Massenpsychologie und Ich-Analyse

Sigmund Freud · Kapitel 3 von 12

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Massenpsychologie und Ich-Analyse

III. Andere Würdigungen des kollektiven Seelenlebens.

III.

 

Andere Würdigungen des kollektiven

 

Seelenlebens.

 

Wir haben uns der Darstellung von L e B o n als Einführung bedient, weil

sie in der Betonung des unbewußten Seelenlebens so sehr mit unserer eigenen

Psychologie zusammentrifft. Nun müssen wir aber hinzufügen, daß eigentlich

keine der Behauptungen dieses Autors etwas Neues bringt. Alles was er

Abträgliches und Herabsetzendes über die Äußerungen der Massenseele sagt, ist

schon vor ihm ebenso bestimmt und ebenso feindselig von anderen gesagt

worden, wird seit den ältesten Zeiten der Literatur von Denkern, Staatsmännern

und Dichtern gleichlautend so wiederholt[6]. Die beiden Sätze, welche die

wichtigsten Ansichten L e B o n's enthalten, der von der kollektiven Hemmung

der intellektuellen Leistung und der von der Steigerung der Affektivität in der

Masse waren kurz vorher von S i g h e l e formuliert worden[7]. Im Grunde

erübrigen als L e B o n eigentümlich nur die beiden Gesichtspunkte des

Unbewußten und des Vergleichs mit dem Seelenleben der Primitiven, auch diese

natürlich oftmals vor ihm berührt.

 

Aber noch mehr, die Beschreibung und Würdigung der Massenseele, wie L e

B o n und die anderen sie geben, ist auch keineswegs unangefochten geblieben.

Kein Zweifel, daß alle die vorhin beschriebenen Phänomene der Massenseele

richtig beobachtet worden sind, aber es lassen sich auch andere, geradezu

entgegengesetzt wirkende Äußerungen der Massenbildung erkennen, aus denen

man dann eine weit höhere Einschätzung der Massenseele ableiten muß.

 

Auch L e B o n war bereit zuzugestehen, daß die Sittlichkeit der Masse unter

Umständen höher sein kann als die der sie zusammensetzenden Einzelnen, und

daß nur die Gesamtheiten hoher Uneigennützigkeit und Hingebung fähig sind.

(S. 38.) »Während der persönliche Vorteil beim isolierten Individuum so

ziemlich die einzige Triebfeder ist, ist er bei den Massen sehr selten

vorherrschend.«

 

Andere machen geltend, daß es überhaupt erst die Gesellschaft ist, welche

dem Einzelnen die Normen der Sittlichkeit vorschreibt, während der Einzelne in

der Regel irgendwie hinter diesen hohen Ansprüchen zurückbleibt. Oder, daß in

Ausnahmszuständen in einer Kollektivität das Phänomen der Begeisterung

zustande kommt, welches die großartigsten Massenleistungen ermöglicht hat.

 

In Betreff der intellektuellen Leistung bleibt zwar bestehen, daß die großen

Entscheidungen der Denkarbeit, die folgenschweren Entdeckungen und

Problemlösungen nur dem Einzelnen, der in der Einsamkeit arbeitet, möglich

sind. Aber auch die Massenseele ist genialer geistiger Schöpfungen fähig, wie

vor allem die Sprache selbst beweist, sodann das Volkslied, Folklore und

anderes. Und überdies bleibt es dahingestellt, wieviel der einzelne Denker oder

Dichter den Anregungen der Masse, in welcher er lebt, verdankt, ob er mehr als

der Vollender einer seelischen Arbeit ist, an der gleichzeitig die anderen

mitgetan haben.

 

Angesichts dieser vollkommenen Widersprüche scheint es ja, daß die Arbeit

der Massenpsychologie ergebnislos verlaufen müsse. Allein es ist leicht, einen

hoffnungsvolleren Ausweg zu finden. Man hat wahrscheinlich als »Massen«

sehr verschiedene Bildungen zusammengefaßt, die einer Sonderung bedürfen.

Die Angaben von S i g h e l e, L e B o n und anderen beziehen sich auf Massen

kurzlebiger Art, die rasch durch ein vorübergehendes Interesse aus

verschiedenartigen Individuen zusammengeballt werden. Es ist unverkennbar,

daß die Charaktere der revolutionären Massen, besonders der großen

französischen Revolution, ihre Schilderungen beeinflußt haben. Die

gegensätzlichen Behauptungen stammen aus der Würdigung jener stabilen

Massen oder Vergesellschaftungen, in denen die Menschen ihr Leben zubringen,

die sich in den Institutionen der Gesellschaft verkörpern. Die Massen der ersten

Art sind den letzteren gleichsam aufgesetzt, wie die kurzen, aber hohen Wellen den langen Dünungen der See.

