Kreuz und Quer: Dritter Band
Drittes Kapitel. Die Schatzkammer.
Dieser erhielt das Gesagte wieder übersetzt und bedachte sich einen Augenblick – er überlegte wahrscheinlich, ob er durch eine Antwort darauf seiner Würde nichts vergebe. Endlich nickte er leise vor sich hin und rief ein paar rauhe Worte, wonach dann der Dolmetsch den Fremden nur winkte, ihm zu folgen.
Der Doktor, der nicht gern eine Höflichkeitsform versäumen wollte, zupfte den Steuermann und flüsterte ihm zu, ob sie sich nicht vorher bei Seiner Majestät verabschieden müßten. Der Dicke schien aber gar keine weitere Notiz von ihnen zu nehmen, sondern drehte ihnen höchst ungenirt den breiten Rücken zu, wonach die Fremden es dann auch nicht weiter für nöthig hielten, irgend eine sonst vielleicht verlangte Ceremonie zu beachten.
D r i t t e s K a p i t e l .
Die Schatzkammer.
Ihr Führer schritt mit ihnen direkt wieder zum Strand zurück und der Richtung zu, in welcher ihr Boot lag. Der Steuermann aber, immer noch die Gedanken an das Wrack im Kopf, wollte die Gelegenheit nicht versäumen, vielleicht etwas Näheres darüber zu erfahren, und als sie wieder den freien Raum betraten, von dem aus man die dunklen Umrisse des gestrandeten Fahrzeugs eben erkennen konnte, sagte er, anscheinend leichthin: »Was ich gleich sagen wollte, Freund! Was war das eigentlich für ein Fahrzeug, das da drüben in den Büschen so fest vor Anker liegt?«
»Welches?« sagte der Schwarze, als ob es zehn verschiedene gegeben hätte.
»Welches? Das da drüben – das große Fahrzeug der Weißen, das an Eurer Küste liegt.«
»O das,« meinte der Dolmetsch gleichgültig; »altes Schiff, liegt schon viel lang drüben – weiß es nicht.«
Der Steuermann hätte nun darauf schwören wollen, daß das verunglückte Fahrzeug noch gar nicht etwa so lange da drüben liegen k o n n t e , denn die Malerei daran sah viel zu frisch dafür aus, und von Verwitterung war keine Spur zu erkennen. Aber er merkte auch wohl, daß der Bursche nichts gestehen wollte oder durfte, und mochte selber nicht gleich Neugierde verrathen, um keinen Verdacht zu erwecken. Traten sie erst mit dem Volk hier in einen näheren Verkehr, so fand sich auch wohl einmal eine Gelegenheit, um das Wrack zu besuchen, wenigstens dicht hinan zu laufen, und dann getraute sich der Seemann auch schon nähere Daten darüber selber herauszufinden. Bis dahin war es weit gerathener, vorsichtig zu Werk zu gehen.
Ihr Führer schritt indessen nicht direkt auf ihr Boot zu, das sie schon von Weitem erkennen konnten, sondern bog etwas mehr rechts ab, und zwar einem wunderlich gestalteten, hohen und spitzen Hause zu, das sich nur dadurch von den übrigen Wohnungen unterschied, daß es fest verschlossen schien und keine offene Thüre zeigte.
Der Doktor war einige Schritte dicht an der Umzäunung desselben hingegangen und näherte sich jetzt einem eigenthümlichen, fest überdeckten Vorbau, als er plötzlich erschreckt zur Seite fuhr, denn fast unmittelbar neben ihm stieß ein Löwe sein heiseres Gebrüll aus.
