Kreuz und Quer: Dritter Band

Friedrich Gerstäcker · Kapitel 16 von 24

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Kreuz und Quer: Dritter Band

Viertes Kapitel. Der zweite Besuch.

Heute war es natürlich mit all' diesen Berathungen und dem Auswählen zu spät geworden, um noch einen zweiten Landungsversuch zu machen; von der Nacht mochten sie sich auch drüben nicht überraschen lassen, und der Kapitän hielt deßhalb mit seinem Schooner weiter von der Küste ab. Allerdings mochten die Eingebornen, wenn sie die Bewegung sahen, glauben, die Weißen hätten auf den Handel mit ihnen verzichtet, und wären wieder abgefahren, aber das schadete nichts; um so begieriger wurden sie nachher darauf, und das konnte das Geschäft für morgen nur erleichtern.

Indessen hatte sich aber auch unter der Mannschaft die Nachricht verbreitet, daß die »Niggers« am Ufer weiße Männer in der Gefangenschaft hielten, und die Wuth darüber war grenzenlos. Noch an demselben Abend kam eine Deputation zum Kapitän, die ihn bat, er möchte mit dem Schooner an Land fahren und das Nest in Grund und Boden zusammenschießen. Alle meldeten sich als Freiwillige zum »Entern« und schienen besonders, der Beschreibung ihres Kameraden nach, Rache an dem dicken Ungethüm zu verlangen, das Sklavenhandel treibe und seine eigenen Unterthanen dem Löwen vorwerfe. Oacutt aber, so sehr er sich über die gute Stimmung der Leute freute, stellte ihnen vor, daß sie erstlich noch nicht einmal genau wüßten, ob wirkliche Weiße dort gefangen gehalten würden, dann aber auch durch einen Angriff auf die Eingebornen diese vielleicht verjagen, aber nie im Leben wirklich Gefangene befreien könnten. Er versprach ihnen indeß, morgen früh sechs von ihnen, gut bewaffnet, mit an Land zu schicken, um zu sehen, was sich machen ließe, und daß er sich dann auf sie verlasse, sie würden im Nothfall ihre Schuldigkeit thun, verstand sich von selbst.

 

Vi e r t e s K a p i t e l .

Der zweite Besuch.

Am nächsten Morgen mit erstem Tagesgrauen war die Sarah Miles schon wieder fast auf der nämlichen Stelle angelangt, wo sie gestern Abend gelegen, und hielt jetzt direkt dem Lande zu, um ihr Boot abzusetzen. Das brauchte auch nur in See gelassen zu werden; die ganze Ladung lag schon bereit, die dafür bestimmte Mannschaft stand gerüstet an Deck und schien selber die Zeit kaum erwarten zu können, wo sie da drüben ihre Thätigkeit beginnen möchte. Rasch wurde auch dem Befehl: »a shore!« Folge geleistet; mit lautem Hurrah hißten sie das kleine Segel, und fort ging es, der Mündung der Bai entgegen. Kapitän Oacutt mochte aber heute seine Leute mit dem einmal gegen die Eingebornen gefaßten Verdacht nicht wieder, so wie gestern, aus Sicht lassen. Daß sie in der Bucht tief Wasser hatten, wußte er schon vom Steuermann, und langsam folgte er deßhalb seinem Boot, um dort entweder zu kreuzen, oder wenn es sicher befunden wurde, auch vor Anker zu gehen.

