Kreuz und Quer: Dritter Band

Friedrich Gerstäcker · Kapitel 22 von 24

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Kreuz und Quer: Dritter Band

Viertes Kapitel. Auf dem Chagresfluß.

Madame Bockenheim stand aber noch, ehe sie aufbrachen, eine Ueberraschung bevor; denn als an dem Morgen im Hof des Panama-Hôtels die Maulthiere vorgeführt wurden, um beladen zu werden, meldete sich plötzlich der gefällige Kellner vom Dampfboot, der stumme Pablo, bei ihnen und zeigte so viel Freude und machte ihr durch Zeichen so klar, daß er ebenfalls über den Isthmus, und sie unterwegs bedienen wolle, daß sie den Burschen augenblicklich engagirte. Ein treuer Diener war auf einer solchen Reise allerdings von unschätzbarem Werth, und Bockenheim, der mit Maulthieren nicht besonders umzugehen wußte, zeigte sich mit der neuen Acquisition vollkommen einverstanden.

Pablo verstand seine Sache aus dem Grunde. Er sah augenblicklich die Packsättel der Maulthiere nach und warf den einen, der nicht ordentlich aufgelegt schien, ohne Weiteres wieder hinab, um die darunter liegenden Decken frisch zu ordnen, damit die Thiere nicht wund gedrückt würden. Dann sprang er hinauf, um das Gepäck zu holen, und wenn Bockenheim das auch lieber selber besorgt hätte – denn die kleinen Colli enthielten viel Gold und waren schwer – so hatten sie ja doch in so starker Begleitung Nichts zu fürchten, und der arme s t u m m e Mensch konnte auch Nichts ausplaudern, und schien überhaupt sehr stiller, friedlicher Natur.

Durch Pablo's Hülfe gelang es ihm auch weit rascher, mit all' seinen Vorbereitungen zu Stande zu kommen, als das sonst wahrscheinlich der Fall gewesen wäre, und kaum eine Stunde später setzte sich der Zug in Bewegung, um so bald als möglich die Ufer des Atlantischen Ozeans zu erreichen.

 

Vi e r t e s K a p i t e l .

Auf dem Chagresfluß.

Es war in der That eine mühsame Tour. Wer noch nie diese tropische, dicht bewaldete und von ewigem Regen feucht gehaltene Wildniß durchwandert hat, kann sich wirklich keinen Begriff von den Schwierigkeiten machen, die sich da dem Reisenden entgegenstellen und ihm überall Hindernisse in den Weg werfen.

Die Vegetation ist unglaublich, und während Palmen und Laubhölzer ein anscheinend festes Dach über den Wanderer wölben, daß kein Sonnenstrahl wenigstens auf den Boden fallen, keine frische Brise seine heiße Stirn kühlen kann, läßt es den niederfluthenden Regen in Strömen durch, denn jedes Palmenblatt bildet eine besondere Wasserrinne. Der Boden wird dadurch natürlich fortwährend naß und weich gehalten, sumpfige Strecken durchziehen nach allen Richtungen hin den Pfad, so daß die Maulthiere bald hier, bald da bis über die Knie im Morast versinken und manchmal durch die Treiber selber wieder herausgehoben und auf die Füße gebracht werden müssen. Und dabei dies oft undurchdringliche Unterholz mit dornigen Schlingpflanzen, breiten, nassen Blättern, Palmschößlingen und niederen Büschen, durch das man sich an vielen Stellen die Bahn mit dem Messer oder der macheta hauen muß, und in welchem die Thiere trotzdem überall hängen bleiben.

Kein Wunder, daß man auf solchem Boden nur kleine, sehr kleine Tagereisen machen kann. Den Abend verbringen die total durchnäßten Reisenden dann unter einem von Palmblättern rasch hergestellten und sogenannten Rancho, unter dem sie wenigstens trocken liegen. Außerdem ist auch das Klima so warm, daß ihnen die Nässe selber Nichts schadet, denn Erkältungen kommen dort nicht vor.

