Kreuz und Quer: Dritter Band
Achtes Capitel. Die Suche.
»Und Ihr seid ihm nicht gefolgt?«
»Weil wir Euch hier erst Nachricht geben wollten. Wenn wir jetzt Alle zur Verfolgung ausgehen, k a n n er gar nicht entkommen.«
»Gut denn – hinüber!« rief Jenkins rasch. »Es ist vielleicht auch gut so, denn der Schuft hat jetzt wenigstens noch eine Weile Todesangst auszustehen, bis wir ihm wieder auf den Fährten sitzen. Hat Einer von Euch ein Seil?«
»Hier im Hause sind genug,« sagte Bill. »Dort in der Ecke liegen drei oder vier Stricke.«
»Gut, nehmt ein paar mit und nun vorwärts. Unser Werk ist nur halb gethan, wenn uns Hendricks entkommt.«
Die Männer hielten sich in der That nicht auf, und wie nur die erste Hälfte übergesetzt war, flogen sie auch mehr als sie gingen, am Ufer hinauf, um die Stelle zu erreichen, wo der Verbrecher zuerst gesehen worden – umsonst. Nach etwa einer Stunde trafen sie Klingelhöffer, der die Fährte verloren hatte, und sie nun an dem höheren Land, das mit einzeln stehendem Rohr und kleinem Baumwuchs bestanden war, wieder aufzufinden suchte. Der Boden dort war aber trocken, da das Regenwasser rasch in die Niederung ablaufen konnte, die beiden Hunde, die er mitgenommen, verstanden nicht auf einen Menschen zu jagen und setzten hinter einem vor ihnen aufstehendem Hirsch her, und als die Nacht einbrach, in der jede Verfolgung nutzlos wurde, mußten sie es aufgeben und nach Klingelhöffer's Haus zurückkehren.
A c h t e s C a p i t e l .
Die Suche.
In den nächsten Tagen war Alles, was sich noch von waffenfähigen Männern am Fourche-la-Fave, wie an der anderen Seite des Stromes befand, auf den Füßen und im Sattel, denn wie ein Lauffeuer hatte sich das Gerücht über die Zersprengung und fast vollständige Vernichtung der Jay-hawker-Bande verbreitet, und Alles wollte jetzt Theil nehmen, um die Letzten dieser gefürchteten Schaar mit einfangen und bestrafen zu können.
Der Haupttrupp nahm auch dabei Hendrick's Fährte auf – umsonst. Die Männer auf der anderen Seite des Arkansas trafen noch auf einen Verwundeten, der in einen Schilfbruch gekrochen war und sich kaum noch regen konnte. Das aber schützte ihn nicht; er wurde hervorgezogen und an dem nächsten Dogwood aufgehängt, während die Rächer am Fourche-la-Fave auch keine Fußspur mehr von dem Flüchtigen fanden.
Wo er sich versteckt hatte, ließ sich kaum denken, denn weiter geflohen konnte er unmöglich sein, oder sie hätten ihn finden müssen; aber nach drei Tagen vergeblicher Suche gaben sie die Sache endlich auf – die Meisten wenigstens, die in ihre Heimath zurückkehrten, während aber John Wells wie Jenkins einen heiligen Schwur leisteten, nicht zu ruhen noch zu rasten, bis sie den Mörder ihrer beiden Väter erreicht und deren Tod an ihm gerächt hätten.
Vor der Hand mußten sie allerdings nach Little Rock zurück, aber General Steene, als er die Einzelheiten jener Verbrecherschaar gehört, gab ihnen gern Urlaub, mit der Bedingung freilich, die Mörder, falls es ihnen irgend möglich sein sollte, lebendig nach Little Rock einzuliefern. Er wolle selber sein Urtheil fällen, und daß Hendricks bei ihm auf keine Gnade zu hoffen hätte, darauf könnten sie sich fest verlassen.