Brooks steuerte indessen sein Boot der Landung entgegen und wunderte sich nur, daß sie heute gar keine Kanoes zu sehen bekamen. Am Ufer schien dafür eine ungewöhnliche Bewegung zu herrschen; er unterschied mit dem Fernrohr eine Menge Frauen und Kinder. Ob sie die Fremden schon bemerkt hatten? Fahrzeuge zeigten sich aber nicht auf dem Wasser, und der Seemann hielt deßhalb die Gelegenheit für passend, um jetzt so dicht als möglich an das Wrack hinan zu laufen und es ein wenig näher zu untersuchen. Das ging auch leichter, als er selbst geglaubt, denn während sie sich am linken Ufer hielten, wurden sie durch die vorhängenden Büsche desselben verdeckt, ja das Wrack selber stand ein Stück in die Bai hinaus. Der Steuermann ließ auch sein Boot dort anlaufen und kletterte rasch an Deck; aber da war freilich nichts weiter zu sehen, als daß es eine nicht sehr große Brigg gewesen, die jedoch rein ausgeplündert worden, wie sich das in dieser Nachbarschaft auch von selbst verstand. Sogar das Skylight hatten sie abgehoben und weggeführt, und die Kajüte war natürlich blank und leer. Aber auch keine Spur eines Namens fand sich, denn ebenso wie das Namensbrett am Stern herausgebrochen worden, so fehlten auch die beiden Bretter an der Gallion, auf welchen früher wahrscheinlich ebenfalls der Name gestanden, und da am Bugspriet kein Bild, sondern nur eine sogenannte Krulle auslag, ließ sich auch nach der nichts bestimmen. Aber die ganze Eintheilung und Bauart des Fahrzeugs war jedenfalls amerikanisch, auch die Art der Malerei, und der Steuermann wurde durch diese Entdeckung gerade nicht freundlicher gegen die Schwarzen gestimmt.

Uebrigens durfte er sich hier nicht zu lange aufhalten, es half ihm auch nichts, denn an den Hölzern ließ sich nichts weiter erkennen, und sie hätten das schwarze Gesindel am Ufer nur vor der Zeit mißtrauisch gemacht. Rasch deßhalb wieder in das Boot hinabsteigend, stieß er ab, und während er den Leuten unterwegs erzählte, was er oben gefunden, und für welchen Landsmann er das Fahrzeug halte, glitten sie am Ufer hinauf, dem Landungsplatz entgegen.

Daß indessen dort etwas vorgegangen sein mußte, ließ sich nicht verkennen, und je näher sie kamen, desto deutlicher hörten sie das Weh- und Klagegeheul von Frauenstimmen. Vielleicht war es ein Begräbniß, bei welchem die Frauen ja gewöhnlich ihre Trauer laut und oft herzzerreißend kund geben, und sie kamen dann gerade zur rechten Zeit, um der Ceremonie beizuwohnen. Dem Doktor, der das Boot wieder begleitete, fiel es dabei auf, daß er so viele Bewaffnete bemerkte, schwarze Kerle, die mit ihren langen Lanzen überall am Ufer herumstanden und den Platz besonders einzuschließen schienen, in dem die Elephantenzähne lagen. Hatten sie etwa Besorgniß, daß die Weißen einen Angriff darauf machen könnten, oder bedeutete es Schlimmeres?

Der Steuermann schien etwas Aehnliches zu befürchten, denn er gab Befehl, das Segel einzunehmen und zu den Rudern zu greifen. Sie blieben dadurch weit besser Herr ihrer Bewegungen und konnten, wenn es sein mußte, gleich zurück, oder wenigstens in freies Wasser halten. Mit ihren Feuerwaffen wehrten sie dann schon leicht jeden etwaigen Angriff ab. Sonderbarerweise bekümmerten sich aber die Leute am Ufer fast gar nicht um sie, nur ein Platz wurde freigehalten, wo sie landen konnten, und zwar durch Bewaffnete, und die Seeleute sahen jetzt, daß sich Alles um das Gitter oder die Verpallisadirung drängte, um dort hineinzuschauen.

In diesem Augenblick erschien der Dolmetsch an der Landung, und es kam dem Steuermann fast so vor, als ob er über den so frühen Besuch der Weißen etwas verlegen sei – sie waren keinenfalls schon erwartet worden – und was bedeutete das Klagen und Jammern der Weiber? Der Doktor mußte jedenfalls wissen, was da vorgegangen wäre, und frug den Burschen direkt deßhalb. Dieser aber sagte ausweichend: »O nichts – schlechte Menschen giebt es immer – Diebe – bei den Schwarzen, wie bei den Weißen – aber Zambiri ist ein großer und strenger König.«

»Alle Teufel!« rief der Steuermann erschreckt aus, »sie haben doch nicht etwa wieder dem Löwen einen Menschen hineingeworfen?«

»Bloß einen Dieb,« versicherte der Dolmetsch, »hatte dem König Taback stehlen wollen, verdammter Sklave. – Aber da kommt Zambiri – er hat Euch gesehen – bringt nur an Land, was Ihr mitgebracht habt, damit er nicht ungeduldig wird.«

Zambiri schien in der That dem entsetzlichen Schauspiel als eine Art von Morgenvergnügen beigewohnt zu haben. In seinen rothbaumwollenen Königsmantel gekleidet, noch schmutziger und wilder als gestern aussehend, und den Knaben wieder an seiner Seite, der ihm einen großen schweren Speer tragen mußte, kam er eine Leiter heruntergestiegen, die, wie der Doktor jetzt erst bemerkte, oben zu einer Art von Balkon führte. Auf dem hohen Land aber blieb er stehen, er ging nicht bis an das Boot hinunter und verlangte, daß die Weißen zu ihm hinauf kommen sollten.

Der Steuermann hatte keine rechte Lust dazu, er traute dem schwarzen Fleischklumpen nicht über den Weg.

»Wozu habt Ihr alle die Leute mit den Lanzen da stehen?« frug er mürrisch den Dolmetsch, »wir sind friedliche Händler und wollen keinen Krieg mit Euch. Wir sind auch nur Wenige und Ihr Hunderte.«

»Wenn Du Dich fürchtest, weßhalb bist Du zu uns gekommen?« sagte der Schwarze finster, »wir sind auch Freunde der Weißen und wollen Euch keinen Schaden thun.«

»Und wo kommt das Schiff her, dessen Rumpf da draußen liegt?« sagte der Doktor.

»Was geht Dich das Schiff an?« brummte der Dolmetsch; »Zambiri wartet. Wenn ich Euch rathen soll, macht ihn nicht ärgerlich.«

»Hol's der Henker, Mate,« sagte der Doktor, »wir sind einmal dazu hergekommen, und müssen die Sache nun auch ausbaden. Furcht sollen uns die schwarzen – Gentlemen doch wenigstens nicht vorwerfen. Laßt den Koffer hinaufschaffen und Seiner Wohlbeleibtheit die Sachen vorlegen; ich denke, dann wird er schon freundlich werden. Hier unten können wir doch nicht liegen bleiben.«

»Meinetwegen,« sagte der Seemann, »aber,« setzte er leise hinzu, »seid auf der Hut, und bei dem geringsten Zeichen von Verrath nur so rasch als möglich zum Boot hinunter. Dort wollen wir uns schon freie Bahn halten.«

»Und wo habt Ihr die Sachen?«

»Laßt ein paar von Euren Leuten anfassen und sie hinauftragen.«

»Und können das nicht Eure Leute thun?« frug der Dolmetsch.

»Ich will Dir was sagen, mein Bursche,« rief aber nun der Steuermann, jetzt ebenfalls ärgerlich werdend, »die bleiben als Wache im Boot, und wenn Ihr Eure jungen Leute nur dazu braucht, um wilde Bestien damit zu füttern, so laßt sie meinethalben oben. Das ist das Kurze und Lange von der Sache.«

Der Dolmetsch stand einen Moment unschlüssig, aber Zambiri brüllte ihm etwas in seiner Sprache zu, und er gab jetzt rasch ein paar Burschen den Befehl die mitgebrachten Sachen aus dem Boot zu nehmen und zum König hinaufzubringen. Das geschah auch ungesäumt, denn mit dem regierenden Herrn schien heute nicht zu spaßen; er hatte seinen bösen Tag, und es war besser, ihm rasch zu Willen zu sein. Mit den Geschenken durften aber auch die Weißen darauf rechnen, eine freundliche Aufnahme zu finden, und Steuermann wie Doktor schritten jetzt langsam neben dem ziemlich schweren Koffer her, um den Inhalt desselben dem Oberhaupt des Stammes vorzulegen.

Merkwürdig sah der Mensch aus, als er dort aufrecht vor ihnen stand, und der Doktor gestand sich, etwas Scheußlicheres und Unförmlicheres nie im Leben gesehen zu haben. Er war selber nicht übermäßig groß, aber wenn er den Arm ausstreckte, konnte der Wilde recht gut darunter durchgehen, ohne anzustoßen, und Beine sah man dabei fast gar nicht an dem Fleischklumpen, während der eine ausgestreckte Arm, der die Lanze hielt und sich daran stützte, reichlich so dick und fleischig schien, wie ein starkes Bein.

