Kreuz und Quer: Dritter Band

Friedrich Gerstäcker · Kapitel 23 von 24

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Kreuz und Quer: Dritter Band

Ein prize-fight oder Boxerkampf in Cincinnati.

Ein prize-fight oder Boxerkampf

 

in Cincinnati.

 

Als ich nach Cincinnati kam, beschäftigte die dortige Presse in dem Augenblick fast einzig und allein ein in den nächsten Tagen abzuhaltendes Preisboxen, das zwischen zwei berühmten Boxern Jones und McCoole stattfinden sollte. Wahlen, indianische Ueberfälle im Westen, Alles war in dem einen, zu erwartenden Genuß vergessen, und dabei wurde diese von den Gesetzen doch so streng verbotene Sache mit einer so naiven Oeffentlichkeit betrieben, daß es besonders den Fremden in Erstaunen setzen mußte. Ueberall klebten die Zettel, die mit der Abbildung beider Kämpfer zur Theilnahme aufforderten, und Jones besonders, von dem man wußte oder wissen wollte, daß er die science of the art auf das Gründlichste verstehe, gab schon vorher eine Art von Vorstellung in der »Mozart-Halle,« die dann auch bei dichtgedrängtem Hause stattfand.

Der Tag kam, und anstatt Eintrittskarten wurden weiße und lila Bänder verkauft (der Preis für ein lila Band für den inneren Ring à 7 Dollars), die zugleich für freie Passage auf dem Extrazug galten. Aber Niemand wußte, wo der Kampf stattfinden sollte, als die wenigen Eingeweihten, und die Polizei mußte jetzt doch einschreiten und Jones verhaften, der aber augenblicklich wieder auf Bürgschaft entlassen wurde, als er sich verbindlich machte, den Frieden des Counties, in welchem Cincinnati lag (Hamilton county) nicht zu stören. Ueber die Grenzen desselben hinaus hatte die Polizei keine Macht. Allerdings wußte man, daß der Preiskampf nichtsdestoweniger an der Grenze stattfinden würde, aber Niemand natürlich, nach welcher Himmelsrichtung, und man ließ der Sache eben ihren Lauf, ja kehrte sich sogar nicht daran, als Zeit und Bahnhof genau angegeben und von jedem Theilnehmer gekannt waren.

Die Abfahrt sollte Morgens halb zwei Uhr stattfinden und fünfzehn jener riesigen amerikanischen Eisenbahnwagen standen bereit, die Zuschauer an den Ort ihrer Bestimmung zu schaffen. Es wurde aber fast drei Uhr, ehe der Zug abging, und die Wägen fanden sich dann auch gestopft voll Menschen. Nicht allein die Sitze waren überfüllt, nein in jedem Wagen standen auch überdieß noch 25-30 unglückliche Individuen, von denen Viele wohl die ganze vorherige Nacht durchgeschwärmt hatten und vor Müdigkeit nicht mehr die Augen aufhalten konnten.

Der Zug konnte nicht rasch vorrücken, denn der Verkehr auf der Bahn ist ein sehr starker, und nur zu oft mußten wir halten, um regelmäßige Züge, die sich eben so regelmäßig verspätet hatten, durchzulassen. Endlich nach sechs Uhr erreichten wir den Platz – ein kleines, parkartiges Gehölz, das zu der Farm eines Baptistenpredigers gehörte und zu dem Zweck von ihm gemiethet war. Einige der Passagiere wunderten sich darüber, daß der Geistliche sein Grundstück zu einem, noch dazu durch das Gesetz verbotenen Boxerkampf hergeben sollte, Andere aber vertheidigten ihn wieder und behaupteten, er würde keineswegs gewußt haben, wozu man es gebrauchen wolle. In Amerika ist aber, noch dazu bei der Aussicht, Geld zu verdienen, Alles möglich, und so gut wie jetzt die Methodisten in Omaha ihre kleine Kirche auf zehn Jahre an einen deutschen Wirth verpachtet haben, um für diese Zeit eine Bierhalle daraus zu machen, eben so gut konnte der Baptist auch das kleine Gehölz einmal auf ein paar Stunden für einen Schauplatz roher Brutalität vermiethen und sicherlich nicht mehr in der kurzen Zeit damit verdienen.