Hier aber, im ersten Nachtlager, zeigte sich erst, welchen vortrefflichen Begleiter die Familie Bockenheim auf ihrem Wege gewonnen hatte; denn Pablo schien im Urwald und bei einem niederströmenden Regen unbezahlbar. Ohne dazu beauftragt zu sein, lud er die Maulthiere ab, brachte das Gepäck zusammen auf einen engen Raum, legte die Decken darüber und über diese die Packsättel, und ging dann mit einem kleinen Beil, das er jedenfalls nur zu diesem Zweck bei sich führte, augenblicklich daran, eine Palme zu fällen, die Blätter derselben dann zu spalten und nach einer passenden Stelle zu schaffen, wo er das Lager für seine neue Herrschaft aufzuschlagen gedachte. Rasch hatte er jetzt Pfähle gehauen und in den Boden gerammt, Querhölzer darüber gelegt und deckte die temporäre Hütte dann mit den Palmzweigen so fest und dicht, daß auch kein Tropfen Regen hindurchdringen konnte.

Auch weiche breite Blätter suchte er aus, um ein bequemes Lager zu bereiten, und schichtete sie dick unter dem Palmendach auf, so daß Bockenheim und seine Frau, wie sie nur erst ihr Gepäck an sich genommen und ihre Decken ausgebreitet hatten, so bequem und weich wie in einem Bette lagen.

Dabei sorgte der stumme Diener für Alles, bereitete ihnen das Abendbrod, zog sich dann auf sein eigenes Lager am äußersten Rand des Blätterdachs zurück, und hatte am nächsten Morgen i h r e Maulthiere zuerst von allen beigetrieben und gesattelt.

In gleicher Art verbrachten sie das zweite Nachtquartier; dieser Tagemarsch war aber fast noch beschwerlicher gewesen, als der erste, denn ein wahrer Wolkenbruch entlud sich über die Höhen und wandelte die weiche Moorerde zu einem flüssigen Morast, so daß einzelne Maulthiere abgeladen werden mußten, um sie nur wieder aus den Sumpflöchern zu befreien, in denen sie eingesunken waren. Natürlich hielt das die ganze Karavane auf. Die einzelnen Reisenden durften sie doch nicht im Stich lassen, und wenn auch nicht mehr weit vom Chagresfluß entfernt, konnten sie ihn doch nicht an diesem Abend erreichen, und mußten zum zweiten Mal im Walde lagern.

Endlich am dritten Morgen kamen sie in Sicht des Stromes, und Pablo winkte hier seinem neuen Herrn, daß er nur bei dem Zuge bleiben solle, indeß er selber voraus eilte und ein Canoe für sie schaffte. Es gab allerdings eine Menge von Indianern in jener Gegend, die es einträglich gefunden hatten, sich mit dem Transport von Fremden zu befassen; aber es war doch immer besser, sich gleich von vornherein ein Canoe zu sichern, um nicht einmal der Möglichkeit ausgesetzt zu sein, in dieser Wildniß von den Uebrigen zurückgelassen zu werden. Jetzt nämlich, mit dem Strom vor sich, der sie in kurzer Zeit an die Küste bringen konnte, hätte Keiner mehr auf den Anderen gewartet. Es dauerte auch nicht lange, so kehrte Pablo zurück und winkte der Sennora, ihm nur zu folgen. Er mußte jedenfalls ein passendes Boot gefunden haben, säumte auch nicht lange, sondern nahm die Thiere und führte sie eine kurze Strecke stromauf, wo sie schon durch die dort offenen Büsche eine Lichtung mit einer Hütte erkennen konnten.

Dicht darunter lag ein nicht sehr großes, aber bequemes Canoe, das er für sie gemiethet zu haben schien. Der Preis dafür war allerdings, wie er in den Sand schrieb, eine Unze, also sechszehn Dollars, aber auch wieder nicht zu viel, wenn man bedachte, wie gerade dieser Volksstamm durch den zahlreichen Verkehr verwöhnt worden war, hohe Preise zu fordern. Bockenheim zahlte es auch mit dem größten Vergnügen; denn hatten sie doch jetzt die beschwerliche und sogar gefährliche Landreise hinter sich, und durften also hoffen, bald, recht bald das Ziel ihrer Reise zu erreichen. Einmal erst an Bord des Dampfers, und sie waren so gut wie zu Hause.

