Massenpsychologie und Ich-Analyse

Sigmund Freud · Kapitel 4 von 12

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Massenpsychologie und Ich-Analyse

IV. Suggestion und Libido.

IV.

 

Suggestion und Libido.

 

Wir sind von der Grundtatsache ausgegangen, daß ein Einzelner innerhalb

einer Masse durch den Einfluß derselben eine oft tiefgreifende Veränderung

seiner seelischen Tätigkeit erfährt. Seine Affektivität wird außerordentlich

gesteigert, seine intellektuelle Leistung merklich eingeschränkt, beide Vorgänge

offenbar in der Richtung einer Angleichung an die anderen Massenindividuen;

ein Erfolg, der nur durch die Aufhebung der jedem Einzelnen eigentümlichen

Triebhemmungen und durch den Verzicht auf die ihm besonderen

Ausgestaltungen seiner Neigungen erreicht werden kann. Wir haben gehört, daß

diese oft unerwünschten Wirkungen durch eine höhere »Organisation« der

Massen wenigstens teilweise hintangehalten werden, aber der Grundtatsache der

Massenpsychologie, den beiden Sätzen von der Affektsteigerung und der

Denkhemmung in der primitiven Masse ist dadurch nicht widersprochen worden.

Unser Interesse geht nun dahin, für diese seelische Wandlung des Einzelnen in

der Masse die psychologische Erklärung zu finden.

 

Rationelle Momente wie die vorhin erwähnte Einschüchterung des

Einzelnen, also die Aktion seines Selbsterhaltungstriebes, decken offenbar die zu

beobachtenden Phänomene nicht. Was uns sonst als Erklärung von den Autoren

über Soziologie und Massenpsychologie geboten wird, ist immer das nämliche,

wenn auch unter wechselnden Namen: das Zauberwort der S u g g e s t i o n. Bei

T a r d e hieß sie N a c h a h m u n g, aber wir müssen einem Autor recht geben,

der uns vorhält, die Nachahmung falle unter den Begriff der Suggestion, sei eben

eine Folge derselben[10]. Bei L e B o n wurde alles Befremdende der sozialen

Erscheinungen auf zwei Faktoren zurückgeführt, auf die gegenseitige Suggestion

der Einzelnen und das Prestige der Führer. Aber das Prestige äußert sich

 

wiederum nur in der Wirkung, Suggestion hervorzurufen. Bei M c D o u g a l l konnten wir einen Moment lang den Eindruck empfangen, daß sein Prinzip der

»primären Affektinduktion« die Annahme der Suggestion entbehrlich mache.

Aber bei weiterer Überlegung müssen wir doch einsehen, daß dies Prinzip nichts

anderes aussagt als die bekannten Behauptungen der »Nachahmung« oder

»Ansteckung«, nur unter entschiedener Betonung des affektiven Moments. Daß

eine derartige Tendenz in uns besteht, wenn wir die Zeichen eines

Affektzustandes bei einem anderen gewahren, in denselben Affekt zu verfallen,

ist unzweifelhaft, aber wie oft widerstehen wir ihr erfolgreich, weisen den Affekt

ab, reagieren oft in ganz gegensätzlicher Weise? Warum also geben wir dieser

Ansteckung in der Masse regelmäßig nach? Man wird wiederum sagen müssen,

es sei der suggestive Einfluß der Masse, der uns nötigt, dieser

Nachahmungstendenz zu gehorchen, der den Affekt in uns induziert. Übrigens

 

kommen wir auch sonst bei M c D o u g a l l nicht um die Suggestion herum; wir

hören von ihm wie von anderen: die Massen zeichnen sich durch besondere

Suggestibilität aus.

