Kreuz und Quer: Dritter Band

Friedrich Gerstäcker · Kapitel 4 von 24

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Kreuz und Quer: Dritter Band

Drittes Kapitel. Der erste Schlag.

Jim wollte die Sache freilich nicht aus dem Kopf und als er gegen Mittag noch einmal wieder zu ihr in's Haus kam, frug er sie:

»Höre, Betsy, was hat Dir der Bursche denn eigentlich gesagt? es wäre mir lieb, wenn ich's erfahren könnte.«

»Laß ihn nur, Jim,« meinte aber die Schwester, »er wird uns hier nicht wieder in's Haus kommen,« setzte dann ihr Bonnet auf, nahm ihren kleinen Korb und ging hinaus in's Maisfeld, um dort Bohnen für das Mittagsessen zu pflücken.

 

D r i t t e s K a p i t e l .

Der erste Schlag.

Am Fourche-la-fave änderte sich in der nächsten Zeit wenig und die Bewohner desselben wußten eigentlich gar nicht, wie glücklich und unbelästigt sie bis jetzt von den Schrecken des Krieges verschont lebten, während im Osten die Brandfackel in friedliche Hütten geschleudert wurde und in Virginien besonders der Boden das darauf vergossene Blut kaum mehr einsaugen konnte. Insofern befanden sie sich aber auch am Fourche in einer peinlichen Lage, als sie die U n g e w i ß h e i t quälte: denn was nur an abenteuerlichen, oft unmöglichen Dingen von der einen oder anderen Partei erfunden werden mochte, fand doch sicher seinen Weg hier her in den Wald, und hielt die Bewohner, besonders die Frauen, in einem steten Grad peinlicher Aufregung.

Uebrigens rückte ihnen der Kampfplatz auch näher, denn der Norden fing an einzusehen, daß er den Süden nie würde bezwingen können, wenn er nicht den Mississippi, die Hauptstraße des Westens und Südens, vollständig in die Hand bekam. Aber der Süden wußte das ebenfalls, und wenn auch New-Orleans genommen und in den Händen der Yankees war, den oberen Mississippi, Vicksburg und Memphis hielten die Südländer fest besetzt, und waren von hier aus im Stande ihre Heere im Osten leicht mit dem im Westen aufgekauften Vieh zu verproviantiren. Fuhr ihnen dann auch einmal ein Kanonenboot des Northerners an der Nase vorüber und bedrohte die Communication, so konnte es sich doch nie lange dort halten, und die Nord-Armee fing deshalb auch schon an ihre Macht besonders gegen Vicksburg zu entwickeln, um den Feind dadurch von allen Seiten einzuschließen.

Indessen waren die Secessionisten aber auch in diesem Theil von Arkansas gerade besonders thätig gewesen, um die Backwoodsmen zu einer compacten Masse zu organisiren und mit ihnen, wie sie recht gut wußten, eine Hauptmacht in's Feld zu stellen. Das aber scheiterte anfangs, wie wir gesehen haben, aber nicht allein daran, daß hier im südlichen Wald die meisten alten Farmer und Jäger wirklich gute Unionisten waren und von einem Krieg gegen ihre alte Verfassung gar nichts wissen wollten, sondern auch an ihrem Widerwillen, den Wald und ihre Heimath zu verlassen. Daß ein Mann westlich ziehen konnte, weiter in die Wildniß hinein, ja, das schien ihnen faßlich und kam auch oft genug vor, daß er aber zurück in die Ost-Staaten geführt werden sollte, wäre keinem auch nur im Traum eingefallen.

Der Süden mußte demzufolge anders manöveriren, und ein paar junge Officiere wurden abgesandt, die in den verschiedenen Counties den alten Plan wieder aufnehmen und eine Art Landwehr organisiren sollten – nur vor der Hand zum Schutz des Staates selber, und das gelang ihnen denn auch endlich, obgleich sich die alten Backwoodsmen noch immer aus Leibeskräften dagegen sträubten. Sie sahen weiter, als das junge Volk, und trauten den Versicherungen nicht besonders, die jetzt fortwährend ausgestreut wurden: daß nämlich der Norden in den letzten Zügen läge und jetzt nur auf eine Gelegenheit warte, um den Süden anzuerkennen und einen halbweg ehrenvollen Frieden mit ihm abzuschließen.