Und wie glücklich war bis jetzt Alles gegangen. Von Räubern hatten sie auch nicht die Spur unterwegs gesehen, noch weniger irgend eine Unbequemlichkeit von ihnen erlitten. Die Neu-Granadiensische Eskorte nahm hier, mit einer reichlichen Belohnung für die einzelnen Leute, Abschied von ihnen, um eine gerade stromauf gekommene Gesellschaft zurück zu eskortiren. Sie hörten auch hier, daß zwei Dampfer, der eine für New-York, der andere für San Thomas bestimmt, vor Colon lagen. Der amerikanische wartete also auf die San Francisco Mail, der westindische dagegen segelte gleich ab, und je eher sie deshalb hinab kamen, desto besser.

Wenn die Reisenden nun aber auch kein räuberisches Gesindel unterwegs und auf dem festen Land getroffen hatten, so war damit die Möglichkeit noch gar nicht ausgeschlossen, daß sich einzelne solcher Strolche auf dem Chagresfluß selber herumtrieben, und es blieb deshalb gerathen, die Canoes der verschiedenen Parteien dort ebenso zusammen zu halten, wie auf dem Lande ihre Maulthiere. Bockenheim wäre allerdings, da er am ersten mit Pablo's Hülfe reisefertig geworden, auch am liebsten voraus gefahren, denn der Boden brannte ihm hier unter den Füßen; Pablo selber aber rieth ihm durch Zeichen, zu warten, bis die Uebrigen sich ihnen anschließen konnten, und Mittag war es etwa, als sich die kleine Canoeflotte endlich in Bewegung setzte und mit der ziemlich starken Strömung rasch den Fluß hinabglitt.

Der Indianer, dem das von Pablo gemiethete Canoe gehörte, saß am Steuer oder ruderte vielmehr im Stern seines kleinen Fahrzeuges; vor ihm, seine Schätze zu seinen Füßen, saß Bockenheim, dann kam Pablo, der ebenfalls ein Ruder führte, um sie rascher vorwärts zu bringen, und vorn im Bug hatte er der Sennora noch kurz vorher, ehe sie aufbrachen, von breiten Bananenblättern und übergebogenen Bambusstäben ein kleines Zeltdach gebaut, das sie gegen die Strahlen der Sonne oder etwa eintretende Regenschauer vollkommen schützen konnte. Allerdings hatten sich noch einige Reisegefährten als Mitpassagiere gemeldet, weil sie dadurch billiger wegzukommen hofften; Pablo zupfte aber dann jedesmal seinen neuen Herrn verstohlen, um ihm abzurathen, und Bockenheim selber hatte seine besonderen Gründe, keine fremden Menschen in sein Fahrzeug zu nehmen. So blieben sie denn allein und führten auch, von den beiden kräftigen Rudern vorwärts getrieben, bald den ganzen Zug an.

Wie heiß aber die Sonne brannte – Bockenheim briet ordentlich in ihren Strahlen, und der aufmerksame Diener winkte endlich dem Indianer zu und schrie ihn in unartikulirten Lauten so lange an, bis dieser etwas seitab in den Schatten der über den Strom hineinhängenden Bäume hielt. Dadurch kamen sie allerdings aus der eigentlichen Strömung, und andere Canoes gewannen ihnen den Rang ab; aber was schadete das? Sie erreichten doch noch immer zur rechten Zeit die Mündung und konnten indessen wenigstens bequem im Schatten fahren.

Das Canoe aber, das Anfangs das erste gewesen, blieb jetzt mehr und mehr zurück. Pablo schien doch mit Maulthieren besser und geschickter umgehen zu können, als mit einem Ruder. Der Indianer zankte wenigstens ein paar Mal auf ihn ein, wenn er durch irgend ein Versehen den Bug des Fahrzeuges aus seiner Richtung und in irgend ein paar Zweigen oder aushängendem Holz fest brachte, was immer einen geringen Zeitverlust erforderte, um es wieder los zu bekommen. Er nahm aber solche Scheltworte ruhig und demüthig hin, und that nachher sein Bestes, um es wieder gut zu machen.

Die Sonne neigte sich zu ihrem Untergang, aber die Entfernung sollte, nach des Indianers Angabe, gar nicht mehr so weit sein, um nicht wenigstens das kleine Städtchen Aspinwall noch zu erreichen. Der Himmel blieb dazu klar, Mondschein hatten sie ebenfalls, und bei fast windstiller Luft war nicht das Geringste zu befürchten. Sie brauchten ja eben nur mit der Strömung hinabzutreiben.