 

Man wird so für die Aussage vorbereitet, die Suggestion (richtiger die

Suggerierbarkeit) sei eben ein weiter nicht reduzierbares Urphänomen, eine

Grundtatsache des menschlichen Seelenlebens. So hielt es auch B e r n h e i m,

von dessen erstaunlichen Künsten ich im Jahre 1889 Zeuge war. Ich weiß mich

aber auch damals an eine dumpfe Gegnerschaft gegen diese Tyrannei der

Suggestion zu erinnern. Wenn ein Kranker, der sich nicht gefügig zeigte,

angeschrieen wurde: Was tun Sie denn? Vous vous contresuggestionnez! so sagte

ich mir, das sei offenbares Unrecht und Gewalttat. Der Mann habe zu

Gegensuggestionen gewiß ein Recht, wenn man ihn mit Suggestionen zu

unterwerfen versuche. Mein Widerstand nahm dann später die Richtung einer

Auflehnung dagegen, daß die Suggestion, die alles erklärte, selbst der Erklärung

entzogen sein sollte. Ich wiederholte mit Bezug auf sie die alte Scherzfrage[11]:

 

Christoph trug Christum,

Christus trug die ganze Welt,

Sag', wo hat Christoph

Damals hin den Fuß gestellt?

Christophorus Christum, sed Christus sustulit orbem:

Constiterit pedibus dic ubi Christophorus?

 

Wenn ich nun nach etwa 30jähriger Fernhaltung wieder an das Rätsel der

Suggestion herantrete, finde ich, daß sich nichts daran geändert hat. Von einer

einzigen Ausnahme, die eben den Einfluß der Psychoanalyse bezeugt, darf ich ja

bei dieser Behauptung absehen. Ich sehe, daß man sich besonders darum

bemüht, den Begriff der Suggestion korrekt zu formulieren, also den Gebrauch

des Namens konventionell festzulegen[12], und dies ist nicht überflüssig, denn das

Wort geht einer immer weiteren Verwendung mit aufgelockerter Bedeutung

entgegen und wird bald jede beliebige Beeinflussung bezeichnen wie im

Englischen, wo »to suggest, suggestion« unserem »nahelegen«, unserer

»Anregung« entspricht. Aber über das Wesen der Suggestion, d. h. über die

Bedingungen, unter denen sich Beeinflussungen ohne zureichende logische

Begründung herstellen, hat sich eine Aufklärung nicht ergeben. Ich würde mich

der Aufgabe nicht entziehen, diese Behauptung durch die Analyse der Literatur

dieser letzten 30 Jahre zu erhärten, allein ich unterlasse es, weil mir bekannt ist,

daß in meiner Nähe eine ausführliche Untersuchung vorbereitet wird, welche

sich eben diese Aufgabe gestellt hat.

 

Anstatt dessen werde ich den Versuch machen, zur Aufklärung der

Massenpsychologie den Begriff der L i b i d o zu verwenden, der uns im Studium

der Psychoneurosen so gute Dienste geleistet hat.

 

Libido ist ein Ausdruck aus der Affektivitätslehre. Wir heißen so die als

quantitative Größe betrachtete – wenn auch derzeit nicht meßbare – Energie

solcher Triebe, welche mit alldem zu tun haben, was man als L i e b e

zusammenfassen kann. Den Kern des von uns Liebe Geheißenen bildet natürlich,

was man gemeinhin Liebe nennt und was die Dichter besingen, die

Geschlechtsliebe mit dem Ziel der geschlechtlichen Vereinigung. Aber wir

trennen davon nicht ab, was auch sonst an dem Namen Liebe Anteil hat,

einerseits die Selbstliebe, andererseits die Eltern- und Kindesliebe, die

Freundschaft und die allgemeine Menschenliebe, auch nicht die Hingebung an konkrete Gegenstände und an abstrakte Ideen. Unsere Rechtfertigung liegt darin,

daß die psychoanalytische Untersuchung uns gelehrt hat, alle diese Strebungen

seien der Ausdruck der nämlichen Triebregungen, die zwischen den

Geschlechtern zur geschlechtlichen Vereinigung hindrängen, in anderen

Verhältnissen zwar von diesem sexuellen Ziel abgedrängt oder in der Erreichung

desselben aufgehalten werden, dabei aber doch immer genug von ihrem

ursprünglichen Wesen bewahren, um ihre Identität kenntlich zu erhalten

(Selbstaufopferung, Streben nach Annäherung).

