Klingsors letzter Sommer
Kapitel II
Damals aber war er im Leben stets auf der Seite des „bessern“ Ich gestanden,
des Beamten und anständigen Menschen, des Ehemannes und rechtlichen
Bürgers. Die heimliche Meinung seines Innersten hatte er nie gebilligt, er hatte
sie nicht einmal gekannt. Und doch hatte diese innerste Stimme ihn unvermerkt
geleitet und schließlich zum Flüchtling und Verworfenen gemacht!
Dankbar hielt er diesen Gedanken fest. Da war doch ein Stück
Folgerichtigkeit, etwas wie Vernunft. Es genügte noch nicht, es blieb alles
Wichtige noch so dunkel, aber eine gewisse Helligkeit, eine gewisse Wahrheit
war doch gewonnen. Und Wahrheit — das war es, worauf es ankam. Wenn ihm
nur das kurze Ende des Fadens nicht wieder verlorenging!
Zwischen Wachen und Schlaf vor Erschöpfung fiebernd, immer an der Grenze
zwischen Gedanke und Traum, verlor er hundertmal den Faden wieder, fand ihn
hundertmal neu. Bis es Tag war und der Gassenlärm zum Fenster hereinscholl.
I I
Den Vormittag lief Klein durch die Stadt. Er kam vor ein Hotel, dessen Garten
ihm gefiel, ging hinein, sah Zimmer an und mietete eines. Erst im Weggehen sah
er sich nach dem Namen des Hauses um und las: Hotel Kontinental. War ihm
dieser Name nicht bekannt? Nicht vorausgesagt worden? Ebenso wie Hotel
Milano? Er gab es indessen bald auf, zu suchen, und war zufrieden in der
Atmosphäre von Fremdheit, Spiel und eigentümlicher Bedeutsamkeit, in die sein
Leben geraten schien.
Der Zauber von gestern kam allmählich wieder. Es war sehr gut, daß er im
Süden war, dachte er dankbar. Er war gut geführt worden. Wäre dies nicht
gewesen, dieser liebenswerte Zauber überall, dies ruhige Schlendern und
Sichvergessenkönnen, dann wäre er Stunde um Stunde vor dem furchtbaren
Gedankenzwang gestanden und wäre verzweifelt. So aber gelang es ihm,
stundenlang in angenehmer Müdigkeit dahin zu vegetieren, ohne Zwang, ohne
Angst, ohne Gedanken. Das tat ihm wohl. Es war sehr gut, daß es diesen Süden
gab, und daß er ihn sich verordnet hatte. Der Süden erleichterte das Leben. Er
tröstete. Er betäubte.
Auch jetzt am hellen Tage sah die Landschaft unwahrscheinlich und
phantastisch aus, die Berge waren alle zu nah, zu steil, zu hoch, wie von einem
etwas verschrobenen Maler erfunden. Schön aber war alles Nahe und Kleine: ein Baum, ein Stück Ufer, ein Haus in schönen heitern Farben, eine Gartenmauer,
ein schmales Weizenfeld unter Reben stehend, klein und gepflegt wie ein
Hausgarten. Dies alles war lieb und freundlich, heiter und gesellig, es atmete
Gesundheit und Vertrauen. Diese kleine, freundliche, wohnliche Landschaft samt
ihren stillheitern Menschen konnte man lieben. Etwas lieben zu können —
welche Erlösung!
Mit dem leidenschaftlichen Willen, zu vergessen und sich zu verlieren,
schwamm der Leidende, auf der Flucht vor den lauernden Angstgefühlen,
hingegeben durch die fremde Welt. Er schlenderte ins Freie, in das anmutige,
fleißig bestellte Bauernland hinein. Es erinnerte ihn nicht an das Land und
Bauerntum seiner Heimat, sondern mehr an Homer und an die Römer, er fand
etwas Uraltes, Kultiviertes und doch Primitives darin, eine Unschuld und Reife,
die der Norden nicht hat. Die kleinen Kapellen und Bildstöcke, die farbig und
zum Teil zerfallend, fast alle von Kindern mit Feldblumen geschmückt, überall
an den Wegen zu Ehren von Heiligen standen, schienen ihm denselben Sinn zu
haben und vom selben Geist zu stammen wie die vielen kleinen Tempel und
Heiligtümer der Alten, die in jedem Hain, Quell und Berg eine Gottheit
verehrten und deren heitere Frömmigkeit nach Brot und Wein und Gesundheit
duftete. Er kehrte in die Stadt zurück, lief unter hallenden Arkaden, ermüdete
sich auf rauhem Steinpflaster, blickte neugierig in offene Läden und Werkstätten,
kaufte italienische Zeitungen, ohne sie zu lesen, und geriet endlich müde in
einen herrlichen Park am See. Hier schlenderten Kurgäste und saßen lesend auf
Bänken, und alte ungeheure Bäume hingen wie in ihr Spiegelbild verliebt überm
schwarzgrünen Wasser, das sie dunkel überwölbten. Unwahrscheinliche
Gewächse, Schlangenbäume und Perückenbäume, Korkeichen und andre
Seltsamkeiten standen frech oder ängstlich oder trauernd im Rasen, der voll
Blumen war, und an den fernen jenseitigen Seeufern schwammen weiß und rosig
lichte Dörfer und Landhäuser.
Als er auf einer Bank zusammengesunken saß und nah am Einnicken war, riß
ein fester elastischer Schritt ihn wach. Auf hohen rotbraunen Schnürstiefeln, im
kurzen Rock über dünnen durchbrochenen Strümpfen lief eine Frau vorbei, ein
Mädchen, kräftig und taktfest, sehr aufrecht und herausfordernd, elegant,
hochmütig, ein kühles Gesicht mit geschminkter Lippenröte und einem hohen
dichten Haarbau von hellem, metallischem Gelb. Ihr Blick traf ihn im
Vorbeigehen eine Sekunde, sicher und abschätzend wie die Blicke der Portiers
und Boys im Hotel, und lief gleichgültig weiter.