Es war eine wundervolle Fahrt, und Bockenheims Frau besonders, die nie etwas Aehnliches gesehen, ganz entzückt von der prachtvollen, unbeschreiblich schönen Scenerie. Allerdings sahen sie nicht viel von dem sich an beiden Seiten hinziehenden Wald, denn die ziemlich steilen und schroffen Ufer verhinderten sie daran; aber überall über diese hinaus hingen die herrlichsten Festons blumengeschmückter Ranken, neigten die Palmen ihre gefiederten Wipfel oder schüttelten breitblättrige Bananen ihre zitternden Wedel. Wo aber einmal ein kleiner Bach in den Chagres einmündete oder selbst nur ein Sumpfwasser das, aus dem niederen Land kommend, hier seinen Ausfluß suchte, da überbot die dort wuchernde Vegetation Alles, was die Deutschen bis dahin für möglich gehalten, und diese konnten manchmal einen Ausruf des Staunens und der Bewunderung nicht unterdrücken.

Wie ein kleiner, aus einem Feenmärchen herausgeschnittener Zauberhain lagen zuweilen solche Stellen, mit dem beengten Wasserspiegel in der Mitte und von Palmen und Laubholzgruppen, von Ranken und Lianen wie in einen Rahmen eingefaßt, und ein paar Mal hemmte Pablo selber den Lauf des Canoes, damit sie nicht zu rasch an solch' zauberschönem Bild vorübergeführt wurden.

Allein auch das Materielle verlangte zuletzt sein Recht. Die Natur schien allerdings all' ihre Reichthümer hier auf diese eine Strecke verschwendet zu haben, aber die Reisenden waren trotzdem hungrig und durstig geworden, und wenn sie auch Lebensmittel und Wein im Canoe mitführten, fehlte es ihnen doch an Früchten. Besonders Madame Bockenheim verlangte darnach, Pablo aber winkte ihr zu, sich nur noch einen Augenblick zu gedulden, denn sie würden, wie er mit der Hand zeigte, bald an eine Hütte am Ufer kommen, wo sie deren reichlich fänden.

Sie hatten sich schon so an ihren stummen Diener gewöhnt, daß sie dessen Zeichen so gut verstanden, als ob er mit Worten zu ihnen gesprochen hätte. Uebrigens wollte die Frau auch die Bestätigung, ob es an der nächsten Hütte Früchte gäbe, von dem Indianer hören; dieser lachte nur und nickte mit dem Kopf. Es mochte ihm komisch vorkommen, daß es da k e i n e geben sollte, denn die Leute lebten ja fast einzig und allein davon.

Malerisch genug sahen die einzelnen Wohnungen der Eingeborenen aus, die sie hier und da am Ufer getroffen hatten, von Bambus errichtet, mit Palmfasern oder Blättern gedeckt, und nackte und halbnackte braune Gestalten bemerkten sie auch hie und da unten am Ufer, theils um Wasser zu holen, theils um zu fischen, theils um sich zu baden. Solchen Plätzen darf man aber, einen so romantischen Anstrich sie auch haben mögen, nicht zu nahe kommen; denn der Schmutz in diesen Wohnungen ist wirklich entsetzlich, und Bockenheim selber hatte schon genug von den kalifornischen Indianern in dieser Hinsicht gesehen, um kein großes Verlangen nach dem Besuch einer dieser Baraken zu fühlen. Außerdem durften sie sich auch nicht zu lange aufhalten, denn so eben verschwand das letzte Canoe ihrer kleinen Flotte hinter der nächsten Biegung des Stromes.

Der Indianer sagte ihnen übrigens, daß die kleine Hütte, die sie jetzt vor sich sahen, die letzte am Ufer des Stromes wäre, wo sie Früchte bekommen könnten, da der Chagres von hier ab durch lauter sumpfiges Land ströme. Pablo hatte mit seinem Ruder vorn den Bug auch schon herumgeworfen, daß sie jetzt gerade darauf zu hielten, und wenige Minuten später scheuerte derselbe den weichen Schlamm.

Pablo sollte nun, da er vorn im Canoe saß, hinauf gehen und Früchte holen; er lachte aber verlegen und deutete auf seinen Mund. Wie konnte der arme Teufel dort sagen, was er haben wollte? Bockenheim selber aber hatte keine Lust, das Canoe zu verlassen, und der Indianer wurde deshalb beordert, hinauf zu laufen und mitzubringen, was er rasch finden könne, auch wo möglich einen Trunk Milch für die Frau oder wenigstens ein paar Kokosnüsse. Bockenheim gab ihm dazu einen spanischen Dollar.

