Kreuz und Quer: Dritter Band
Drittes Kapitel. Die Flucht.
D r i t t e s K a p i t e l .
Die Flucht.
Der Mexikaner Felipe Corona, wie er mit Namen hieß, verließ indessen mit bitteren Rachegedanken das Haus des Deutschen. Aber während er die Straße hinab schritt, war er sich doch auch bewußt, auf wie unsicherer Basis die Klage ruhte, die er hier, selber ein Fremder, gegen einen in Lima ansässigen Mann vorbringen wollte. Und sollte er ihn deshalb im Besitz aller der Schätze lassen, die, wie er fest behauptete, ihm – allein nur ihm gehörten? Nein! bei dem Blute des Gekreuzigten, nein. Wahrlich nicht, so lange seine Faust noch ein Messer führen konnte, und wenn ihm die Peruaner sein Recht nicht verschafften – er biß die Zähne fest zusammen und schritt, finster vor sich hin brütend, die Straße hinab, wo er das Haus eines Advokaten wußte. Der sollte ihm helfen – oder doch wenigstens einen Rath geben, wie er sich zu verhalten habe, welche Schritte er hier in dem fremden Lande thun müsse, um den Schuldigen zu überführen und zu strafen.
Er fand den Herrn auch zu Hause, und zwar ziemlich behaglich in einer Hängematte liegend und eine Cigarre rauchend; was sollte er sich bei der Hitze anstrengen, wo er es so bequem haben konnte? Die Geschäfte mochten eben warten bis die Abendkühle eintrat – oder vielleicht auch bis morgen früh. Die Gerechtigkeit ist blind und kann sich deshalb nicht Hals über Kopf in einen Strudel von Arbeiten stürzen; sie muß eben langsam und vorsichtig zu Werke gehen.
Nach dem eintretenden Mexikaner drehte er auch kaum den Kopf, als dieser das kühle, luftige Gemach betrat. Der Mann trug einen Poncho, war also jedenfalls ein Peon oder Diener, denn ein Caballero ging nicht mehr mit diesem eigentlich alt-peruanischen Kleidungsstück über die Straße; es war völlig aus der Mode gekommen. Er brachte ihm wahrscheinlich eine Botschaft, und die konnte er ebenso gut liegend anhören – ja eigentlich noch viel besser.
»Und was wollt Ihr, amigo?«
»Eure Hülfe oder Euren Rath, Sennor, gegen einen Schurken,« sagte der Mexikaner ruhig.
»So? Hm – und wie heißt der Schurke?«
»Er ist ein Fremder, Don Gaspard, der aus Kalifornien mit vielem Geld hierher gekommen.«
»So? Der Deutsche? Und was habt Ihr gegen ihn?«
»Das Gold, das er mitgebracht, ist m e i n ,« sagte der Mexikaner ruhig, »ich hielt ein Spielzelt am Richgulch in Kalifornien und verkaufte zugleich Waaren. Ich verdiente v i e l Gold. Da aber die Americanos dort kein Spiel mehr haben wollten, trieben sie uns fort, und ich lud mein Gold und meine Waaren auf Maulthiere und zog nach dem Macalome hinüber, wo ich noch einen Bruder hatte. Mit diesem wollte ich nach Mexiko zurückkehren – ich brauchte nicht mehr. Unterwegs traf ich den Aleman. Es sind sonst gute, rechtliche Leute, und wir Mexikaner verkehrten dort nur mit ihnen und den Franzosen. Ich freute mich, daß ich Begleitung bekam; denn ich hielt mich mit meinen schwer beladenen Thieren nicht für ganz sicher im Wald. Manchen von uns hatten die Amerikaner gemordet, und uns selber wurde es dann zur Last gelegt. Ich hatte mir aber den schlimmsten Feind zu meiner Begleitung ausgesucht. Als wir, kaum noch eine halbe Legua vom Macalome entfernt, eine kurze Zeit im Wald rasteten, nahm er die Gelegenheit wahr und schlug mich mit seinem schweren Messer über den Kopf – hier