 

Wir meinen also, daß die Sprache mit dem Wort »Liebe« in seinen

vielfältigen Anwendungen eine durchaus berechtigte Zusammenfassung

geschaffen hat, und daß wir nichts Besseres tun können, als dieselbe auch

unseren wissenschaftlichen Erörterungen und Darstellungen zugrunde zu legen.

Durch diesen Entschluß hat die Psychoanalyse einen Sturm von Entrüstung

entfesselt, als ob sie sich einer frevelhaften Neuerung schuldig gemacht hätte.

Und doch hat die Psychoanalyse mit dieser »erweiterten« Auffassung der Liebe

nichts Originelles geschaffen. Der »E r o s« des Philosophen P l a t o zeigt in

seiner Herkunft, Leistung und Beziehung zur Geschlechtsliebe eine

vollkommene Deckung mit der Liebeskraft, der Libido der Psychoanalyse, wie

N a c h m a n s o h n und P f i s t e r im Einzelnen dargelegt haben[13], und wenn der

Apostel P a u l u s in dem berühmten Brief an die Korinther die Liebe über alles

andere preist, hat er sie gewiß im nämlichen »erweiterten« Sinn verstanden[14],

woraus nur zu lernen ist, daß die Menschen ihre großen Denker nicht immer

ernst nehmen, auch wenn sie sie angeblich sehr bewundern.

 

Diese Liebestriebe werden nun in der Psychoanalyse a potiori und von ihrer

Herkunft her Sexualtriebe geheißen. Die Mehrzahl der »Gebildeten« hat diese

Namengebung als Beleidigung empfunden und sich für sie gerächt, indem sie

der Psychoanalyse den Vorwurf des »Pansexualismus« entgegenschleuderte. Wer

die Sexualität für etwas die menschliche Natur Beschämendes und

Erniedrigendes hält, dem steht es ja frei, sich der vornehmeren Ausdrücke Eros

und Erotik zu bedienen. Ich hätte es auch selbst von Anfang an so tun können

und hätte mir dadurch viel Widerspruch erspart. Aber ich mochte es nicht, denn ich vermeide gern Konzessionen an die Schwachmütigkeit. Man kann nicht

wissen, wohin man auf diesem Wege gerät; man gibt zuerst in Worten nach und

dann allmählich auch in der Sache. Ich kann nicht finden, daß irgend ein

Verdienst daran ist, sich der Sexualität zu schämen; das griechische Wort Eros,

das den Schimpf lindern soll, ist doch schließlich nichts anderes als die

Übersetzung unseres deutschen Wortes Liebe, und endlich, wer warten kann,

braucht keine Konzessionen zu machen.

 

Wir werden es also mit der Voraussetzung versuchen, daß

Liebesbeziehungen (indifferent ausgedrückt: Gefühlsbindungen) auch das Wesen

der Massenseele ausmachen. Erinnern wir uns daran, daß von solchen bei den

Autoren nicht die Rede ist. Was ihnen entsprechen würde, ist offenbar hinter

dem Schirm, der spanischen Wand, der Suggestion verborgen. Auf zwei

flüchtige Gedanken stützen wir zunächst unsere Erwartung. Erstens, daß die

Masse offenbar durch irgend eine Macht zusammengehalten wird. Welcher

Macht könnte man aber diese Leistung eher zuschreiben als dem Eros, der alles

in der Welt zusammenhält? Zweitens, daß man den Eindruck empfängt, wenn

der Einzelne in der Masse seine Eigenart aufgibt und sich von den anderen

suggerieren läßt, er tue es, weil ein Bedürfnis bei ihm besteht, eher im

Einvernehmen mit ihnen als im Gegensatz zu ihnen zu sein, also vielleicht doch

»ihnen zuliebe«.