Der Ausdruck seines dicken, geschwollenen Gesichts verrieth auch keinen freundlichen Gedanken und seine Augen flogen mürrisch und trotzig zugleich über die Weißen und schweiften dann von ihnen nach dem Schooner hinüber, der jetzt deutlich unten an der Mündung der Bucht erkennbar war. Da der Steuermann aber keine Zeit verlor und den Koffer rasch öffnete, heiterte sich seine Miene doch etwas auf, denn er mußte wohl sehen, daß ihm die Fremden heute würdigere Geschenke gebracht, als gestern.

Er ließ eine Decke auf die Erde breiten und die Gegenstände darauf legen, und fegte dabei eigenhändig den Platz mit seiner Lanze frei, daß ihm sein eigenes Volk nicht zu nahe rückte. Er traute ihnen wahrscheinlich nicht, und doch mochte sie wohl nur die Neugierde heranpressen, denn die Strafe folgte hier, wie sie eben gesehen, dem Vergehen auf dem Fuße. Zu gleicher Zeit unterhielt sich Zambiri fortwährend mit dem Dolmetsch in seiner eigenen Sprache, oft selbst mit unterdrückter Stimme, und dieser ging dann langsam zu dem Boot hinab, wobei er angelegentlich mit Einigen der Leute sprach.

Dem Doktor gefiel das nicht, und er behielt den Burschen, so viel das irgend anging, im Auge, konnte aber weiter nichts Auffälliges oder Verdächtiges erkennen; ja die Zahl der Bewaffneten in ihrer Nähe schien sich sogar zu verringern, und er bemerkte, wie kleine Trupps von ihnen langsam am Ufer hinabschritten und sich dann in den Büschen verloren. Nur ein Theil der Mädchen und Frauen waren noch bei ihnen geblieben, während das Wehgeheul der Anderen jetzt aus dem Dickicht von Fruchtbäumen heraustönte, das den Platz umschloß, und wo wahrscheinlich ihre Wohnungen lagen.

Im Ganzen mochten vielleicht vierzig »Krieger« zurückgeblieben sein, die hinter und um den König in einzelnen Gruppen standen, und jedenfalls seine Beiwache bildeten.

Der Dolmetsch kam jetzt zurück, und da der König auch wohl die mitgebrachten Gaben zur Genüge gemustert hatte und befriedigt schien – er grunzte wenigstens ein paar Mal still vergnügt vor sich hin – befahl er zweien von seinen Leuten, den Koffer in sein Haus zu tragen, und es begannen nun die Verhandlungen über ein etwaiges Geschäft, wobei der Steuermann erklärte, daß sie einzelne Stücke der Dinge, welche sie gesonnen wären, gegen Elfenbein oder andere Produkte auszutauschen, mitgebracht hätten und dem Häuptling vorlegen könnten.

»Aber wo sind sie?« frug dieser rasch.

»Unten im Boot.«

»Und weßhalb bringt Ihr sie nicht herauf?«

Der Steuermann hatte wohl mit Recht vermuthet, daß der Schwarze Alles, was ihm dort auf die Uferbank gebracht wurde, als Geschenk betrachten und mit Beschlag belegen könne. Er bat deßhalb den Dolmetsch, Seine Majestät zu veranlassen, mit ihm hinunter zum Boot zu gehen, aber der Dicke wollte nicht. Zwei Boten waren schon abgeschickt gewesen, und kamen jetzt mit dem Löwenfell herbei, das sie dort für ihn ausbreiteten, und worauf er sich niederließ, und nun verlangte er, daß ihm die Sachen heraufgebracht und vorgelegt würden, dann wolle er bestimmen, was er dafür geben könne.

