Massenpsychologie und Ich-Analyse

Sigmund Freud · Kapitel 6 von 12

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Massenpsychologie und Ich-Analyse

VI. Weitere Aufgaben und Arbeitsrichtungen.

VI.

 

Weitere Aufgaben und Arbeitsrichtungen.

 

Wir haben bisher zwei artifizielle Massen untersucht und gefunden, daß sie

von zweierlei Gefühlsbindungen beherrscht werden, von denen die eine an den

Führer – wenigstens für sie – bestimmender zu sein scheint als die andere, die

der Massenindividuen aneinander.

 

Nun gäbe es in der Morphologie der Massen noch viel zu untersuchen und zu

beschreiben. Man hätte von der Feststellung auszugehen, daß eine bloße

Menschenmenge noch keine Masse ist, so lange sich jene Bindungen in ihr nicht

hergestellt haben, hätte aber das Zugeständnis zu machen, daß in einer

beliebigen Menschenmenge sehr leicht die Tendenz zur Bildung einer

psychologischen Masse hervortritt. Man müßte den verschiedenartigen, mehr

oder minder beständigen Massen, die spontan zustande kommen,

Aufmerksamkeit schenken, die Bedingungen ihrer Entstehung und ihres Zerfalls

studieren. Vor allem würde uns der Unterschied zwischen Massen, die einen

Führer haben, und führerlosen Massen beschäftigen. Ob nicht die Massen mit

Führer die ursprünglicheren und vollständigeren sind, ob in den anderen der

Führer nicht durch eine Idee, ein Abstraktum ersetzt sein kann, wozu ja schon

die religiösen Massen mit ihrem unaufzeigbaren Oberhaupt die Überleitung

bilden, ob nicht eine gemeinsame Tendenz, ein Wunsch, an dem eine Vielheit

Anteil nehmen kann, den nämlichen Ersatz leistet. Dieses Abstrakte könnte sich

wiederum mehr oder weniger vollkommen in der Person eines gleichsam

sekundären Führers verkörpern, und aus der Beziehung zwischen Idee und

Führer ergäben sich interessante Mannigfaltigkeiten. Der Führer oder die

führende Idee könnten auch sozusagen negativ werden; der Haß gegen eine

bestimmte Person oder Institution könnte ebenso einigend wirken und ähnliche

Gefühlsbindungen hervorrufen wie die positive Anhänglichkeit. Es fragte sich dann auch, ob der Führer für das Wesen der Masse wirklich unerläßlich ist

u. a. m.

 

Aber all diese Fragen, die zum Teil auch in der Literatur der

Massenpsychologie behandelt sein mögen, werden nicht imstande sein, unser

Interesse von den psychologischen Grundproblemen abzulenken, die uns in der

Struktur einer Masse geboten werden. Wir werden zunächst von einer

Überlegung gefesselt, die uns auf dem kürzesten Weg den Nachweis verspricht,

daß es Libidobindungen sind, welche eine Masse charakterisieren.

 

Wir halten uns vor, wie sich die Menschen im allgemeinen affektiv

zueinander verhalten. Nach dem berühmten S c h o p e n h a u e r'schen Gleichnis

von den frierenden Stachelschweinen verträgt keiner eine allzu intime

Annäherung des anderen.

 

»Eine Gesellschaft Stachelschweine drängte sich, an einem kalten Wintertage, recht nahe zusammen,

um durch die gegenseitige Wärme, sich vor dem Erfrieren zu schützen. Jedoch bald empfanden sie die

gegenseitigen Stacheln, welches sie dann wieder voneinander entfernte. Wenn nun das Bedürfnis der

Erwärmung sie wieder näher zusammenbrachte, wiederholte sich jenes zweite Übel, so daß sie zwischen

beiden Leiden hin- und hergeworfen wurden, bis sie eine mäßige Entfernung herausgefunden hatten, in der

sie es am besten aushalten konnten.« (Parerga und Paralipomena, II. Teil, XXXI., Gleichnisse und

Parabeln.)