In dem schwankenden Canoe konnte er aber nicht gut über die vor ihm Sitzenden wegsteigen, noch dazu da die Laube, unter welcher die Frau ihren Platz hatte, sein Aussteigen hinderte. Pablo stieß deshalb das Canoe wieder zurück und suchte es seitwärts an das Land zu bringen, was ihm auch endlich gelang. Dann sprang er hinaus in das Schlammwasser, ob es ihm auch fast bis an die Hüfte ging, und hielt es fest, damit der Indianer rasch und leicht hinaus und nachher die Früchte auch bequem einladen konnte.

Das Ufer war hier bis an den Strom hinab bewaldet, und nur ein schmaler, ausgehauener Pfad führte an der Uferbank hinauf, in dem der Indianer gleich darauf verschwand, um seinen Auftrag auszuführen.

Pablo indessen, der noch immer im Wasser stand und den Rand des Canoes festhielt, drehte es jetzt so, daß es mit dem Stern oder Hintertheil mehr an's Ufer kam, damit der Steuernde, wenn er zurückkehrte, augenblicklich seinen Platz wieder einnehmen konnte. Bockenheim, der behaglich ausgestreckt in dem kleinen Fahrzeug lag, sah ihm zu und nickte beifällig mit dem Kopf. Die Sonne war schon hinter den Baumwipfeln verschwunden und die Luft dadurch kühl und labend geworden. Und wie still und ruhig die Welt hier schien, kein Lüftchen regte sich, kein Laut wurde gehört, auch keines der übrigen Canoes befand sich mehr in Sicht – sie mußten ihnen ein tüchtiges Stück vorausgekommen sein – aber was schadete das? Vor morgen früh fuhr der westindische Dampfer schwerlich von Colon ab, oder wenn doch, dann lag ja doch noch der nordamerikanische dort, der jedenfalls die Postsäcke von San Francisco erwarten mußte. Den erreichten sie gewiß, und konnten dann ihre Reise mit diesem fortsetzen. Gelegenheit nach Deutschland gab es von da ab genug, und e r war unter jeder Bedingung in Sicherheit.

Still vor sich hin lachte er dabei, wenn er an seinen alten Freund aus den Minen, den Mexikaner, dachte, wie der ihn jetzt in Lima suchen und wie wüthend er sein würde, wenn er endlich erführe, daß er da draußen auf dem Meere schwimme. Nach Deutschland mochte er ihm dann folgen; wo sollte er ihn da finden? Und w e n n er ihn wirklich fand, welches deutsche Gericht hätte sich auf eine so wahnsinnige Anklage hin seiner angenommen?

Ganz in seine Gedanken vertieft, hatte er gar nicht mehr auf den stummen Diener geachtet, der indessen an Bord gestiegen war, das Canoe etwas heranzog, dann das Ruder in die Hand nahm und nun langsam den Platz einnahm, den der steuernde Indianer vorher inne gehabt. Jetzt setzte er ruhig das Ruder gegen die Uferbank und schob das Canoe leise in den Strom hinaus und vom Lande ab.

»Halt, Pablo,« sagte Bockenheim, ohne aber seine Stellung noch zu verändern, »nimm Dich in Acht; wir werden flott, und ich glaube, Du weißt nicht besonders mit einem Canoe umzugehen.«

Pablo's Augen blitzten von unheimlicher Gluth.

»Doch, Don Gaspard,« lachte er plötzlich mit heiserer Stimme, indem er das Canoe mit einem einzigen kräftigen Ruderschlag bis weit hinaus in die Strömung schießen ließ – »vortrefflich!«

»Alle Teufel!« schrie Bockenheim, in dem ersten Moment mehr davon überrascht, daß der Stumme sprach, als noch mit einem anderen Gedanken beschäftigt, indem er halb herum fuhr und sich auf seinen rechten Ellbogen stützte, um den also entpuppten Diener anzusehen, der aber indeß mit reißender Schnelle das schlanke Fahrzeug von der Landung abführte. Einen raschen Blick hatte dieser dabei über das untere Ufer geworfen, und ein triumphirendes Lächeln zuckte um seine Lippen, als er nirgend mehr ein Canoe am Ufer bemerken konnte. Es bedurfte keiner weiteren Vorsicht, denn seine Bahn war frei.