John Wells versprach das augenblicklich, als ihm aber Jim nachher Vorwürfe darüber machte, lachte der junge Bursche kalt und höhnisch auf und murmelte zwischen den zusammengebissenen Zähnen:
»Wenn er das aushält, was ich mit ihm anfange, sobald er mir in die Hände läuft, und nachher wirklich noch lebendig ist, dann werde ich ihn so an den alten Herrn abliefern. Wahrscheinlich ist's freilich nicht.«
»Aber Du hast es versprochen.«
»Zum Teufel auch,« rief Wells, »ich hätt' ihm versprochen, ein Stück Mond herunter zu holen, wenn er's verlangte, nur um loszukommen. Jetzt komm Jim. Wenn der Schuft noch lebt, so ist ihm hier der Boden unter den Füßen zu warm geworden; dann aber hat er sich auch nirgends anders hingewandt, als nach dem gesegneten Texas – und dorthin liegt jetzt unser Ziel.«
»Und die Unseren daheim?«
»Mein Bruder wird so lange für sie sorgen – er hat's fest versprochen. Deine Schwester zieht zu meiner Mutter und Bill ebenfalls; der Junge ist ein Prachtkerl, und lebt Hendricks noch, dann finden wir auch seine Fährte – oh nur die Seligkeit, ihm die Schnur um den Hals zu knüpfen – weiter verlange ich ja nichts auf der Gotteswelt.«
»Und wann brechen wir auf?«
»In drei Tagen. Ich muß noch erst einmal nach Hause, um Alles dort in Ordnung zu bringen. Hast Du Geld, Jim?«
»Keinen Dollar im Vermögen.«
»Ich auch nicht, aber das schadet nichts – wohin wir gehen, brauchen wir nichts, als was wir uns leicht mit der Jagd verdienen können. Hast Du noch einen anderen Anzug, denn in der Uniform dürfen wir nicht reisen – Texas ist noch im Aufstand.«
»Ja, mein neues Zeug, das mir Betsy erst in dieser Woche fertig gemacht hat.«
»Gut – ich will ebenfalls sehen, daß ich einen anständigen Rock auftreibe, denn die letzte Suche hat dem meinigen bös mitgespielt. Wollene Decken haben wir den Jayhawkern genügend abgenommen. Was ist denn das für eine Büchse, die Du da trägst?«
»Meines Vaters Waffe, die Bill dem einen Todten abgenommen. Ich habe dem Knaben die meinige dafür gegeben.«
»Alles in Ordnung denn. Am dritten Tag von heute hol' ich Dich ab,« und sein Pferd wendend ritt er in scharfem Trab den Strom hinauf.
John Wells hielt sein Wort. Zu thun gab es jetzt auch Nichts mehr für sie am Fourche-la-Fave, denn den Jay-hawkern war das Handwerk gelegt, und wieder Land urbar zu machen oder zu pflanzen, dazu hatte keiner der Leute Lust. Wußten sie denn, für wen sie es thaten, und waren ihnen nicht jetzt drei Jahre hinter einander die Ernten von durchstreifenden Soldatentrupps der einen oder anderen Partei geplündert oder zerstört worden? Erst mußte wieder Frieden sein, ehe sie in diesen dem Wechsel des Krieges ausgesetzten Districten an die ruhige Beschäftigung des Ackerbaues gehen konnten. Das Wenige, was sie selber zum Leben brauchten, konnte jeder schon ziehen oder durch die Jagd beibringen; jetzt hatte John Wells kein anderes Ziel als den zehnfachen Mörder zu erreichen und dann – ja, was er dann mit ihm thun würde, wußte er selber noch nicht, und nur in Wuth und Ingrimm knirschte er die Zähne zusammen, wenn er an den Buben dachte.
Texas! und war er auch wirklich nach Texas geflohen? Konnte er sich nicht westlich zu den Indianern gewandt haben? Wie mancher Verbrecher schon hatte die weiten Prairien aufgesucht, um sich dem Arm der ihn verfolgenden Gesetze zu entziehen.
