Massenpsychologie und Ich-Analyse

Sigmund Freud · Kapitel 11 von 12

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Massenpsychologie und Ich-Analyse

XI. Eine Stufe im Ich.

XI.

 

Eine Stufe im Ich.

 

Wenn man, eingedenk der einander ergänzenden Beschreibungen der

Autoren über Massenpsychologie, das Leben der heutigen Einzelmenschen

überblickt, mag man vor den Komplikationen, die sich hier zeigen, den Mut zu

einer zusammenfassenden Darstellung verlieren. Jeder Einzelne ist ein

Bestandteil von vielen Massen, durch Identifizierung vielseitig gebunden, und

hat sein Ichideal nach den verschiedensten Vorbildern aufgebaut. Jeder Einzelne

hat so Anteil an vielen Massenseelen, an der seiner Rasse, des Standes, der

Glaubensgemeinschaft, der Staatlichkeit usw. und kann sich darüber hinaus zu

einem Stückchen Selbständigkeit und Originalität erheben. Diese ständigen und

dauerhaften Massenbildungen fallen in ihren gleichmäßig anhaltenden

Wirkungen der Beobachtung weniger auf als die rasch gebildeten, vergänglichen

Massen, nach denen L e B o n die glänzende psychologische Charakteristik der

Massenseele entworfen hat, und in diesen lärmenden, ephemeren, den anderen

gleichsam superponierten Massen begibt sich eben das Wunder, daß dasjenige,

was wir eben als die individuelle Ausbildung anerkannt haben, spurlos, wenn

auch nur zeitweilig untergeht.

 

Wir haben dies Wunder so verstanden, daß der Einzelne sein Ichideal aufgibt

und es gegen das im Führer verkörperte Massenideal vertauscht. Das Wunder,

dürfen wir berichtigend hinzufügen, ist nicht in allen Fällen gleich groß. Die

Sonderung von Ich und Ichideal ist bei vielen Individuen nicht weit

vorgeschritten, die beiden fallen noch leicht zusammen, das Ich hat sich oft die

frühere narzißtische Selbstgefälligkeit bewahrt. Die Wahl des Führers wird durch

dies Verhältnis sehr erleichtert. Er braucht oft nur die typischen Eigenschaften

dieser Individuen in besonders scharfer und reiner Ausprägung zu besitzen und

den Eindruck größerer Kraft und libidinöser Freiheit zu machen, so kommt ihm das Bedürfnis nach einem starken Oberhaupt entgegen und bekleidet ihn mit der

Übermacht, auf die er sonst vielleicht keinen Anspruch hätte. Die anderen, deren

Ichideal sich in seiner Person sonst nicht ohne Korrektur verkörpert hätte,

werden dann »suggestiv«, d. h. durch Identifizierung mitgerissen.

 

Wir erkennen, was wir zur Aufklärung der libidinösen Struktur einer Masse

beitragen konnten, führt sich auf die Unterscheidung des Ichs vom Ichideal und

auf die dadurch ermöglichte doppelte Art der Bindung – Identifizierung und

Einsetzung des Objekts an die Stelle des Ichideals – zurück. Die Annahme einer

solchen Stufe im Ich als erster Schritt einer Ichanalyse muß ihre Rechtfertigung

allmählich auf den verschiedensten Gebieten der Psychologie erweisen. In

meiner Schrift »Zur Einführung des Narzißmus«[32] habe ich zusammengetragen,

was sich zunächst von pathologischem Material zur Stütze dieser Sonderung

verwerten ließ. Aber man darf erwarten, daß sich ihre Bedeutung bei weiterer

Vertiefung in die Psychologie der Psychosen als eine viel größere enthüllen wird.

Denken wir daran, daß das Ich nun in die Beziehung eines Objekts zu dem aus

ihm entwickelten Ichideal tritt, und daß möglicherweise alle Wechselwirkungen,

die wir zwischen äußerem Objekt und Gesamt-Ich in der Neurosenlehre kennen

gelernt haben, auf diesem neuen Schauplatz innerhalb des Ichs zur

Wiederholung kommen.

