Massenpsychologie und Ich-Analyse
III. Andere Würdigungen des kollektiven Seelenlebens.
III.
Andere Würdigungen des kollektiven
Seelenlebens.
Wir haben uns der Darstellung von L e B o n als Einführung bedient, weil
sie in der Betonung des unbewußten Seelenlebens so sehr mit unserer eigenen
Psychologie zusammentrifft. Nun müssen wir aber hinzufügen, daß eigentlich
keine der Behauptungen dieses Autors etwas Neues bringt. Alles was er
Abträgliches und Herabsetzendes über die Äußerungen der Massenseele sagt, ist
schon vor ihm ebenso bestimmt und ebenso feindselig von anderen gesagt
worden, wird seit den ältesten Zeiten der Literatur von Denkern, Staatsmännern
und Dichtern gleichlautend so wiederholt[6]. Die beiden Sätze, welche die
wichtigsten Ansichten L e B o n's enthalten, der von der kollektiven Hemmung
der intellektuellen Leistung und der von der Steigerung der Affektivität in der
Masse waren kurz vorher von S i g h e l e formuliert worden[7]. Im Grunde
erübrigen als L e B o n eigentümlich nur die beiden Gesichtspunkte des
Unbewußten und des Vergleichs mit dem Seelenleben der Primitiven, auch diese
natürlich oftmals vor ihm berührt.
Aber noch mehr, die Beschreibung und Würdigung der Massenseele, wie L e
B o n und die anderen sie geben, ist auch keineswegs unangefochten geblieben.
Kein Zweifel, daß alle die vorhin beschriebenen Phänomene der Massenseele
richtig beobachtet worden sind, aber es lassen sich auch andere, geradezu
entgegengesetzt wirkende Äußerungen der Massenbildung erkennen, aus denen
man dann eine weit höhere Einschätzung der Massenseele ableiten muß.
Auch L e B o n war bereit zuzugestehen, daß die Sittlichkeit der Masse unter
Umständen höher sein kann als die der sie zusammensetzenden Einzelnen, und
daß nur die Gesamtheiten hoher Uneigennützigkeit und Hingebung fähig sind.
(S. 38.) »Während der persönliche Vorteil beim isolierten Individuum so
ziemlich die einzige Triebfeder ist, ist er bei den Massen sehr selten
vorherrschend.«
Andere machen geltend, daß es überhaupt erst die Gesellschaft ist, welche
dem Einzelnen die Normen der Sittlichkeit vorschreibt, während der Einzelne in
der Regel irgendwie hinter diesen hohen Ansprüchen zurückbleibt. Oder, daß in
Ausnahmszuständen in einer Kollektivität das Phänomen der Begeisterung
zustande kommt, welches die großartigsten Massenleistungen ermöglicht hat.
In Betreff der intellektuellen Leistung bleibt zwar bestehen, daß die großen
Entscheidungen der Denkarbeit, die folgenschweren Entdeckungen und
Problemlösungen nur dem Einzelnen, der in der Einsamkeit arbeitet, möglich
sind. Aber auch die Massenseele ist genialer geistiger Schöpfungen fähig, wie
vor allem die Sprache selbst beweist, sodann das Volkslied, Folklore und
anderes. Und überdies bleibt es dahingestellt, wieviel der einzelne Denker oder
Dichter den Anregungen der Masse, in welcher er lebt, verdankt, ob er mehr als
der Vollender einer seelischen Arbeit ist, an der gleichzeitig die anderen
mitgetan haben.
Angesichts dieser vollkommenen Widersprüche scheint es ja, daß die Arbeit
der Massenpsychologie ergebnislos verlaufen müsse. Allein es ist leicht, einen
hoffnungsvolleren Ausweg zu finden. Man hat wahrscheinlich als »Massen«
sehr verschiedene Bildungen zusammengefaßt, die einer Sonderung bedürfen.
Die Angaben von S i g h e l e, L e B o n und anderen beziehen sich auf Massen
kurzlebiger Art, die rasch durch ein vorübergehendes Interesse aus
verschiedenartigen Individuen zusammengeballt werden. Es ist unverkennbar,
daß die Charaktere der revolutionären Massen, besonders der großen
französischen Revolution, ihre Schilderungen beeinflußt haben. Die
gegensätzlichen Behauptungen stammen aus der Würdigung jener stabilen
Massen oder Vergesellschaftungen, in denen die Menschen ihr Leben zubringen,
die sich in den Institutionen der Gesellschaft verkörpern. Die Massen der ersten
Art sind den letzteren gleichsam aufgesetzt, wie die kurzen, aber hohen Wellen den langen Dünungen der See.