Dem Steuermann schien das unbequem, denn alles weiter Mitgebrachte lag lose, oder nur in Stücken Segeltuch eingeschlagen in ihrem Boot, und schickte er Schwarze hinunter, um es herauf zu holen, so war er vor ihren diebischen Händen nicht sicher. Wo sie irgend etwas bei Seite schaffen konnten, thaten sie es gewiß und an wen sollte er sich nachher halten, wie die Thäter herausfinden? Das Beste war immer – denn daß der Dicke jetzt nicht von dieser Stelle zu bringen war, sah er ein – zwei von seinen eigenen Leuten damit zu betrauen. Es blieben immer noch vier im Boot und sie selber dann in zwei gleiche Trupps getheilt. Die Eingebornen zeigten sich dabei so friedlich, daß an eine Gefahr wohl kaum zu denken war, ja es schien fast, als ob der König die übrigen Soldaten nur weggeschickt habe, um ihnen auch jede Befürchtung eines Verraths zu nehmen. Außerdem brauchten sie nur wenige Schritte zum Boot hinab und die gerade ausgehende Ebbe erleichterte ihnen die rasche Verbindung mit dem Schooner ebenfalls.

Der Doktor übernahm es, die Leute herauf zu bringen, und der Dicke schien indeß geduldig die Ankunft derselben zu erwarten. Brooks bemerkte nur, daß die rechts von ihm stehenden Soldaten etwas bei Seite treten mußten, um ihm die Aussicht nach dem unteren Theil der Bucht zu gestatten, wo der Schooner, der bis dahin auf und abgekreuzt war, fest auf einem Punkt zu liegen schien. Er mußte vor Anker gegangen sein, da die stark ausgehende Ebbe und der beinahe eingeschlafene, hier wenigstens von dem höheren Land gebrochene Wind ihm das Segeln wohl unmöglich machte. Der Dolmetsch sprach indessen angelegentlich zu ihm, während Zambiri nach dem Boote sah. Wo hatte jener Bursche auch nur sein Englisch gelernt? Doch sicher auf irgend einem Schiff, dem er nachher davongelaufen, um hier wieder die Sitten und ungezwungene Tracht seines Landes anzunehmen. Dem Steuermann gefiel sein Gesicht auch nicht im Mindesten, und Bosheit wie Trotz lag zugleich darin, während sich der ganze Ausdruck desselben, sobald er mit dem Dicken sprach, in knechtische Unterwürfigkeit verwandelte. Aber es half nichts, sie brauchten ihn eben, und mußten deßhalb mit ihm verkehren, denn der kleine Bursche, jedenfalls ein Sklave des Königs, der den Doktor ebenfalls englisch angeredet hatte, schien sich heute gar nicht an sie heran zu getrauen und blieb nur immer scheu und furchtsam hinter seinem Herrn sitzen, kannte doch der arme kleine Bursche den grausamen Charakter des Mannes gut genug.

Jetzt kehrte der Doktor mit den beiden Matrosen, die einen Theil der Waaren trugen, zurück und der Steuermann breitete sie, während der Dolmetsch die Unterhandlung leitete, vor dem König aus und pries ihm den Werth der Dinge. Bei ihm war, mit der Voraussicht auf einen guten Handel, der Yankee wieder zum Durchbruch gekommen, und er vergaß in dem Geschäft alles Andere.

Allerdings zeigte es sich dabei als Hauptschwierigkeit, dem König begreiflich zu machen, er habe nur Proben vor sich; er wollte die ganzen Waaren vor sich aufgeschichtet sehen, um danach seinen Preis zu bestimmen, und der Dolmetsch hatte nicht geringe Mühe, ihm zu erklären, daß die Sachen an Land geschafft werden würden, ehe er sie zu bezahlen, oder den Werth dafür herauszugeben habe. Er veranlaßte auch, daß ein Elephantenzahn aus des Königs Wohnung herbeigeschafft wurde, um als Maßstab zu dienen und Brooks berechnete sich schon, nach dem was ihm der Dicke zugestand, daß sie ungefähr 500 Prozent Nutzen an ihren Waaren haben würden. Der König bewilligte, wie er nur erst einmal den Handel begriff, einen Zahn nach dem anderen, und besonders für Taback stellte sich der Nutzen ganz enorm heraus.

Aber es zögerte sich auch furchtbar in die Länge, denn wenn Brooks glaubte, sie wären fertig, so ließ Zambiri die ganze Sache noch einmal von vorn anfangen, und wollte dann immer wieder etwas abhandeln. Dabei hatte er sich jetzt so gesetzt, daß er das Fahrzeug draußen immer im Auge behielt, während der Steuermann, den er bald da, bald dort hin rief, die Waaren zu zeigen, der See den Rücken zu drehte.

Neben diesem standen noch die beiden Matrosen als Wächter der umhergestreuten Sachen. Der Doktor aber, dem der Handel langweilig wurde, da er persönlich gar kein Interesse daran hatte, schlenderte langsam nach der Umzäunung hinauf, von woher zu Zeiten das dumpfe Brüllen des Löwen herübertönte. Was war da heute Morgen vorgegangen? Er bekam vielleicht nie im Leben wieder so passende Gelegenheit, um sich den Platz etwas näher zu betrachten, denn von den Leuten achtete Niemand auf ihn, oder legte ihm das Geringste in den Weg. Ein Schauder erfaßte ihn aber, als er den Platz, um den herum schon eine Menge von Aasgeiern ihren Sitz genommen, erreichte, und durch die Spalten in den Palissaden die verstümmelten Ueberreste jenes Unglücklichen entdeckte, den die Grausamkeit des wilden Ungethüms eines erbärmlichen kleinen Diebstahls wegen zum Tod, zu einem solchen Tod verurtheilt hatte.

Dort drüben, dicht neben den Schätzen des Wütherichs, lag der zerstückelte Leichnam, von dessen Anblick sich selbst das Auge des Arztes in Ekel und Mitleiden abwandte, und der jetzt gesättigte Löwe ging mit langen, majestätischen Schritten in der Umzäunung auf und ab, peitschte sich die Flanken mit dem Schweif und leckte sich die Lefzen mit der rauhen Zunge. Die Aasgeier aber warteten nur auf den Moment, wo sich der rastlose König der Thiere zur Ruhe ausstrecken würde, um dann ebenfalls auf die willkommene Beute niederzufallen und ihre Schnäbel einzuhauen.

Und wie scheinbar schwach war eigentlich der ganze Umbau, der das Raubthier einschloß. Wenn es die riesigen Kräfte, die es besaß, genau gekannt hätte, mußte es ja im Stande sein, diesen luftigen Kerker zu durchbrechen. Auch sogar die Thür bestand nur aus roh gezimmerten Balken, die man durch Schnüre oder Streifen ungegerbter Büffelhaut allerdings fest verbunden hatte. Den ganzen Verschluß bildeten jedoch zwei von außen vorgeschobene hölzerne Riegel, während eine Abtheilung im Inneren dazu bestimmt schien, den Löwen in einem Theil des Platzes abzuschließen, um dann ungefährdet zu den Elephantenzähnen zu gelangen. Zwei hölzerne Riegel nur, und nicht einmal ein Pflock war davor geschlagen, um sie gegen einen doch möglichen Zufall zu schützen. Der Doktor versuchte den einen, er ging leicht und bequem; wie aber seine Hand nur die Thür berührte, stutzte der Löwe da drin, wandte sich halb und duckte sich wie zum Sprunge nieder. Er kannte jedenfalls den Ausgang, wenn er ihn auch nicht benutzen durfte.

Dem Doktor wurde es unheimlich der lauernden Gestalt des grimmen Thieres gegenüber; hatte er doch auch schon oft davon gehört, wie furchtbar eine solche Bestie den Menschen wird, wenn sie mit Menschenfleisch genährt, ja nur ein einziges Mal erst Menschenfleisch gekostet habe. Ordentlich erschreckt zog er die Hand zurück und wich von den Pallisaden ab, um ihn selbst nicht zu einem Sprung zu reizen. Wie leicht konnte das vielleicht schon mürbe Holz der Wucht eines solchen Anpralls nachgeben!

Welche Ewigkeit das aber auch da unten mit dem Handel dauerte; es war gar kein Ende abzusehen, und ein Wunder nur, daß der Kapitän nicht ungeduldig wurde. Zwei Stunden saßen sie dort jetzt wenigstens bei einander, und wenn sie schon zu den Proben solche Zeit brauchten, wie sollte es erst nachher werden, wenn die Waaren an Land kamen!

Er wandte sich langsam ab um wieder zurück zu der Gruppe zu gehen, als er den Steuermann plötzlich emporfahren und nach dem Schooner hinüber deuten sah. Fast in demselben Augenblick fiel von dort ein Schuß, und als er sich erschreckt der Richtung zu drehte, bemerkte er, wie die ganze Bai von dunklen Kanoes schwärmte, die alle auf den Schooner zuzuhalten schienen.