 

Nach dem Zeugnis der Psychoanalyse hinterläßt fast jedes intime

Gefühlsverhältnis zwischen zwei Personen von längerer Dauer – Ehebeziehung,

Freundschaft, Eltern- und Kindschaft[17] – einen Bodensatz von ablehnenden,

feindseligen Gefühlen, der erst durch Verdrängung beseitigt werden muß.

Unverhüllter ist es, wenn jeder Kompagnon mit seinem Gesellschafter hadert,

jeder Untergebene gegen seinen Vorgesetzten murrt. Dasselbe geschieht dann,

wenn die Menschen zu größeren Einheiten zusammentreten. Jedesmal, wenn

sich zwei Familien durch eine Eheschließung verbinden, hält sich jede von ihnen

für die bessere oder vornehmere auf Kosten der anderen. Von zwei benachbarten

Städten wird jede zur mißgünstigen Konkurrentin der anderen; jedes Kantönli

sieht geringschätzig auf das andere herab. Nächstverwandte Völkerstämme

stoßen einander ab, der Süddeutsche mag den Norddeutschen nicht leiden, der Engländer sagt dem Schotten alles Böse nach, der Spanier verachtet den

Portugiesen. Daß bei größeren Differenzen sich eine schwer zu überwindende

Abneigung ergibt, des Galliers gegen den Germanen, des Ariers gegen den

Semiten, des Weißen gegen den Farbigen, hat aufgehört uns zu verwundern.

 

Wenn sich die Feindseligkeit gegen sonst geliebte Personen richtet,

bezeichnen wir es als Gefühlsambivalenz und erklären uns diesen Fall in

wahrscheinlich allzu rationeller Weise durch die vielfachen Anlässe zu

Interessenkonflikten, die sich gerade in so intimen Beziehungen ergeben. In den

unverhüllt hervortretenden Abneigungen und Abstoßungen gegen nahestehende

Fremde können wir den Ausdruck einer Selbstliebe, eines Narzißmus, erkennen,

der seine Selbstbehauptung anstrebt und sich so benimmt, als ob das

Vorkommen einer Abweichung von seinen individuellen Ausbildungen eine

Kritik derselben und eine Aufforderung sie umzugestalten mit sich brächte.

Warum sich eine so große Empfindlichkeit gerade auf diese Einzelheiten der

Differenzierung geworfen haben sollte, wissen wir nicht; es ist aber

unverkennbar, daß sich in diesem ganzen Verhalten der Menschen eine

Haßbereitschaft, eine Aggressivität kundgibt, deren Herkunft unbekannt ist, und

der man einen elementaren Charakter zusprechen möchte.

 

In einer kürzlich (1920) veröffentlichten Schrift »Jenseits des Lustprinzips« habe ich versucht, die

Polarität von Lieben und Hassen mit einem angenommenen Gegensatz von Lebens- und Todestrieben zu

verknüpfen, und die Sexualtriebe als die reinsten Vertreter der ersteren, der Lebenstriebe, hinzustellen.

 

Aber all diese Intoleranz schwindet, zeitweilig oder dauernd, durch die

Massenbildung und in der Masse. Solange die Massenbildung anhält oder soweit

sie reicht, benehmen sich die Individuen als wären sie gleichförmig, dulden sie

die Eigenart des anderen, stellen sich ihm gleich und verspüren kein Gefühl der

Abstoßung gegen ihn. Eine solche Einschränkung des Narzißmus kann nach

unseren theoretischen Anschauungen nur durch ein Moment erzeugt werden,

durch libidinöse Bindung an andere Personen. Die Selbstliebe findet nur an der

Fremdliebe, Liebe zu Objekten, eine Schranke[18]. Man wird sofort die Frage

aufwerfen, ob nicht die Interessengemeinschaft, an und für sich und ohne jeden

libidinösen Beitrag, zur Duldung des anderen und zur Rücksichtnahme auf ihn führen muß. Man wird diesem Einwand mit dem Bescheid begegnen, daß auf