Der Süden hatte allerdings in vielen Schlachten, von tüchtigen Feldherrn angeführt, gesiegt, aber man schien doch die Spannkraft des Nordens unterschätzt zu haben, und im Frühjahr 63 gewann die Lage der Staaten schon ein anderes Aussehen. Memphis fiel, die nördlichen Truppen waren gegen »das Gibraltar des Südens«, gegen Vicksburg vorgerückt und hatten eine regelmäßige Belagerung begonnen, und Lee wurde im Norden so von neuen anwachsenden Heeren bedrängt, daß er der bedrohten Stadt am Mississippi nicht einmal zu Hülfe und zum Entsatz kommen konnte.

Die jungen Leute vom Fourche-la-Fave, obgleich sich Viele von ihnen noch immer zurückhielten, kamen nun schon ziemlich regelmäßig, wenigstens einen Tag in der Woche, in Perryville zusammen, um ordentlich einexercirt zu werden; denn wenn man dort im Walde auch keine »Feldschlacht« liefern konnte, mußten sie doch nothwendigerweise die verschiedenen Signale und Commandorufe kennen lernen, um eben auf alle Fälle gerüstet zu sein. Diese Uebungen wurden auch den ganzen Sommer hindurch fortgesetzt, als plötzlich ein dumpfes, freilich noch unbegründetes Gerücht durch den Wald lief: Vicksburg sei gefallen, wie sich Memphis selber schon lange in den Händen der Unionstruppen befand.

Allerdings widersprachen die südlichen Agenten dem auf das Entschiedenste und brachten selbst Zeitungen aus Vicksburg – freilich von etwas früherem Datum, in welchen aber die Belagerten noch eine vollkommen übermüthige, ja fast höhnende Sprache gegen den Norden führten. Aber die Zeitungen selber – das Papier nämlich, auf dem sie gedruckt waren, stimmte nicht recht zu der darin enthaltenen Behauptung, daß die Yankees noch nicht einmal im Stand gewesen wären, selbst ihre Communication mit dem Inland zu unterbrechen, denn man war schon in Vicksburg gezwungen gewesen, die Lettern nicht mehr auf Papier, sondern auf Tapeten zu drucken, da es an dem ersteren in der eng eingeschlossenen Stadt vollkommen fehlen mußte. Die Zeitungen hatten deshalb auch, blos auf einer Seite gedruckt und auf dem Rücken mit irgend einem Tapetenmuster, ein höchst wunderliches Ansehen und stimmten nicht zu dem Uebermuth, der sich noch immer in ihnen aussprach.

Die Musterungen im Wald wurden aber desto eifriger betrieben, und plötzlich kam sogar der Befehl, daß in Randolf, einer kleinen Stadt in Tennessee aber an der andern Seite des Mississippi und also außerhalb Arkansas, eine Hauptmusterung abgehalten werden solle, um der Zahl der waffenfähigen Männer sicher zu sein.

Das war allerdings gegen die erste Abrede, nach der eine Verwendung der »Landwehr« nach Außen, gar nicht beabsichtigt worden. Die Verwendung selber wurde auch jetzt noch geleugnet; es sollte, den Versicherungen der Officiere nach, nur eben eine Musterung und nichts weiter sein, aber man wünsche sehr, daß sich alle jungen Leute dabei betheiligen möchten, um einen bestimmten Ueberblick zu gewinnen.

Das gab große Aufregung am Fourche-la-Fave, und wenn auch bei Vielen die Lust, sich an dem Krieg da draußen zu betheiligen, nicht besonders groß sein mochte, weil es eben gegen den eigenen Stamm ging, und die meisten der hiesigen Ansiedler gerade von den nördlichen Staaten, von Indiana und Illinois, hierher gezogen waren, so arbeitete doch auch wieder der Ehrgeiz, nicht zurückzustehen, zu Gunsten der Südstaaten, und brachte dadurch viel Leid in einzelne Familien, ohne den Gang der Ereignisse wenden, ja nur aufhalten zu können.

In Klingelhöffer's Familie herrschte ebenfalls tiefe Trauer. Der alte Mann, eine lange eherne Gestalt mit großem rothen Bart und hellblauen Augen, ging mit untergeschlagenen Armen und fest zusammengezogenen Brauen in seiner Stube auf und ab. In der Ecke saß die Mutter, ein Bild tiefer Betrübniß, die Hände im Schooß gefaltet, die guten Augen voller Thränen, die ihr unbewußt an den Wangen niedertroffen, neben ihr die Töchter, ebenfalls bedrückt, während am Fenster, den Blick auf den breiten Strom gerichtet, der einzige Sohn, ein hochaufgeschossener, kräftiger Bursch stand und wohl bleich und erregt, aber auch festentschlossen aussah.