»Aber Pablo!« rief Madame Bockenheim erschreckt, »der Indianer mit den Früchten ist ja noch auf dem Lande!«

»Kennt Ihr mich nicht, Don Gaspard?« rief da Pablo. »Hat mich die Augenbinde, der abrasirte Bart und das kurz geschnittene Haar so verändert, daß Ihr Euren alten Freund Felipe nicht unter der Maske des Kajütenwärters gespürt habt?«

»Felipe!« schrie der Deutsche, während Todtenblässe seine Züge deckte, »Teufel!« und fast krampfhaft suchte er sich emporzurichten, um den rechten Arm frei zu bekommen und nach seinem Revolver zu greifen; aber der Mexikaner war schneller, als er. Das Ruder in der linken Hand lassend, griff er mit der rechten neben sich und faßte das dort versteckte Beil.

»Räuber und Mörder!« zischte er zwischen den zusammengebissenen Zähnen durch, »da nimm Deinen Lohn!« Und wie das Beil blitzschnell in die Höhe zuckte, fuhr es zurück und grub sich tief in die Stirn des Unglücklichen, der lautlos, nur mit einem dumpfen Röcheln, vornüber und zu seinen Füßen zusammenbrach.

Einen einzigen gellenden, markdurchschneidenden Schrei stieß die Frau aus, die das Entsetzliche kaum begriff. Aber sie sah den Schlag, der nach ihrem Mann geführt wurde, hörte den dumpfen Laut, als die Waffe seine Stirn traf, und sank ohnmächtig auf ihren Sitz zurück.

Weiter verlangte der Mexikaner Nichts, und sich um die Leiche zu seinen Füßen nicht mehr kümmernd, legte er das Beil wieder neben sich und ruderte dann, langsamer als vorher, den Fluß hinab, um die vorangegangenen Canoes nicht einzuholen. Nur dicht am linken Ufer hielt er sich, damit er von der eben verlassenen Landung nicht mehr gesehen werden konnte, und fühlte sich dabei vollkommen sicher, daß ihm von dort ab, ehe nicht ein Canoe vorüber kam, Niemand im Stande war zu folgen. Am Ufer hin, in Sumpf und Schlingpflanzen, wäre es unmöglich gewesen, den Weg zurückzulegen.

Kaum hatte er aber die nächste Biegung hinter sich und sah die Bahn auch vor sich frei, als er sich nach einem Platz umschaute, an welchem er, von dem Gebüsch versteckt, landen konnte; denn mit der Frau durfte er natürlich nicht nach Colon fahren. Eine solche Stelle zeigte sich auch bald. Dicht unterhalb einer Schlammbank hatte sich eine natürliche kleine Bucht gebildet, die auch jetzt weit genug von der zuletzt verlassenen Hütte ablag, um dort ein Hülferufen nicht mehr zu hören. Wohl durchzuckte ihn der Gedanke, auch die Frau des Verbrechers unschädlich zu machen; denn war sie todt, so konnte sie nicht mehr als Klägerin gegen ihn auftreten – aber er sträubte sich auch gegen den Mord eines Weibes – den Verbrecher hatte seine Strafe ereilt – sie selber trug keine Schuld, und rasch und geschickt lenkte er jetzt den Bug des Canoes mitten in die überhängenden Zweige hinein, und hatte es wenige Minuten später so sicher hinter dem Gebüsch verborgen, daß selbst ein vorbeifahrendes Canoe seinen Versteck nicht hätte finden können.

Die Frau lag noch in ihrer Ohnmacht, und er benutzte die freie Zeit, um den schweren Leichnam des Deutschen ans Land zu heben und zu untersuchen. Den Revolver und die Brieftasche nahm er an sich, das Gold, welches er bei ihm fand, legte er zurück ins Canoe. Das beendet, zog er dem Ermordeten die oberen Kleider aus, band ihm ein Seil, das er bei sich führte, um den Körper, befestigte das Ende desselben im Canoe und ließ dann den Leichnam wieder ins Wasser gleiten, damit die Frau, wenn sie sich erholte, nicht seiner ansichtig würde.

Das geschah indessen rascher, als er selber geglaubt, und wie furchtbar ihr Erwachen war, läßt sich denken. Aber die Angst lähmte ihre Zunge, denn sie sah sich mit dem Furchtbaren allein, und wußte nicht, was nun auch ihr Schicksal sein würde. Felipe bemerkte aber kaum, daß sie zur Besinnung zurückgekehrt sei, als er ruhig sagte:

»Sennorita, Sie haben für sich Nichts zu fürchten, wenn Sie sich still verhalten und nicht wahnsinnig genug sind, Hülfe herbeirufen zu wollen, wo keine zu bekommen ist.«

»Aber mein Mann – mein Mann!« stöhnte die Arme.

»Er war ein Schurke!« rief der Mexikaner finster, »und alles Gold, das er mit nach Peru gebracht, nur der Raub, den er m i r abgenommen, als er mich meuchlings im Kalifornischen Walde überfiel. Er hat seine Strafe erhalten – die Alligatoren des Chagres verzehren jetzt schon ihre Beute.«

»O mein Gott! O mein Gott!« winselte die arme Frau, »und was wird jetzt aus mir?«

»Wenn Sie mir das Versprechen geben,« sagte der Mexikaner, »daß Sie sich h e u t e , an der Stelle auf welcher ich Sie hier aussetzen muß, vollkommen ruhig verhalten wollen, so werde ich Ihnen Geld genug geben, um Ihre Rückfahrt zu decken. Es ist mehr, als Ihr Mann damals für mich gethan. Morgen früh kehren dann die Canoes zurück, die jene Passagiere nach Colon gebracht haben – die mögen Sie anrufen und um Hülfe bitten. Auch Lebensmittel sollen Sie da behalten, um davon zu zehren; ich habe keine Vergeltung an Ihnen zu üben, nur an dem Verbrecher.«

»Und hier, in dem furchtbaren Sumpf soll ich allein zurückbleiben?« stöhnte die Frau entsetzt.

»Es geschieht Ihnen Nichts,« lachte der Mexikaner bitter; »halten Sie sich nur ein wenig vom Ufer ab, daß Sie nicht in der Nacht mit einem Alligator zusammentreffen, dann haben Sie nichts zu fürchten; aber,« setzte er drohend hinzu, »wagen Sie es, auch nur e i n e n Hülferuf auszustoßen, dann sind Sie verloren. Gleich unterhalb dieser Stelle werde ich selber bis Mitternacht versteckt bleiben, um dann nach Colon herunter zu fahren. Höre ich einen einzigen Laut, dann haben Sie kein Erbarmen mehr zu hoffen; denn ich darf mich selber keiner Gefahr aussetzen.«

Noch während er sprach, hatte er die Frau ans Land geführt und ihre Sachen, die er recht gut kannte, aus dem Canoe geschafft, ebenso fast Alles, was sich an Lebensmitteln im Fahrzeug befand. Die Frau war auf den Boden gesunken und barg ihr Antlitz in den Händen. Leise schob indessen der Mexikaner das Canoe wieder vom Land ab und schleifte den daran hängenden Körper hinter sich her, bis in tiefes Wasser. Die Frau regte sich nicht. Wenige Minuten später befand er sich draußen in der Strömung, durchschnitt das Seil, das den Leichnam hielt, und glitt jetzt, so rasch ihn das Ruder fördern konnte, den Strom hinab.

Dort galt es allerdings, vor allen Dingen die Blutspuren im Canoe fortzuschaffen, damit diese nicht einen Verdacht gegen ihn wecken konnten. Das that er, während er, von der Strömung getragen, weiter trieb mit den dem Deutschen abgenommenen Kleidungsstücken, die er nachher ins Wasser warf. In kaum einer halben Stunde, und noch vor oder mit eben einbrechender Dunkelheit, war er fertig und hatte sein Canoe wieder so sauber und blank gewaschen, daß man auch nicht das mindeste Außergewöhnliche mehr daran erkennen konnte. Er dachte aber gar nicht daran, sich in der Nähe der am Ufer zurückgelassenen Frau versteckt zu halten; die Drohung sollte nur dazu dienen, sie einzuschüchtern, damit sie nicht vor der Zeit doch noch Hülfe herbeischrie und unbequeme Verfolger auf seine Fährte setzte. Jetzt hatte er deshalb Nichts weiter zu thun, als den Canoes der übrigen Passagiere auszuweichen, und in Nacht und Dunkelheit war schon keine Gefahr mehr, mit ihnen zusammenzutreffen.