Allerdings, dachte Klein, sie hat recht, ich bin kein Mensch, den man
beachtet. Unsereinem schaut so eine nicht nach. Dennoch tat die Kürze und
Kühle ihres Blickes ihm heimlich weh, er kam sich abgeschätzt und mißachtet vor von jemand, der nur Oberfläche und Außenseite sah, und aus den Tiefen
seiner Vergangenheit wuchsen ihm Stacheln und Waffen empor, um sich gegen
sie zu wehren. Schon war vergessen, daß ihr feiner belebter Schuh, ihr so sehr
elastischer und sicherer Gang, ihr straffes Bein im dünnen Seidenstrumpf ihn
einen Augenblick gefesselt und beglückt hatte. Ausgelöscht war das Rauschen
ihres Kleides und der dünne Wohlgeruch, der an ihr Haar und an ihre Haut
erinnerte. Weggeworfen und zerstampft war der schöne holde Hauch von
Geschlecht und Liebesmöglichkeit, der ihn von ihr gestreift hatte. Statt dessen
kamen viele Erinnerungen. Wie oft hatte er solche Wesen gesehn, solche junge,
sichere und herausfordernde Personen, seien es nun Dirnen oder eitle
Gesellschaftsweiber, wie oft hatte ihre schamlose Herausforderung ihn geärgert,
ihre Sicherheit ihn irritiert, ihr kühles, brutales Sichzeigen ihn angewidert! Wie
manchmal hatte er, auf Ausflügen und in städtischen Restaurants, die Empörung
seiner Frau über solche unweibliche und hetärenhafte Wesen von Herzen geteilt!
Mißmutig streckte er die Beine von sich. Dieses Weib hatte ihm seine gute
Stimmung verdorben! Er fühlte sich ärgerlich, gereizt und benachteiligt, er
wußte: wenn diese mit dem gelben Haar nochmals vorüberkommen und ihn
nochmals mustern würde, dann würde er rot werden und sich in seinen Kleidern,
seinem Hut, seinen Schuhen, seinem Gesicht, Haar und Bart unzulänglich und
minderwertig vorkommen! Hole sie der Teufel! Schon dies gelbe Haar! Es war
falsch, es gab nirgends in der Welt so gelbe Haare. Geschminkt war sie auch.
Wie nur ein Mensch sich dazu hergeben konnte, seine Lippen mit Schminke
anzumalen — negerhaft! Und solche Leute liefen herum, als gehörte ihnen die
Welt, sie besaßen das Auftreten, die Sicherheit, die Frechheit und verdarben
anständigen Leuten die Freude.
Mit den wieder aufwogenden Gefühlen von Unlust, Ärger und Befangenheit
kam abermals ein Schwall von Vergangenheit heraufgekocht, und plötzlich
dazwischen der Einfall: du berufst dich ja auf deine Frau, du gibst ihr ja recht, du
ordnest dich ihr wieder unter! Einen Augenblick lang überfloß ihn ein Gefühl
wie: ich bin ein Esel, daß ich noch immer mich unter die „anständigen
Menschen“ rechne, ich bin ja keiner mehr, ich gehöre gerade so wie diese Gelbe
zu einer Welt, die nicht mehr meine frühere und nicht mehr die anständige ist, in
eine Welt, wo anständig oder unanständig nichts mehr bedeutet, wo jeder für
sich das schwere Leben zu leben sucht. Einen Augenblick lang empfand er, daß
seine Verachtung für die Gelbe ebenso oberflächlich und unaufrichtig war wie
seine einstige Empörung über den Schullehrer und Mörder Wagner, und auch
seine Abneigung gegen den andern Wagner, dessen Musik er einst als allzu
sinnenschwül empfunden hatte. Eine Sekunde lang tat sein verschütteter Sinn,
sein verlorengegangenes Ich die Augen auf und sagte ihm mit seinem alleswissenden Blick, daß alle Empörung, aller Ärger, alle Verachtung ein Irrtum
und eine Kinderei sei und auf den armen Kerl von Verächter zurückfalle.
Dieser gute, alleswissende Sinn sagte ihm auch, daß er hier wieder vor einem
Geheimnis stehe, dessen Deutung für sein Leben wichtig sei, daß diese Dirne
oder Weltdame, daß dieser Duft von Eleganz, Verführung und Geschlecht ihm
keineswegs zuwider und beleidigend sei, sondern daß er sich diese Urteile nur
eingebildet und eingehämmert habe, aus Angst vor seiner wirklichen Natur, aus
Angst vor Wagner, aus Angst vor dem Tier oder Teufel, den er in sich entdecken
konnte, wenn er einmal die Fesseln und Verkleidungen seiner Sitte und
Bürgerlichkeit abwürfe. Blitzhaft zuckte etwas wie Lachen, wie Hohnlachen in
ihm auf, das aber alsbald wieder schwieg. Es siegte wieder das Mißgefühl. Es
war unheimlich, wie jedes Erwachen, jede Erregung, jeder Gedanke ihn immer
wieder unfehlbar dorthin traf, wo er schwach und nur zu Qualen fähig war. Nun
saß er wieder mitten darin und hatte es mit seinem fehlgeratenen Leben, mit
seiner Frau, mit seinem Verbrechen, mit der Hoffnungslosigkeit seiner Zukunft
zu tun. Angst kam wieder, das allwissende Ich sank unter wie ein Seufzer, den
niemand hört. O welche Qual! Nein, daran war nicht die Gelbe schuld. Und
alles, was er gegen sie empfand, tat ihr ja nicht weh, traf nur ihn selber.
Er stand auf und fing zu laufen an. Früher hatte er oft geglaubt, er führe ein
ziemlich einsames Leben, und hatte sich mit einiger Eitelkeit eine gewisse
resignierte Philosophie zugeschrieben, galt auch unter seinen Kollegen für einen
Gelehrten, Leser und heimlichen Schöngeist. Mein Gott, er war nie einsam
gewesen! Er hatte mit den Kollegen, mit seiner Frau, mit den Kindern, mit allen
möglichen Leuten geredet, und der Tag war dabei vergangen und die Sorgen
erträglich geworden. Und auch wenn er allein gewesen war, war es keine
Einsamkeit gewesen. Er hatte die Meinungen, die Ängste, die Freuden, die
Tröstungen vieler geteilt, einer ganzen Welt. Stets war um ihn her und bis in ihn
hinein Gemeinsamkeit gewesen, und auch noch im Alleinsein, im Leid und in
der Resignation hatte er stets einer Schar und Menge angehört, einem
schützenden Verband, der Welt der Anständigen, Ordentlichen und Braven. Jetzt
aber, jetzt schmeckte er Einsamkeit. Jeder Pfeil fiel auf ihn selber, jeder
Trostgrund erwies sich als sinnlos, jede Flucht vor der Angst führte nur in jene
Welt hinüber, mit der er gebrochen hatte, die ihm zerbrochen und entglitten war.
