Massenpsychologie und Ich-Analyse

Sigmund Freud · Kapitel 8 von 12

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Massenpsychologie und Ich-Analyse

VIII. Verliebtheit und Hypnose.

VIII.

 

Verliebtheit und Hypnose.

 

Der Sprachgebrauch bleibt selbst in seinen Launen irgend einer Wirklichkeit

treu. So nennt er zwar sehr mannigfaltige Gefühlsbeziehungen »Liebe«, die auch

wir theoretisch als Liebe zusammenfassen, zweifelt aber dann wieder, ob diese

Liebe die eigentliche, richtige, wahre sei, und deutet so auf eine ganze

Stufenleiter von Möglichkeiten innerhalb der Liebesphänomene hin. Es wird uns

auch nicht schwer, dieselbe in der Beobachtung aufzufinden.

 

In einer Reihe von Fällen ist die Verliebtheit nichts anderes als

Objektbesetzung von seiten der Sexualtriebe zum Zweck der direkten

Sexualbefriedigung, die auch mit der Erreichung dieses Zieles erlischt; das ist

das, was man die gemeine, sinnliche Liebe heißt. Aber wie bekannt, bleibt die

libidinöse Situation selten so einfach. Die Sicherheit, mit der man auf das

Wiedererwachen des eben erloschenen Bedürfnisses rechnen konnte, muß wohl

das nächste Motiv gewesen sein, dem Sexualobjekt eine dauernde Besetzung

zuzuwenden, es auch in den begierdefreien Zwischenzeiten zu »lieben«.

 

Aus der sehr merkwürdigen Entwicklungsgeschichte des menschlichen

Liebeslebens kommt ein zweites Moment hinzu. Das Kind hatte in der ersten,

mit fünf Jahren meist schon abgeschlossenen Phase in einem Elternteil ein erstes

Liebesobjekt gefunden, auf welches sich alle seine Befriedigung heischenden

Sexualtriebe vereinigt hatten. Die dann eintretende Verdrängung erzwang den

Verzicht auf die meisten dieser kindlichen Sexualziele und hinterließ eine

tiefgreifende Modifikation des Verhältnisses zu den Eltern. Das Kind blieb

fernerhin an die Eltern gebunden, aber mit Trieben, die man »zielgehemmte«

nennen muß. Die Gefühle, die es von nun an für diese geliebten Personen

empfindet, werden als »zärtliche« bezeichnet. Es ist bekannt, daß im Unbewußten die früheren »sinnlichen« Strebungen mehr oder minder stark

erhalten bleiben, so daß die ursprüngliche Vollströmung in gewissem Sinne

weiterbesteht[22].

 

Mit der Pubertät setzen bekanntlich neue sehr intensive Strebungen nach den

direkten Sexualzielen ein. In ungünstigen Fällen bleiben sie als sinnliche

Strömung von den fortdauernden »zärtlichen« Gefühlsrichtungen geschieden.

Man hat dann das Bild vor sich, dessen beide Ansichten von gewissen

Richtungen der Literatur so gerne idealisiert werden. Der Mann zeigt

schwärmerische Neigungen zu hochgeachteten Frauen, die ihn aber zum

Liebesverkehr nicht reizen, und ist nur potent gegen andere Frauen, die er nicht

»liebt«, geringschätzt oder selbst verachtet[23]. Häufiger indes gelingt dem

Heranwachsenden ein gewisses Maß von Synthese der unsinnlichen,

himmlischen und der sinnlichen, irdischen Liebe, und ist sein Verhältnis zum

Sexualobjekt durch das Zusammenwirken von ungehemmten mit zielgehemmten

Trieben gekennzeichnet. Nach dem Beitrag der zielgehemmten

Zärtlichkeitstriebe kann man die Höhe der Verliebtheit im Gegensatz zum bloß

sinnlichen Begehren bemessen.

 

Im Rahmen dieser Verliebtheit ist uns von Anfang an das Phänomen der

Sexualüberschätzung aufgefallen, die Tatsache, daß das geliebte Objekt eine

gewisse Freiheit von der Kritik genießt, daß alle seine Eigenschaften höher

eingeschätzt werden als die ungeliebter Personen oder als zu einer Zeit, da es

nicht geliebt wurde. Bei einigermaßen wirksamer Verdrängung oder

Zurücksetzung der sinnlichen Strebungen kommt die Täuschung zustande, daß

das Objekt seiner seelischen Vorzüge wegen auch sinnlich geliebt wird, während

umgekehrt erst das sinnliche Wohlgefallen ihm diese Vorzüge verliehen haben

mag.