 

M c D o u g a l l, der in seinem Buch T h e G r o u p M i n d [8] von dem

nämlichen, oben erwähnten Widerspruch ausgeht, findet die Lösung desselben

im Moment der Organisation. Im einfachsten Falle, sagt er, besitzt die Masse

(group) überhaupt keine Organisation oder eine kaum nennenswerte. Er

bezeichnet eine solche Masse als einen Haufen (crowd). Doch gesteht er zu, daß

ein Haufen Menschen nicht leicht zusammenkommt, ohne daß sich in ihm

wenigstens die ersten Anfänge einer Organisation bildeten, und daß gerade an

diesen einfachen Massen manche Grundtatsachen der Kollektivpsychologie

besonders leicht zu erkennen sind. (S. 22.) Damit sich aus den zufällig

zusammengewehten Mitgliedern eines Menschenhaufens etwas wie eine Masse

im psychologischen Sinne bilde, wird als Bedingung erfordert, daß diese

Einzelnen etwas miteinander gemein haben, ein gemeinsames Interesse an einem

Objekt, eine gleichartige Gefühlsrichtung in einer gewissen Situation und (ich

würde einsetzen: infolgedessen) ein gewisses Maß von Fähigkeit sich

untereinander zu beeinflussen. (Some degree of reciprocal influence between the

members of the group) (S. 23.) Je stärker diese Gemeinsamkeiten (this mental

homogeneity) sind, desto leichter bildet sich aus den Einzelnen eine

psychologische Masse und desto auffälliger äußern sich die Kundgebungen einer

Massenseele.

 

Das merkwürdigste und zugleich wichtigste Phänomen der Massenbildung

ist nun die bei jedem Einzelnen hervorgerufene Steigerung der Affektivität

(exaltation or intensification of emotion) (S. 24). Man kann sagen, meint

M c D o u g a l l, daß die Affekte der Menschen kaum unter anderen

Bedingungen zu solcher Höhe anwachsen, wie es in einer Masse geschehen

kann, und zwar ist es eine genußreiche Empfindung für die Beteiligten, sich so

schrankenlos ihren Leidenschaften hinzugeben und dabei in der Masse

aufzugehen, das Gefühl ihrer individuellen Abgrenzung zu verlieren. Dies

 

Mitfortgerissenwerden der Individuen erklärt M c D o u g a l l aus dem von ihm

so genannten »principle of direct induction of emotion by way of the primitive sympathetic response« (S. 25), d. h. durch die uns bereits bekannte

Gefühlsansteckung. Die Tatsache ist die, daß die wahrgenommenen Zeichen

eines Affektzustandes geeignet sind, bei dem Wahrnehmenden automatisch

denselben Affekt hervorzurufen. Dieser automatische Zwang wird umso stärker,

an je mehr Personen gleichzeitig derselbe Affekt bemerkbar ist. Dann schweigt

die Kritik des Einzelnen und er läßt sich in denselben Affekt gleiten. Dabei

erhöht er aber die Erregung der anderen, die auf ihn gewirkt hatten, und so

steigert sich die Affektladung der Einzelnen durch gegenseitige Induktion. Es ist

unverkennbar etwas wie ein Zwang dabei wirksam, es den anderen gleichzutun,

im Einklang mit den Vielen zu bleiben. Die gröberen und einfacheren

Gefühlsregungen haben die größere Aussicht, sich auf solche Weise in einer

Masse zu verbreiten. (S. 39.)

 

Dieser Mechanismus der Affektsteigerung wird noch durch einige andere,

von der Masse ausgehende Einflüsse begünstigt. Die Masse macht dem

Einzelnen den Eindruck einer unbeschränkten Macht und einer unbesiegbaren

Gefahr. Sie hat sich für den Augenblick an die Stelle der gesamten menschlichen

Gesellschaft gesetzt, welche die Trägerin der Autorität ist, deren Strafen man

gefürchtet, der zuliebe man sich so viele Hemmungen auferlegt hat. Es ist

offenbar gefährlich, sich in Widerspruch mit ihr zu setzen, und man ist sicher,

wenn man dem ringsumher sich zeigenden Beispiel folgt, also eventuell sogar

»mit den Wölfen heult«. Im Gehorsam gegen die neue Autorität darf man sein

früheres »Gewissen« außer Tätigkeit setzen und dabei der Lockung des

Lustgewinns nachgeben, den man sicherlich durch die Aufhebung seiner

Hemmungen erzielt. Es ist also im ganzen nicht so merkwürdig, wenn wir den

Einzelnen in der Masse Dinge tun oder gutheißen sehen, von denen er sich in

seinen gewohnten Lebensbedingungen abgewendet hätte, und wir können selbst

die Hoffnung fassen, auf diese Weise ein Stück der Dunkelheit zu lichten, die

man mit dem Rätselwort der »Suggestion« zu decken pflegt.

