Kreuz und Quer: Dritter Band
Der Mexikaner. Peruanische Erzählung.
D e r M e x i k a n e r.
Peruanische Erzählung.
E r s t e s K a p i t e l .
Die verlassene Frau.
In Lima lebte im Jahr 1850 in einem kleinen Häuschen in der Vorstadt eine arme deutsche Schusterfrau, der es außerordentlich knapp zu gehen schien, denn sie war von ihrem Mann verlassen worden und hatte sich nun hier draußen bei einer armen peruanischen Familie einquartieren müssen. Sie ging auch, besonders in deutsche Häuser, plätten und nähen und suchte sich wirklich auf ehrliche Art ihr Brot zu verdienen, wobei sie denn von den wenigen deutschen Familien nach Kräften unterstützt wurde.
Der Mann war – so viel wußte man – im Jahr 48, als die erste Nachricht der in Kalifornien entdeckten Schätze nach Peru drang, plötzlich verschwunden, und sollte in Callao – dem Hafen von Lima, kurz vor der Abfahrt eines nach San Francisco bestimmten Schiffes gesehen worden sein. Der Verdacht lag also sehr nahe, daß er sich auf diesem entfernt habe, um, wie tausend Andere, sein Glück in den Minen zu versuchen. Daß er die Frau dabei in den dürftigsten Umständen und fast ohne einen Dollar Geld zurückließ, war natürlich schlecht, aber es wäre doch wohl noch zu entschuldigen gewesen, wenn er sich nur später um sie gekümmert, wenn er nur einmal etwas Geld geschickt oder wenigstens einen Brief geschrieben hätte.
Aber Nichts dem Aehnliches erfolgte, und die arme Frau mußte zuletzt die Hoffnung aufgeben, ihren Mann je wieder zu sehen und von ihm Hülfe zu erhalten. Allerdings erkundigte sie sich – als nun fast zwei Jahre vergangen waren, und viele Peruaner aus den kalifornischen Goldminen zurückkehrten, bei Jedem wohl nach dem Verlorenen und ob sie ihn nicht in Kalifornien getroffen hätten – aber, lieber Gott, Kalifornien war groß und die dorthin gegangenen Goldwäscher staken oben in den Gebirgsschluchten, wohin weder Weg noch Steg führte; wer sollte sie dort finden. Man konnte Monate lang in ihrer unmittelbaren Nähe sein und bekam sie trotzdem nicht zu sehen. Es wußte ihr auch Niemand auch nur den geringsten Trost oder Anhaltepunkt zu geben – sie mußte sich selber trösten, vielleicht kehrte er, wie die Meisten sagten, einmal ganz plötzlich mit einem großen Sack voll Gold zurück, und dann hatte alle ihre Noth ein Ende.
Aber er kam nicht – Woche nach Woche verging, wie Monat nach Monat vergangen war, und die verlassene Frau beschloß endlich, in ihre Heimath nach Deutschland zurückzukehren, wo ihr noch wohlhabende Verwandte lebten; die einzige Schwierigkeit schien nur die, ein Schiff zu bekommen, das sie für eine mäßige Passage hinüber brachte. Aber auch das fand sich endlich. Ein in Callao ankernder hamburger Kapitän hatte von dem Schicksal der Deutschen gehört, und als er sie zufällig einmal bei Bekannten traf und sie ihm ihre Noth klagte, erbot er sich freundlich, sie gegen einen sehr mäßigen Preis hinüber zu schaffen.
Viel trug dazu auch ihr Aeußeres bei – Frau Bockenheim mußte in ihrer Jugend wirklich einmal schön gewesen sein, und sie war selbst jetzt noch, in den dreißiger Jahren, eine hübsche, stattliche Frau zu nennen. Früher galt sie auch unter den übrigen Handwerkerfamilien für stolz und hochfährig; sie trug gern seidene Kleider und putzte sich manchmal so heraus, daß man in ihr nie eines Schusters Frau vermuthet haben würde. – Das hatte sich freilich jetzt durch ihren Nothstand gründlich gelegt; von dem Moment an, wo sie sich abhängig von fremden Leuten fühlte, wurde sie eine ganz Andere. Sie ging höchst einfach, nur in die billigsten Stoffe gekleidet, und schränkte sich wirklich nach Möglichkeit ein, um nur keine Schulden zu machen. Trotzdem verkehrte sie aber wenig oder gar nicht mit ihres Gleichen – mit anderen Handwerkerfrauen – von denen sie auch in der That keinen Verdienst erwarten konnte.