 

Das Bestreben, welches hier das Urteil fälscht, ist das der

I d e a l i s i e r u n g. Damit ist uns aber die Orientierung erleichtert; wir

erkennen, daß das Objekt so behandelt wird wie das eigene Ich, daß also in der

Verliebtheit ein größeres Maß narzißtischer Libido auf das Objekt überfließt. Bei manchen Formen der Liebeswahl wird es selbst augenfällig, daß das Objekt dazu

dient, ein eigenes, nicht erreichtes Ichideal zu ersetzen. Man liebt es wegen der

Vollkommenheiten, die man fürs eigene Ich angestrebt hat und die man sich nun

auf diesem Umweg zur Befriedigung seines Narzißmus verschaffen möchte.

 

Nehmen Sexualüberschätzung und Verliebtheit noch weiter zu, so wird die

Deutung des Bildes immer unverkennbarer. Die auf direkte Sexualbefriedigung

drängenden Strebungen können nun ganz zurückgedrängt werden, wie es z. B.

regelmäßig bei der schwärmerischen Liebe des Jünglings geschieht; das Ich wird

immer anspruchsloser, bescheidener, das Objekt immer großartiger, wertvoller;

es gelangt schließlich in den Besitz der gesamten Selbstliebe des Ichs, so daß

dessen Selbstaufopferung zur natürlichen Konsequenz wird. Das Objekt hat das

Ich sozusagen aufgezehrt. Züge von Demut, Einschränkung des Narzißmus,

Selbstschädigung sind in jedem Falle von Verliebtheit vorhanden; im extremen

Falle werden sie nur gesteigert und durch das Zurücktreten der sinnlichen

Ansprüche bleiben sie alleinherrschend.

 

Dies ist besonders leicht bei unglücklicher, unerfüllbarer Liebe der Fall, da

bei jeder sexuellen Befriedigung doch die Sexualüberschätzung immer wieder

eine Herabsetzung erfährt. Gleichzeitig mit dieser »Hingabe« des Ichs an das

Objekt, die sich von der sublimierten Hingabe an eine abstrakte Idee schon nicht

mehr unterscheidet, versagen die dem Ichideal zugeteilten Funktionen gänzlich.

Es schweigt die Kritik, die von dieser Instanz ausgeübt wird; alles was das

Objekt tut und fordert, ist recht und untadelhaft. Das Gewissen findet keine

Anwendung auf alles, was zugunsten des Objekts geschieht; in der

Liebesverblendung wird man reuelos zum Verbrecher. Die ganze Situation läßt

sich restlos in eine Formel zusammenfassen: D a s O b j e k t h a t s i c h a n

d i e S t e l l e d e s I c h i d e a l s g e s e t z t.

 

Der Unterschied der Identifizierung von der Verliebtheit in ihren höchsten

Ausbildungen, die man Faszination, verliebte Hörigkeit heißt, ist nun leicht zu

beschreiben. Im ersteren Falle hat sich das Ich um die Eigenschaften des Objekts

bereichert, sich dasselbe nach F e r e n c z i's Ausdruck »introjiziert«; im zweiten Fall ist es verarmt, hat sich dem Objekt hingegeben, dasselbe an die Stelle seines

wichtigsten Bestandteils gesetzt. Indes merkt man bei näherer Erwägung bald,

daß eine solche Darstellung Gegensätze vorspiegelt, die nicht bestehen. Es

handelt sich ökonomisch nicht um Verarmung oder Bereicherung, man kann

auch die extreme Verliebtheit so beschreiben, daß das Ich sich das Objekt

introjiziert habe. Vielleicht trifft eine andere Unterscheidung eher das

Wesentliche. Im Falle der Identifizierung ist das Objekt verloren gegangen oder

aufgegeben worden; es wird dann im Ich wieder aufgerichtet, das Ich verändert

sich partiell nach dem Vorbild des verlorenen Objekts. Im anderen Falle ist das

Objekt erhalten geblieben und wird als solches von seiten und auf Kosten des

Ichs überbesetzt. Aber auch hiegegen erhebt sich ein Bedenken. Steht es denn

fest, daß die Identifizierung das Aufgeben der Objektbesetzung voraussetzt,

kann es nicht Identifizierung bei erhaltenem Objekt geben? Und ehe wir uns in

die Diskussion dieser heikeln Frage einlassen, kann uns bereits die Einsicht

aufdämmern, daß eine andere Alternative das Wesen dieses Sachverhalts in sich

faßt, nämlich o b d a s O b j e k t a n d i e S t e l l e d e s I c h s o d e r d e s

I c h i d e a l s g e s e t z t w i r d.

