensch: von jeder

Sehnsucht verfeinert, von jedem Laster krank, vom Wissen um seinen Untergang

enthusiastisch beseelt, zu jedem Fortschritt bereit, zu jedem Rückschritt reif,

ganz Glut und auch ganz Müdigkeit, dem Schicksal und dem Schmerz ergeben wie der Morphinist dem Gift, vereinsamt, ausgehöhlt, uralt, Faust zugleich und

Karamasow, Tier und Weiser, ganz entblößt, ganz ohne Ehrgeiz, ganz nackt, voll

von Kinderangst vor dem Tode und voll von müder Bereitschaft, ihn zu sterben.

Und noch weiter, noch tiefer hinter all diesen Gesichtern schliefen fernere,

tiefere, ältere Gesichter, vormenschliche, tierische, pflanzliche, steinerne, so als

erinnere sich der letzte Mensch auf Erden im Augenblick vor dem Tode

nochmals traumschnell an alle Gestaltungen seiner Vorzeit und Weltenjugend.

In diesen rasend gespannten Tagen lebte Klingsor wie ein Ekstatiker. Nachts

füllte er sich schwer mit Wein und stand dann, die Kerze in der Hand, vor dem

alten Spiegel, betrachtete das Gesicht im Glas, das schwermütig grinsende

Gesicht des Säufers. Den einen Abend hatte er eine Geliebte bei sich, auf dem

Diwan im Studio, und während er sie nackt an sich gedrückt hielt, starrte er über

ihre Schulter weg in den Spiegel, sah neben ihrem aufgelösten Haar sein

verzerrtes Gesicht, voll Wollust und voll Ekel vor der Wollust, mit geröteten

Augen. Er hieß sie morgen wiederkommen, aber Grauen hatte sie gefaßt, sie kam

nicht wieder.

Nachts schlief er wenig. Oft erwachte er aus angstvollen Träumen, Schweiß

im Gesicht, wild und lebensmüde, und sprang doch alsbald auf, starrte in den

Schrankspiegel, las die wüste Landschaft dieser verstörten Züge ab, düster,

haßvoll, oder lächelnd, wie schadenfroh. Er hatte einen Traum, in dem sah er

sich selbst, wie er gefoltert wurde, in die Augen wurden Nägel geschlagen, die

Nase mit Haken aufgerissen; und er zeichnete dies gefolterte Gesicht, mit den

Nägeln in den Augen, mit Kohle auf einen Buchdeckel, der ihm zur Hand lag;

wir fanden das seltsame Blatt nach seinem Tode. Von einem Anfall von

Gesichtsneuralgien befallen, hing er krumm über die Lehne eines Stuhles, lachte

und schrie vor Pein, und hielt sein entstelltes Gesicht vor das Glas des Spiegels,

betrachtete die Zuckungen, verhöhnte die Tränen.

Und nicht sein Gesicht allein, oder seine tausend Gesichter, malte er auf dies

Bild, nicht bloß seine Augen und Lippen, die leidvolle Talschlucht des Mundes,

den gespaltenen Felsen der Stirn, die wurzelhaften Hände, die zuckenden Finger,

den Hohn des Verstandes, den Tod im Auge. Er malte, in seiner eigenwilligen,

überfüllten, gedrängten und zuckenden Pinselschrift sein Leben dazu, seine

Liebe, seinen Glauben, seine Verzweiflung. Scharen nackter Frauen malte er mit,

im Sturm vorbeigetrieben wie Vögel, Schlachtopfer vor dem Götzen Klingsor,

und einen Jüngling mit dem Gesicht des Selbstmörders, ferne Tempel und

Wälder, einen alten bärtigen Gott mächtig und dumm, eine Frauenbrust vom

Dolch gespalten, Schmetterlinge mit Gesichtern auf den Flügeln, und zuhinterst

im Bilde, am Rande des Chaos den Tod, ein graues Gespenst, der mit einem

Speer, klein wie eine Nadel, in das Gehirn des gemalten Klingsor stach.