Doch dem sei, wie ihm wolle. Wir waren da, und kaum hielt nun der Zug, als das wilde blutdürstige Volk schon wie ein Schwarm von den Wägen hinabsprang und sich über die unter ihm zusammenbrechende Fenz warf, um einen »guten Platz« zu bekommen und den Kämpfenden so nahe als irgend möglich zu sein. Ja, damit waren Viele noch nicht einmal zufrieden, und wie sie nur das kleine Gehölz erreichten, suchten schon Hunderte an den nächsten Bäumen emporzuklettern, um von denen aus keinen Moment des »interessanten Kampfes« zu versäumen. Vielen gelang das auch, und einzelne kleine, leicht zu ersteigende Bäume waren im Nu mit Menschen gefüllt, die oft in lebensgefährlicher Weise bis in die äußersten Zweige hinauskletterten und dort hängen blieben. Andere, als sie dort keinen Platz mehr fanden, versuchten sich an dickeren Bäumen, und Manche entwickelten dabei eine erstaunliche Fertigkeit. Wehe aber dem armen Teufel, dessen Kräfte unterwegs nachließen – Aller Augen, da es noch weiter nichts zu sehen gab, hingen an ihnen, und wie sie nur hielten, ertönten schon spöttisch ermuthigende Zurufe, die sich aber zu einem indianischen Geheul steigerten, sobald der Unglückliche, mit hochhinaufgerutschten Hosen, seinen nicht mehr zu verheimlichenden Rückweg begann.

Indessen wurden Anstalten gemacht, um den sogenannten Ring aufzuschlagen, was aber durch die augenblicklich herbeidrängenden Menschen zur Unmöglichkeit wurde. Außerdem war der Boden hart und trocken und die Pfähle ließen sich nur sehr schwer eintreiben. Es dauerte auch in der That eine volle Stunde, bis man die wie wahnsinnigen Menschen nur so weit zurücktreiben konnte, um die Arbeit in Angriff zu nehmen, und weder Vernunftgründe noch Gewalt schienen bei ihnen etwas auszurichten. Sehen wollten sie – Alles sehen, wofür sie ihr Geld bezahlt, und nur erst, als sie doch wohl einsahen, daß in solcher Weise der Kampf nie stattfinden könne, gaben sie endlich nach.

Die Pfosten wurden etwa 12 Fuß von einander eingetrieben, so daß sie ein etwa 18 Fuß im Quadrat haltendes Viereck umschlossen, und dann mit festen Tauen so gut als möglich zusammengeschnürt. Die Taue mußten auch dazu dienen, die Kämpfer, wenn sie dagegen geworfen würden, aufrecht zu halten.

Dicht – so dicht als möglich um das Viereck lagerten aber die Zuschauer, und da sich etwa 3000 von diesen auf dem Plan befanden, so wäre es später für die hinten Stehenden nicht möglich gewesen, auch nur einen Blick in den Ring zu werfen. Dafür mußte Abhülfe geschafft werden, und es begann jetzt von Neuem die sehr undankbare Arbeit, die Menschenmasse, die sich sicher im Besitz eines guten Platzes fühlte, wieder eine ganze Strecke zurückzutreiben und nicht allein einen größeren Kreis, sondern auch einen freien Platz um den Ring zu bekommen.

Auch dieß geschah endlich, nachdem ein Zeitungsredakteur, von Chicago, glaub' ich, der besonders zu dem Zweck hierher gekommen, eine Rede an das »Volk« gehalten und ihm damit gedroht hatte, daß der Kampf (the fight) unter keinen Umständen stattfinden könne, wenn sie nicht den Anordnungen der Kommission Folge leisteten. Widerstrebend gaben sie endlich Raum, aber nur Zoll für Zoll, bis sie endlich etwa zehn Schritt freie Bahn zwischen sich und dem Kampfplatz hatten. Dann wurden die ersten fünf bis sechs Reihen beordert, die Ersten sich zu lagern, die Anderen zu knieen, und wenn dann die Hintersten aufrecht standen, konnte jeder an dem Genuß Theil nehmen.

