Kreuz und Quer: Dritter Band
Fünftes Kapitel. Der Löwe.
F ü n f t e s K a p i t e l .
Der Löwe.
Doktor Spruce hatte in der Ueberraschung des ersten Augenblicks wirklich gar nicht auf seine unmittelbare Umgebung geachtet, denn im Moment war ihm klar, daß dort ein Ueberfall vorbereitet werde – also Verrath! Aber eben diese Umgebung drang sich ihm selber auf, denn er sollte nicht lange in Zweifel gehalten werden, wie weit die schurkischen Eingebornen am Ufer mit dem feindlichen Angriff da draußen in Verbindung standen.
Wer den Angriff begonnen, konnte er nicht erkennen, aber er sah nur, daß der König selber mit seiner Lanze nach einem der Weißen schlug, während sich der Dolmetsch mit einem Cutlaß, den er jedenfalls dem verdachtlos neben ihm stehenden Matrosen entrissen haben mußte, auf den Steuermann warf und einen Schlag nach ihm führte. Aber er war an den Unrechten gekommen, denn Brooks' Hand hatte fast unwillkürlich schon im ersten Moment den Griff seines Revolvers gesucht, und nicht rascher holte der Schwarze mit der scharfen Waffe zum Schlag aus, als es zweimal schnell hintereinander aus dem Rohr blitzte, und der Eingeborne, wo er stand, in die Kniee brach und zu Boden stürzte. Ehe sich der Seemann aber nur gegen einen neuen Feind wenden konnte, fielen ihm von hinten vier oder sechs riesige Schwarze in die Arme, Andere warfen sich auf die Matrosen; ein Theil unten stürmte gegen das Boot an, und er selber fand sich von etwa einem Dutzend Wilder angegriffen, die mit ihren gehobenen Wurfspeeren auf ihn einsprangen. Allerdings hatte er die eigene Waffe schon in der Faust, und drei Schüsse feuerte er mitten hinein in den Trupp. Einer fiel auch, aber ihre Wurfspeere flogen aus, und er fühlte einen stechenden Schmerz in Arm und Bein.
Fast blind vor Wuth schoß er seine letzten Kugeln gegen die Feinde ab und wandte sich dann zur Flucht. Aber wohin – voraus – nach rechts und links war ihm der Weg abgeschnitten, und nur auf die Umzäunung, die den Löwen barg, trieben sie ihn zu. Und wie brüllte die Bestie, als sie die in ihrer unmittelbaren Nähe abgefeuerten Schüsse und das wüthende Geheul der Eingebornen hörte!
Der Doktor wußte kaum, was er that, denn er sah den Tod von allen Seiten auf sich eindringen. Erbarmen hatte er von den Menschen nicht zu hoffen, und wie von einer unbewußten Gewalt getrieben, floh er der Thür des Käfigs zu, als ob er Schutz suchen wollte bei der Bestie.
Mit einem Jubelruf folgten ihm die Wilden, denn dort konnte er ihnen nicht mehr entgehen; wieder hoben sich die Speere zum Wurf, da riß er, von Verzweiflung getrieben die Riegel der Thür zurück – Rache wollte er haben – nicht allein von der mörderischen Bande hingeschlachtet werden, und wenn er dann untergehen sollte, wenigstens Verderben über seine Mörder bringen.
Kaum hatte er aber die Riegel der Thür erfaßt, als ein wilder, gellender Angstschrei aus der Menge brach – jetzt flog die Pforte auf, und mit einem Sprung stand der Löwe – freudiges Gebrüll ausstoßend, daß es wie dumpfer Donner durch das Thal rollte, auf der Schwelle. Furchtbar schön war auch der Anblick des so plötzlich seiner Freiheit sicheren Thieres, hoch schwang es den buschigen Schweif und hob sich die trotzig geschüttelte Mähne, und flammend kreiste das Auge rings umher, wie nach dem ersten Opfer suchend, während sich der Doktor scheu und selber erschreckt von der so plötzlichen Erscheinung des Raubthiers an die Pallisaden drückte.