»Ich kann nicht anders, Vater,« sagte er endlich, nach einer langen Pause, in der Niemand gewagt hatte, die Stille zu unterbrechen – »ich bin mit ihnen zusammen aufgewachsen, ich kann mich jetzt nicht von ihnen ausschließen oder ich dürfte mich ja nicht einmal mehr in den Ansiedlungen blicken lassen, ohne von den Frauen selbst verhöhnt zu werden.«

Der Alte zerbiß einen Fluch. »Und was das Weibervolk über Dich sagt, liegt Dir mehr am Herzen, als der eigene Vater, die eigene Mutter.«

»Sie werden mich Memme schelten und das willst Du doch auch nicht.«

»Nein, bei Gott nicht!« rief der alte Mann, »und wenn Du mir heute sagtest, ich halt's nicht mehr länger daheim aus – ich will hinauf in den Norden ziehn und gegen Sklaverei und für die Verfassung kämpfen, ich gäbe Dir, wenn auch mit blutendem Herzen, meinen Segen: aber daß Du mit den Sesesch die Hand an das Palladium unserer Freiheiten legen willst, daß das mein eigener, mein einziger Sohn thun will – das thut weh.«

»Und k ö n n t ' ich in den Reihen des Nordens fechten,« sagte der junge Mann wehmüthig, »wo alle meine Freunde und Schul- und Spielkameraden in den Reihen der Feinde stünden? Es wäre zu furchtbar.«

»Darum bleib. Die Musterung ist nur eine faule Lüge, um Euch erst einmal von hier fortzulocken. Sie lassen Euch nie wieder in den Wald zurück.«

»Ich kann nicht Vater. – Sie gehen Alle.«

»Sie gehen nicht Alle,« rief der Alte heftig. »Jim Jenkins denkt nicht daran, für den Süden zu fechten, ebensowenig Jim Cook und die beiden Wells, und daß Hogan geht, glaub' ich ebensowenig, und denen wirst Du doch gewiß nicht vorwerfen, daß sie feige sind.«

»Nein Vater, aber sie mögen das mit ihrem eigenen Gewissen abmachen. Die drei Houstons gehn jedoch, Curtil, Rawlins, Rankins, die Mac Kinneys, Smeiers, Hodges und wie sie Alle heißen und vom Petite Jeanne drüben gehen sie Alle, ebenso vom Mamelle und der anderen Seite drüben und die jungen Leute vom Van Buren herunter, von Washington, Fulton, ja selbst vom Fort Smith haben sich schon bei Little Rock gesammelt und warten nur darauf, daß sich unsere Compagnie ihnen anschließen soll.«

»So geh'!« sagte der alte Mann, mit einem tief aus der Brust geholten Seufzer, während seine Lippen zitterten und seine ganze Gestalt bebte. »Geh – an dem Segen des Vaters ist Dir doch nichts gelegen.«

»Vater!« rief der junge Mann mit hervorquellenden Thränen und tiefem Schmerz – »ich kann ja nicht anders; frage die Mutter, ob sie mich in den anderen Reihen sehen möchte.«

Der alte Mann hatte seine, aber schon lang ausgegangene Pfeife in der Hand, und faßte sie so krampfhaft, daß das Rohr von einander brach – aber er sagte kein Wort; stützte sich nur mit dem rechten Arm auf den Kaminsimms, und lehnte seine Stirn darauf, daß der rebellische Sohn die Thränen nicht sehen sollte, die ihm selber in den Bart liefen und jetzt langsam und schwer in die Asche niedertropften.

»Geh nur,« sagte er endlich, ohne seine Stellung aber zu verändern, »geh – Dein Pferd und Deine Waffen hast Du – was Du an Geld etwa brauchen solltest, kannst Du in Little Rock bekommen. Ich werde Dir einen Brief dahin mitgeben.«

»Aber doch nicht so, Vater. Willst Du nicht Abschied von mir nehmen?«

»Willst Du jetzt schon fort?« rief der alte Mann, erschreckt emporfahrend.

