Massenpsychologie und Ich-Analyse

Sigmund Freud · Kapitel 5 von 12

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Massenpsychologie und Ich-Analyse

V. Zwei künstliche Massen: Kirche und Heer.

V.

 

Zwei künstliche Massen: Kirche und Heer.

 

Aus der Morphologie der Massen rufen wir uns ins Gedächtnis, daß man

sehr verschiedene Arten von Massen und gegensätzliche Richtungen in ihrer

Ausbildung unterscheiden kann. Es gibt sehr flüchtige Massen und höchst

dauerhafte; homogene, die aus gleichartigen Individuen bestehen, und nicht

homogene; natürliche Massen und künstliche, die zu ihrem Zusammenhalt auch

einen äußeren Zwang erfordern; primitive Massen und gegliederte, hoch

organisierte. Aus Gründen aber, in welche die Einsicht noch verhüllt ist,

möchten wir auf eine Unterscheidung besonderen Wert legen, die bei den

Autoren eher zu wenig beachtet wird; ich meine die von führerlosen Massen und

von solchen mit Führern. Und recht im Gegensatz zur gewohnten Übung soll

unsere Untersuchung nicht eine relativ einfache Massenbildung zum

Ausgangspunkt wählen, sondern an hoch organisierten, dauerhaften, künstlichen

Massen beginnen. Die interessantesten Beispiele solcher Gebilde sind die

Kirche, die Gemeinschaft der Gläubigen, und die Armee, das Heer.

 

Kirche und Heer sind künstliche Massen, das heißt, es wird ein gewisser

äußerer Zwang aufgewendet, um sie vor der Auflösung zu bewahren und

Veränderungen in ihrer Struktur hintanzuhalten. Man wird in der Regel nicht

befragt oder es wird einem nicht freigestellt, ob man in eine solche Masse

eintreten will; der Versuch des Austritts wird gewöhnlich verfolgt oder strenge

bestraft oder ist an ganz bestimmte Bedingungen geknüpft. Warum diese

Vergesellschaftungen so besonderer Sicherungen bedürfen, liegt unserem

Interesse gegenwärtig ganz ferne. Uns zieht nur der eine Umstand an, daß man

an diesen hochorganisierten, in solcher Weise vor dem Zerfall geschützten

Massen mit großer Deutlichkeit gewisse Verhältnisse erkennt, die anderswo weit

mehr verdeckt sind.

In der Kirche – wir können mit Vorteil die katholische Kirche zum Muster

nehmen – gilt wie im Heer, so verschieden beide sonst sein mögen, die nämliche

Vorspiegelung (Illusion), daß ein Oberhaupt da ist, – in der katholischen Kirche

Christus, in der Armee der Feldherr – das alle Einzelnen der Masse mit der

gleichen Liebe liebt. An dieser Illusion hängt alles; ließe man sie fallen, so

zerfielen sofort, soweit der äußere Zwang es gestattete, Kirche wie Heer. Von

Christus wird diese gleiche Liebe ausdrücklich ausgesagt: Was ihr getan habt

Einem unter diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan. Er steht

zu den Einzelnen der gläubigen Masse im Verhältnis eines gütigen älteren

Bruders, ist ihnen ein Vaterersatz. Alle Anforderungen an die Einzelnen leiten

sich von dieser Liebe Christi ab. Ein demokratischer Zug geht durch die Kirche,

eben weil vor Christus alle gleich sind, alle den gleichen Anteil an seiner Liebe

haben. Nicht ohne tiefen Grund wird die Gleichartigkeit der christlichen

Gemeinde mit einer Familie heraufbeschworen und nennen sich die Gläubigen

Brüder in Christo, d. h. Brüder durch die Liebe, die Christus für sie hat. Es ist

nicht zu bezweifeln, daß die Bindung jedes Einzelnen an Christus auch die

Ursache ihrer Bindung unter einander ist. Ähnliches gilt für das Heer; der

Feldherr ist der Vater, der alle seine Soldaten gleich liebt, und darum sind sie

Kameraden untereinander. Das Heer unterscheidet sich strukturell von der

Kirche darin, daß es aus einem Stufenbau von solchen Massen besteht. Jeder

Hauptmann ist gleichsam der Feldherr und Vater seiner Abteilung, jeder

Unteroffizier der seines Zuges. Eine ähnliche Hierarchie ist zwar auch in der

Kirche ausgebildet, spielt aber in ihr nicht dieselbe ökonomische Rolle, da man

Christus mehr Wissen und Bekümmern um die Einzelnen zuschreiben darf als

dem menschlichen Feldherrn.