Ordentlich zauberhaft wirkte aber die Erscheinung des freien Löwen auf die Bande der Schwarzen. Was kümmerten sie jetzt die Fremden, was ihr eigener so gefürchteter König. Wenn sie der Löwe fraß, war es mit ihnen jedenfalls vorbei, und im Nu stob der ganze Schwarm auseinander. Die dem Wasser Nächsten warfen sich in blinder Angst in die Fluth, Krokodile und Haifische verachtend – die Anderen schossen pfeilschnell über den Boden hin, den nächsten Büschen und Häusern zu – die Bootsmannschaft bekam Luft, und war wahrlich nicht faul, die Gelegenheit zu benutzen. Wen sie erreichen konnten, hieben sie mit ihren Cutlassen zusammen, und die im Boot unten sahen auch in der That den Löwen erst, als er jetzt in langen Sätzen, und sich weder um die flüchtigen Eingebornen, noch die Weißen kümmernd, dem nächsten Dickicht zufloh.
Der Einzige jedoch von Allen, der nicht von der Stelle konnte, und nur starr vor Schrecken und Entsetzen zu dem entfesselten Löwen hinaufstarrte, war Zambiri, der König jener Helden, während sein Knabe in flüchtigen Sprüngen bei den Weißen Schutz gesucht. Der Steuermann ließ ihm aber keine lange Zeit zum Ueberlegen. Denn kaum sah er, daß sie selber den Angriff des Raubthiers nicht mehr zu fürchten brauchten, als er eine der von den Eingebornen weggeworfenen Kriegskeulen aufgriff, und mit den Worten: »Und das für Dich, Du verrätherischer Schurke!« den Dicken dermaßen über den Schädel traf, daß er wie ein Sack zusammenknickte.
»Hurrah!« rief aber jetzt der von oben niederspringende Doktor, »mein Löwe hat uns Bahn gemacht, aber den Dicken in's Boot. An dem haben wir eine Geißel, und beim Himmel, die Schufte sollen bezahlen, wenn sie ihn wieder haben wollen!«
»Das war ein glücklicher Gedanke, Doktor,« rief der Steuermann, »angefaßt, Jungens, daß wir den Fleischklumpen bewältigen können – schlagt ein Tau um und schleift ihn auf dem Sand hinunter – so recht – nur rasch – und dann von Elephantenzähnen in's Boot, was wir laden können, denn die Bahn da oben ist frei.«
»Aber der Schooner!« rief der Doktor.
»Hahaha,« lachte der Steuermann, »seht Ihr nicht, wie unser alter Kapitän zwischen die Schufte hinein gepfeffert hat? Die Drehbasse war ihnen zu viel. Er muß seinen Anker haben sitzen lassen, denn wie ein Wetter war er los und mit dem Segel auch, mitten zwischen der Bande drin. Drei Kanoes sind gesunken.«
Noch während er sprach, hatte er sowohl als der Doktor frische Patronen in ihre Revolver geschoben, indessen die Matrosen mit lautem Hurrah den noch bewußtlosen Körper des Fleischkolosses mit ein paar Enden Tau umschlangen und zum Boot hinabschleiften. Dort kostete es freilich einige Mühe, ihn hinein zu bringen, aber die kräftigen Burschen hoben mit einem gutgewillten Ho! ahoi! und hinein flog der Klumpen in die Jölle und unter die Doften, wo er liegen blieb.
Von den Eingebornen war augenblicklich allerdings nichts mehr zu sehen, aber man wußte doch nicht, wie rasch sie, wenn sie die Gefahr beseitigt glaubten, zurückkehren könnten, und es galt deßhalb rasch zu handeln.
Während der Doktor jetzt den kleinen, zu ihm geflüchteten schwarzen Burschen examinirte, lief ein Theil der Matrosen in die Umzäunung oben, die kein Löwe mehr bewachte, hinein, um die stärksten dort liegenden Elephantenzähne zum Ufer zu schleppen. Sie sahen dabei, wie der Schooner jetzt mit einsetzender Fluth und ziemlich günstiger Brise keck mitten in die Bucht und auf sie zu hielt, und wußten nun, daß sie für ihre Sicherheit nichts mehr zu fürchten brauchten.