Alles, was sein Leben lang gut und richtig gewesen war, war es jetzt nicht mehr.
Alles mußte er aus sich selber holen, niemand half ihm. Und was fand er denn in
sich selber? Ach, Unordnung und Zerrissenheit!
Ein Automobil, dem er auswich, lenkte seine Gedanken ab, warf ihnen neues
Futter zu; er fühlte im unausgeschlafenen Schädel Leere und Schwindel.
„Automobil“, dachte er, oder sagte es, und wußte nicht, was es bedeute. Da sah er, einen Augenblick im Schwächegefühl die Augen schließend, ein Bild wieder,
das ihm bekannt schien, das ihn erinnerte und seinen Gedanken neues Blut
zuführte. Er sah sich auf einem Auto sitzen und es steuern, das war ein Traum,
den er einmal geträumt hatte. In jenem Traumgefühl, da er den Lenker
hinabgestoßen und sich selber der Steuerung bemächtigt hatte, war etwas wie
Befreiung und Triumph gewesen. Es gab da einen Trost, irgendwo, schwer zu
finden. Aber es gab einen. Es gab, und sei es auch nur in der Phantasie oder im
Traum, die wohltätige Möglichkeit, sein Fahrzeug ganz allein zu steuern, jeden
andern Führer hohnlachend vom Bock zu werfen, und wenn das Fahrzeug dann
auch Sprünge machte und über Trottoirs oder in Häuser und Menschen
hineinfuhr, so war es doch köstlich und war viel besser, als geschützt unter
fremder Führung zu fahren und ewig ein Kind zu bleiben.
Ein Kind! Er mußte lächeln. Es fiel ihm ein, daß er als Kind und Jüngling
seinen Namen Klein manchmal verflucht und gehaßt hatte. Jetzt hieß er nicht
mehr so. War das nicht von Bedeutung — ein Gleichnis, ein Symbol? Er hatte
aufgehört, klein und ein Kind zu sein und sich von andern führen zu lassen.
Im Hotel trank er zu seinem Essen einen guten, sanften Wein, den er auf gut
Glück bestellt hatte und dessen Namen er sich merkte. Wenige Dinge gab es, die
einem halfen, wenige, die trösteten und das Leben erleichterten; diese wenigen
Dinge zu kennen war wichtig. Dieser Wein war so ein Ding, und die südliche
Luft und Landschaft war eines. Was noch? Gab es noch andre? Ja, das Denken
war auch so ein tröstliches Ding, das einem wohltat und leben half. Aber nicht
jedes Denken! O nein, es gab ein Denken, das war Qual und Wahnsinn. Es gab
ein Denken, das wühlte schmerzvoll im Unabänderlichen und führte zu nichts als
Ekel, Angst und Lebensüberdruß. Ein anderes Denken war es, das man suchen
und lernen mußte. War es überhaupt ein Denken? Es war ein Zustand, eine
innere Verfassung, die immer nur Augenblicke dauerte und durch angestrengtes
Denkenwollen nur zerstört wurde. In diesem höchst wünschenswerten Zustand
hatte man Einfälle, Erinnerungen, Visionen, Phantasien, Einsichten von
besonderer Art. Der Gedanke (oder Traum) vom Automobil war von dieser Art,
von dieser guten und tröstlichen Art, und die plötzlich gekommene Erinnerung
an den Totschläger Wagner und an jenes Gespräch, das er vor Jahren über ihn
geführt hatte. Der seltsame Einfall mit dem Namen Klein war auch so. Bei
diesen Gedanken, diesen Einfällen wich für Augenblicke die Angst und das
scheußliche Unwohlsein einer rasch aufleuchtenden Sicherheit — es war dann,
als sei alles gut, das Alleinsein war stark und stolz, die Vergangenheit
überwunden, die kommende Stunde ohne Schrecken.
Er mußte das noch erfassen, es mußte sich begreifen und lernen lassen! Er war
gerettet, wenn es ihm gelang, häufig Gedanken von jener Art in sich zu finden, in sich zu pflegen und hervorzurufen. Und er sann und sann. Er wußte nicht, wie
er den Nachmittag verbrachte, die Stunden schmolzen ihm weg wie im Schlaf,
und vielleicht schlief er auch wirklich, wer wollte das wissen. Immerzu kreisten
seine Gedanken um jenes Geheimnis. Er dachte sehr viel und mühsam über seine
Begegnung mit der Gelben nach. Was bedeutete sie? Wie kam es, daß in ihm
diese flüchtige Begegnung, das sekundenkurze Wechseln eines Blickes mit
einem fremden, schönen, aber ihm unsympathischen Weibe für lange Stunden
zur Quelle von Gedanken, von Gefühlen, von Erregungen, Erinnerungen,
Selbstpeinigungen, Anklagen wurde? Wie kam das? Ging das andern auch so?
Warum hatte die Gestalt, der Gang, das Bein, der Schuh und Strumpf der Gelben
ihn einen winzigen Moment entzückt? Warum hatte dann ihr kühl abwägender
Blick ihn so sehr ernüchtert? Warum hatte dieser fatale Blick ihn nicht bloß
ernüchtert und aus der kurzen erotischen Bezauberung geweckt, sondern ihn
auch beleidigt, empört und vor sich selbst entwertet? Warum hatte er gegen
diesen Blick lauter Worte und Erinnerungen ins Feld geführt, welche seiner
einstigen Welt angehörten, Worte die keinen Sinn mehr hatten, Gründe an die er
nicht mehr glaubte? Er hatte Urteile seiner Frau, Worte seiner Kollegen,
Gedanken und Meinungen seines einstigen Ich, des nicht mehr vorhandenen
Bürgers und Beamten Klein, gegen jene gelbe Dame und ihren unangenehmen
Blick aufgeboten, er hatte das Bedürfnis gehabt, sich gegen diesen Blick mit
allen erdenklichen Mitteln zu rechtfertigen, und hatte einsehen müssen, daß
seine Mittel lauter alte Münzen waren, welche nicht mehr galten. Und aus allen
diesen langen, peinlichen Erwägungen war ihm nichts geworden als
Beklemmung, Unruhe und leidvolles Gefühl des eigenen Unwerts! Nur einen
einzigen Moment aber hatte er jenen andren, so sehr zu wünschenden Zustand
wieder empfunden, einen Moment lang hatte er innerlich zu all jenen peinlichen
Erwägungen den Kopf geschüttelt und es besser gewußt. Er hatte gewußt, eine
Sekunde lang: Meine Gedanken über die Gelbe sind dumm und unwürdig,
Schicksal steht über ihr wie über mir, Gott liebt sie, wie er mich liebt.
Woher war diese holde Stimme gekommen? Wo konnte man sie wiederfinden,
wie sie wieder herbeilocken, auf welchem Ast saß dieser seltne, scheue Vogel?
Diese Stimme sprach die Wahrheit, und Wahrheit war Wohltat, Heilung,
Zuflucht. Diese Stimme entstand, wenn man im Herzen mit dem Schicksal einig
war und sich selber liebte; sie war Gottes Stimme, oder war die Stimme des
eigenen, wahrsten, innersten Ich, jenseits von allen Lügen, Entschuldigungen
und Komödien.
Warum konnte er diese Stimme nicht immer hören? Warum flog die Wahrheit
an ihm immer vorbei wie ein Gespenst, das man nur mit halbem Blick im
Vorbeihuschen sehen kann und das verschwindet, wenn man den vollen Blick darauf richtet? Warum sah er wieder und wieder diese Glückspforte offenstehen,
und wenn er hineinwollte, war sie doch geschlossen!
In seinem Zimmer aus einem Schlummer aufwachend, griff er nach einem
Bändchen Schopenhauer, das auf dem Tischchen lag und das ihn meistens auf
Reisen begleitete. Er schlug blindlings auf und las einen Satz: „Wenn wir auf
unsern zurückgelegten Lebensweg zurücksehn und zumal unsre unglücklichen
Schritte, nebst ihren Folgen, ins Auge fassen, so begreifen wir oft nicht, wie wir
haben dieses tun, oder jenes unterlassen können; so daß es aussieht, als hätte
eine fremde Macht unsre Schritte gelenkt. Goethe sagt im Egmont: Es glaubt der
Mensch sein Leben zu leiten, sich selbst zu führen; und sein Innerstes wird
unwiderstehlich nach seinem Schicksal gezogen.“ — Stand da nicht etwas, was
ihn anging? Was mit seinen heutigen Gedanken nah und innig zusammenhing?
— Begierig las er weiter, doch es kam nichts mehr, die folgenden Zeilen und
Sätze ließen ihn unberührt. Er legte das Buch weg, sah auf die Taschenuhr, fand
sie unaufgezogen und abgelaufen, stand auf und blickte durchs Fenster, es schien
gegen Abend zu sein.
Er fühlte sich etwas angegriffen wie nach starker geistiger Anstrengung, aber
nicht unangenehm und fruchtlos erschöpft, sondern sinnvoll ermüdet wie nach
befriedigender Arbeit. Ich habe wohl eine Stunde oder mehr geschlafen, dachte
er, und trat vor den Spiegelschrank, um sein Haar zu bürsten. Es war ihm seltsam
frei und wohl zumute, und im Spiegel sah er sich lächeln! Sein bleiches,
überanstrengtes Gesicht, das er seit langem nur noch verzerrt und starr und irr
gesehen hatte, stand in einem sanften, freundlichen, guten Lächeln. Verwundert
schüttelte er den Kopf und lächelte sich selber zu.
Er ging hinab, im Restaurant wurde an einigen Tischen schon soupiert. Hatte
er nicht eben erst gegessen? Einerlei, er hatte große Lust, es sofort wieder zu tun,
und er bestellte, mit Eifer den Kellner befragend, eine gute Mahlzeit.
„Will der Herr vielleicht heut abend nach Castiglione fahren?“ fragte ihn der
Kellner beim Vorlegen. „Es geht ein Motorboot vom Hotel.“
Klein dankte mit Kopfschütteln. Nein, solche Hotelveranstaltungen waren
nichts für ihn. — Castiglione? Davon hatte er schon sprechen hören. Es war ein
Vergnügungsort mit einer Spielbank, so etwas wie ein kleines Monte Carlo.
Lieber Gott, was sollte er dort tun?
Während der Kaffee gebracht wurde, nahm er aus dem Blumenstrauß, der in
einer Kristallvase vor ihm stand, eine kleine weiße Rose und steckte sie an. Von
einem Nebentische her streifte ihn der Rauch einer frisch angezündeten Zigarre.
Richtig, eine gute Zigarre wollte er auch haben.
Unschlüssig stieg er dann vor dem Hause hin und her. Ganz gerne wäre er
wieder in jene dörfliche Gegend gegangen, wo er gestern abend beim Gesang der Italienerin und dem magischen Funkentanz der Leuchtkäfer zum erstenmal
die süße Wirklichkeit des Südens gespürt hatte. Aber es zog ihn auch zum Park,
an das schattig überlaubte stille Wasser, zu den seltsamen Bäumen, und wenn er
die Dame mit dem gelben Haar wieder angetroffen hätte, so würde ihr kalter
Blick ihn jetzt nicht ärgern noch beschämen. Übrigens — wie unausdenklich
lang war es seit gestern! Wie fühlte er sich in diesem Süden schon heimisch!
Wieviel hatte er erlebt, gedacht, erfahren!
Er schlenderte eine Straße weit, umflossen von einem guten, sanften
Sommerabendwind. Nachtfalter kreisten leidenschaftlich um die eben
entzündeten Straßenlaternen, fleißige Leute schlossen spät ihre Geschäfte zu und
klappten Eisenstangen vor die Läden, viele. Kinder trieben sich noch herum und
rannten bei ihren Spielen zwischen den kleinen Tischen der Kaffees herum, an
denen mitten auf der Straße Kaffee und Limonaden getrunken wurden. Ein
Marienbild in einer Wandnische lächelte im Schein brennender Lichter. Auch auf
den Bänken am See war noch Leben, wurde gelacht, gestritten, gesungen, und
auf dem Wasser schwamm hier und dort noch ein Boot mit hemdärmeligen
Ruderern und Mädchen in weißen Blusen.
Klein fand leicht den Weg zum Park wieder, aber das hohe Tor stand
geschlossen. Hinter den hohen Eisenstangen stand die schweigende
Baumfinsternis fremd und schon voll Nacht und Schlaf. Er blickte lang hinein.
Dann lächelte er, und es wurde ihm nun erst der heimliche Wunsch bewußt, der
ihn an diese Stelle vor das verschlossene Eisentor getrieben hatte. Nun, es war
einerlei, es ging auch ohne Park.
Auf einer Bank am See saß er friedlich und sah dem vorübertreibenden Volk
zu. Er entfaltete im hellen Laternenlicht eine italienische Zeitung und versuchte
zu lesen. Er verstand nicht alles, aber jeder Satz, den er zu übersetzen
vermochte, machte ihm Spaß. Erst allmählich begann er, über die Grammatik
weg, auf den Sinn zu achten, und fand mit einem gewissen Erstaunen, daß der
Artikel eine heftige, erbitterte Schmähung seines Volkes und Vaterlandes war.
Wie seltsam, dachte er, das alles gibt es noch! Die Italiener schrieben über sein
Volk, genau so wie die heimischen Zeitungen es immer über Italien getan hatten,
genau so richtend, genau so empört, genau so unfehlbar vom eigenen Recht und
fremden Unrecht überzeugt! Auch daß diese Zeitung mit ihrem Haß und ihrem
grausamen Aburteilen ihn nicht zu empören und zu ärgern vermochte, war ja
seltsam. Oder nicht? Nein, wozu sich empören? Das alles war ja die Art und
Sprache einer Welt, zu der er nicht mehr gehörte. Sie mochte die gute, die
bessere, die richtige Welt sein — es war nicht mehr die seine.
Er ließ die Zeitung auf der Bank liegen und ging weiter. Aus einem Garten
strahlten über dicht blühende Rosenstämme hinweg hundert bunte Lichter. Menschen gingen hinein, er schloß sich an, eine Kasse, Aufwärter, eine Wand
mit Plakaten. Mitten im Garten war ein Saal ohne Wände, nur ein großes
Zeltdach, von welchem alle die zahllosen vielfarbigen Lampen niederhingen.
Viele halbbesetzte Gartentische füllten den lustigen Saal; im Hintergrunde
silbern, grün und rosa in grellen Farben glitzerte überhell eine schmale erhöhte
Bühne. Unter der Rampe saßen Musikanten, ein kleines Orchester. Beschwingt
und licht atmete die Flöte in die bunte warme Nacht hinaus, die Oboe satt und
schwellend, das Cello sang dunkel, bang und warm. Auf der Bühne darüber sang
ein alter Mann komische Lieder, sein gemalter Mund lachte starr, in seinem
kahlen bekümmerten Schädel spiegelte das üppige Licht.
Klein hatte nichts dergleichen gesucht, einen Augenblick fühlte er etwas wie
Enttäuschung und Kritik und die alte Scheu vor dem einsamen Sitzen inmitten
einer frohen und eleganten Menge; die künstliche Lustbarkeit schien ihm
schlecht in den duftenden Gartenabend zu stimmen. Doch setzte er sich, und das
aus so vielen buntfarbigen gedämpften Lampen niederrinnende Licht versöhnte
ihn alsbald, es hing wie ein Zauberschleier über dem offenen Saal. Zart und
innig glühte die kleine Musik herüber, gemischt mit dem Duft der vielen Rosen.
Die Menschen saßen heiter und geschmückt in gedämpfter Fröhlichkeit; über
Tassen, Flaschen und Eisbechern schwebten, von dem milden farbigen Licht
hold behaucht und bepudert, helle Gesichter und schillernde Frauenhüte, und
auch das gelbe und rosige Eis in den Bechern, die Gläser mit roten, grünen,
gelben Limonaden klangen in dem Bilde festlich und juwelenhaft mit.
Niemand hörte dem Komiker zu. Der dürftige Alte stand gleichgültig und
vereinsamt auf seiner Bühne und sang, was er gelernt hatte, das köstliche Licht
floß an seiner armen Gestalt herab. Er endete sein Lied und schien zufrieden,
daß er gehen konnte. An den vordersten Tischen klatschten zwei, drei Menschen
mit den Händen. Der Sänger trat ab und erschien bald darauf durch den Garten
im Saale, an einem der ersten Tische beim Orchester nahm er Platz. Eine junge
Dame schenkte ihm Sodawasser in ein Glas, sie erhob sich dabei halb, und Klein
blickte hin. Es war die mit den gelben Haaren.
Jetzt tönte von irgendwo her eine schrille Klingel lang und dringlich, es
entstand Bewegung in der Halle. Viele gingen ohne Hut und Mantel hinaus.
Auch der Tisch beim Orchester leerte sich, die Gelbe lief mit den andern hinaus,
ihr Haar glänzte hell noch draußen in der Gartendämmerung. An ihrem Tisch
blieb nur der alte Sänger sitzen.
Klein gab sich einen Stoß und ging hinüber. Er grüßte den Alten höflich, der
nickte nur.
„Können Sie mir sagen, was dies Klingeln bedeutet?“ fragte Klein.
„Pause,“ sagte der Komiker.
„Und wohin sind all die Leute gegangen?“
„Spielen. Jetzt ist eine halbe Stunde Pause, und so lange kann man im Kursaal
drüben spielen.“
„Danke. — Ich wußte nicht, daß auch hier eine Spielbank ist.“
„Nicht der Rede wert. Nur für Kinder, höchster Einsatz fünf Franken.“
„Danke sehr.“
Er hatte schon wieder den Hut gezogen und sich umgedreht. Da fiel ihm ein,
er könnte den Alten nach der Gelben fragen. Der kannte sie.
Er zögerte, den Hut noch in der Hand. Dann ging er weg. Was wollte er
eigentlich? Was ging sie ihn an? Doch spürte er, sie ging ihn trotzdem an. Es war
nur Schüchternheit, irgendein Wahn, eine Hemmung. Eine leise Welle von
Unmut stieg in ihm auf, eine dünne Wolke. Schwere war wieder im Anzug, jetzt
war er wieder befangen, unfrei, und über sich selbst ärgerlich. Es war besser, er
ging nach Hause. Was tat er hier, unter den vergnügten Leuten? Er gehörte nicht
zu ihnen.
Ein Kellner, der Zahlung verlangte, störte ihn. Er war ungehalten.
„Können Sie nicht warten, bis ich rufe?“
„Entschuldigen, ich dachte, der Herr wolle gehen. Mir ersetzt es niemand,
wenn einer drausläuft.“
Er gab mehr Trinkgeld, als nötig war.
Als er die Halle verließ, sah er aus dem Garten her die Gelbe zurückkommen.
Er wartete und ließ sie an sich vorübergehen. Sie schritt aufrecht, stark und leicht
wie auf Federn. Ihr Blick traf ihn, kühl, ohne Erkennen. Er sah ihr Gesicht hell
beleuchtet, ein ruhiges und kluges Gesicht, fest und blaß, ein wenig blasiert, der
geschminkte Mund blutrot, graue Augen voll Wachsamkeit, ein schönes, reich
ausgeformtes Ohr, an dem ein grüner länglicher Stein blitzte. Sie ging in weißer
Seide, der schlanke Hals sank in Opalschatten hinab, von einer dünnen Kette mit
grünen Steinen umspannt.
Er sah sie an, heimlich erregt, und wieder mit zwiespältigem Eindruck. Etwas
an ihr lockte, erzählte von Glück und Innigkeit, duftete nach Fleisch und Haar
und gepflegter Schönheit, und etwas anderes stieß ab, schien unecht, ließ
Enttäuschung fürchten. Es war die alte, anerzogene und ein Leben lang gepflegte
Scheu vor dem, was er als dirnenhaft empfand, vor dem bewußten Sichzeigen
des Schönen, vor dem offenen Erinnern an Geschlecht und Liebeskampf. Er
spürte wohl, daß der Zwiespalt in ihm selbst lag. Da war wieder Wagner, da war
wieder die Welt des Schönen, aber ohne Zucht, des Reizenden, aber ohne
Verstecktheit, ohne Scheu, ohne schlechtes Gewissen. Da steckte ein Feind in
ihm, der ihm das Paradies verbot.
Die Tische in der Halle wurden jetzt von Dienern umgestellt und ein freier Raum in der Mitte geschaffen. Ein Teil der Gäste war nicht wiedergekommen.
„Dableiben,“ rief ein Wunsch in dem einsamen Mann. Er spürte voraus, was
für eine Nacht ihm bevorstand, wenn er jetzt fortging. Eine Nacht wie die vorige,
wahrscheinlich eine noch schlimmere. Wenig Schlaf, mit bösen Träumen,
Hoffnungslosigkeit und Selbstquälerei, dazu das Geheul der Sinne, der Gedanke
an die Kette von grünen Steinen auf der weißen und perlfarbigen Frauenbrust.
Vielleicht war schon bald, bald der Punkt erreicht, wo das Leben nicht mehr
auszuhalten war. Und er hing doch am Leben, sonderbar genug. Ja, tat er das?
Wäre er denn sonst hier? Hätte er seine Frau verlassen, hätte er die Schiffe hinter
sich verbrannt, hätte er diesen ganzen bösartigen Apparat in Anspruch
genommen, alle diese Schnitte ins eigene Fleisch, und wäre er schließlich in
diesen Süden hergereist, wenn er nicht am Leben hinge, wenn nicht Wunsch und
Zukunft in ihm waren? Hatte er es nicht heut gefühlt, klar und wunderschön, bei
dem guten Wein, vor dem geschlossenen Parktor, auf der Bank am Kai?
Er blieb und fand Platz am Tisch neben jenem, wo der Sänger und die Gelbe
saßen. Dort waren sechs, sieben Menschen beisammen, welche sichtlich hier zu
Hause waren, gewissermaßen ein Teil dieser Veranstaltung und Lustbarkeit
waren. Er blickte beständig zu ihnen hinüber. Zwischen ihnen und den
Stammgästen dieses Gartens bestand Vertraulichkeit, auch die Leute vom
Orchester kannten sie und gingen an ihrem Tische ab und zu oder riefen Witze
herüber, sie nannten die Kellner du und mit den Vornamen. Es wurde deutsch,
italienisch und französisch durcheinander gesprochen.
Klein betrachtete die Gelbe. Sie blieb ernst und kühl, er hatte sie noch nicht
lächeln sehen, ihr beherrschtes Gesicht schien unveränderlich. Er konnte sehen,
daß sie an ihrem Tische etwas galt, Männer und Mädchen hatten gegen sie einen
Ton von kameradschaftlicher Achtung. Er hörte nun auch ihren Namen nennen:
Teresina. Er besann sich, ob sie schön sei, ob sie ihm eigentlich gefalle. Er
konnte es nicht sagen. Schön war ohne Zweifel ihr Wuchs und ihr Gang, sogar
ungewöhnlich schön, ihre Haltung beim Sitzen und die Bewegungen ihrer sehr
gepflegten Hände. An ihrem Gesicht und Blick aber beschäftigte und irritierte
ihn die stille Kühle, die Sicherheit und Ruhe der Miene, das fast maskenhaft
Starre. Sie sah aus wie ein Mensch, der seinen eigenen Himmel und seine eigene
Hölle hat, welche niemand mit ihm teilen kann. Auch in dieser Seele, welche
durchaus hart, spröde und vielleicht stolz, ja böse schien, auch in dieser Seele
mußte Wunsch und Leidenschaft brennen. Welcherlei Gefühle suchte und liebte
sie, welche floh sie? Wo waren ihre Schwächen, ihre Ängste, ihr Verborgenes?
Wie sah sie aus, wenn sie lachte, wenn sie schlief, wenn sie weinte, wenn sie
küßte?
Und wie kam es, daß sie nun seit einem halben Tage seine Gedanken
beschäftigte, daß er sie beobachten, sie studieren, sie fürchten, sich über sie
ärgern mußte, während er noch nicht einmal wußte, ob sie ihm gefalle oder
nicht?
War sie vielleicht ein Ziel und Schicksal für ihn? Zog eine heimliche Macht
ihn zu ihr, wie sie ihn nach dem Süden gezogen hatte? Ein eingeborener Trieb,
eine Schicksalslinie, ein lebenslanger unbewußter Drang? War die Begegnung
mit ihr ihm vorbestimmt? Über ihn verhängt?
Er hörte ein Bruchstück ihres Gesprächs mit angestrengtem Lauschen aus dem
vielstimmigen Geplauder heraus. Zu einem hübschen, geschmeidigen, eleganten
Jüngling mit gewelltem schwarzen Haar und glattem Gesicht hörte er sie sagen:
„Ich möchte noch einmal richtig spielen, nicht hier, nicht um Pralinés, drüben in
Castiglione oder in Monte Carlo.“ Und dann, auf seine Antwort hin, nochmals:
„Nein, Sie wissen ja gar nicht, wie das ist! Es ist vielleicht häßlich, es ist
vielleicht nicht klug, aber es ist hinreißend.“
Nun wußte er etwas von ihr. Es machte ihm großes Vergnügen, sie
beschlichen und belauscht zu haben. Durch ein erleuchtetes kleines Fenster hatte
er, der Fremde, von außen her, auf Posten stehend, einen kurzen Späherblick in
ihre Seele werfen können. Sie hatte Wünsche. Sie wurde von Verlangen gequält
nach etwas, was erregend und gefährlich war, nach etwas, an das man sich
verlieren konnte. Es war ihm lieb, das zu wissen. — Und wie war das mit
Castiglione? Hatte er davon nicht heut schon einmal reden hören! Wann? Wo?
Einerlei, er konnte jetzt nicht denken. Aber er hatte jetzt wieder, wie schon
mehrmals in diesen seltsamen Tagen, die Empfindung, daß alles, was er tat,
hörte, sah und dachte, voll von Beziehung und Notwendigkeit war, daß ein
Führer ihn leite, daß lange, ferne Ursachenreihen ihre Früchte trugen. Nun,
mochten sie ihre Früchte tragen. Es war gut so.
Wieder überflog ihn ein Glücksgefühl, ein Gefühl von Ruhe und Sicherheit
des Herzens, wunderbar entzückend für den, der die Angst und das Grauen
kennt. Er erinnerte sich eines Wortes aus seiner Knabenzeit. Sie hatten,
Schulknaben, miteinander darüber gesprochen, wie es wohl die Seiltänzer
machen, daß sie so sicher und angstlos auf dem Seil gehen konnten. Und einer
hatte gesagt: „Wenn du auf dem Stubenboden einen Kreidestrich ziehst, ist es
grade so schwer, genau auf diesem Kreidestrich vorwärtszugehen, wie auf dem
dünnsten Seil. Und doch tut man es ruhig, weil keine Gefahr dabei ist. Wenn du
dir vorstellst, es sei bloß ein Kreidestrich, und die Luft daneben sei Fußboden,
dann kannst du auf jedem Seil sicher gehen.“ Das fiel ihm ein. Wie schön war
das! War es bei ihm nicht vielleicht umgekehrt? Ging es ihm nicht so, daß er
auch auf keinem ebenen Boden mehr ruhig und sicher gehen konnte, weil er ihn für ein Seil hielt?
Er war innig froh darüber, daß solche tröstliche Sachen ihm einfallen konnten,
daß sie in ihm schlummerten und je und je zum Vorschein kamen. In sich innen
trug man alles, worauf es ankam, von außen konnte niemand einem helfen. Mit
sich selbst nicht im Krieg liegen, mit sich selbst in Liebe und Vertrauen leben —
dann konnte man alles. Dann konnte man nicht nur seiltanzen, dann konnte man
fliegen.
Eine Weile hing er, alles um sich her vergessend, diesen Gefühlen auf
weichen, schlüpfrigen Pfaden der Seele in sich nachtastend wie ein Jäger und
Pfadfinder, mit auf die Hand gestütztem Kopfe wie entrückt über seinem Tisch.
In diesem Augenblick sah die Gelbe herüber und sah ihn an. Ihr Blick verweilte
nicht lang, aber er las aufmerksam in seinem Gesicht, und als er es fühlte und ihr
entgegenblickte, spürte er etwas wie Achtung, etwas wie Teilnahme und auch
etwas wie Verwandtschaft. Diesmal tat ihr Blick ihm nicht weh, tat ihm nicht
Unrecht. Diesmal, so fühlte er, sah sie ihn, ihn selbst, nicht seine Kleider und
Manieren, seine Frisur und seine Hände, sondern das Echte, Unwandelbare,
Geheimnisvolle an ihm, das Einmalige, Göttliche, das Schicksal.
Er bat ihr ab, was er heut Bittres und Häßliches über sie gedacht hatte. Aber
nein, da war nichts abzubitten. Was er Böses und Törichtes über sie gedacht,
gegen sie gefühlt hatte, das waren Schläge gegen ihn selbst gewesen, nicht gegen
sie. Nein, es war gut so.
Plötzlich erschreckte ihn der Wiederbeginn der Musik. Das Orchester stimmte
einen Tanz an. Aber die Bühne blieb leer und dunkel, statt auf sie waren die
Blicke der Gäste nach dem leeren Viereck zwischen den Tischen gerichtet. Er
erriet, es würde getanzt werden.
Aufblickend sah er am Nebentisch die Gelbe und den jungen bartlosen
Elegant sich erheben. Er lächelte über sich, als er bemerkte, wie er auch gegen
diesen Jüngling Widerstände fühlte, wie er mit Widerwillen seine Eleganz, seine
sehr netten Manieren, sein hübsches Haar und Gesicht anerkannte. Der Jüngling
bot ihr die Hand, führte sie in den freien Raum, ein zweites Paar trat an, und nun
tanzten die beiden Paare elegant, sicher und hübsch einen Tango. Er verstand
nicht viel davon, aber er sah bald, daß Teresina wunderbar tanze. Er sah: sie tat
etwas, was sie verstand und bemeisterte, was in ihr lag und natürlich aus ihr
herauskam. Auch der Jüngling mit dem gewellten schwarzen Haar tanzte gut, sie
paßten zusammen. Ihr Tanz erzählte den Zuschauern lauter angenehme, lichte,
einfache und freundliche Dinge. Leicht und zart lagen ihre Hände ineinander,
willig und froh taten ihre Knie, ihre Arme, ihre Füße und Leiber die zartkräftige
Arbeit. Ihr Tanz drückte Glück und Freude aus, Schönheit, Luxus, gute
Lebensart und Lebenskunst. Er drückte auch Liebe und Geschlechtlichkeit aus, aber nicht wild und glühend, sondern eine Liebe voll Selbstverständlichkeit,
Naivität und Anmut. Sie tanzten den reichen Leuten, den Kurgästen das Schöne
vor, das in deren Leben lag und das diese selber nicht ausdrücken und ohne eine
solche Hilfe nicht einmal empfinden konnten. Diese bezahlten, geschulten
Tänzer dienten der guten Gesellschaft zu einem Ersatz. Sie, die selber nicht so
gut und geschmeidig tanzten, die angenehme Spielerei ihres Lebens nicht recht
genießen konnten, ließen sich von diesen Leuten vortanzen, wie gut sie es
hatten. Aber das war es nicht allein. Sie ließen sich nicht nur eine
Schwerelosigkeit und heitere Selbstherrlichkeit des Lebens vorspielen, sie
wurden auch an Natur und Unschuld der Gefühle und Sinne gemahnt. Aus ihrem
überhasteten und überarbeiteten oder auch faulen und übersättigten Leben, das
zwischen wilder Arbeit, wildem Vergnügen und erzwungener
Sanatoriumspönitenz pendelte, blickten sie lächelnd, dumm und heimlich gerührt
auf den schönen Tanz dieser hübschen und gewandten jungen Menschen wie auf
einen holden Lebensfrühling hin, wie auf ein fernes Paradies, das man verloren
hat und von dem man nur noch an Feiertagen den Kindern erzählt, an das man
kaum mehr glaubt, von dem man aber nachts mit brennendem Begehren träumt.