Bis dahin war es etwa zehn Uhr geworden und das Publikum hatte, einzelne kleine Zwischenfälle abgerechnet, gar kein Vergnügen, denn die Kampfrichter konnten sich noch nicht über einige Formalitäten einigen. Für Zwischenfälle sorgten aber die auf den Bäumen sitzenden Zuschauer, denn mehr und mehr kletterten hinauf, und hie und da knackte ein Ast, was die dadurch Bedrohten zwang, ihr Heil in der Flucht zu suchen. Ein paarmal brach auch ein zu sehr beladener Ast und die darauf Sitzenden stürzten dann, zum Jubel der ganzen Versammlung, auf den Boden nieder – glücklicherweise ohne ernstlichen Unfall.

Auch einige Streitigkeiten kamen vor, denn die Herren in den Bäumen kauten sehr natürlich, nach amerikanischer Sitte, Tabak und mußten ausspucken, und das konnte eben so selbstverständlich nur nach unten geschehen. Von unten wurde dann hinaufgedroht und von oben heruntergelacht, und die Sache blieb beim Alten.

Endlich – es war fast elf Uhr geworden – gerieth die Menge in Bewegung. »Sie kommen!« so lief der Ruf durch die Versammlung, und nach kurzer Zeit erschien einer der Kämpfer auf dem Schauplatz. Schon ehe er denselben erreichte, warf er, nach alter Boxersitte, seinen runden Hut voran und hinein, und ein Jubelschrei begrüßte ihn. Es war der Engländer Jones, eine breitschultrige, derbknochige, aber gemein aussehende Gestalt, doch anständig gekleidet und nur mit einem breiten, ausdruckslosen und jetzt augenscheinlich bleichen Gesicht und kleinen Augen. Er schien grüne Handschuhe zu tragen.

Ohne Aufenthalt kroch er unter den Tauen durch in den »ring« und nahm, da er die Wahl der Ecken hatte, seinen Platz in der einen, oberen, wo schon ein Stuhl für ihn bereit gestellt war. – Auch seine beiden Sekundanten, allem Anschein nach der untersten Schicht der Gesellschaft angehörend, kamen jetzt herzu, und nachdem sie sich die bezeichnenden seidenen Binden um die Hüften gelegt, als Zeichen, welcher Partei sie zugehörten, hielt der Eine von ihnen einen ausgespannten Regenschirm über Jones, um ihn gegen die Strahlen der schon ziemlich heiß brennenden Sonne zu schützen. – Es war ein rührendes Bild.

Jetzt aber brach ein wilder Jubelsturm los, denn ein guter Theil der Anwesenden schien dem irischen Volksstamm anzugehören, und der Hut McCoole's, des Iren, flog wirbelnd in den Ring, während die riesige Gestalt desselben keck und wie siegesgewiß demselben folgte und seine Freunde lächelnd begrüßte.

Ich selber zweifelte in dem Augenblick keinen Moment mehr, wer von Beiden Sieger des heutigen Tages bleiben würde – Jones oder McCoole.

Der Ire nahm die andere Ecke ein. Es war eine hohe, mächtige Gestalt, über sechs Fuß, mit breiter Brust, aber einem rohen, wüsten Ausdruck in den Zügen. Er ging in einen dicken Rock fest eingeknöpft und hatte noch außerdem, und trotz der Hitze, einen wollenen Shawl um den Hals geschlagen.

Auch seine beiden Sekundanten gesellten sich, unter den nämlichen Vorbereitungen, zu ihm und Beide verharrten dann wohl volle zehn Minuten, vielleicht länger, in ihrer Stellung, nur dann und wann Einer nach dem Andern einen verstohlenen Blick hinüber werfend, um die Chancen des Kampfes vielleicht zu berechnen.

Endlich warf Jones seinen Rock ab und löste sich das Halstuch, welchem Beispiel gleich darauf sein Gegner folgte. Die Sekundanten waren dabei beschäftigt, ihnen die Schuhe aus- und ein Paar Halbstiefeln anzuziehen, an denen sich, wie bei Steigeisen, scharfe Spitzen befanden, um ihr Ausrutschen auf dem Rasen zu verhindern.

Wieder eine kurze Pause. McCoole hatte ein paar Worte mit seinen Sekundanten gewechselt und die Kampfrichter wurden auf die grünlichen Hände Jones' aufmerksam gemacht, die man Anfangs für mit Handschuhen bedeckt angesehen hatte. Es scheint, daß McCoole den Verdacht geäußert, sie könnten mit einer giftigen Substanz versehen sein. Jones wurde deßhalb von dem vorhandenen Arzte, nachdem dieser sie berochen – was genau so aussah, als ob er dem Preisboxer die Hand küßte – aufgefordert, daran zu lecken. Er that das auch lächelnd und mit so augenscheinlich gutem Willen, daß jeder Verdacht schwinden mußte. Es war nur eine bei Preisboxern nicht seltene Gerbestoffmasse, mit welcher er die Hände angestrichen hatte, um die Haut fester zu machen und sie bei einem schweren Schlag nicht so leicht zu gefährden.

Jetzt wurden den beiden Kämpfern die Beinkleider ausgezogen, unter denen sie kurze Hosen und lange Strümpfe trugen. Und nun erst erhob sich Jones und dann McCoole, warfen ihre Oberhemden ab und zeigten die breite nackte Brust, wie den muskulösen Bau der Schultern.

Jones' Oberkörper war weiß und glatt, auch mehr fleischig, McCoole dagegen mit dichten schwarzen Haaren bedeckt, und so standen sie sich einen Augenblick gegenüber. Dann plötzlich schritt McCoole auf den Gegner zu und reichte ihm die Hand, die dieser nahm und hielt, während die Sekundanten jetzt auch ihrerseits die Hände über denen der Gegner kreuzten, so daß die Sechs zusammen für wenige Sekunden in einem Ring standen. Der aber löste sich sehr bald wieder, und jetzt rückte der eigentliche Moment heran, dem heute ja Alles entgegenstrebte: der wirkliche Kampf.

Beide Gegner waren noch einen Moment zu ihrem alten Stand zurückgetreten, jetzt schritt McCoole langsam wie ein Bär aus seiner Höhle vor und rascher folgte Jones seinem Beispiel. Der Letztere hielt aber ein kleines Packet Banknoten, sogenannte Greenbacks, in der Hand und forderte jetzt McCoole keck heraus, hundert Dollars gegen die seinigen zu setzen, daß er ihn zuerst zu Boden schlagen würde.

McCoole erwiederte kopfschüttelnd, daß er kein Geld mehr habe, einer der Zuschauer aber nahm die Wette auf und das Geld wurde deponirt.

Mir gefiel Jones' ganzes Auftreten nicht. Selbst die anscheinende Zuversicht, mit welcher er die Wette anbot, kam mir so vor, als ob Jemand aus lauter Verlegenheit lacht. Aber es blieb keine Zeit, weitere Beobachtungen zu machen, denn die Sache wurde Ernst. Die Sekundanten hatten Beiden noch einmal Brust und Arme abgerieben, etwa genau so, wie man ein Pferd abreibt, um seinen Muskeln mehr Geschmeidigkeit zu geben, und jetzt wurden sie, wie bissige Köter, gegeneinander losgelassen.

McCoole schien sich dabei mehr auf die Vertheidigung zu halten; er hatte wahrscheinlich zu viel von Jones' Kunstfertigkeit und Gewandtheit gehört und wollte sich nicht leichtsinnig einer Gefahr aussetzen, während Jones dagegen augenscheinlich bemüht war, den ersten Schlag anzubringen. Den führte er auch, aber McCoole parirte ihn. Beide gaben dabei ihren Armen freies Spiel, jetzt zu einem Scheinangriff ausfallend, jetzt zurückweichend, bis Jones eine Blöße McCoole's zu benützen suchte. Aber er hatte sich darin geirrt; der Schlag glitt ab und wurde rasch erwiedert, Jones parirte auch diesen und holte wieder aus, als McCoole's rechte Eisenfaust ihn gegen das linke Auge traf und wie einen Sack zu Boden warf.

Ein wahres Jubelgeheul machte die Luft erbeben. Im Nu aber sprangen die Sekundanten hinzu und hoben nicht allein Jones auf, um ihn zu seinem Stuhl zu tragen, nein, thaten auch das Nämliche mit dem völlig ungeschädigten McCoole, der es sich ruhig gefallen ließ. Beider Gesicht wurde dann rasch mit kaltem Wasser abgewaschen, Jones schon mit Blut unterlaufenes Auge besonders aufmerksam, und während das der Eine that, schob der Andere seinem Kämpfer etwas in den Mund, das wie ein Schwamm aussah und vielleicht etwas Stärkendes oder Erfrischendes enthielt. Es wurde ihnen auch nicht viel Zeit dabei gelassen, denn die Pausen zwischen den einzelnen Gängen oder rounds dürfen den hierbei gültigen Gesetzen nach nur genau 30 Sekunden dauern, wozu ein Mann mit einer Sekundenuhr in der Hand fortwährend neben dem Kampfrichter steht. Wer von den Kämpfern nach 30 Sekunden nicht wieder in der Arena steht, wird als besiegt erklärt – und wie rasch vergehen 30 Sekunden!