Der Kleine erzählte indessen rasch und gedrängt, daß die Eingebornen hier, wie sie es bei diesem versucht, jenes Fahrzeug, an dessen Bord er selber gewesen, geentert, die Mannschaft erschlagen und außer ihm nur zwei Leute, einen Passagier und den ersten Steuermann, gefangen in's Land geschleppt hätten. Die Brigg sei schon länger an der Küste gefahren und sollte viel Elfenbein an Bord gehabt haben; das Meiste, was dort in der Umzäunung lag, stammte daher, denn aus dem Land kam wenig Elfenbein, da Zambiri nur hauptsächlich Sklavenhandel mit portugiesischen Karawanen trieb.
»Und wo waren die Weißen jetzt?«
Der kleine Bursche wußte es nicht zu sagen, denn er hatte von dem Augenblick seiner Gefangenschaft an die unmittelbare Nähe des Häuptlings nicht verlassen dürfen. Es hieß allerdings, wie er meinte, daß weiße Händler, jedenfalls Portugiesen, die Weißen mitgenommen, aber er konnte es nicht verbürgen. Gesehen hatte er sie nie mehr seit der Zeit.
Den Steuermann drängte es wieder fort, um an Bord des Schooners zu kommen; sie durften auch nicht mehr einnehmen, denn das Gewicht Zambiri's allein drückte schon die Jölle. Was noch hinein ging, wurde allerdings geladen, dann aber sprangen die Leute nach, und ruderten, so rasch es die Schwere des kleinen Bootes erlaubte, gegen die Strömung an, auf den Schooner zu.
Sie waren auch nicht ohne Verlust weggekommen, der Doktor hatte zwei Wunden von Wurfspeeren, der Steuermann einen Stich in den Schenkel und der eine Matrose einen Hieb mit einer Keule und einen bösen Stich in der Seite. Schlimmer hatten die Feuerwaffen freilich unter den Eingebornen aufgeräumt, denn fünf von diesen lagen todt oder schwer verwundet auf dem Platz, und Manche der Entflohenen mochten wohl ebenfalls noch getroffen sein.
Doch jetzt war keine Zeit, nach Denen zu sehen; hatten sie sich doch auch die Folgen ihrer Verrätherei nur selber zuzuschreiben.
Und Zambiri, der mächtige König des Landes? Er mochte wohl noch in seinem ganzen Leben in keinen schlimmeren Händen gewesen sein, denn unten im Boot, in einer nichts weniger als bequemen Lage, schienen sich die Matrosen ein Vergnügen daraus gemacht zu haben, die erbeuteten Elephantenzähne quer über ihn wegzulegen, so daß ihm die Last beschwerlich genug fallen mußte. Anfangs fühlte er das freilich nicht, der Schlag hatte ihn betäubt; als ihm aber die Besinnung wiederkehrte, fing er an zu stöhnen und zu grunzen und schrie einzelne Befehle mit zorniger Stimme vor. Er schien noch keine Ahnung zu haben, wo und in wessen Händen er sich eigentlich befand.
Das Boot näherte sich indessen dem Schooner mehr und mehr, und mit einem Hurrah wurde die Mannschaft begrüßt, als sie nur in Rufsweite gekommen waren. Allerdings schien die Gefahr noch immer nicht ganz beseitigt, denn eine Menge von Kanoes schwamm noch in der Bucht und folgte langsam nach, und diese mußten sie allerdings wieder passiren, wenn sie den Rückweg antreten wollten; aber die Eingebornen hatten Respekt vor den Feuerwaffen der Fremden bekommen und getrauten sich nicht wieder nahe hinan. Jetzt wenigstens wurden sie nicht gestört.
Vor allen Dingen wurde nun der schwer verwundete Matrose in einem rasch hergerichteten Stuhl an Deck gehoben, dann folgte das erbeutete Elfenbein und zuletzt der Fleischklumpen Zambiri's, mit dem die Seeleute aber verwünscht wenig Umstände machten. Einer der Leute festigte oben an das Gaffel einen Block, ein Tau wurde hindurchgezogen und dem unglücklichen Fürsten dann unter den Schultern durchgeschlagen, dann zog die Mannschaft mit einem: Oh, jolly men ho! kräftig an, und wenige Sekunden später war Zambiri, schreiend und vor Wuth mit den kurzen Beinen austretend, an Deck gehoben, wo ihn lautes Gelächter der Schoonermannschaft begrüßte.