an der Seite, Sennor, seht Ihr noch die kaum verharrschte Narbe. Ich brach besinnungslos zusammen, und er hielt mich jedenfalls für todt; ich war es auch fast. Landsleute fanden mich später und trugen mich in die Minerstadt, und als ich nach Wochen wieder zu mir kam und meinen Bruder an meinem Bett sitzend fand, war meine erste Frage nach meinen Thieren, meinen Schätzen – umsonst – man hatte Nichts bei mir gefunden – gar Nichts – der Räuber mußte Alles mit fortgenommen haben, Thiere, Waaren und Gold, und ich war wieder arm, wie ein Bettler.«
»Hm – eine verwünschte Situation,« brummte der Advokat, sich eine neue Cigaretta anzündend, »und Ihr wißt gewiß, daß dieser Don Gaspard derselbe ist, der Euch damals begleitete?«
»Hört nur weiter,« fuhr der Mexikaner fort. »Vierzehn Tage brauchte ich wohl noch, bis ich mich vollständig erholt hatte und meine Wunde vernarbt war – dann folgte ich seinen Spuren. Mein Bruder hatte mir einige Unzen Gold geborgt, damit wanderte ich aus, und es dauerte nicht lange, so war ich auf der Fährte des Mörders. In Stockton hatte er meine Maulthiere und Waaren verkauft und war zu Schiff nach San Francisco gefahren, und bald erfuhr ich, daß er nach Panama gegangen. Ich nahm Zwischendeckspassage und folgte ihm. In Panama ließ ich mir die Passagierlisten geben und sah seinen Namen nach Peru eingeschrieben. – Ich mußte mein Geld sparen und bekam freie Passage als Kajütenaufwärter hierher. – Ich brauchte in Lima nicht lange nach ihm zu suchen. Das Gerücht, daß er so viel Gold in den kalifornischen Minen gefunden, hatte ihn rasch bekannt gemacht. Ich habe ihn heute gesehen.«
»In der That?« rief der Advokat, der sich doch jetzt für die Sache zu interessiren anfing, indem er sich in seiner Hängematte halb emporrichtete, »und was sagte er?«
»Er leugnet Alles.«
»Nun natürlich, versteht sich von selbst – aber wo haben Sie Ihre Zeugen?«
»Zeugen habe ich gar nicht – wir waren allein.«
»Den Teufel auch! gar keine Zeugen? Aber es hat Sie doch dort Jemand zusammen wegreiten sehen, oder Sie sind Anderen begegnet? –«
»Allerdings – Menschen genug; aber wer das war und wo die jetzt sind, wer könnte es sagen?«
»Bitte, lieber Freund,« sagte der Advokat, sich jetzt in seiner Hängematte aufsetzend, »wollen Sie mir vielleicht vorher erklären, ob Sie über bedeutende Mittel verfügen, um einen längeren Prozeß durchzuführen? Hundert Dollars müssen vor allen Dingen einmal bei mir deponirt werden, nur um die ersten Ausgaben zu decken.«
»Ich besitze nicht einmal mehr hundert Dollars in meinem ganzen Vermögen,« sagte der Mexikaner finster, »jener Schuft hat mir ja A l l e s geraubt; aber wenn mir mein Recht zugesprochen wird –«
»Entschuldigen Sie einen Augenblick, daß ich Sie unterbreche. Habe ich den Fall folgender Art klar verstanden, daß Sie von Kalifornien, o h n e Geld in der Tasche, hierher gekommen sind, um einen hier ansässigen Fremden anzuklagen, daß er an Ihnen in den kalifornischen Wäldern einen Raubmord verübt und Ihnen Alles abgenommen hat, ohne dafür weitere Zeugen und Beweise beibringen zu können, als Ihr Wort?«
»Das ist genau so der Fall,« sagte der Mexikaner; der Advokat fiel aber in seine Hängematte zurück, als ob er geschossen wäre, pfiff nur leise vor sich hin und sah nach der Decke hinauf.
»Und wollen Sie mir dazu verhelfen?« fragte der Mexikaner.