 

Ich will hier nur einer der von diesem Standpunkt aus möglichen

Folgerungen nachgehen und damit die Erörterung eines Problems fortsetzen, das

ich an anderer Stelle ungelöst verlassen mußte[33]. Jede der seelischen

Differenzierungen, die uns bekannt geworden sind, stellt eine neue Erschwerung

der seelischen Funktion dar, steigert deren Labilität und kann der Ausgangspunkt

eines Versagens der Funktion, einer Erkrankung werden. So haben wir mit dem

Geborenwerden den Schritt vom absolut selbstgenügsamen Narzißmus zur

Wahrnehmung einer veränderlichen Außenwelt und zum Beginn der

Objektfindung gemacht, und damit ist verknüpft, daß wir den neuen Zustand

nicht dauernd ertragen, daß wir ihn periodisch rückgängig machen und im Schlaf

zum früheren Zustand der Reizlosigkeit und Objektvermeidung zurückkehren.

Wir folgen dabei allerdings einem Wink der Außenwelt, die uns durch den periodischen Wechsel von Tag und Nacht zeitweilig den größten Anteil der auf

uns wirkenden Reize entzieht. Keiner ähnlichen Einschränkung ist das zweite,

für die Pathologie bedeutsamere Beispiel unterworfen. Im Laufe unserer

Entwicklung haben wir eine Sonderung unseres seelischen Bestandes in ein

kohärentes Ich und in ein außerhalb dessen gelassenes, unbewußtes Verdrängtes

vorgenommen und wir wissen, daß die Stabilität dieser Neuerwerbung

beständigen Erschütterungen ausgesetzt ist. Im Traum und in der Neurose pocht

dieses Ausgeschlossene um Einlaß an den von Widerständen bewachten Pforten,

und in wacher Gesundheit bedienen wir uns besonderer Kunstgriffe, um das

Verdrängte mit Umgehung der Widerstände und unter Lustgewinn zeitweilig in

unser Ich aufzunehmen. Witz und Humor, zum Teil auch das Komische

überhaupt, dürfen in diesem Licht betrachtet werden. Jedem Kenner der

Neurosenpsychologie werden ähnliche Beispiele von geringerer Tragweite

einfallen, aber ich eile zu der beabsichtigten Anwendung.

 

Es wäre gut denkbar, daß auch die Scheidung des Ichideals vom Ich nicht

dauernd vertragen wird und sich zeitweilig zurückbilden muß. Bei allen

Verzichten und Einschränkungen, die dem Ich auferlegt werden, ist der

periodische Durchbruch der Verbote Regel, wie ja die Institution der Feste zeigt,

die ursprünglich nichts anderes sind als vom Gesetz gebotene Exzesse und dieser

Befreiung auch ihren heiteren Charakter verdanken[34]. Die Saturnalien der Römer

und unser heutiger Karneval treffen in diesem wesentlichen Zug mit den Festen

der Primitiven zusammen, die in Ausschweifungen jeder Art mit Übertretung der

sonst heiligsten Gebote auszugehen pflegen. Das Ichideal umfaßt aber die

Summe aller Einschränkungen, denen das Ich sich fügen soll, und darum müßte

die Einziehung des Ideals ein großartiges Fest für das Ich sein, das dann wieder

einmal mit sich selbst zufrieden sein dürfte.

Es kommt immer zu einer Empfindung von Triumph, wenn etwas im Ich mit dem Ichideal

zusammenfällt. Als Ausdruck der Spannung zwischen Ich und Ideal kann auch das Schuldgefühl (und

Minderwertigkeitsgefühl) verstanden werden.

 

T r o t t e r läßt die Verdrängung vom Herdentrieb ausgehen. Es ist eher eine Übersetzung in eine andere

Ausdrucksweise als ein Widerspruch, wenn ich in der »Einführung des Narzißmus« gesagt habe: die

Idealbildung wäre von seiten des Ichs die Bedingung der Verdrängung.

 

Es gibt bekanntlich Menschen, bei denen das Allgemeingefühl der Stimmung

in periodischer Weise schwankt, von einer übermäßigen Gedrücktheit durch

einen gewissen Mittelzustand zu einem erhöhten Wohlbefinden, und zwar treten

diese Schwankungen in sehr verschieden großen Amplituden auf, vom eben

Merklichen bis zu jenen Extremen, die als Melancholie und Manie höchst

qualvoll oder störend in das Leben der Betroffenen eingreifen. In typischen

Fällen dieser zyklischen Verstimmung scheinen äußere Veranlassungen keine

entscheidende Rolle zu spielen; von inneren Motiven findet man bei diesen

Kranken nicht mehr oder nichts anderes als bei allen anderen. Man hat sich

deshalb gewöhnt, diese Fälle als nicht psychogene zu beurteilen. Von anderen,

ganz ähnlichen Fällen zyklischer Verstimmung, die sich aber leicht auf seelische

Traumen zurückführen, soll später die Rede sein.