Steuermann und Kapitän tauschten jetzt ihre Berichte gegen einander aus; Beide aber waren einig darüber, daß es das Beste wäre, nicht über Nacht vor der Stadt liegen zu bleiben, da die Wilden möglicherweise einen neuen Angriff wagen konnten. Aber in kurzer Zeit begünstigte sie auch wieder die ausgehende Ebbe, und bis dahin konnten sie wenigstens einen Versuch machen, einen Theil der feindlichen Schätze als rechtmäßige Beute zu bergen, noch dazu da sie für den Augenblick auch nichts von der Tapferkeit der einzelnen Truppen zu fürchten brauchten. Es war wenigstens kein einziger von ihnen auch nur zu sehen, und da der Platz fast unmittelbar am Ufer lag, eine Landung leicht und fast sicher auszuführen.
Zu einer solchen Arbeit sind die Matrosen immer leicht zu bekommen. Gefahr? was kümmerte sie die, wenn es galt, irgend einen tollen Streich auszuführen, und wie ihnen nun die Kameraden von der Umzäunung erzählten, in welcher der Löwe die Wache gehalten und wo die prachtvollen Elephantenzähne aufgeschichtet lägen, waren sie kaum mehr zurückzuhalten.
Indessen verfolgte der Schooner ruhig seine Bahn stromauf, und vorn am Bug stand der Steuermann, das Fernrohr am Auge, um das Land nach jeder Richtung hin abzusuchen. Aber nirgends war auch nur ein lebendes Wesen zu erkennen; der an dem Morgen noch so rege Platz schien wie ausgestorben, und nur die aus den Büschen aufragenden Giebel und Dächer verriethen, daß jene Strecke bewohnt sei – sonst wirbelte von keiner einzigen Feuerstelle selbst nur Rauch empor. Der Löwe hatte Wunder gewirkt.
Allerdings war es unter der Zeit schon ziemlich spät geworden, aber noch stand die Sonne am Himmel, und ein Versuch zur Landung konnte jedenfalls gemacht werden. Der Kapitän beorderte auch das zweite Boot auf's Wasser, was rasch geschehen war, und während der Schooner hier in vollkommen ruhiger, unbewegter See vor einem Nothanker lag, stießen sie ab und ruderten dem Land entgegen. Es wurde auch keine Vorsicht dabei versäumt, einem etwaigen Hinterhalt zu begegnen; die Leute gingen bis an die Zähne bewaffnet, und der Kapitän war dabei im Stande, mit seiner Drehbasse das ganze Ufer zu bestreichen.
Mit einem lauten Hurrah stürmten die Burschen, sobald die kleinen Fahrzeuge nur das Land berührten, die Bank hinauf und von dem Steuermann geführt der Umzäunung zu, wo sie sich dann freilich nicht zu den hier aufgehäuften Schätzen nöthigen ließen. Genau genommen war es vielleicht Raub, aber die verrätherischen Schwarzen mußten auch gezüchtigt werden, und wären sie Sieger geblieben, so würde wohl kaum ein Mann der Besatzung mit dem Leben davongekommen sein. Die moralische Seite der Frage beschäftigte die Leute aber auch in der That nur sehr wenig. Allerdings schauderten sie, als sie den Platz zuerst betraten und die indeß herbeigestrichenen Aasgeier von ihrem eklen Mahl verjagten; der verstümmelte Körper jenes unglücklichen Sklaven sah auch entsetzlich aus – aber sie durften sich nicht dabei aufhalten. Schon sank die Sonne hinter den Wipfeln der Bäume, und die Dämmerung ist gar kurz in diesen Ländern. So faßten sie denn auf, was sie erreichen konnten, und hatten erst zum zweiten Mal den Weg gemacht, als ihnen der Kapitän schon wieder das Zeichen zur Abfahrt gab. Es dunkelte, und er wollte seine Leute nicht der Gefahr eines Ueberfalls aussetzen.