 

Gegen diese Auffassung der libidinösen Struktur einer Armee wird man mit Recht einwenden, daß die

Ideen des Vaterlandes, des nationalen Ruhms u. a., die für den Zusammenhalt der Armee so bedeutsam sind,

hier keine Stelle gefunden haben. Die Antwort darauf lautet, dies sei ein anderer, nicht mehr so einfacher

Fall von Massenbindung, und wie die Beispiele großer Heerführer, Caesar, Wallenstein, Napoleon, zeigen,

sind solche Ideen für den Bestand einer Armee nicht unentbehrlich. Von dem möglichen Ersatz des Führers

durch eine führende Idee und den Beziehungen zwischen beiden wird später kurz die Rede sein. Die

Vernachlässigung dieses libidinösen Faktors in der Armee, auch dann, wenn er nicht der einzig wirksame

ist, scheint nicht nur ein theoretischer Mangel, sondern auch eine praktische Gefahr. Der preußische Militarismus, der ebenso unpsychologisch war wie die deutsche Wissenschaft, hat dies vielleicht im großen

Weltkrieg erfahren müssen. Die Kriegsneurosen, welche die deutsche Armee zersetzten, sind ja bekanntlich

als Protest des Einzelnen gegen die ihm in der Armee zugemutete Rolle erkannt worden, und nach den

Mitteilungen von E. S i m m e l[15] darf man behaupten, daß die lieblose Behandlung des gemeinen Mannes

durch seine Vorgesetzten obenan unter den Motiven der Erkrankung stand. Bei besserer Würdigung dieses

Libidoanspruches hätten wahrscheinlich die phantastischen Versprechungen der 14 Punkte des

amerikanischen Präsidenten nicht so leicht Glauben gefunden und das großartige Instrument wäre den

deutschen Kriegskünstlern nicht in der Hand zerbrochen.

 

Merken wir an, daß in diesen beiden künstlichen Massen jeder Einzelne

einerseits an den Führer (Christus, Feldherrn), andererseits an die anderen

Massenindividuen libidinös gebunden ist. Wie sich diese beiden Bindungen

zueinander verhalten, ob sie gleichartig und gleichwertig sind und wie sie

psychologisch zu beschreiben wären, das müssen wir einer späteren

Untersuchung vorbehalten. Wir getrauen uns aber jetzt schon eines leisen

Vorwurfes gegen die Autoren, daß sie die Bedeutung des Führers für die

Psychologie der Masse nicht genügend gewürdigt haben, während uns die Wahl

des ersten Untersuchungsobjekts in eine günstigere Lage gebracht hat. Es will

uns scheinen, als befänden wir uns auf dem richtigen Weg, der die

Haupterscheinung der Massenpsychologie, die Unfreiheit des Einzelnen in der

Masse, aufklären kann. Wenn für jeden Einzelnen eine so ausgiebige

Gefühlsbindung nach zwei Richtungen besteht, so wird es uns nicht schwer

werden, aus diesem Verhältnis die beobachtete Veränderung und Einschränkung

seiner Persönlichkeit abzuleiten.