Jones stand zur bestimmten Zeit wieder auf den Füßen und McCoole gegenüber, aber es sah so aus, als ob er scheu geworden wäre, und er zeigte sich jedenfalls lange nicht so geneigt mehr, als beim ersten Gang, mit dem gefährlichen Gegner anzubinden. Desto weniger Zeit aber verlor McCoole und nach kaum einer halben Minute, in welcher Jones ein paarmal auswich, konnte er sich zuletzt nur dadurch vor einem gefährlichen Schlag des Iren retten, daß er sich wieder rasch zu Boden warf.

Neues Geheul und stürmischer Jubelruf von allen Iren und Denen, die auf McCoole gewettet hatten, erfüllte die Luft, und wieder wurden beide Kämpfer zu ihren verschiedenen Sitzen zurückgetragen und genau so behandelt als vorher – wieder standen sie sich 30 Sekunden später kampffertig gegenüber. Aber es war jetzt kaum noch ein Zweifel, wer von ihnen Sieger bleiben müsse. McCoole ging scharf und keck vor, Jones hatte alle Zuversicht verloren und nur noch eine Hoffnung – nämlich die, durch ein paar kunstgerechte Schläge die Augen des Gegners zu treffen, wonach er diesen dann leicht so lange aufhalten konnte, bis das Anschwellen der weichen Theile um die Augen ihn zeitweilig erblinden machte. Aber darin hatte er den Nachtheil, daß er wenigstens fünf Zoll kleiner als sein Gegner war und deßhalb zu hoch mit seinen Armen hinauflangen mußte. Als er so in die Höhe reichte, erhielt er einen furchtbaren Schlag in die Seite, der ihm zwei Rippen knickte, und nun war es vorüber. Noch viele Gänge hatten sie, und einmal ermannte sich Jones, hielt Stand und versetzt McCoole einen entsetzlichen Schlag gegen die rechte Seite des Kopfes, der auch aus seinem Auge Blut brachte, aber McCoole schlug ihn gleich dafür wieder zu Boden und weigerte sich sogar, von dem Kampf erregt, getragen zu werden. Er schritt selber leicht zu seinem Stuhl zurück.

Noch erhielt Jones, der Muth und Kraft verloren hatte, einen Schlag gegen den Körper, der genau so klang, als ob man mit einem Hebebaum auf einen Wollsack schmetterte, aber es bedurfte dessen kaum noch, denn bei ein paar Gängen mußte er sich zu Boden werfen, ohne nur berührt zu sein, um einem furchtbaren, nach ihm gerichteten Schlag auszuweichen. Hatte er doch die Kraft verloren, ihn zu pariren. Es war dann ein scheußlicher Anblick, wenn der überdieß nicht hübsche Bursche, mit den blutunterlaufenen Augen und bleichen Zügen, aber lächelnd zu seinem Sieger aufblickte, als ob er sagen wollte: Siehst Du wohl, dießmal bin ich Dir doch noch ausgewichen. Aber McCoole blickte nur verächtlich auf ihn nieder und schritt zu seinem Stand zurück, denn kein Schlag darf geführt werden, wenn der Gegner am Boden liegt.

Noch zwei Gänge und der entscheidende Schlag fiel. Jones war augenscheinlich zur Verzweiflung getrieben. Er fühlte, daß er nicht lange mehr aushalten könne, und machte einen verzweifelten Angriff auf den Iren. Das aber bekam ihm schlecht. McCoole war auf seiner Hut und ein Schlag gegen den Hals oder untern Theil des Gesichts – es ließ sich das in der Schnelligkeit nicht so genau bestimmen – schmetterte Jones mit solcher Gewalt zu Boden, daß ihm der Kopf auf die Seite sank.