 

Die Begründung dieser spontanen Stimmungsschwankungen ist also

unbekannt; in den Mechanismus der Ablösung einer Melancholie durch eine

Manie fehlt uns die Einsicht. Somit wären dies die Kranken, für welche unsere

Vermutung Geltung haben könnte, daß ihr Ichideal zeitweilig in's Ich aufgelöst

wird, nachdem es vorher besonders strenge regiert hat.

 

Halten wir zur Vermeidung von Unklarheiten fest: Auf dem Boden unserer

Ichanalyse ist es nicht zweifelhaft, daß beim Manischen Ich und Ichideal

zusammengeflossen sind, so daß die Person sich in einer durch keine Selbstkritik

gestörten Stimmung von Triumph und Selbstbeglücktheit des Wegfalls von

Hemmungen, Rücksichten und Selbstvorwürfen erfreuen kann. Es ist minder

evident, aber doch recht wahrscheinlich, daß das Elend des Melancholikers der

Ausdruck eines scharfen Zwiespalts zwischen beiden Instanzen des Ichs ist, in

dem das übermäßig empfindliche Ideal seine Verurteilung des Ichs im Kleinheitswahn und in der Selbsterniedrigung schonungslos zum Vorschein

bringt. In Frage steht nur, ob man die Ursache dieser veränderten Beziehungen

zwischen Ich und Ichideal in den oben postulierten periodischen Auflehnungen

gegen die neue Institution suchen, oder andere Verhältnisse dafür verantwortlich

machen soll.

 

Der Umschlag in Manie ist kein notwendiger Zug im Krankheitsbild der

melancholischen Depression. Es gibt einfache, einmalige und auch periodisch

wiederholte Melancholien, welche niemals dieses Schicksal haben. Anderseits

gibt es Melancholien, bei denen die Veranlassung offenbar eine ätiologische

Rolle spielt. Es sind die nach dem Verlust eines geliebten Objekts, sei es durch

den Tod desselben oder infolge von Umständen, die zum Rückzug der Libido

vom Objekt genötigt haben. Eine solche psychogene Melancholie kann

ebensowohl in Manie ausgehen und dieser Zyklus mehrmals wiederholt werden

wie bei einer anscheinend spontanen. Die Verhältnisse sind also ziemlich

undurchsichtig, zumal da bisher nur wenige Formen und Fälle von Melancholie

der psychoanalytischen Untersuchung unterzogen worden sind[35]. Wir verstehen

bis jetzt nur jene Fälle, in denen das Objekt aufgegeben wurde, weil es sich der

Liebe unwürdig gezeigt hatte. Es wird dann durch Identifizierung im Ich wieder

aufgerichtet und vom Ichideal streng gerichtet. Die Vorwürfe und Aggressionen

gegen das Objekt kommen als melancholische Selbstvorwürfe zum Vorschein.

 

Genauer gesagt: sie verbergen sich hinter den Vorwürfen gegen das eigene Ich, verleihen ihnen die

Festigkeit, Zähigkeit und Unabweisbarkeit, durch welche sich die Selbstvorwürfe der Melancholiker

auszeichnen.

 

Auch an eine solche Melancholie kann sich der Umschlag in Manie

anschließen, so daß diese Möglichkeit einen von den übrigen Charakteren des

Krankheitsbildes unabhängigen Zug darstellt.

 

Ich sehe indes keine Schwierigkeit, das Moment der periodischen

Auflehnung des Ichs gegen das Ichideal für beide Arten der Melancholien, die

psychogenen wie die spontanen, in Betracht kommen zu lassen. Bei den

spontanen kann man annehmen, daß das Ichideal zur Entfaltung einer besonderen Strenge neigt, die darin automatisch seine zeitweilige Aufhebung zur

Folge hat. Bei den psychogenen würde das Ich zur Auflehnung gereizt durch die

Mißhandlung von seiten seines Ideals, die es im Fall der Identifizierung mit

einem verworfenen Objekt erfährt.