 

Von der Verliebtheit ist offenbar kein weiter Schritt zur Hypnose. Die

Übereinstimmungen beider sind augenfällig. Dieselbe demütige Unterwerfung,

Gefügigkeit, Kritiklosigkeit gegen den Hypnotiseur wie gegen das geliebte

Objekt. Dieselbe Aufsaugung der eigenen Initiative; kein Zweifel, der

Hypnotiseur ist an die Stelle des Ichideals getreten. Alle Verhältnisse sind in der

Hypnose nur noch deutlicher und gesteigerter, so daß es zweckmäßiger wäre, die

Verliebtheit durch die Hypnose zu erläutern als umgekehrt. Der Hypnotiseur ist

das einzige Objekt, kein anderes wird neben ihm beachtet. Daß das Ich traumhaft

erlebt, was er fordert und behauptet, mahnt uns daran, daß wir verabsäumt

haben, unter den Funktionen des Ichideals auch die Ausübung der

Realitätsprüfung zu erwähnen[24]. Kein Wunder, daß das Ich eine Wahrnehmung

für real hält, wenn die sonst mit der Aufgabe der Realitätsprüfung betraute

psychische Instanz sich für diese Realität einsetzt. Die völlige Abwesenheit von

Strebungen mit ungehemmten Sexualzielen trägt zur extremen Reinheit der Erscheinungen weiteres bei. Die hypnotische Beziehung ist eine

uneingeschränkte verliebte Hingabe bei Ausschluß sexueller Befriedigung,

während eine solche bei der Verliebtheit doch nur zeitweilig zurückgeschoben ist

und als spätere Zielmöglichkeit im Hintergrunde verbleibt.

 

Anderseits können wir aber auch sagen, die hypnotische Beziehung sei –

wenn dieser Ausdruck gestattet ist – eine Massenbildung zu zweien. Die

Hypnose ist kein gutes Vergleichsobjekt mit der Massenbildung, weil sie

vielmehr mit dieser identisch ist. Sie isoliert uns aus dem komplizierten Gefüge

der Masse ein Element, das Verhalten des Massenindividuums zum Führer.

Durch diese Einschränkung der Zahl scheidet sich die Hypnose von der

Massenbildung, wie durch den Wegfall der direkt sexuellen Strebungen von der

Verliebtheit. Sie hält insoferne die Mitte zwischen beiden.

 

Es ist interessant zu sehen, daß gerade die zielgehemmten Sexualstrebungen

so dauerhafte Bindungen der Menschen aneinander erzielen. Dies versteht sich

aber leicht aus der Tatsache, daß sie einer vollen Befriedigung nicht fähig sind,

während ungehemmte Sexualstrebungen durch die Abfuhr bei der Erreichung

des jedesmaligen Sexualziels eine außerordentliche Herabsetzung erfahren. Die

sinnliche Liebe ist dazu bestimmt, in der Befriedigung zu erlöschen; um

andauern zu können, muß sie mit rein zärtlichen, d. h. zielgehemmten

Komponenten von Anfang an versetzt sein oder eine solche Umsetzung erfahren.

 

Die Hypnose würde uns das Rätsel der libidinösen Konstitution einer Masse

glatt lösen, wenn sie selbst nicht noch Züge enthielte, die sich der bisherigen

rationellen Aufklärung – als Verliebtheit bei Ausschluß direkt sexueller

Strebungen – entziehen. Es ist noch vieles an ihr als unverstanden, als mystisch

anzuerkennen. Sie enthält einen Zusatz von Lähmung aus dem Verhältnis eines

Übermächtigen zu einem Ohnmächtigen, Hilflosen, was etwa zur

Schreckhypnose der Tiere überleitet. Die Art, wie sie erzeugt wird, ihre

Beziehung zum Schlaf, sind nicht durchsichtig, und die rätselhafte Auswahl von

Personen, die sich für sie eignen, während andere sie gänzlich ablehnen, weist

auf ein noch unbekanntes Moment hin, welches in ihr verwirklicht wird, und das vielleicht erst die Reinheit der Libidoeinstellungen in ihr ermöglicht.

Beachtenswert ist auch, daß häufig das moralische Gewissen der hypnotisierten

Person sich selbst bei sonst voller suggestiver Gefügigkeit resistent zeigen kann.

Aber das mag daher kommen, daß bei der Hypnose, wie sie zumeist geübt wird,

ein Wissen erhalten geblieben sein kann, es handle sich nur um ein Spiel, eine

unwahre Reproduktion einer anderen, weit lebenswichtigeren Situation.

 

Durch die bisherigen Erörterungen sind wir aber voll darauf vorbereitet, die

Formel für die libidinöse Konstitution einer Masse anzugeben. Wenigstens einer

solchen Masse, wie wir sie bisher betrachtet haben, die also einen Führer hat und

nicht durch allzu viel »Organisation« sekundär die Eigenschaften eines

Individuums erwerben konnte. E i n e s o l c h e p r i m ä r e M a s s e i s t

e i n e A n z a h l v o n I n d i v i d u e n , d i e e i n u n d d a s s e l b e

O b j e k t a n d i e S t e l l e i h r e s I c h i d e a l s g e s e t z t u n d s i c h

i n f o l g e d e s s e n i n i h r e m I c h m i t e i n a n d e r i d e n t i f i z i e r t

h a b e n. Dies Verhältnis läßt eine graphische Darstellung zu: