Massenpsychologie und Ich-Analyse

Sigmund Freud · Kapitel 1 von 12

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Massenpsychologie und Ich-Analyse

I. Einleitung.

I.

 

Einleitung.

 

Der Gegensatz von Individual- und Sozial- oder Massenpsychologie, der uns

auf den ersten Blick als sehr bedeutsam erscheinen mag, verliert bei eingehender

Betrachtung sehr viel von seiner Schärfe. Die Individualpsychologie ist zwar auf

den einzelnen Menschen eingestellt und verfolgt, auf welchen Wegen derselbe

die Befriedigung seiner Triebregungen zu erreichen sucht, allein sie kommt

dabei nur selten, unter bestimmten Ausnahmsbedingungen, in die Lage, von den

Beziehungen dieses Einzelnen zu anderen Individuen abzusehen. Im Seelenleben

des Einzelnen kommt ganz regelmäßig der Andere als Vorbild, als Objekt, als

Helfer und als Gegner in Betracht und die Individualpsychologie ist daher von

Anfang an auch gleichzeitig Sozialpsychologie in diesem erweiterten, aber

durchaus berechtigten Sinne.

 

Das Verhältnis des Einzelnen zu seinen Eltern und Geschwistern, zu seinem

Liebesobjekt und zu seinem Arzt, also alle die Beziehungen, welche bisher

vorzugsweise Gegenstand der psychoanalytischen Untersuchung geworden sind,

können den Anspruch erheben, als soziale Phänomene gewürdigt zu werden, und

stellen sich dann in Gegensatz zu gewissen anderen, von uns n a r z i ß t i s c h

genannten Vorgängen, bei denen die Triebbefriedigung sich dem Einfluß anderer

Personen entzieht oder auf sie verzichtet. Der Gegensatz zwischen sozialen und

narzißtischen – B l e u l e r würde vielleicht sagen: a u t i s t i s c h e n – seelischen

Akten fällt also durchaus innerhalb des Bereichs der Individualpsychologie und

eignet sich nicht dazu, sie von einer Sozial- oder Massenpsychologie

abzutrennen.

 

In den erwähnten Verhältnissen zu Eltern und Geschwistern, zur Geliebten,

zum Freunde und zum Arzt erfährt der Einzelne immer nur den Einfluß einer einzigen oder einer sehr geringen Anzahl von Personen, von denen eine jede

eine großartige Bedeutung für ihn erworben hat. Man hat sich nun gewöhnt,

wenn man von Sozial- oder Massenpsychologie spricht, von diesen Beziehungen

abzusehen und die gleichzeitige Beeinflussung des Einzelnen durch eine große

Anzahl von Personen, mit denen er durch irgend etwas verbunden ist, während

sie ihm sonst in vielen Hinsichten fremd sein mögen, als Gegenstand der

Untersuchung abzusondern. Die Massenpsychologie behandelt also den

einzelnen Menschen als Mitglied eines Stammes, eines Volkes, einer Kaste,

eines Standes, einer Institution oder als Bestandteil eines Menschenhaufens, der

sich zu einer gewissen Zeit für einen bestimmten Zweck zur Masse organisiert.

Nach dieser Zerreißung eines natürlichen Zusammenhanges lag es dann nahe,

die Erscheinungen, die sich unter diesen besonderen Bedingungen zeigen, als

Äußerungen eines besonderen, weiter nicht zurückführbaren Triebes anzusehen,

des sozialen Triebes – herd instinct, group mind – der in anderen Situationen

nicht zum Ausdruck kommt. Wir dürfen aber wohl den Einwand erheben, es

falle uns schwer, dem Moment der Zahl eine so große Bedeutung einzuräumen,

daß es ihm allein möglich sein sollte, im menschlichen Seelenleben einen neuen

und sonst nicht betätigten Trieb zu wecken. Unsere Erwartung wird somit auf

zwei andere Möglichkeiten hingelenkt: daß der soziale Trieb kein ursprünglicher

und unzerlegbarer sein mag, und daß die Anfänge seiner Bildung in einem

engeren Kreis wie etwa in dem der Familie gefunden werden können.

 

Die Massenpsychologie, obwohl erst in ihren Anfängen befindlich, umfaßt

eine noch unübersehbare Fülle von Einzelproblemen und stellt dem Untersucher

ungezählte, derzeit noch nicht einmal gut gesonderte Aufgaben. Die bloße

Gruppierung der verschiedenen Formen von Massenbildung und die

Beschreibung der von ihnen geäußerten psychischen Phänomene erfordern einen

großen Aufwand von Beobachtung und Darstellung und haben bereits eine

reichhaltige Literatur entstehen lassen. Wer dies schmale Büchlein an dem

Umfang der Massenpsychologie mißt, wird ohneweiters vermuten dürfen, daß

hier nur wenige Punkte des ganzen Stoffes behandelt werden sollen. Es werden

wirklich auch nur einige Fragen sein, an denen die Tiefenforschung der Psychoanalyse ein besonderes Interesse nimmt.