M c D o u g a l l, der in seinem Buch T h e G r o u p M i n d [8] von dem
nämlichen, oben erwähnten Widerspruch ausgeht, findet die Lösung desselben
im Moment der Organisation. Im einfachsten Falle, sagt er, besitzt die Masse
(group) überhaupt keine Organisation oder eine kaum nennenswerte. Er
bezeichnet eine solche Masse als einen Haufen (crowd). Doch gesteht er zu, daß
ein Haufen Menschen nicht leicht zusammenkommt, ohne daß sich in ihm
wenigstens die ersten Anfänge einer Organisation bildeten, und daß gerade an
diesen einfachen Massen manche Grundtatsachen der Kollektivpsychologie
besonders leicht zu erkennen sind. (S. 22.) Damit sich aus den zufällig
zusammengewehten Mitgliedern eines Menschenhaufens etwas wie eine Masse
im psychologischen Sinne bilde, wird als Bedingung erfordert, daß diese
Einzelnen etwas miteinander gemein haben, ein gemeinsames Interesse an einem
Objekt, eine gleichartige Gefühlsrichtung in einer gewissen Situation und (ich
würde einsetzen: infolgedessen) ein gewisses Maß von Fähigkeit sich
untereinander zu beeinflussen. (Some degree of reciprocal influence between the
members of the group) (S. 23.) Je stärker diese Gemeinsamkeiten (this mental
homogeneity) sind, desto leichter bildet sich aus den Einzelnen eine
psychologische Masse und desto auffälliger äußern sich die Kundgebungen einer
Massenseele.
Das merkwürdigste und zugleich wichtigste Phänomen der Massenbildung
ist nun die bei jedem Einzelnen hervorgerufene Steigerung der Affektivität
(exaltation or intensification of emotion) (S. 24). Man kann sagen, meint
M c D o u g a l l, daß die Affekte der Menschen kaum unter anderen
Bedingungen zu solcher Höhe anwachsen, wie es in einer Masse geschehen
kann, und zwar ist es eine genußreiche Empfindung für die Beteiligten, sich so
schrankenlos ihren Leidenschaften hinzugeben und dabei in der Masse
aufzugehen, das Gefühl ihrer individuellen Abgrenzung zu verlieren. Dies
Mitfortgerissenwerden der Individuen erklärt M c D o u g a l l aus dem von ihm
so genannten »principle of direct induction of emotion by way of the primitive sympathetic response« (S. 25), d. h. durch die uns bereits bekannte
Gefühlsansteckung. Die Tatsache ist die, daß die wahrgenommenen Zeichen
eines Affektzustandes geeignet sind, bei dem Wahrnehmenden automatisch
denselben Affekt hervorzurufen. Dieser automatische Zwang wird umso stärker,
an je mehr Personen gleichzeitig derselbe Affekt bemerkbar ist. Dann schweigt
die Kritik des Einzelnen und er läßt sich in denselben Affekt gleiten. Dabei
erhöht er aber die Erregung der anderen, die auf ihn gewirkt hatten, und so
steigert sich die Affektladung der Einzelnen durch gegenseitige Induktion. Es ist
unverkennbar etwas wie ein Zwang dabei wirksam, es den anderen gleichzutun,
im Einklang mit den Vielen zu bleiben. Die gröberen und einfacheren
Gefühlsregungen haben die größere Aussicht, sich auf solche Weise in einer
Masse zu verbreiten. (S. 39.)
Dieser Mechanismus der Affektsteigerung wird noch durch einige andere,
von der Masse ausgehende Einflüsse begünstigt. Die Masse macht dem
Einzelnen den Eindruck einer unbeschränkten Macht und einer unbesiegbaren
Gefahr. Sie hat sich für den Augenblick an die Stelle der gesamten menschlichen
Gesellschaft gesetzt, welche die Trägerin der Autorität ist, deren Strafen man
gefürchtet, der zuliebe man sich so viele Hemmungen auferlegt hat. Es ist
offenbar gefährlich, sich in Widerspruch mit ihr zu setzen, und man ist sicher,
wenn man dem ringsumher sich zeigenden Beispiel folgt, also eventuell sogar
»mit den Wölfen heult«. Im Gehorsam gegen die neue Autorität darf man sein
früheres »Gewissen« außer Tätigkeit setzen und dabei der Lockung des
Lustgewinns nachgeben, den man sicherlich durch die Aufhebung seiner
Hemmungen erzielt. Es ist also im ganzen nicht so merkwürdig, wenn wir den
Einzelnen in der Masse Dinge tun oder gutheißen sehen, von denen er sich in
seinen gewohnten Lebensbedingungen abgewendet hätte, und wir können selbst
die Hoffnung fassen, auf diese Weise ein Stück der Dunkelheit zu lichten, die
man mit dem Rätselwort der »Suggestion« zu decken pflegt.
Dem Satz von der kollektiven Intelligenzhemmung in der Masse
widerspricht auch M c D o u g a l l nicht (S. 41). Er sagt, die geringeren Intelligenzen ziehen die größeren auf ihr Niveau herab. Die letzteren werden in
ihrer Betätigung gehemmt, weil die Steigerung der Affektivität überhaupt
ungünstige Bedingungen für korrekte geistige Arbeit schafft, ferner weil die
Einzelnen durch die Masse eingeschüchtert sind und ihre Denkarbeit nicht frei
ist, und weil bei jedem Einzelnen das Bewußtsein der Verantwortlichkeit für
seine Leistung herabgesetzt wird.
Das Gesamturteil über die psychische Leistung einer einfachen,
»unorganisierten« Masse lautet bei M c D o u g a l l nicht freundlicher als bei L e
B o n. Eine solche Masse ist (S. 45): überaus erregbar, impulsiv, leidenschaftlich,
wankelmütig, inkonsequent, unentschlossen und dabei zum äußersten bereit in
ihren Handlungen, zugänglich nur für die gröberen Leidenschaften und
einfacheren Gefühle, außerordentlich suggestibel, leichtsinnig in ihren
Überlegungen, heftig in ihren Urteilen, aufnahmsfähig nur für die einfachsten
und unvollkommensten Schlüsse und Argumente, leicht zu lenken und zu
erschüttern, ohne Selbstbewußtsein, Selbstachtung und
Verantwortlichkeitsgefühl, aber bereit, sich von ihrem Kraftbewußtsein zu allen
Untaten fortreißen zu lassen, die wir nur von einer absoluten und
unverantwortlichen Macht erwarten können. Sie benimmt sich also eher wie ein
ungezogenes Kind oder wie ein leidenschaftlicher, nicht beaufsichtigter Wilder
in einer ihm fremden Situation; in den schlimmsten Fällen ist ihr Benehmen eher
das eines Rudels von wilden Tieren als von menschlichen Wesen.
Da M c D o u g a l l das Verhalten der hoch organisierten Massen in
Gegensatz zu dem hier Geschilderten bringt, werden wir besonders gespannt
sein zu erfahren, worin diese Organisation besteht und durch welche Momente
sie hergestellt wird. Der Autor zählt fünf dieser »principal conditions« für die
Hebung des seelischen Lebens der Masse auf ein höheres Niveau auf.
Die erste, grundlegende Bedingung ist ein gewisses Maß von Kontinuität im
Bestand der Masse. Diese kann eine materielle oder eine formale sein, das erste,
wenn dieselben Personen längere Zeit in der Masse verbleiben, das andere, wenn
innerhalb der Masse bestimmte Stellungen entwickelt sind, die den einander ablösenden Personen angewiesen werden.
Die zweite, daß sich in dem Einzelnen der Masse eine bestimmte Vorstellung
von der Natur, der Funktion, den Leistungen und Ansprüchen der Masse gebildet
hat, so daß sich daraus für ihn ein Gefühlsverhältnis zum Ganzen der Masse
ergeben kann.
Die dritte, daß die Masse in Beziehung zu anderen ihr ähnlichen, aber doch
von ihr in vielen Punkten abweichenden Massenbildungen gebracht wird, etwa
daß sie mit diesen rivalisiert.
Die vierte, daß die Masse Traditionen, Gebräuche und Einrichtungen besitzt,
besonders solche, die sich auf das Verhältnis ihrer Mitglieder zueinander
beziehen.
Die fünfte, daß es in der Masse eine Gliederung gibt, die sich in der
Spezialisierung und Differenzierung der dem Einzelnen zufallenden Leistung
ausdrückt.
Durch die Erfüllung dieser Bedingungen werden nach M c D o u g a l l die
psychischen Nachteile der Massenbildung aufgehoben. Gegen die kollektive
Herabsetzung der Intelligenzleistung schützt man sich dadurch, daß man die
Lösung der intellektuellen Aufgaben der Masse entzieht und sie Einzelnen in ihr
vorbehält.
Es scheint uns, daß man die Bedingung, die M c D o u g a l l als
»Organisation« der Masse bezeichnet hat, mit mehr Berechtigung anders
beschreiben kann. Die Aufgabe besteht darin, der Masse gerade jene
Eigenschaften zu verschaffen, die für das Individuum charakteristisch waren und
die bei ihm durch die Massenbildung ausgelöscht wurden. Denn das Individuum
hatte – außerhalb der primitiven Masse – seine Kontinuität, sein
Selbstbewußtsein, seine Traditionen und Gewohnheiten, seine besondere
Arbeitsleistung und Einreihung und hielt sich von anderen gesondert, mit denen
es rivalisierte. Diese Eigenart hatte es durch seinen Eintritt in die nicht »organisierte« Masse für eine Zeit verloren. Erkennt man so als Ziel, die Masse
mit den Attributen des Individuums auszustatten, so wird man an eine
gehaltreiche Bemerkung von W. T r o t t e r[9] gemahnt, der in der Neigung zur
Massenbildung eine biologische Fortführung der Vielzelligkeit aller höheren
Organismen erblickt.