 

Einen Wink ebendahin, das Wesen einer Masse bestehe in den in ihr

vorhandenen libidinösen Bindungen, erhalten wir auch in dem Phänomen der

Panik, welches am besten an militärischen Massen zu studieren ist. Eine Panik

entsteht, wenn eine solche Masse sich zersetzt. Ihr Charakter ist, daß kein Befehl

des Vorgesetzten mehr angehört wird, und daß jeder für sich selbst sorgt ohne

Rücksicht auf die anderen. Die gegenseitigen Bindungen haben aufgehört und

eine riesengroße, sinnlose Angst wird frei. Natürlich wird auch hier wieder der

Einwand naheliegen, es sei vielmehr umgekehrt, indem die Angst so groß

gewachsen sei, daß sie sich über alle Rücksichten und Bindungen hinaussetzen konnte. M c D o u g a l l hat sogar (S. 24) den Fall der Panik (allerdings der nicht

militärischen) als Musterbeispiel für die von ihm betonte Affektsteigerung durch

Ansteckung (primary induction) verwertet. Allein diese rationelle

Erklärungsweise geht hier doch ganz fehl. Es steht eben zur Erklärung, warum

die Angst so riesengroß geworden ist. Die Größe der Gefahr kann nicht

beschuldigt werden, denn dieselbe Armee, die jetzt der Panik verfällt, kann

ähnlich große und größere Gefahren tadellos bestanden haben, und es gehört

geradezu zum Wesen der Panik, daß sie nicht im Verhältnis zur drohenden

Gefahr steht, oft bei den nichtigsten Anlässen ausbricht. Wenn der Einzelne in

panischer Angst für sich selbst zu sorgen unternimmt, so bezeugt er damit die

Einsicht, daß die affektiven Bindungen aufgehört haben, die bis dahin die Gefahr

für ihn herabsetzten. Nun, da er der Gefahr allein entgegensteht, darf er sie

allerdings höher einschätzen. Es verhält sich also so, daß die panische Angst die

Lockerung in der libidinösen Struktur der Masse voraussetzt und in berechtigter

Weise auf sie reagiert, nicht umgekehrt, daß die Libidobindungen der Masse an

der Angst vor der Gefahr zugrunde gegangen wären.

 

Mit diesen Bemerkungen wird der Behauptung, daß die Angst in der Masse durch Induktion

(Ansteckung) ins Ungeheure wachse, keineswegs widersprochen. Die M c D o u g a l l'sche Auffassung ist

durchaus zutreffend für den Fall, daß die Gefahr eine real große ist und daß in der Masse keine starken

Gefühlsbindungen bestehen, Bedingungen, die verwirklicht werden, wenn z. B. in einem Theater oder

Unterhaltungslokal Feuer ausbricht. Der lehrreiche und für unsere Zwecke verwertete Fall ist der oben

erwähnte, daß ein Heereskörper in Panik gerät, wenn die Gefahr nicht über das gewohnte und oftmals gut

vertragene Maß hinaus gesteigert ist. Man wird nicht erwarten dürfen, daß der Gebrauch des Wortes

»Panik« scharf und eindeutig bestimmt sei. Manchmal bezeichnet man so jede Massenangst, andere Male

auch die Angst eines Einzelnen, wenn sie über jedes Maß hinausgeht, häufig scheint der Name für den Fall

reserviert, daß der Angstausbruch durch den Anlaß nicht gerechtfertigt wird. Nehmen wir das Wort »Panik«

im Sinne der Massenangst, so können wir eine weitgehende Analogie behaupten. Die Angst des

Individuums wird hervorgerufen entweder durch die Größe der Gefahr oder durch das Auflassen von

Gefühlsbindungen (Libidobesetzungen); der letztere Fall ist der der neurotischen Angst. (S. Vorlesungen zur

Einführung in die Psychoanalyse, XXV., 3. Aufl., 1920.) Ebenso entsteht die Panik durch die Steigerung der

Alle betreffenden Gefahr oder durch das Aufhören der die Masse zusammenhaltenden Gefühlsbindungen,

und dieser letzte Fall ist der neurotischen Angst analog. (Vgl. hiezu den gedankenreichen, etwas

phantastischen Aufsatz von B e l a v . F e l s z e g h y: Panik und Pankomplex, »Imago«, VI, 1920.)

 

Wenn man die Panik wie M c D o u g a l l (l. c.) als eine der deutlichsten Leistungen des »group mind«

beschreibt, gelangt man zum Paradoxon, daß sich diese Massenseele in einer ihrer auffälligsten Äußerungen selbst aufhebt. Es ist kein Zweifel möglich, daß die Panik die Zersetzung der Masse bedeutet, sie hat das

Aufhören aller Rücksichten zur Folge, welche sonst die Einzelnen der Masse für einander zeigen.