John hielt sein Pferd an und schien unschlüssig, aber wie wir bei allen Menschenklassen, die den größten Theil ihres Lebens draußen in der freien Natur verbringen, bald mehr bald weniger immer einen gewissen Grad von Aberglauben finden, so sagte er sich jetzt selber: Dein erster Gedanke fiel auf Texas – Gott selber muß es Dir eingegeben haben, denn er kann nicht wollen, daß ein solcher Bube frei und ungestraft auf seiner Erde wandelt – also nach Texas! und als er zur verabredeten Zeit mit Jim zusammentraf, konnte er den Moment nicht erwarten, wo er seinem Thier erst die Sporen geben durfte.
Aber Texas ist ein großes – ein ungeheuer großes Land, und wenn sie es erreichten, nach welcher Richtung sollten sie dann suchen? Doch die Frage fand vielleicht schon ihre Erledigung auf dem Weg, denn wenn sich der Flüchtige überhaupt dorthin gewandt, so konnte er fast nur durch Arkansas die Straßen über Washington und Fulton eingeschlagen haben. Der folgten sie jetzt ebenfalls, um vielleicht in irgend einer Hütte wieder auf die Spur des Verbrechers zu kommen. Er war jedenfalls durch eine der Kugeln getroffen worden, das bewies das Blut, das sie in seinen Fährten gefunden, und möglich war's, daß sie gerade dadurch leichter auf seine Spur kommen oder ihn wohl gar erschöpft in irgend einer Cabin fanden.
Die Hoffnung sollte sich indessen nicht bewähren, denn Kunde bekamen sie allerdings genug von verdächtigen Individuen, die sich dort in der letzten Zeit auf der Straße herumgetrieben, und meist alle den Weg nach Texas eingeschlagen hatten, aber ob der Gesuchte zwischen ihnen gewesen, wer konnte es sagen. Verwundet waren ebenfalls Einige gewesen, das aber konnte in jetziger Zeit, wo der blutige Krieg Tausende von Opfern kostete, kaum auffallen. Es schien vielmehr sonderbar, wenn noch ein junger Mann mit unverletzten Gliedern in der Welt herumlief.
So setzten sie ihren Weg fort, bis sie endlich den Red-River erreichten, diesen kreuzten und dann in die ungeheueren Wälder des weiten Landes eintauchten.
Dort hörte jede Spur auf, denn dort gab es nur einzelne, jetzt ebenfalls wüstliegende Plantagen und das Land war so wildreich, daß sich ein einzelner Wanderer, wenn er besonders Menschen ausweichen wollte, recht gut verbergen und von jedem Pfad abseits erhalten konnte – und Hendricks wußte gut genug in der Wildniß Bescheid, um gerade einen solchen Cours, seiner größeren Sicherheit wegen, zu verfolgen.
Die Kreuz und die Quer zogen so unsere beiden jungen Backwoodsmen durch die am wenigsten besiedelten Theile des großen Staates, und wenn sie auch mit Manchem zusammentrafen, der recht gut in den Staaten einer solchen Raubbande angehört haben könnte, den allein Gesuchten fanden sie nicht, und konnten ihn auch von Keinem erfragen.
Lange Monate hatten sie dabei dies Leben fortgeführt, und sogar schon in der einen kleinen Ansiedelung, die sie erreichten, die Nachricht erhalten, daß der Feldherr der Secessionisten: General Lee, capitulirt habe und der Krieg somit beendet sei, wenn sich auch in Texas selber eine Truppenmacht der Rebellen hielt.
Sollte sich Hendricks am Ende diesen angeschlossen haben? Es schien nicht wahrscheinlich, denn ein Meuchelmörder sucht nicht den offenen Kampf, so lange er aus sicherem Hinterhalt sein Opfer treffen kann. Aber wo in aller Welt stak er dann, und vergeudeten sie nicht hier ihre Zeit in völlig nutzlosem Umhersuchen, während der Verbrecher vielleicht vollkommen sicher und unbehelligt in irgend einem anderen Theil des weiten Landes, und dann jedenfalls unter einem angenommenen Namen saß?
Jim und John lagen an einem, im Wald entzündeten Feuer ausgestreckt. An der Gluth briet ein von dem Ersteren erlegter Truthahn, und die beiden jungen Leute hatten das Für und Wider ihrer langen mühseligen Wanderung hin und her erwogen. Sie fingen an einzusehen, daß sie auf diese Weise ihr Ziel wohl kaum erreichen würden.
»Das geht nicht länger John,« sagte Jim nach einer langen Pause, in der er still sinnend in die Flamme gestarrt hatte. »Wer weiß ob der Schuft überhaupt noch lebt, und wir ziehen hier wie die Narren mitten im Wald herum, als ob wir weiter in der Gottes Welt Nichts zu thun hätten, als auf die Jagd zu gehen – und daheim liegen doch unsere Farmen brach.«
»Und hast Du etwa Lust u n s e r e Jagd aufzugeben?«
»Wenn ich die M ö g l i c h k e i t eines Erfolges sähe, bei Gott nicht, aber wir wissen nicht einmal, ob sich Hendricks nach Texas gewandt hat, und wo ihn d a n n suchen? Er kann eben so gut in Minnesota wie in Florida sitzen.«
»Vielleicht hast Du Recht,« nickte John, nach einer kleinen Weile – »wir k ö n n t e n unsere Chancen verdoppeln, und das ist es, woran auch ich schon gedacht habe.«
»Und in welcher Art?«
»Indem wir uns trennen und jeder einen anderen District absucht.«
»Und was dann, wenn ihn E i n e r findet? Haben wir nicht Beide Antheil an der Rache?«
»Das ist eben der Teufel, und wenn das nicht wäre,« meinte John, »so hätte ich Dir den Vorschlag schon vor vier Wochen gemacht – sobald wir uns aber nach zwei Richtungen wenden, liegt doch viel eher die Möglichkeit vor, ihn anzutreffen und sind wir ihm nur erst einmal auf der Spur – wissen wir bestimmt, daß er in Texas ist, dann wäre es auch nachher ein Leichtes, ihn gemeinschaftlich wieder zu treffen.«
»Und dann müßten wir ihn das erste Mal laufen lassen,« sagte Jim mit dem Kopf schüttelnd – »Du wärst der Letzte, der das thäte, John. Denk nur an das Versprechen, das Du dem General in Little Rock gegeben.«
»Bah, soviel für d e n ; der hatte kein Anrecht an unserer Rache, aber Du hast es, und ich möchte es Dir nicht verkümmern. Uebrigens braucht Hendricks, w e n n ihn Einer von uns aufspürt, gar nicht zu erfahren, daß wir in der Nähe sind. Wir wollen nur herauszubekommen suchen, w o er sich aufhält, und uns dann an einem verabredeten Sammelplatz treffen.«
»Das ist weitläufig,« sagte Jim, mit dem Kopf schüttelnd, »und bekommt er nachher Wind, so sind wir auf dem alten Fleck. Nein, Du weißt, daß uns neulich einmal der Neger, den wir trafen, einen Mann beschrieb, der möglicher Weise Hendricks gewesen sein k a n n . Der soll sich aber in der Nähe einer deutschen Colonie aufhalten. Wie wär's, wenn wir zusammen dorthin aufbrächen und dann erst – sobald wir unseren Verdacht nur in etwas bestätigt finden, getrennt suchen.«
»Es ist ein verwünscht weiter Weg.«
»Aber will uns das Glück wohl, so finden wir ihn vielleicht eben so leicht in dieser Richtung, wie in irgend einer andern.«
»Aber die Beschreibung paßte nur in etwas auf die P e r s o n , sonst wären wir ja gleich auf der Spur nachgegangen,« rief John. »Jener Bursche war der Sohn eines Pflanzers aus Florida, dem die Unionisten die Plantage zerstört hatten.«