Die Eingebornen lachten und auch der Steuermann amüsirte sich über den Satz, den der Doktor machte; übrigens war er selbst zusammengefahren, denn hier, mitten im Dorf, hatte er keine solche Bestie erwartet, die da jedenfalls hinter dem Palissadenwerk gefangen gehalten wurde. Sie waren jetzt auch gerade über ihrem Boot angekommen, das etwa hundert Schritt von ihnen entfernt unten am Strand lag, als ihr Führer vor diesem Löwenzwinger stehen blieb und dort hineindeutend sagte: »Ihr glaubt nicht, Fremde, daß unser König Waaren hat, um mit euch zu handeln. Seht, was da drinnen aufgeschichtet liegt. Ihr wäret nicht im Stande, auch nur die Hälfte davon zu kaufen.«
»Hoho, mein Bursche!« sagte der Doktor, der sich eigentlich schämte, vorhin eine plötzliche Schwäche gezeigt zu haben, aber das Gebrüll war auch zu unerwartet und aus zu unmittelbarer Nähe gekommen: »und was hättet Ihr da?«
»Jedenfalls Sachen, die werthvoller sind als Eure Geschenke,« grinste der Schwarze. »Seht nur hindurch.«
Die Fremden trauten nicht recht; hinter dem Gitter schritt der Löwe umher, und der Doktor bemerkte jetzt auch dicht daneben eine wohl starke, aber doch nur hölzerne Thür, die allein von zwei breiten Holzriegeln verschlossen gehalten wurde und in den Zwinger führte. Aber was konnte ihnen geschehen? und wenn er auch nicht recht begriff, welche Kostbarkeiten der Löwenkäfig enthalten könne, trat er doch mit dem Steuermann dicht an die Palissaden und sah hindurch.
»Alle Teufel!« rief da der Seemann plötzlich; »Doktor, was meint Ihr – da drin läge Fracht für uns.«
»Elfenbein!« sagte dieser, aber wirklich überrascht von der Masse, die er da drinnen aufgeschichtet sah. »Bless my soul, die scheinen ja sämmtlichen Elephanten die Zähne ausgerissen zu haben. Junge, Junge, wo habt Ihr all' das Elfenbein her?«
»Nun?« sagte der Schwarze, augenscheinlich von dem Erstaunen der Fremden befriedigt; »hat der König zu viel gesagt?«
Da drinnen lag in der That ein unschätzbarer Reichthum von werthvollen und zum Theil außerordentlich großen Elephantenzähnen aufgeschichtet, und der Löwe schien dabei als trefflicher Wächter zu dienen. Entsetzt rief aber der Doktor aus, als er den Blick jetzt in dem inneren Raum umher schweifen ließ: »Heiliger Gott, was ist das? füttert Ihr denn hier die Bestie mit Menschenfleisch? Sehen Sie um des Himmels willen die Schädel und Knochen, Brooks, die da drin umhergestreut liegen.«
»Das ist nichts,« sagte der Eingeborne gleichgültig, »nur Sklaven oder Kriegsgefangene, wenn sie krank oder schwer verwundet sind. Ja Zambiri ist ein großer König und gerade jetzt jagen unsere Truppen einen feindlichen Stamm. Wenn Ihr ein paar Tage hier bleibt, könnt Ihr sie mit Beute beladen zurückkehren sehen.«
»Und das Elfenbein gehört Alles dem König?«
»Alles, und noch weit mehr, viele große Büffelhörner voll Perlen, Schildpatt, Gold. Zambiri ist sehr reich, es ist ein großer König.«
»Und verkauft er die Zähne?«
»Gewiß,« nickte der Dolmetsch, »aber es kommt darauf an, was Du ihm bieten kannst. Viel mußt Du ihm bringen, und vor allen Dingen Geschenke für ihn, sonst macht Ihr ihn nur böse, und dann ist er furchtbar, wie ein Löwe selber.«
»Die kleine schwarze Bestie,« brummte der Doktor leise vor sich hin, bemerkte aber auch in demselben Augenblick den nämlichen kleinen schwarzen Burschen, der vorher auf dem Rücken des Königs herumgestiegen war, und der nun in einiger Entfernung hinter dem Dolmetsch stand und ihm geheimnißvolle, aber scheue Zeichen machte. Sollte das eine Warnung sein, und drohte ihnen Verrath? Fast unwillkürlich griff er mit der Hand nach dem unter dem Rock versteckten Revolver, der Kleine aber, als ob er die Bewegung verstanden hätte, schüttelte mit dem Kopf und deutete auf seinen Mund. Wollte er ihm etwas sagen? Jedenfalls mußte er in seine Nähe zu kommen suchen, aber der Dolmetsch war ihm dabei im Weg.