 

Der typische Anlaß für den Ausbruch einer Panik ist so ähnlich, wie er in der

N e s t r o y'schen Parodie des H e b b e lschen Dramas von Judith und Holofernes

dargestellt wird. Da schreit ein Krieger: »Der Feldherr hat den Kopf verloren«,

und darauf ergreifen alle Assyrer die Flucht. Der Verlust des Führers in irgend

einem Sinne, das Irrewerden an ihm bringt die Panik bei gleichbleibender Gefahr

zum Ausbruch; mit der Bindung an den Führer schwinden – in der Regel – auch

die gegenseitigen Bindungen der Massenindividuen. Die Masse zerstiebt wie ein

Bologneser Fläschchen, dem man die Spitze abgebrochen hat.

 

Die Zersetzung einer religiösen Masse ist nicht so leicht zu beobachten. Vor

kurzem geriet mir ein von katholischer Seite stammender, vom Bischof von

London empfohlener englischer Roman in die Hand mit dem Titel: »When it was

dark«, der eine solche Möglichkeit und ihre Folgen in geschickter und, wie ich

meine, zutreffender Weise ausmalte. Der Roman erzählt wie aus der Gegenwart,

daß es einer Verschwörung von Feinden der Person Christi und des christlichen

Glaubens gelingt, eine Grabkammer in Jerusalem auffinden zu lassen, in deren

Inschrift Josef von Arimathäa bekennt, daß er aus Gründen der Pietät den

Leichnam Christi am dritten Tag nach seiner Beisetzung heimlich aus seinem

Grab entfernt und hier bestattet habe. Damit ist die Auferstehung Christi und

seine göttliche Natur abgetan und die Folge dieser archäologischen Entdeckung

ist eine Erschütterung der europäischen Kultur und eine außerordentliche

Zunahme aller Gewalttaten und Verbrechen, die erst schwindet, nachdem das

Komplott der Fälscher enthüllt werden kann.

 

Was bei der hier angenommenen Zersetzung der religiösen Masse zum

Vorschein kommt, ist nicht Angst, für welche der Anlaß fehlt, sondern

rücksichtslose und feindselige Impulse gegen andere Personen, die sich bis dahin

dank der gleichen Liebe Christi nicht äußern konnten[16]. Außerhalb dieser

Bindung stehen aber auch während des Reiches Christi jene Individuen, die nicht

zur Glaubensgemeinschaft gehören, die ihn nicht lieben und die er nicht liebt;

darum muß eine Religion, auch wenn sie sich die Religion der Liebe heißt, hart und lieblos gegen diejenigen sein, die ihr nicht angehören. Im Grunde ist ja jede

Religion eine solche Religion der Liebe für alle, die sie umfaßt, und jeder liegt

Grausamkeit und Intoleranz gegen die nicht dazugehörigen nahe. Man darf, so

schwer es einem auch persönlich fällt, den Gläubigen daraus keinen zu argen

Vorwurf machen; Ungläubige und Indifferente haben es in diesem Punkte

psychologisch umso viel leichter. Wenn diese Intoleranz sich heute nicht mehr so

gewalttätig und grausam kundgibt wie in früheren Jahrhunderten, so wird man

daraus kaum auf eine Milderung in den Sitten der Menschen schließen dürfen.

Weit eher ist die Ursache davon in der unleugbaren Abschwächung der

religiösen Gefühle und der von ihnen abhängigen libidinösen Bindungen zu

suchen. Wenn eine andere Massenbindung an die Stelle der religiösen tritt, wie

es jetzt der sozialistischen zu gelingen scheint, so wird sich dieselbe Intoleranz

gegen die Außenstehenden ergeben wie im Zeitalter der Religionskämpfe, und

wenn die Differenzen wissenschaftlicher Anschauungen je eine ähnliche

Bedeutung für die Massen gewinnen könnten, würde sich dasselbe Resultat auch

für diese Motivierung wiederholen.