»Mein sehr verehrter Herr,« sagte der Rechtsanwalt, ohne aber seine Stellung im Mindesten zu verändern, »vorher erlauben Sie mir denn wohl die Frage an S i e zu richten: Halten Sie mich für verrückt?«
»Aber wenn ich, was ich sage, auf die Hostie beschwören kann?« rief der arme Teufel. »Trag' ich denn nicht die Narbe jener Wunde, die mir sein schweres Messer geschlagen, auf dem Kopf?«
»Reden Sie keinen Unsinn,« bemerkte der Peruaner, »als vernünftiger Mann müssen Sie doch einsehen, daß Sie mit der Narbe weiter Nichts beweisen können, als früher einmal einen Hieb über den Kopf bekommen zu haben. Wo aber das geschehen ist und durch w e n , mögen Sie selber wohl sehr genau wissen, werden aber keinen Richter davon überzeugen können.«
»Aber ist denn gar keine Gerechtigkeit in Peru?« rief der Mexikaner bestürzt aus. »Soll denn der Räuber das Gold behalten dürfen?«
»Gerechtigkeit genug,« erwiderte der Advokat. » S i e behaupten, das Geld gehöre Ihnen, e r behauptet, es wäre das seine. Befände sich die Summe in den Händen des Gerichts, so bekämen Sie, aller Wahrscheinlichkeit nach, Beide keinen kupfernen Centabo davon. So hat es aber der Deutsche, und daß der g u t w i l l i g etwas davon herausgeben sollte, bezweifle ich – versuchen Sie's aber immerhin noch einmal, denn ohne die geringste Beweisführung können die Gerichte gar nicht gegen ihn einschreiten.«
»Und wenn er sich weigert?«
Der Advokat zuckte mit den Achseln.
»Und Sie wollen sich meiner nicht annehmen?«
»Lieber Freund, ich h a b e mich Eurer angenommen,« rief der Advokat, »und wenn Ihr nicht ein armer Teufel wäret, so bäte ich mir jetzt eine halbe Unze für die Berathung aus – aber ich will Nichts, als daß Ihr mich nun ungeschoren laßt, denn ich mag mit der Sache nichts weiter zu thun haben.«
»Dann muß ich mir selber helfen,« knirschte der Mexikaner zwischen den zusammengebissenen Zähnen durch.
»Das ist jedenfalls das Gescheuteste,« nickte der Advokat lächelnd vor sich hin, »aber auch zu gleicher Zeit ein etwas gefährliches Experiment. Seid Ihr kitzlich am Hals, amigo?«
Der Mexikaner antwortete nicht; er hatte ein paar Momente schweigend vor sich nieder gestarrt; jetzt drehte er sich plötzlich um und schritt der Thür wieder zu. »Buenos dias, Señor,« sagte er dabei. »Vielen Dank für den guten Rath – ich werde meinem Hals ganz besondere Vorsicht widmen. – Dios lo paga,« und damit verschwand er aus der Thür.
»Ja wohl,« brummte der Advokat vor sich hin, »Dios lo paga – wenn der liebe Gott alle die Wechsel acceptiren sollte, die auf ihn gezogen werden, wäre er nicht allein allmächtig, sondern auch allbeschäftigt. – Lumpengesindel! Daß der Präsident nur so viel Vergnügen daran findet, die Fremden ins Land zu ziehen – wenn ich wie er wäre, hielt ich unsere Race rein – dann bliebe doch auch noch etwas zu verdienen,« und sich wieder lang ausstreckend, gab er sich bald ganz seiner Siesta hin.
Der Mexikaner verließ das Haus, aber nicht etwa, um nach des Advokaten Rath einen gütlichen Vergleich mit seinem Feind zu schließen, sondern sein Glück noch einmal auf der Polizei zu suchen, traf es aber dort nicht glücklich, denn Bockenheim war schon vor ihm da gewesen, und der eine Beamte fuhr den armen Teufel so wild an, als ob er ihn auf der Straße gefunden hätte. Er sollte sich auch selber legitimiren, ehe er einen Anderen, einen bis dahin unbescholtenen Mann eines Verbrechens zeihen wollte, und da er das nicht vermochte, wurde er bedeutet, binnen acht Tagen einen Nachweis zu bringen, womit er sich hier ernähre, oder die Stadt zu verlassen.
Damit durfte er gehen. Eine ganze Hölle aber von Wuth und Ingrimm im Herzen, und düsteren Gedanken folgend, wühlte seine Hand, während er über die Straße schritt, wild und trotzig in dem schwarzen struppigen Vollbart, daß ihm die Begegnenden scheu auswichen und ihm nachsahen, so lange sie ihm mit den Augen folgen konnten.
Er befand sich auch in der That in einer verzweifelten Lage; denn was er hier in Peru für Schutz von den Gerichten zu erwarten hatte, davon war ihm eben der vollgültige Beweis geliefert worden. Und was sollte er jetzt thun? Den Räuber in seiner eigenen Höhle aufsuchen und niederstechen? Damit hätte er allerdings seiner R a c h e genügt, aber für sich auch gar Nichts erreicht; denn es war nicht denkbar, daß er das Gold in seiner Wohnung liegen hatte. Aber selbst wenn das der Fall gewesen wäre, wie blieb ihm nachher Zeit darnach zu suchen? Und w u r d e er ergriffen, so konnte die Warnung des Advokaten zur Wahrheit werden.
Und in Güte? – Er traute dem Deutschen nicht – wenn er ihm aber nun anbot, die H ä l f t e des Raubes ungestört und als rechtmäßiges Eigenthum zu behalten, mußte er da nicht mit beiden Händen zugreifen? – Er wollte wenigstens den Versuch machen, und gestand er ihm selbst das nicht zu – dann Auge um Auge, Zahn um Zahn! Und mit dem Entschluß schritt er auf das nicht mehr ferne Haus des Deutschen zu. – Hier erwartete ihn aber eine Ueberraschung.
Kaum näherte er sich der kleinen, grün lackirten Thür, die hinein führte, als von der gegenüber liegenden Seite der Straße ein Polizeidiener, der dort vor einem Bilderladen gestanden hatte, auf ihn zu kam und ziemlich barsch sagte:
»Compañero, wollt Ihr einen guten Rath annehmen?«
» Como no, compañero?« erwiderte der Mexikaner eben nicht in besonderer Laune, »aber ich weiß nicht, daß ich Euch schon darum gebeten hätte.«
»Thut auch nicht nöthig,« lautete die Antwort. »Ihr seid doch der Mexikaner, wie?«
»Ob ich d e r Mexikaner bin, weiß ich nicht – e i n Mexikaner bin ich gewiß. Weshalb?«
»Oh, nur wegen einer Kleinigkeit – wegen dem Hause da. Ich bin hierher gestellt, um Euch abzuweisen, wenn Ihr das e r s t e Mal kommt, und Euch auf die Polizei zu schaffen, wenn Ihr den Versuch zum zweiten Mal machen solltet.«
»Aber ich habe mit dem Sennor da drinnen zu reden.«
»Ja, das glaub' ich Euch wohl,« lachte der Polizeidiener, »aber e r nicht mit E u c h , und nun tragt Euren Schatten in ein anderes Stadtviertel hinüber, hier habt Ihr Nichts mehr zu suchen.«
»Und wenn ich ihm selbst nur einen Vorschlag zur Güte zu machen hätte – es wäre vielleicht in zehn Minuten erledigt.«
»Er hat mir besonderen Auftrag gegeben, Euch unter gar keinem Vorwand zu ihm zu lassen. Was Ihr von ihm wollt, das sollt Ihr vor den Gerichten anbringen – und so gehört sich's auch, also helfen Euch keine weiteren Redensarten, und nun vamos nos, denn ich möchte hier nicht länger bei Euch in der Sonne stehen bleiben.«
»Also er verweigert jeden weiteren Verkehr mit mir?«
»Na ja, nun fangt Ihr noch einmal von vorne an! Ich dächte doch wahrhaftig, ich hätte deutlich genug gesprochen. Laßt Ihr Euch noch einmal hier am Hause sehen, so werdet Ihr beigesteckt. Habt Ihr d a s verstanden?«
»Ja wohl, amigo – es war nicht mißzuverstehen; also adios und einen vergnügten Abend auf der Promenade,« und damit rückte der Mexikaner seinen Hut und schritt rasch und trotzig die Straße hinab. –
Von dem Augenblick an ließ er sich nicht wieder in der Gegend der Stadt blicken, ja, er mußte Lima ganz verlassen haben, da ihn keiner der Polizeileute selber nachher mehr zu Gesicht bekam. Bockenheim war übrigens gar nicht böse darüber, denn er behielt jetzt völlig freien Raum, um seine Vorbereitungen zu schleuniger Abreise zu treffen. Er übergab, wie ihm seine Frau gerathen hatte, seine ganze, ziemlich werthvolle Einrichtung einem bekannten Deutschen, der das dafür gelöste Geld dem ***schen Konsul überliefern sollte, und fuhr dann, ohne von irgend wem weiter Abschied zu nehmen, mit seiner Frau und seinem Gold nach Callao hinunter, von wo der englische Dampfer noch an demselben Tage nach Guayaquil, und von da weiter nach Panama abging.
Das war ein wonniges Gefühl, als die Räder des mächtigen Fahrzeuges erst zu arbeiten begannen, der scharfe Bug die Wasser theilte und das Boot das Land immer weiter und weiter zurückließ, bis sie endlich draußen, weit draußen in See auf der blauen Tiefe schwammen.
»Gott sei Dank!« murmelte er leise vor sich hin, als er vorn am Bug stand und mit leuchtenden Blicken die Schnelle beobachtete, mit welcher sich der Dampfer vom Hafen entfernte. »Gott sei Dank, und nun kann Don Felipe, wenn er wieder nach Lima zurückkommt, sich ein Vergnügen machen, mich dort aufzusuchen. Daß der Schuft auch –,« er murmelte das Uebrige nur leise durch die Zähne; denn selbst die neben ihm stehende Frau sollte nicht erfahren, nach welcher Richtung seine Gedanken abschweiften.
Die Fahrt nach Guayaquil war eigentlich eine Vergnügungstour, und die fünf Tage vergingen den Reisenden wie im Flug. Besonders genoß aber Madame Bockenheim dieselben; denn von Niemanden gekannt, war sie hier vollkommen im Stande, die vornehme Frau zu spielen, und that das wirklich nach besten Kräften. Auf der spiegelglatten See und dem geräumigen Fahrzeug wurde natürlich Niemand krank. Damen kleiden sich trotzdem gewöhnlich an Bord außerordentlich einfach, denn sämmtliche Passagiere bilden ja doch, für die Dauer der Reise, gewissermaßen e i n e Familie, und man ist da nicht gern genirt. Es befanden sich denn auch etwa acht oder neun Sennoritas in der Kajüte – einige davon aus den ersten Familien Lima's und Valparaiso's, auf einer Vergnügungstour nach Europa; aber wirkliche Toilette machten sie auf der ganzen Reise nicht, und gingen nur gewöhnlich in einem ganz einfachen Hauskleid, in dem sie sich frei und bequem bewegen konnten.
Madame Bockenheim s t r a h l t e zwischen ihnen; schon zum Frühstück rauschte sie in Seide und Spitzen unter ihnen herum, und zum Diner erschien sie sogar mit ihrem Brillantschmuck und lächelte vergnügt vor sich hin, wenn die anderen Damen leise mitsammen zischelten – war es ja doch nur der blasse Neid, der sie bewegte.
Am fünften Tag erreichten sie Guayaquil, die südliche Hafenstadt Ecuadors; aber die Passagiere bekamen keine Zeit, das Land zu betreten, da sich der Dampfer nur wenige Stunden hier aufhielt, die für Ecuador bestimmten Passagiere absetzte, Andere für Panama an Bord nahm und dann augenblicklich wieder den Strom hinabkeuchte. Der Steward erhielt kaum Gelegenheit, eine Partie der wundervollen Früchte an Bord zu nehmen, die in Canoes an der ganzen Landung aufgeschichtet lagen und die Luft mit ihrem Arom erfüllten.
Eine Menge neues Volk war dadurch an Bord gekommen, besonders aber viel Kajüten-Passagiere, da eine neue Revolution in Ecuador auszubrechen drohte, und manche Ecuadorianische Familien es doch vorzogen, dieselbe in einem anderen Theile Amerika's abzuwarten. Es fehlte dadurch fast an Bedienung an Bord, und besonders mußten alle Aufwärter aus der vorderen Kajüte oder vielmehr dem Zwischendeck herbeigezogen werden, um bei Tisch zu bedienen. Die Zwischendecks-Passagiere mochten sehen, wie sie allein fertig wurden; denn viel Umstände machte man mit denen nicht.
Am besten bedient waren aber, merkwürdiger Weise, die beiden Deutschen an Bord, Bockenheim und seine Frau; denn einer der Aufwärter, den sie bis Guayaquil noch gar nicht an Bord gesehen, nahm sich ihrer an und schien nur auf ihren Wink zu lauschen, um ihnen augenblicklich zu Diensten zu stehen. War es, daß ihm das vornehme Aussehen der Dame imponirte, oder hatte er sich vielleicht kluger Weise eine ihm reich scheinende Familie ausgesucht, um dann nachher von dieser ein desto ansehnlicheres Trinkgeld zu erhalten: genug, wenn er sich selbst am entferntesten Ende des Salons befand und Bockenheim drehte nur den Kopf, so schoß er schon herbei, um seine Befehle zu erwarten und dann mit fabelhafter Schnelle auszuführen.
Leider war der Bursche – Peruaner oder Ecuadorianer ließ sich nicht gut unterscheiden, da man alle möglichen Schattirungen der Haut bei beiden Völkern trifft – vollkommen stumm, eine Unterhaltung mit ihm also nicht möglich, auch trug er um das linke Auge eine schwarze Binde. Ueberhaupt konnte man ihn nicht hübsch nennen, denn eine auffallend dicke Oberlippe gab seinem Gesicht einen merkwürdigen, fast unangenehmen Ausdruck. Aber er blieb die Gefälligkeit und Aufmerksamkeit selber und gewann sich dadurch die Zuneigung der Frau auf das Vollständigste.
Sein Lohn blieb auch nicht aus. Als sie endlich Panama erreichten, wo die Passagiere in den Hôtels den Abgang der »Karavane« erwarten mußten, gab sie ihm selber »für gute Bedienung« ein Zwanzig-Frankenstück, und hatte dafür die Genugthuung, daß er ihr demüthig und dankbar die Hand küßte. Sprechen konnte der arme Teufel ja nicht. Nur seinen Namen hatte er ihnen schon früher einmal aufschreiben müssen. Er hieß Pablo.
In Panama wurden die Reisenden einige Tage aufgehalten; denn die Eisenbahn, die den Isthmus kreuzt, war damals erst im Bau begriffen, und sie mußten deshalb den weit beschwerlicheren und kostspieligeren Weg per Maulthier zu Land bis dahin zurücklegen, wo sie den Chagresfluß erreichten, und dann ihre Reise, diesen kleinen Strom hinab in Canoes, und von der Strömung getragen, bequemer fortsetzen konnten.
Aber selbst nicht ohne Gefahr war dieser erstere Weg; denn amerikanisches Gesindel hatte in der letzten Zeit angefangen, den von Kalifornien zurückkehrenden und meistentheils goldbeschwerten Reisenden aufzulauern und sie zu überfallen und zu berauben. Ja sogar verschiedene Mordthaten waren verübt worden, so daß sich Niemand mehr allein über den Isthmus getraute, sondern die Reisenden, wenn der Dampfer in Panama landete, jedesmal geschlossene und gut bewaffnete Züge bildeten, von denen die Strauchdiebe dann wohl die Hände lassen mußten.
So geschah es auch hier. Der Dampfer von San Francisco hätte eigentlich auch gerade in dieser Zeit eintreffen sollen, war aber ausgeblieben, und da die vom Süden kommenden Passagiere ebenfalls schon einen ganz ansehnlichen Zug stellen konnten, beschlossen sie, nicht auf das Unbestimmte in dem überdies entsetzlich theuren Panama zu warten, sondern ungesäumt ihre kleine Karavane zu ordnen und aufzubrechen.
Das geschah am dritten Tage nach ihrer Ankunft, und so arg mußten es die Isthmus-Räuber doch in der letzten Zeit getrieben haben, daß sich die Neu-Granadiensische Regierung sogar veranlaßt sah, den Reisenden als Schutz eine kleine Abtheilung Kavallerie mitzugeben, um ihre Truppe zu verstärken und sicher zu stellen. Es waren, besonders von Amerika, zu viel Reklamationen eingelaufen, und man wollte doch wenigstens zeigen, daß man den guten Willen hatte, Fremden Sicherheit im eigenen Lande zu gewähren. Viel war es immer nicht, denn bei dem Ueberfall einer größeren Horde hätten sich die Neu-Granadiensischen Soldaten auch wahrscheinlich nicht lange aufgehalten. Was sollten sie ihr kostbares Leben einer Anzahl Fremder wegen aufs Spiel stellen?
Der Trupp war aber doch so zahlreich geworden, daß sie allein durch den Lärm, den sie machten, Achtung einflößen konnten, und mit gutem Muth begannen sie die Tour, die freilich schon an und für sich durch den weichen, morastigen Boden und die ewigen Regen in Mittel-Amerika genug des Unangenehmen bot – ohne noch Räubern und Mördern auf der Straße zu begegnen.