»Schafft mir den schwarzen Kerl einen Moment bei Seite, Steuermann,« flüsterte er diesem rasch zu, »geht mit ihm zum Boote, ich folge.«
Der Steuermann sah ihn erstaunt an und begriff nicht, was er wolle, der Doktor mußte aber jedenfalls seinen Grund dafür haben, und sich an den Dolmetsch wendend, sagte er: »Unter den Umständen wird es am Besten sein, gleich an Bord zurückzufahren und das Werthvollste herauszusuchen, was wir haben, damit wir Deinen König zufrieden stellen. Wir sind als Freunde hierhergekommen, und ich hoffe, wir sollen als Freunde mit einander verkehren. Aber da unten sehe ich Früchte, könnten wir wohl einige davon mit an Bord nehmen? Wir haben eine lange Fahrt gehabt, und nichts Grünes unterwegs gefunden,« und dabei schritt er, von dem Matrosen dicht gefolgt, zum Boot hinunter.
»Gewiß,« nickte der Dolmetsch, der sich an seiner Seite hielt. Der Doktor blieb dabei ein paar Schritte zurück, als der Junge dicht an ihn hinanglitt und zugleich im reinsten Englisch flüsterte: »Rettet uns – gefangen – vom Schiff...« In demselben Moment aber auch und gerade als sich der Dolmetsch nach ihm umdrehte, sprang er nach vorn, auf diesen zu und sagte irgend etwas in seiner Sprache.
Der Schwarzbraune blickte ihn zornig an, und sah bald auf ihn, bald auf den Doktor, da dieser aber mit der gleichgültigsten Miene von der Welt ein paar hier auf dem Sand liegende Muscheln aufhob und aufmerksam betrachtete, schien sein plötzlich gefaßtes Mißtrauen zu schwinden.
»Ich muß zum König,« sagte er zum Steuermann, »wartet für einen Augenblick, ich werde Euch Früchte schicken; gebt den Leuten Taback dafür – aber keinen Branntwein – er ist streng verboten und nur der König darf ihn trinken,« und damit, die Weißen sich selber überlassend, rief er dem Knaben einige Worte zu und eilte, diesen am Arm fassend, mit ihm zu seines Oberhauptes Wohnung zurück.
Wie gerne hätte der Doktor noch Weiteres von dem jungen Burschen gehört, aber er sah auch ein, daß das nicht möglich sei, ohne augenblicklich Verdacht zu erregen und jede Aussicht auf Erfolg abzuschneiden. Dem Steuermann theilte er aber jetzt mit, was ihm der Junge zugeflüstert, und dieser rief, seine rechte Faust in die linke flache Hand schlagend: »Ob ich es mir denn nicht gedacht habe? Mit dem Wrack da ist faul Spiel gewesen, und uns wollen sie jetzt bloß kirre machen, um uns nachher ebenso zu bedienen.«
»Und die Elephantenzähne sind auch nicht alle aus dem Land gekommen, Sir,« sagte der junge Matrose, der daneben stand. »Zwei davon, das hab' ich deutlich durch das Gitter gesehen, waren mit Schiemanns-Garn zusammengebunden, und Schiemanns-Garn haben sie nur an Bord von Schiffen.«
»Gar nicht unmöglich,« nickte der Seemann, »das Fahrzeug kann schon recht gut an der Küste gekreuzt und Elephantenzähne eingehandelt haben, und das hat dieser schwarze Heide jetzt Alles in seinem Waarenlager aufgeschichtet.«
»Aber was nun?«
»Dort kommen die Früchte,« sagte der Steuermann, »die wollen wir erst einnehmen, und dann so rasch als möglich an Bord zurück, um dem Kapitän Bericht abzustatten. Hol's der Teufel, wir müssen doch wenigstens einen Versuch machen, vielleicht sogar unsere Landsleute zu retten, und geht das nicht, ei dann laufen wir nach dem Kap hinunter und schicken ein Kriegsschiff her, denn ungestraft sollen sie sich beim Himmel nicht an einem Fahrzeug der Weißen vergriffen haben.«
Das Gespräch war hier abgebrochen, denn allerdings kamen jetzt Eingeborne mit Früchten heran, erst einzeln und dann immer mehr. Der Steuermann hielt sich aber nicht lange auf, hatte auch nicht genug Waaren bei sich, um mit ihnen einen großen Tauschhandel zu eröffnen. Nur den Ersten nahm er, was sie brachten, ab, und gab ihnen Tabak dafür, dann sprangen die Männer wieder in ihr Boot und ruderten, so scharf sie konnten, in See hinaus, um den ihnen schon wieder entgegenkommenden Schooner zu erreichen.