 

Dem Satz von der kollektiven Intelligenzhemmung in der Masse

widerspricht auch M c D o u g a l l nicht (S. 41). Er sagt, die geringeren Intelligenzen ziehen die größeren auf ihr Niveau herab. Die letzteren werden in

ihrer Betätigung gehemmt, weil die Steigerung der Affektivität überhaupt

ungünstige Bedingungen für korrekte geistige Arbeit schafft, ferner weil die

Einzelnen durch die Masse eingeschüchtert sind und ihre Denkarbeit nicht frei

ist, und weil bei jedem Einzelnen das Bewußtsein der Verantwortlichkeit für

seine Leistung herabgesetzt wird.

 

Das Gesamturteil über die psychische Leistung einer einfachen,

 

»unorganisierten« Masse lautet bei M c D o u g a l l nicht freundlicher als bei L e

B o n. Eine solche Masse ist (S. 45): überaus erregbar, impulsiv, leidenschaftlich,

wankelmütig, inkonsequent, unentschlossen und dabei zum äußersten bereit in

ihren Handlungen, zugänglich nur für die gröberen Leidenschaften und

einfacheren Gefühle, außerordentlich suggestibel, leichtsinnig in ihren

Überlegungen, heftig in ihren Urteilen, aufnahmsfähig nur für die einfachsten

und unvollkommensten Schlüsse und Argumente, leicht zu lenken und zu

erschüttern, ohne Selbstbewußtsein, Selbstachtung und

Verantwortlichkeitsgefühl, aber bereit, sich von ihrem Kraftbewußtsein zu allen

Untaten fortreißen zu lassen, die wir nur von einer absoluten und

unverantwortlichen Macht erwarten können. Sie benimmt sich also eher wie ein

ungezogenes Kind oder wie ein leidenschaftlicher, nicht beaufsichtigter Wilder

in einer ihm fremden Situation; in den schlimmsten Fällen ist ihr Benehmen eher

das eines Rudels von wilden Tieren als von menschlichen Wesen.

 

Da M c D o u g a l l das Verhalten der hoch organisierten Massen in

Gegensatz zu dem hier Geschilderten bringt, werden wir besonders gespannt

sein zu erfahren, worin diese Organisation besteht und durch welche Momente

sie hergestellt wird. Der Autor zählt fünf dieser »principal conditions« für die

Hebung des seelischen Lebens der Masse auf ein höheres Niveau auf.

 

Die erste, grundlegende Bedingung ist ein gewisses Maß von Kontinuität im

Bestand der Masse. Diese kann eine materielle oder eine formale sein, das erste,

wenn dieselben Personen längere Zeit in der Masse verbleiben, das andere, wenn

innerhalb der Masse bestimmte Stellungen entwickelt sind, die den einander ablösenden Personen angewiesen werden.

 

Die zweite, daß sich in dem Einzelnen der Masse eine bestimmte Vorstellung

von der Natur, der Funktion, den Leistungen und Ansprüchen der Masse gebildet

hat, so daß sich daraus für ihn ein Gefühlsverhältnis zum Ganzen der Masse

ergeben kann.

 

Die dritte, daß die Masse in Beziehung zu anderen ihr ähnlichen, aber doch

von ihr in vielen Punkten abweichenden Massenbildungen gebracht wird, etwa

daß sie mit diesen rivalisiert.

 

Die vierte, daß die Masse Traditionen, Gebräuche und Einrichtungen besitzt,

besonders solche, die sich auf das Verhältnis ihrer Mitglieder zueinander

beziehen.

 

Die fünfte, daß es in der Masse eine Gliederung gibt, die sich in der

Spezialisierung und Differenzierung der dem Einzelnen zufallenden Leistung

ausdrückt.

 

Durch die Erfüllung dieser Bedingungen werden nach M c D o u g a l l die

psychischen Nachteile der Massenbildung aufgehoben. Gegen die kollektive

Herabsetzung der Intelligenzleistung schützt man sich dadurch, daß man die

Lösung der intellektuellen Aufgaben der Masse entzieht und sie Einzelnen in ihr

vorbehält.

 

Es scheint uns, daß man die Bedingung, die M c D o u g a l l als

»Organisation« der Masse bezeichnet hat, mit mehr Berechtigung anders

beschreiben kann. Die Aufgabe besteht darin, der Masse gerade jene

Eigenschaften zu verschaffen, die für das Individuum charakteristisch waren und

die bei ihm durch die Massenbildung ausgelöscht wurden. Denn das Individuum

hatte – außerhalb der primitiven Masse – seine Kontinuität, sein

Selbstbewußtsein, seine Traditionen und Gewohnheiten, seine besondere

Arbeitsleistung und Einreihung und hielt sich von anderen gesondert, mit denen

es rivalisierte. Diese Eigenart hatte es durch seinen Eintritt in die nicht »organisierte« Masse für eine Zeit verloren. Erkennt man so als Ziel, die Masse

mit den Attributen des Individuums auszustatten, so wird man an eine

gehaltreiche Bemerkung von W. T r o t t e r[9] gemahnt, der in der Neigung zur

Massenbildung eine biologische Fortführung der Vielzelligkeit aller höheren

Organismen erblickt.