Er wurde augenblicklich wieder auf seinen Stand getragen, aber er war nicht im Stande, sich in der kurzen Frist von 30 Sekunden zu ermannen, hatte auch vielleicht, den Hieben gegenüber, keine besondere Lust dazu. Dreißig – fünfunddreißig Sekunden verflossen, und jetzt schmetterte das Siegesgebrüll der Irländer durch die Luft, und Alles sprang jauchzend in den Ring, um den Sieger zu begrüßen – oder auch vielleicht um zusehen, wie er seinen Gegner zugerichtet habe.

Viele stimmten freilich nicht mit in das Siegesgeschrei ein, und zwar aus dem sehr triftigen Grunde, weil sie bedeutende Summen – man sprach sogar von s e h r bedeutenden, die gewettet worden – verloren hatten. So soll ein Mann allein über 50,000 Dollars auf ihn verloren haben. Nur die Gleichgültigen eilten, so rasch sie konnten, nach den schon ihrer harrenden Wagen des Extrazugs zurück, um Sitzplätze zu bekommen und die Stehplätze dießmal Denen zu überlassen, die hoch oben in den Bäumen saßen und nicht so rasch heruntergleiten konnten, und nach kaum einer halben Stunde setzte sich der Zug langsam wieder in Bewegung.

Vorher war aber schon der wieder zum Bewußtsein gekommene Jones in einen Wagen gesetzt worden und abgefahren, und als wir nach etwa zehn Minuten wieder hielten, überholten wir diesen. McCoole selber war mit im Zug, aber er stieg aus und ging zu Jones' Wagen, in welchem dieser mit verbundenem Kopf saß, und reichte ihm dort hinein die Hand.

Zugleich ging im Zug das Gerücht um, daß Jones selber eine ziemlich große Summe bei dem Kampf gewettet und verloren habe, und daß man unterwegs für ihn sammeln würde. Es dauerte auch nicht lange, so kam McCoole selber, das breite, gemeine Gesicht wohl etwas geschunden, aber sonst allem Anschein nach völlig unverletzt, durch unsern Waggon. Vor ihm ging einer seiner Sekundanten, ein Papier in der Hand, um zu Unterschriften aufzufordern, hinter ihm McCoole mit seinem schwarzen breitrandigen Hut in der Hand, um kleinere Gaben gleich einzukassiren. Aber der Erfolg scheint kein besonders glänzender gewesen zu sein, – wer auf Jones gewettet und verloren hatte, fand seinen Geldbeutel schon genug in Anspruch genommen. Wer gegen ihn gewonnen, gab wohl etwas, und eine kleine Summe kam dadurch zusammen. Es ist auch in der That eine starke Zumuthung, einem besiegten Preisboxer noch Almosen zu geben; die giebt man doch lieber einem braven, hülfsbedürftigen Arbeiter.

So endete dieser wirklich berühmte Zweikampf, der auch in der That einiges politische Interesse hatte, da er, in damaliger Zeit gerade, zwischen einem Irländer und Engländer stattfand und dadurch schon die Sympathieen der Amerikaner für den Iren erweckte. Welchen Antheil man aber daran nahm, geht schon daraus hervor, daß der Kampf etwa 16 Minuten nach elf Uhr zu Ende kam und um zwölf Uhr – ja noch einige Minuten früher – schon die Zeitungen ausgegeben und von Jungen durch die Straßen geschrieen wurden, in welchen ein zwar flüchtiger, aber doch wahrer Bericht über den Kampf gedruckt stand. Hatte man doch zu dem Zweck einen Telegraphenapparat mit dem Draht dort in Verbindung gebracht, um auch nicht einen Augenblick Zeit zu verlieren, die werthvolle Nachricht zu verbreiten und einem Jeden zugänglich zu machen.

Mir selber war das ganze Schauspiel, als überhaupt etwas Neues und in den Zweck meiner Reise einschlagend, interessant genug, aber es ist jedenfalls ein Beweis großer Brutalität, etwas Derartiges mit solchem Pomp und Spektakel und solchen Vorbereitungen zur Schau zu tragen. Uebrigens zeigten die Deutschen in Cincinnati deutlich genug, daß sie keine Freude an einer solchen Bestialität finden, denn nur sehr Wenige waren draußen, und ich bin auch ziemlich fest überzeugt, daß keiner von ihnen einen Cent auf solche Menschenschinderei gewettet hat.

Leipzig, Druck von Giesecke & Devrient.