Kapitän Oacutt war übrigens, als sie an Bord zurückkehrten, mit dem Resultat ihrer Fahrt nicht besonders zufrieden. Er hörte wohl den Bericht mit der gespanntesten Aufmerksamkeit an, schüttelte aber dabei bedenklich mit dem Kopf und meinte endlich: Das mit dem Elfenbeinvorrath klänge allerdings sehr gut und verlockend, aber trotzdem scheine es ihm fast, als ob er, wenn er unter diesen Verhältnissen auf einen Handel einginge, am Ende gar noch Schiff und Mannschaft verlieren und die Zeche mit seinem eigenen Leben bezahlen könne. Des Steuermanns Gegenvorstellungen, die von dem Doktor kräftig unterstützt wurden, hatten aber zu viel Gewicht. Er durfte die Küste rechtlicherweise gar nicht wieder verlassen, ohne nicht wenigstens einen Versuch gemacht zu haben, Näheres über das verunglückte Fahrzeug zu hören, und da sie jetzt durch den Knaben die Gewißheit hatten, daß wenigstens Einer an Land sei, der darüber zu erzählen wisse, so blieb ihnen nichts übrig, als dem weiter nachzuforschen.
Der Kapitän mußte ihnen darin beistimmen, und sehr verlockend wirkte dabei auch die Schilderung des Haufens von Elephantenzähnen, die aber auf so entschiedene Weise von einem der wildesten Ureinwohner, dem Löwen, bewacht wurden. Jedenfalls hatte der Doktor recht, wenn er meinte, sie riskirten wenig durch eine zweite Fahrt an Land, auf welcher sie ja nur die Geschenke und Proben für den Handel mitzunehmen brauchten. Es käme vor allen Dingen darauf an, jenen dicken Fleischklumpen, den Tyrannen des Distrikts, etwas freundlich für sie zu stimmen und selber gierig auf eine Handelsverbindung zu machen, nachher wäre es ein Leichtes, mehr über die Verhältnisse dort zu erfahren. Günstigeren Zeitpunkt durften sie außerdem nicht hoffen, dafür zu finden, als gerade jetzt, da sich, wie sie ja am Ufer gehört, der größte Theil der bewaffneten Macht auf einem Streifzug und Sklavenfang im Inneren befand. Die Gefahr eines Ueberfalls begann erst, wenn die zurückkehrte, und je eher sie deßhalb hier an's Werk gingen, desto besser.
Einem Kapitän ist immer die Sicherheit seines eigenen Fahrzeugs das Höchste, und muß es sein, denn nicht allein das Eigenthum seiner Rheder, sondern auch das Leben seiner Mannschaft steht dabei auf dem Spiel, aber Aussicht auf Gewinn und die Pflicht, dem Schicksal eines verunglückten Fahrzeugs nachzuforschen, wirkte hier gleich stark, und er sträubte sich nicht länger, sein Boot zum zweiten Mal hinüber zu senden. Nur die Wahl der Geschenke hatte noch einige Schwierigkeit, da er gern so wenig als möglich opfern wollte, während der Doktor wie auch der Steuermann darauf bestanden, daß man sich dießmal, nach dem ersten verunglückten Versuch, ganz besonders splendid benehmen müsse. Sie setzten auch zuletzt ihren Willen durch, und ein chinesischer Koffer wurde mit wirklich werthvollen Dingen, seidenen Kleidern und Schärpen, wollenen bunten Stoffen, vergoldeten Uniformtroddeln, reich verzierten Messern, hübsch aussehenden Glaskorallen und anderen derartigen Dingen fast gefüllt. Außerdem sollte auch noch eine Probe der Waaren beigegeben werden, welche Oacutt gegen Elfenbein oder andere werthvolle Produkte einzutauschen gedachte, auch Brod und guten Branntwein mußten sie mitnehmen, den Letzteren nur für den König selber; und also vorbereitet, durften sie schon eher hoffen, das Herz jenes schwarzen Fleischklumpens für sich zu gewinnen.