Jetzt hatte das überhaupt aufgehört und sie begann das Letzte zu thun, was ihr übrig blieb, um ihre Passage zu bezahlen, nämlich die Ueberreste ihres kleinen Hausstandes zu verkaufen. Da aber das zu langsam ging, denn das Schiff wollte segeln, so setzte sie endlich eine Auktion an, auf welcher auch das Handwerksgeräth ihres Mannes losgeschlagen wurde. Was sollte sie auch damit machen? Der Verlorene kehrte doch nicht wieder.
In Lima hatte sich indessen das Schicksal der Schusterfrau und ihre Absicht, Peru zu verlassen, ausgesprochen, und schon aus Mitleiden mit ihrem Schicksal besuchten Viele die Auktion, so daß die oft werthlosen Gegenstände noch zu einigermaßen gutem Preis verkauft wurden.
Die Auktion war vorüber; die letzten Sachen waren abgeholt; nur noch ein Koffer und ein Reisesack standen in dem öden Raum, und die Frau hatte eben einen kleinen Knaben aus dem Haus nach einem Peon oder Diener geschickt, um sie forttransportiren zu lassen, als draußen ein Schritt auf der Treppe laut wurde. Sie glaubte, es wäre der erwartete Packträger, und noch seufzend einen Blick in den Räumen umherwerfend, in denen sie so manche einsame und traurige Stunde verlebt, sagte sie:
»Da, Freund – nehmt die Sachen und tragt sie mir –«
»Bertha,« flüsterte da eine Stimme, die ihr das Blut zum Herzen zurückdrängte, und als sie sich erschreckt danach umwandte, stand ein mit einem Poncho behangener fremder Mann auf ihrer Schwelle. Sie kannte ihn nicht – er trug einen großen dunklen Bart und den Hut fest in die Augen gezogen, rührte sich auch nicht, und nur als sie ihn erstaunt anstarrte, wiederholte er, mit der nämlichen Stimme das eine Wort, das ihren Herzschlag stocken machte: »Bertha!«
»Um der Wunden Christi Willen!« stöhnte die Frau, »wer ist denn das der – der meinen Namen –«
»Und kennst Du mich nicht mehr?«
»Ja – wach' ich denn oder träum' ich – Casper?«
»Hab' ich mich denn so verändert?« lachte er und streckte ihr die Arme entgegen, aber mit einem lauten, gellenden Freudenschrei stürzte sie auf ihn zu und umschlang ihn krampfhaft mit ihren Armen.
»Casper! Du bist's – Du – und oh mein Gott, wie lange hast Du mich warten lassen – oh wie ewig lange. Wo, wo bist Du nur gewesen?«
»Und wenn ich ein klein wenig später gekommen wäre,« lächelte der Mann, ohne die Frage für jetzt zu beantworten, »so hätte ich Dich am Ende gar nicht mehr getroffen. Du wolltest verreisen –«
»Nach Deutschland zurückkehren!« rief die Frau, »was sollte ich länger allein hier in dem fremden Land? Ich hielt es nicht mehr aus und mußte Dich ja todt glauben, da Du mir nicht ein einziges Mal geschrieben. – Ach, das war nicht Recht, Casper.«
»Ja, schreiben,« nickte dieser, »liebes Kind! Wo ich mich die ganze Zeit herumgetrieben habe, gab es weder Feder noch Dinte noch Papier, viel weniger Posten, und ich hätte einen Brief selber nach San Francisco tragen müssen.«
»So warst Du die ganze Zeit in Kalifornien?«
»Gewiß war ich –«
»Und hast Du Glück gehabt?«
Der Mann schwieg und sah sie mit einem Blick an, der ihr ordentlich bis in's innerste Herz hinein stach – mit einem Blick, wie sie ihn noch nie von ihm gesehen. Ueberhaupt kam er ihr so merkwürdig verändert vor. Machte das vielleicht der große schwarze Bart, den sie allerdings nicht an ihm gewohnt war? – und er sah dabei so bleich aus – so düster. – Er hatte jedenfalls Unglück gehabt und kehrte als armer Mann zurück.
»Oh mein Gott,« stöhnte die Frau, als ihr der Gedanke kam, »und jetzt hab' ich all' das Unsere, selbst Dein Handwerkszeug, um einen Spottpreis verkauft – Nichts ist mir geblieben, als meine Kleider und Wäsche und die paar hundert Thaler, die ich für die Ueberfahrt zahlen wollte.«
Da zuckte es wie ein Lächeln über des Mannes Gesicht, und er sagte:
»Gott sei Dank, daß wir den alten Plunder los sind, wir hätten ihn doch nicht mehr gebrauchen können.«
»Nicht mehr gebrauchen können, Casper?« wiederholte die Frau erstaunt, »ich weiß nicht, Du – Du bist so sonderbar – ich begreife Dich nicht.«
»Weil ich mit einem ganzen Sack voll Gold zurück komme, Schatz,« lachte der Mann laut auf.
»Mit einem Sack voll Gold?«
»Was ich Dir sage – unsere Noth hat nun aufgehört – ich habe Glück, viel Glück in den Minen gehabt – unserer Zwei trafen eine enorm reiche Stelle – aber das Alles erzähle ich Dir später. – Was will der Bursche da?«
Während er noch sprach, war ein Peon auf der Schwelle der weit offen stehenden Thür erschienen und sah in's Zimmer herein.
»Die Sennorita hat einen Mann verlangt, um ihr Gepäck fort zu tragen.«
»Ach ja – bueno –« rief der Zurückgekehrte »du, guter Freund, schultert einmal die Sachen und tragt sie in das amerikanische Hôtel – oder wir gehen besser gleich mit, denn hier haben wir doch wohl Nichts weiter zu thun, Schatz, wie?«
»Es ist Alles fort, selbst der letzte Stuhl –«
»Also gänzlicher Ausverkauf,« lachte der Mann, »desto besser, dann werden wir auch durch Nichts mehr gehindert – vamos nos, companero, vamos nos« – und damit gab er seiner Frau den Arm und schritt mit ihr die Treppe hinab, die Vorstadt entlang und dann über die Brücke, immer die Hauptstraße nieder und hinter dem Peon mit ihren Sachen her, bis sie das Hôtel erreichten, wo er augenblicklich zwei Zimmer und ein gutes Diner für sie bestellte.
Die Frau ging wie in einem Traum an seiner Seite; sie fühlte kaum, wie ihre Füße den Boden berührten. War denn das Alles wirklich wahr, und der Mann, den sie schon lange todt geglaubt und in Verzweiflung aufgegeben, nicht allein zurückgekehrt, sondern auch reich, mit Schätzen beladen? Wie ein Märchen klang's ihr in den Ohren und sie bemerkte dabei gar nicht, daß die Leute, denen sie unterwegs begegneten, fast immer stehen blieben und dem etwas wunderlichen Paar nachschaueten.
Und es war in der That ein wunderliches Paar für einen heißen, sonnigen Tag in Lima. Der Mann trug einen alten breiträndrigen und chokoladenfarbigen Filzhut, einen dicken, blau und roth gestreiften Poncho, und dazu mexikanische, an den Seiten herunter offengeschlitzte Sammethosen mit kleinen silbernen Knöpfen daran. Die Frau an seiner Seite ging dabei in echt deutscher Handwerkertracht mit einem langen, braunen, etwas abgenutzt aussehenden Kattunkleid, ohne Steifröcke darunter, einem rothwollenen Tuch um, und einem Hut, von dem man eigentlich nicht sagen konnte, daß er hier aus der Mode gekommen, denn er war in Lima wohl noch niemals Mode gewesen. Auch die Blumen darauf sahen zerknickt und schmutzig aus, und so viel die Frau auch wohl früher auf ihre Toilette gegeben hatte, und so nett sie sich gehalten: jetzt, mit den Sorgen der letzten Zeit im Herzen, schien sie Alles vernachlässigt zu haben, und dachte auch in diesem Augenblick wahrlich an Nichts weniger, als an ihre abgetragenen Kleider.
In dem ziemlich großartigen Hôtel betrachteten sich die Kellner das sonderbare Paar ebenfalls ziemlich erstaunt und schienen nicht übel Lust zu haben, sie etwas über die Achseln zu behandeln; als aber der Mann, nicht etwa höflich, sondern mit barschem Ton »Zwei Zimmer vorn heraus und vor Allem eine Flasche Champagner und dann so rasch als möglich ein gutes Diner« bestellte, wurden sie aufmerksamer. Der Mann mußte Geld haben oder er wäre höflich gewesen, und er wurde jetzt, trotz seinem unscheinbaren Aeußeren, pünktlich bedient.
Oben aber, in dem elegant möblirten freundlichen Gemach, dem Champagner, der der Frau ebenfalls trefflich mundete, gar wacker zusprechend, saß der von Kalifornien zurückgekehrte glückliche Miner und erzählte, nur erst einmal in flüchtigen Umrissen, seine Abenteuer: Wie er Anfangs, und wohl anderthalb Jahr hindurch, mit eisernem Fleiß und unermüdlicher Ausdauer gearbeitet und ein Loch nach dem andern gegraben habe, immer und immer aber wieder getäuscht, immer wieder auf neue Hoffnung angewiesen worden. Ja, er verdiente sich, was er eben zum Leben brauchte, aber auch nicht mehr – Gold gab es ja überall. Da machte er endlich die Bekanntschaft eines Mexikaners, der großes Vertrauen zu den nördlichen Minen hatte. Mit dem war er an den Yubafluß gegangen, und dort in einer der Ravinen, die noch wahrscheinlich kein weißer Mann entdeckt, trafen sie plötzlich auf ein Goldlager, wie sie es bis dahin nicht für möglich gehalten. Stücke fanden sie dort, so groß wie die Wallnüße, und einzelne größer, die wie in einem geschmolzenen und dann erkalteten Zustand vor Jahrtausenden vielleicht in der kleinen, engen Schlucht herabgewaschen waren.
Dort arbeiteten sie, von Niemandem gestört, ja von Niemandem bemerkt, heimlich und versteckt sechs volle Monate, bis sie die ganze Goldader, so weit das wenigstens anging, ausgebeutet hatten. Dann kauften sie sich Maulthiere unten in Yubacity, einem kleinen Goldwäscherdorf, holten die indeß vergrabenen Schätze ab, luden sie auf und zogen damit nach Sacramento hinunter, von wo sie dann mit dem Dampfschiff nach San Francisco gingen. Von hier aus kehrte der Mexikaner in sein eigenes Vaterland zurück, und er selber ging an Bord des ersten nach Panama abfahrenden Dampfers, um von dort wieder mit dem südlichen vapor so rasch als irgend möglich Peru zu erreichen. Deshalb war es ja auch gar nicht möglich gewesen, vorher zu schreiben, denn die erste Gelegenheit, die sich dazu bot, um rasch einen Brief zu senden, benutzte er, und er hätte einen solchen nur selber mitnehmen, nie aber vorher hierher befördern können.
Der armen Frau kam es die ganze Zeit, während der Mann sprach, genau so vor, als ob sie irgend eine wunderbare Geschichte in einem Buche läse, aber keine Möglichkeit vorhanden wäre, daß das Alles sie mit betreffen könne und das Gold, das viele Gold, das ihr Mann mitgebracht, ja doch nun auch ebenso gut ihr gehöre und sie damit reiche und vornehme Leute geworden wären.
»Aber wo hast Du das viele Gold, Casper?« frug sie ihn endlich, »doch nicht bei Dir?«
»Bei mir?« lachte der Mann, indem er eine Handvoll großer goldener Doublonen aus der Tasche nahm und ihr vorhielt, »so ein paar Stück kann man schon bei sich führen, aber ich möchte das Ganze wahrhaftig nicht auf der Schulter tragen.«
»So viel ist es?«
»Nun natürlich – Gold wiegt schwer, mein Kind – und ich konnte mich damit doch nicht in der ganzen Stadt herumschleppen, bis ich Dich da draußen, im äußersten Winkel von Lima, aufgesucht? Es steht in zwei kleinen Koffern sicher in einem Handlungshaus, das ich von früher kannte. Jetzt will ich Dir aber wenigstens die Proben des Mitgebrachten zeigen.«
Damit stand er auf, schloß erst vorsichtig die Thür zu und schnallte sich dann einen ledernen langen Sack von den Hüften ab, dessen Inhalt er vor den erstaunten Augen der Frau ausschüttete.
Du lieber Gott! einen solchen Reichthum hatte sie bis dahin gar nicht für möglich gehalten – und was für große schwere Stücken dabei waren, und wie wunderlich geformt! – Und das sollte erst der kleinste Theil des Ganzen – nur eine Probe sein? Ihr Mann packte aber die Stücke wieder zusammen, denn draußen klopfte es, und der Kellner frug sehr artig durch die Thür, ob die lady und der gentleman jetzt zu speisen wünschten.
Das Essen wurde gebracht, aber nach Tisch ging der frühere Schuhmacher augenblicklich daran, den Koffer seiner Frau zu revidiren, um zu sehen, was sie an Kleidern und Wäsche habe, und was sie Neues brauchen würde. Da sah es freilich bös aus – sie brauchte fast Alles neu, denn das Wenige, was sie noch hatte, war so abgenutzt, daß ihr der Mann augenblicklich erklärte, damit könne sie nicht mehr auf der Straße erscheinen. Der heutige Abend sollte denn auch dazu benutzt werden, alle die nöthigen Einkäufe zu machen, und nachher konnten sie dann in aller Ruhe überlegen, ob sie vor der Hand noch hier in Lima bleiben oder ohne Weiteres nach Deutschland zurückkehren sollten. Gegen den letzteren Plan sprach sich aber Madame Bockenheim auf das Entschiedenste aus. War ihr Mann wirklich so reich, dann hielt sie es auch für nöthig, den Leuten hier in Lima, die sie selber so oft über die Achsel angesehen, zu zeigen, was sie könnten, und daß sie jetzt im Stande wären, sich den »Besten« an die Seite zu stellen. Was lag auch daran, ob sie sich hier einmal ein halbes Jahr einmietheten?