»Um drei Uhr haben wir unsern Sammelplatz an der Mamelle; es ist jetzt schon acht Uhr und ich muß scharf zureiten, wenn ich ihn noch erreichen will.«

Klingelhöffer erwiderte nichts weiter. Er wischte sich die verrätherischen Tropfen aus den Augen, ging dann an seinen Tisch, suchte sich sein wenig gebrauchtes Schreibzeug zusammen, schrieb und faltete denn das Blatt.

Die Mutter war in ihrer Stellung geblieben; sie wußte ja, wie Alles kommen würde, denn mit ihr hatte der Sohn schon am Abend vorher gesprochen und ihr seinen festen Entschluß verkündet. Was er mitzunehmen hatte, war auch schon Alles eingepackt und in Ordnung – und jetzt kam der Abschied – der furchtbare Abschied bei solcher Trennung.

Die Frauen erleichterten sich auch dabei das Herz durch Thränen. Klingelhöffer selber hatte seinen ersten Schmerz bezwungen und reichte dem Sohne nur die Hand.

»So zieh' mit Gott,« sagte er dabei, aber die Worte rangen sich ihm nur mühsam aus der Kehle, – »zieh mit Gott! Du hast es nicht anders haben wollen. Dieser freien und herrlichen Constitution wegen habe ich mein Vaterland verlassen und bin mit Deiner Mutter hier herüber in den Wald gezogen. Du, mein einziger Sohn, willst die Hand dagegen erheben und sie mit stürzen helfen.«

»Vater,« bat der Sohn, »ich kann ja nicht anders. Oh, wie gern blieb ich bei Dir –«

»Ja wohl,« nickte der alte Mann, dessen Geist dadurch in eine andere Bahn gelenkt wurde – »bei mir – Niemand bleibt jetzt bei mir. Wenn sie Dich todtschießen, dann kann ich von vorn anfangen meinen Acker zu bauen – so lang' es die alten Knochen eben noch können und nachher –«

»Ich kehre zurück Vater – bald – Du sollst nicht mehr arbeiten dürfen, Du hast in Deinem Leben genug, über genug gethan. Leb' wohl. Gott schütze Dich.«

»Leb wohl,« sagte der alte Mann und drückte zum ersten Mal die Hand des Sohnes, die er noch in der seinen hielt. Da hielt sich Gustav aber auch nicht länger. Sich an des Vaters Brust werfend, faßte er ihn mit beiden Armen und eine halbe Minute wohl hielten sich die beiden Männer fest und schweigend umschlungen. Da schob der Vater den Sohn zuerst von sich ab und sagte leise:

»Du mußt fort – Deine Zeit ist um – mach's kurz.«

Noch einmal umschlang der junge Mann Mutter und Schwestern, dann sprang er hinaus – reden konnte er nicht mehr, denn Thränen erstickten seine Stimme. Draußen an der Fenz lehnte seine Büchse, die griff er auf, schwang sich in den Sattel, und war im nächsten Augenblick um den Hügel verschwunden, der den Pfad nach dem nahen Fourche la Fave zu deckte. Das Haus selber lag auf der Spitze, welche der in den Arkansas einmündende Fourche bildete, und über diesen mußte er sein Pferd bringen, um dann durch den Wald hin die nach der Mamelle führende Straße zu erreichen.

Das war überhaupt eine schwere Zeit für die Bewohner dieses bis jetzt so stillen und eigentlich von dem Verkehr mit der Welt abgeschlossenen Districts. Manche Hütte hatte damit den einzigen Sohn verloren und wenn sich auch einzelne dadurch zu trösten suchten, daß es eben nichts weiter als eine Musterung sei und die jungen Leute bald in ihre Heimath zurückkehren würden, im Herzen glaubten sie es doch kaum selber und ihre Befürchtungen sollten sich auch nur als zu begründet erweisen.

Woche um Woche verging, aber die Compagnie kehrte nicht wieder und die Nachricht kam ebensowenig, wohin man sie geführt, in welche Armee, ob nach dem Norden oder Süden.

Der alte Klingelhöffer hatte aber mit seiner Behauptung Recht gehabt, daß sich nicht Alle diesem Zuge anschlossen. Jenkins, Cook und die beiden Wells waren in der That zurück geblieben und zwar nicht etwa aus Feigheit, aber im Herzen der Union ergeben, wollten und konnten sie nicht gegen diese kämpfen.