Und nun ging während des Tanzes mit dem Gesicht der Gelbhaarigen eine
Veränderung vor, welcher Friedrich Klein mit reinem Entzücken zuschaute.
Ganz allmählich und unmerklich, wie das Rosenrot über einen Morgenhimmel,
kam über ihr ernstes, kühles Gesicht ein langsam wachsendes, langsam sich
erwärmendes Lächeln. Gradaus vor sich hinblickend, lächelte sie wie
erwachend, so als sei sie, die Kühle, erst nun durch den Tanz zum vollen Leben
erwärmt worden. Auch der Tänzer lächelte, und auch das zweite Paar lächelte,
und auf allen vier Gesichtern war es wunderhübsch, obwohl es wie maskenhaft
und unpersönlich erschien — aber bei Teresina war es am schönsten und
geheimnisvollsten, niemand lächelte so wie sie, so unberührt von außen, so im
eigenen Wohlgefühl von innen her aufblühend. Er sah es mit tiefer Rührung, es
ergriff ihn wie die Entdeckung eines heimlichen Schatzes.
„Was für wundervolles Haar sie hat!“ hörte er in der Nähe jemand leise rufen.
Er dachte daran, daß er dies wundervolle blondgelbe Haar geschmäht und
bezweifelt hatte.
Der Tango war zu Ende, Klein sah Teresina einen Augenblick neben ihrem
Tänzer stehen, der ihre linke Hand mit den Fingern noch in Schulterhöhe hielt,
und sah den Zauber auf ihrem Gesicht nachleuchten und langsam schwinden. Es
wurde halblaut geklatscht, und jedermann blickte den beiden nach, als sie mit
schwebendem Schritt an ihren Tisch zurückkehrten.
Der nächste Tanz, der nach einer kurzen Pause begann, wurde nur von einem
einzigen Paar ausgeführt, von Teresina und ihrem hübschen Partner. Es war ein freier Phantasietanz, eine kleine komplizierte Dichtung, beinahe schon eine
Pantomime, die jeder Tänzer für sich allein spielte und die nur in einigen
aufleuchtenden Höhepunkten und im galoppierend raschen Schlußsatz zum
Paartanz wurde.
Hier schwebte Teresina, die Augen voll von Glück, so aufgelöst und innig
dahin, folgte mit schwerelosen Gliedern so selig den Werbungen der Musik, daß
es still in der Halle wurde und alle hingegeben auf sie schauten. Der Tanz endete
mit einem heftigen Wirbel, wobei Tänzer und Tänzerin sich nur mit Händen und
Fußspitzen berührten und sich, weit hintenüber hängend, bacchantisch im Kreise
drehten.
Bei diesem Tanz hatte jedermann das Gefühl, daß die beiden Tanzenden in
ihren Gebärden und Schritten, in Trennung und Wiedervereinigung, in immer
erneutem Wegwerfen und Wiedergreifen des Gleichgewichtes Empfindungen
darstellten, die allen Menschen vertraut und zutiefst erwünscht sind, die aber nur
von wenigen Glücklichen so einfach, stark und unverbogen erlebt werden: die
Freude des gesunden Menschen an sich selber, die Steigerung dieser Freude in
der Liebe zum andern, das gläubige Einverstandensein mit der eigenen Natur,
die vertrauensvolle Hingabe an die Wünsche, Träume und Spiele des Herzens.
Viele empfanden für einen Augenblick nachdenkliche Trauer darüber, daß
zwischen ihrem Leben und ihren Trieben so viel Zwiespalt und Streit bestand,
daß ihr Leben kein Tanz, sondern ein mühsames Keuchen unter Lasten war —
Lasten, die schließlich nur sie selber sich aufgebürdet hatten.
Friedrich Klein blickte, während er dem Tanz folgte, durch viele vergangene
Jahre seines Lebens hindurch wie durch einen finstern Tunnel, und jenseits lag in
Sonne und Wind grün und strahlend das Verlorene, die Jugend, das starke
einfache Fühlen, die gläubige Bereitschaft zum Glück — und all dies lag wieder
seltsam nah, nur einen Schritt weit, durch Zauber herangezogen und gespiegelt.
Das innige Lächeln des Tanzes noch auf dem Gesicht, kam Teresina jetzt an
ihm vorüber. Ihn durchfloß Freude und entzückte Hingabe. Und als habe er sie
gerufen, blickte sie ihn plötzlich innig an, noch nicht erwacht, die Seele noch
voll Glück, das süße Lächeln noch auf den Lippen. Und auch er lächelte ihr zu,
dem nahen Glücksschimmer, durch den finstern Schacht so vieler verlorener
Jahre.
Zugleich stand er auf, und gab ihr die Hand, wie ein alter Freund, ohne ein
Wort zu sagen. Die Tänzerin nahm sie und hielt sie einen Augenblick fest, ohne
stehenzubleiben. Er folgte ihr. Am Tisch der Künstler wurde ihm Platz gemacht,
nun saß er neben Teresina und sah die länglichen grünen Steine auf der hellen
Haut ihres Halses schimmern.
Er nahm nicht an den Gesprächen teil, von denen er das wenigste verstand. Hinter Teresinas Kopf sah er, im grelleren Licht der Gartenlaternen, die