solche Weise eine bleibende Einschränkung des Narzißmus doch nicht zustande

kommt, da diese Toleranz nicht länger anhält als der unmittelbare Vorteil, den

man aus der Mitarbeit des anderen zieht. Allein der praktische Wert dieser

Streitfrage ist geringer, als man meinen sollte, denn die Erfahrung hat gezeigt,

daß sich im Falle der Mitarbeiterschaft regelmäßig libidinöse Bedingungen

zwischen den Kameraden herstellen, welche die Beziehung zwischen ihnen über

das Vorteilhafte hinaus verlängern und fixieren. Es geschieht in den sozialen

Beziehungen der Menschen dasselbe, was der psychoanalytischen Forschung in

dem Entwicklungsgang der individuellen Libido bekannt geworden ist. Die

Libido lehnt sich an die Befriedigung der großen Lebensbedürfnisse an und

wählt die daran beteiligten Personen zu ihren ersten Objekten. Und wie beim

Einzelnen, so hat auch in der Entwicklung der ganzen Menschheit nur die Liebe

als Kulturfaktor im Sinne einer Wendung vom Egoismus zum Altruismus

gewirkt. Und zwar sowohl die geschlechtliche Liebe zum Weibe mit all den aus

ihr fließenden Nötigungen das zu verschonen, was dem Weibe lieb war, als auch

die desexualisierte, sublimiert homosexuelle Liebe zum anderen Manne, die sich

aus der gemeinsamen Arbeit ergab.

 

Wenn also in der Masse Einschränkungen der narzißtischen Eigenliebe

auftreten, die außerhalb derselben nicht wirken, so ist dies ein zwingender

Hinweis darauf, daß das Wesen der Massenbildung in neuartigen libidinösen

Bindungen der Massenmitglieder aneinander besteht.

 

Nun wird aber unser Interesse dringend fragen, welcher Art diese Bindungen

in der Masse sind. In der psychoanalytischen Neurosenlehre haben wir uns

bisher fast ausschließlich mit der Bindung solcher Liebestriebe an ihre Objekte

beschäftigt, die noch direkte Sexualziele verfolgen. Um solche Sexualziele kann

es sich in der Masse offenbar nicht handeln. Wir haben es hier mit Liebestrieben

zu tun, die ohne darum minder energisch zu wirken, doch von ihren

ursprünglichen Zielen abgelenkt sind. Nun haben wir bereits im Rahmen der

gewöhnlichen sexuellen Objektbesetzung Erscheinungen bemerkt, die einer

Ablenkung des Triebs von seinem Sexualziel entsprechen. Wir haben sie als Grade von Verliebtheit beschrieben und erkannt, daß sie eine gewisse

Beeinträchtigung des Ichs mit sich bringen. Diesen Erscheinungen der

Verliebtheit werden wir jetzt eingehendere Aufmerksamkeit zuwenden, in der

begründeten Erwartung, an ihnen Verhältnisse zu finden, die sich auf die

Bindungen in den Massen übertragen lassen. Außerdem möchten wir aber

wissen, ob diese Art der Objektbesetzung, wie wir sie aus dem Geschlechtsleben

kennen, die einzige Weise der Gefühlsbindung an eine andere Person darstellt,

oder ob wir noch andere solche Mechanismen in Betracht zu ziehen haben. Wir

erfahren tatsächlich aus der Psychoanalyse, daß es noch andere Mechanismen

der Gefühlsbindung gibt, die sogenannten I d e n t i f i z i e r u n g e n, ungenügend

bekannte, schwer darzustellende Vorgänge, deren Untersuchung uns nun eine

gute Weile vom Thema der Massenpsychologie fernhalten wird.