Uebrigens ließ man sie nicht lange in Frieden, denn kaum waren drei Wochen nach der vorbeschriebenen Zeit verflossen, als ein Placat von dem in Little Rock befehlenden General der Südstaaten in Perryville sowohl, wie in den verschiedenen Ansiedlungen verbreitet wurde, in dem von einer Landwehr für Arkansas nicht mehr die Rede war, sondern alle waffenfähige Mannschaft, bei Drohung sofortigen Arrests, nach Little Rock selber einbeordert wurde, um sich dort zu stellen und einem besonders equipirten Arkansas-Regiment einrangirt zu werden.

Früher wäre das nun allerdings nicht angegangen, denn mit Gewalt konnte man den ganzen Fourche la Fave, wenn er einig geblieben wäre, nicht beitreiben. Züge der Nördlichen waren schon von Missouri her im Anzug und in Little Rock selber wurde jeder Mann nothwendig zur möglichen Vertheidigung der offenen Stadt gebraucht. Jetzt aber ging das leichter. Man kannte recht gut die Einzelnen, die sich bis jetzt der Einberufungs-Ordre entzogen, und kleine Patrouillen langten oben an, um sie auf ihren Farmen aufzuheben.

Der junge Cook, dessen Vater kurz vorher gestorben war, entging eines Morgens nur mit Mühe einer ihm bestimmten Ueberraschung und flüchtete in den Wald, wohin ihm natürlich die Soldaten nicht folgen konnten. Die beiden Wells mußten ebenfalls ihren Platz verlassen, Jim Jenkins durfte sich gar nicht mehr auf der, dicht am Arkansas liegenden Farm blicken lassen, weil sogar mehrmals in der Nacht Boote gekommen waren, das Haus dann in der Stille besetzt und nach ihm gesucht hatten.

Eigentlich war es wunderlich genug, daß man sich solche Mühe um ein Paar einzelne junge Leute gab, und um sie einzufangen, viel mehr andere Mannschaft verwendete. Woher hatte überhaupt der General in Little Rock so genaue Kunde von dem, was hier mitten im Wald passirte, wenn nicht irgend ein geheimer, aber mit den hiesigen Verhältnissen sehr vertrauter Feind die Säumigen denuncirt und ihre Verhaftung hartnäckig betrieben hätte? Aber wer konnte das sein? – Betsy Jenkins rieth augenblicklich auf Hendricks, doch Niemand hatte ihn seit langer Zeit in der range gesehen. Eben so wenig war er bei irgend einer Patrouille betheiligt gewesen, die man sogar, als der Verdacht erst einmal geweckt war, nach ihm gefragt hatte. Sie kannten den Namen gar nicht und meinten nur, wenn er schon damals hier in Uniform gewesen sei, befinde er sich jetzt jedenfalls drüben über dem Mississippi bei dem Heere, das eben abgeschickt wurde, um Vicksburg zu entsetzen und die Abolitionisten zurück über ihre Grenzen zu jagen.

Damit zogen sich wieder einige Wochen hin und das Gerücht wiederholte sich, daß Vicksburg gefallen sei. Aber es war so oft schon aufgetaucht, daß man es nicht weiter beachtete, noch dazu da die unmittelbare Nähe einen immer bedrohlicheren Charakter annahm. Allerdings hieß es einmal, daß von Memphis herüber ein Unionsheer rücke, um Little Rock zu besetzen und dadurch die Gewalt im Staat zu bekommen, und vom Missouri herunter sollten ebenfalls die Unionstruppen vordringen. Gegen diese hatten sich aber im Süden von Missouri wie im Norden von Arkansas Guerillas gebildet – ebenfalls Backwoodsmen, aber dem Süden ergeben, die den Feind auf jede Weise zu belästigen suchten und von den nördlichen in verächtlicher Art Bushwhackers genannt wurden – eine Bezeichnung die unserem »Buschklepper« wohl am nächsten käme.

Die Bushwhacker waren Anfangs auch wohl die reinen Guerillatrupps, wie sie sich in andern wilden Ländern ebenfalls bilden und nothgedrungen da entstehen müssen, wo man sich dem Eindringen eines Feindes widersetzen will, und doch nicht Mannschaft genug auftreiben kann, um ihm im offenen Feld die Stirn zu bieten. Daß sich aber auch Gesindel zwischen diesen ordnungslosen Schaaren fand, ist nicht zu verwundern, und besonders wurden mehrmals scheußliche Grausamkeiten nicht allein an gefangenen oder verwundeten Soldaten, sondern auch sogar an einzelnen Familien im Wald verübt, welchen Ueberschreitungen die eigentlichen Bushwhacker aber vollkommen fern standen und mit Entrüstung solche Anschuldigungen zurückwiesen.