Wer von diesen bekümmerte sich aber auch um andere Passagiere, noch dazu um die Deutschen, mit denen sie wenig oder gar nicht an Bord verkehrt? Ein Theil von ihnen beabsichtigte, direkt nach New-York, ein anderer nach San Thomas zu fahren; es fragte Keiner von Allen darnach, wohin s i e sich gewandt.

Der Mexikaner erreichte Colon etwa um elf Uhr Abends, gedachte aber nicht, an der Stadt anzulegen, und fragte nur einen Fischer, den er noch an der Mündung des Stromes mit seinen Netzen beschäftigt fand, ob er wisse, welcher der beiden dort südlich von ihnen liegenden Dampfer zuerst abfahren werde.

»Caramba, Señor, seht Ihr denn das nicht?« lachte der Mann. »Der eine raucht ja schon aus Leibeskräften. Wenn Ihr da noch an Bord wollt, müßt Ihr machen.«

Felipe verlangte nicht, mehr zu hören; er legte sich scharf ins Ruder, und war bald langseit des Dampfers, wo sich die Matrosen, die sein Gepäck an Bord zu nehmen hatten, nicht wenig über das G e w i c h t der beiden kleinen Koffer wunderten. Aber Niemand fragte ihn, woher er käme, oder achtete darauf, daß er vorn ins Zwischendeck ging und dort seine Passage nahm. Nur bei dem Clerk des Dampfers mußte er sich melden und diesem die Fahrt nach San Thomas, wo das englische Boot zuerst anlegte, zahlen.

Andere Passagiere trafen noch ein, aber Alle für die Kajüte, Keiner von Allen kam nach vorn, und als um zwölf Uhr die Räder anfingen zu arbeiten, der schwere Anker aus der Tiefe kam, saß Felipe in Sicherheit vorn auf der Back des Fahrzeuges und schaute mit finster zusammengezogenen Brauen nach der Mündung des Chagresflusses, der sein Opfer barg, hinüber.

Am nächsten Morgen schien ganz Colon in Aufregung; denn ein Indianisches Canoe war mit der Frau des Ermordeten eingetroffen, und die Polizei augenblicklich auf den Füßen – aber zu spät. Der nordamerikanische Dampfer sollte San Thomas anlaufen, um den Verbrecher dort aufzuspüren, aber der Kapitän weigerte sich; es war ein Postschiff, das seine Zeit einhalten mußte und sich nicht tagelang aus dem Wege fahren konnte. Die Frau wollte er nach New-York mitnehmen, weiter konnte er nichts für sie thun.

Es hätte ihnen auch Nichts genützt; denn vor San Thomas kreuzen, sobald der englische Dampfer anlegt, augenblicklich eine Menge kleiner Segelfahrzeuge nach den verschiedenen Inseln, ja selbst nach Venezuela ab; und wer hätte nachher sagen können, welches von allen der Flüchtige benutzt hatte, um vor der Hand nur erst einmal die Verfolger von seiner Spur abzubringen? Er war fort und in Sicherheit mit seinem Raub, und die Frau des Schuhmachers kehrte später mit dem kleinen Kapital, das sie in ihrem eigenen Koffer geborgen, nach Deutschland zurück. Allerdings gewann sie noch eine Summe aus dem Erlös ihrer Brillanten, die ihr der Mexikaner gelassen, oder an die er wohl nicht einmal gedacht, und nahe an tausend Thaler lieferte auch noch die später in Lima verkaufte Einrichtung; aber wie anders hatte sie geglaubt, das Vaterland wieder zu betreten!

Sie gab auch, dort angekommen, die Hoffnung noch nicht auf, den Mörder zu erreichen. Augenblicklich machte sie die Anzeige, und der ***sche Gesandte in Mexiko, wie die verschiedenen Consuln, bekamen bestimmten Auftrag, nach demselben zu forschen, daß man nur erst einmal seinen Aufenthalt erfuhr. Es blieb vergeblich. Ob Felipe Corona gar nicht wieder nach Mexiko zurückgekehrt war? Seine Spur wurde nie wieder aufgefunden.