Wenn er stundenlang gemalt hatte, trieb Unruhe ihn auf, rastlos lief er und

flackernd durch seine Zimmer, die Türen wehten hinter ihm, riß Flaschen aus

dem Schrank, riß Bücher aus den Schäften, Teppiche von den Tischen, lag

lesend am Boden, lehnte sich tief atmend aus den Fenstern, suchte alte

Zeichnungen und Photographien und füllte Böden und Tische und Betten und

Stühle aller Zimmer mit Papieren, Bildern, Büchern, Briefen an. Alles wehte

wirr und traurig durcheinander, wenn der Regenwind durch die Fenster kam. Er

fand sein Kinderbildnis unter alten Sachen, Lichtbild aus seinem vierten Jahr, in

einem weißen Sommeranzug, unterm weißlich hellblonden Haar ein süßtrotziges

Knabengesicht. Er fand die Bilder seiner Eltern, Photographien von

Jugendgeliebten. Alles beschäftigte, reizte, spannte, quälte ihn, riß ihn hin und

her, alles riß er an sich, warf es wieder hin, bis er wieder davon zuckte, über

seiner Holztafel hing und weiter malte. Tiefer zog er die Furchen durch das

Geklüft seines Bildnisses, breiter baute er den Tempel seines Lebens auf,

mächtiger sprach er die Ewigkeit jedes Daseins aus, schluchzender seine

Vergänglichkeit, holder sein lächelndes Gleichnis, höhnischer seine Verurteilung

zur Verwesung. Dann sprang er wieder auf, gejagter Hirsch, und lief den Trab

des Gefangenen durch seine Zimmer. Freude durchzuckte ihn und tiefe

Schöpfungswonne wie ein feuchtes frohlockendes Gewitter, bis Schmerz ihn

wieder zu Boden warf und ihm die Scherben seines Lebens und seiner Kunst ins

Gesicht schmiß. Er betete vor seinem Bild, und er spie es an. Er war irrsinnig,

wie jeder Schöpfer irrsinnig ist. Aber er tat im Irrsinn des Schaffens unfehlbar

klug wie ein Nachtwandler alles, was sein Werk förderte. Er fühlte gläubig, daß

in diesem grausamen Kampf um sein Bildnis nicht nur Geschick und

Rechenschaft eines Einzelnen sich vollziehe, sondern Menschliches, sondern

Allgemeines, Notwendiges. Er fühlte, nun stand er wieder vor einer Aufgabe,

vor einem Schicksal, und alle vorhergegangene Angst und Flucht und aller

Rausch und Taumel war nur Angst und Flucht vor dieser seiner Aufgabe

gewesen. Nun gab es nicht Angst noch Flucht mehr, nur noch Vorwärts, nur noch

Hieb und Stich, Sieg und Untergang. Er siegte, und er ging unter und litt und

lachte und biß sich durch, tötete und starb, gebar und wurde geboren.

Ein französischer Maler wollte ihn besuchen, die Wirtin führte ihn ins

Vorzimmer, Unordnung und Schmutz grinste im überfüllten Raum. Klingsor

kam, Farbe an den Ärmeln, Farbe im Gesicht, grau, unrasiert, mit langen

Schritten rannte er durch den Raum. Der Fremde brachte Grüße aus Paris und

Genf, sprach seine Verehrung aus. Klingsor ging auf und ab, schien nicht zu

hören. Verlegen schwieg der Gast und begann sich zurückzuziehen, da trat

Klingsor zu ihm, legte ihm die farbenbedeckte Hand auf die Schulter, sah ihm

nah ins Auge. „Danke,“ sagte er langsam, mühsam, „danke, lieber Freund. Ich arbeite, ich kann nicht sprechen. Man spricht zu viel, immer. Seien Sie mir nicht

böse, und grüßen Sie mir meine Freunde, sagen Sie ihnen, daß ich sie liebe.“

Und verschwand wieder ins andre Zimmer.

Das fertige Bild stellte er, am Ende dieser gepeitschten Tage, in die unbenützte

leere Küche und schloß ab. Er hat es nie gezeigt. Dann nahm er Veronal und

schlief einen Tag und eine Nacht hindurch. Dann wusch er sich, rasierte sich,

legte neue Wäsche und Kleider an, fuhr zur Stadt und kaufte Obst und

Zigaretten, um sie Gina zu schenken.