Nichts destoweniger waren sie aber vollständig begründet, und es zeigte sich bald, daß es in der That einzelne ordnungslose oder geordnete Banden im Walde gab, die, wie uns Cooper in seinem »Spion« die »Cowboys« oder Kuhjungen des ersten amerikanischen Freiheitskrieges beschreibt, rücksichtslos bei Freund und Feind einfielen und dann wie richtige Räuber stahlen und plünderten, was sie eben bekommen konnten.

Dieses Gesindel, das aber ebensogut den eigentlichen Bushwhackern wie den Unionstruppen aus dem Wege ging, und nur da vorbrach und seine Schrecken verbreitete, wo es sich vor Entdeckung ziemlich sicher wußte, bekam denn auch bald einen neuen Namen. Man nannte jene, keiner bestimmten Partei angehörigen Plünderer Jayhawker[2], das Geschäft selber, das sie betrieben, Jay-hawking, und der Name war bald im ganzen Wald, besonders von Missouri gefürchtet. Durch sie bekamen aber auch die Bushwhacker einen schlechten Namen, denn man wußte sie oft nicht von einander zu unterscheiden und die regulairen Truppen des Nordens ließen diese – wenn sie einmal einen in ihre Gewalt bekamen, oft entgelten, was die anderen verübt hatten.

[2]: Das Wort ist jedenfalls von jay-bird – ein kleiner harmloser Waldvogel und hawk Falke abgeleitet, bezeichnet also einen Mann, der heimtückisch über einen Wehrlosen herfällt.

Die jungen Leute am Fourche-la-Fave nun, Jenkins, Cook und die beiden Wells, denen der Platz dort zu warm wurde, da man es wirklich ganz ernstlich auf sie abgesehen zu haben schien, beschlossen den Staat zu verlassen und bei der Nord-Armee Dienst zu nehmen. Möglich, daß sie dann mit dieser nach Little Rock vordringen, und dazu beitragen konnten, den Ihrigen am Fourche Luft und dem nichtswürdigen Spionirsystem ein Ende zu machen. Nach Norden konnten sie freilich nicht fort, denn dort wären sie jedenfalls den Bushwhackern in die Hände gelaufen und dann auch sicher für die Sesesch gepreßt worden. Nach Süden zu durften sie ebensowenig, denn dort schwärmte es ebenfalls von »Rebellen«, und Little Rock, die Hauptstadt, war ja auch noch in deren Händen.

Da blieb ihnen denn keine andere Wahl, als gerade gen Osten gegen den Mississippi hin durch den Sumpf zu brechen. Die Jahreszeit war ja auch günstig dazu, und im wilden Walde großgezogen, fürchteten sie nicht, ihren Weg zu verlieren. Ihre Familien drängten sie selber dazu, denn soviel hatte sich jetzt herausgestellt, daß es zur Unmöglichkeit geworden, länger neutral zu bleiben. Auf eine oder die andere Seite mußte man sich schlagen und ohne Weiteres beschlossen sie deshalb, ihren langen beschwerlichen Weg anzutreten.

Bei Klingelhöffer hatten sie ihren Sammelplatz verabredet, dort übernachteten sie noch einmal und dem alten Mann war es ein wehes, entsetzliches Gefühl wenn er sich dachte, daß gerade diese jungen Burschen, die er als Kinder auf dem Arm herumgetragen, jetzt in das, seinem eigenen Sohn feindlich entgegenstehende Heer treten und möglicherweise eine Kugel gerade aus ihrem Rohr seine Brust treffen könne. Aber wie auch sein Herz dabei denken mochte, sein Verstand, seine ganze Sympathie war trotzdem auf Seite des Nordens.

Er behielt sie über Nacht bei sich, füllte am nächsten Morgen ihre Proviantbeutel mit Lebensmitteln und ruderte sie dann selber in seinem Boot über den Arkansas. – Wie es das Schicksal bestimmt hatte, mußte es sich ja doch erfüllen – es war ein Bürgerkrieg, der Bruder gegen Bruder, Vater gegen Sohn anhetzte, – welche Rücksicht konnte da der Freund auf den Freund nehmen. Die Würfel rollten – wie sie fielen? – Nur Gott wußte es.