Massenpsychologie und Ich-Analyse

Sigmund Freud · Kapitel 12 von 12

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Massenpsychologie und Ich-Analyse

XII. Nachträge.

XII.

 

Nachträge.

 

Im Laufe der Untersuchung, die jetzt zu einem vorläufigen Abschluß

gekommen ist, haben sich uns verschiedene Nebenwege eröffnet, die wir zuerst

vermieden haben, auf denen uns aber manche nahe Einsicht winkte. Einiges von

dem so zurückgestellten wollen wir nun nachholen.

 

A. Die Unterscheidung von Ichidentifizierung und Ichidealersetzung durch

das Objekt findet eine interessante Erläuterung an den zwei großen künstlichen

Massen, die wir eingangs studiert haben, dem Heer und der christlichen Kirche.

 

Es ist evident, daß der Soldat seinen Vorgesetzten, also eigentlich den

Armeeführer, zum Ideal nimmt, während er sich mit seinesgleichen identifiziert

und aus dieser Ichgemeinsamkeit die Verpflichtungen der Kameradschaft zur

gegenseitigen Hilfeleistung und Güterteilung ableitet. Aber er wird lächerlich,

wenn er sich mit dem Feldherrn identifizieren will. Der Jäger in Wallensteins

Lager verspottet darob den Wachtmeister:

 

Wie er räuspert und wie er spuckt,

Das habt ihr ihm glücklich abgeguckt!...

 

Anders in der katholischen Kirche. Jeder Christ liebt Christus als sein Ideal

und fühlt sich den anderen Christen durch Identifizierung verbunden. Aber die

Kirche fordert von ihm mehr. Er soll überdies sich mit Christus identifizieren

und die anderen Christen lieben, wie Christus sie geliebt hat. Die Kirche fordert

also an beiden Stellen die Ergänzung der durch die Massenbildung gegebenen

Libidoposition. Die Identifizierung soll dort hinzukommen, wo die Objektwahl

stattgefunden hat, und die Objektliebe dort, wo die Identifizierung besteht.

Dieses Mehr geht offenbar über die Konstitution der Masse hinaus. Man kann ein guter Christ sein und doch könnte einem die Idee, sich an Christi Stelle zu

setzen, wie er alle Menschen liebend zu umfassen, ferne liegen. Man braucht

sich ja nicht als schwacher Mensch die Seelengröße und Liebesstärke des

Heilands zuzutrauen. Aber diese Weiterentwicklung der Libidoverteilung in der

Masse ist wahrscheinlich das Moment, auf welches das Christentum den

Anspruch gründet, eine höhere Sittlichkeit gewonnen zu haben.

 

B. Wir sagten, es wäre möglich, die Stelle in der seelischen Entwicklung der

Menschheit anzugeben, an der sich auch für den Einzelnen der Fortschritt von

der Massen- zur Individualpsychologie vollzog.

 

Das hier folgende steht unter dem Einflusse eines Gedankenaustausches mit Otto R a n k.

 

Dazu müssen wir wieder kurz auf den wissenschaftlichen Mythus vom Vater

der Urhorde zurückgreifen. Er wurde später zum Weltenschöpfer erhöht, mit

Recht, denn er hatte alle die Söhne erzeugt, welche die erste Masse

zusammensetzten. Er war das Ideal jedes einzelnen von ihnen, gleichzeitig

gefürchtet und verehrt, was für später den Begriff des Tabu ergab. Diese

Mehrheit faßte sich einmal zusammen, tötete und zerstückelte ihn. Keiner der

Massensieger konnte sich an seine Stelle setzen, oder wenn es einer tat,

erneuerten sich die Kämpfe, bis sie einsahen, daß sie alle auf die Erbschaft des

Vaters verzichten müßten. Sie bildeten dann die totemistische

Brüdergemeinschaft, alle mit gleichem Rechte und durch die Totemverbote

gebunden, die das Andenken der Mordtat erhalten und sühnen sollten. Aber die

Unzufriedenheit mit dem Erreichten blieb und wurde die Quelle neuer

Entwicklungen. Allmählich näherten sich die zur Brudermasse Verbundenen

einer Herstellung des alten Zustandes auf neuem Niveau, der Mann wurde

wiederum Oberhaupt einer Familie und brach die Vorrechte der

Frauenherrschaft, die sich in der vaterlosen Zeit festgesetzt hatte. Zur

Entschädigung mag er damals die Muttergottheiten anerkannt haben, deren

Priester kastriert wurden zur Sicherung der Mutter nach dem Beispiel, das der

Vater der Urhorde gegeben hatte; doch war die neue Familie nur ein Schatten der

alten, der Väter waren viele und jeder durch die Rechte des anderen beschränkt.

Damals mag die sehnsüchtige Entbehrung einen Einzelnen bewogen haben,

sich von der Masse loszulösen und sich in die Rolle des Vaters zu versetzen. Wer

dies tat, war der erste epische Dichter, der Fortschritt wurde in seiner Phantasie

vollzogen. Dieser Dichter log die Wirklichkeit um im Sinne seiner Sehnsucht. Er

erfand den heroischen Mythus. Heros war, wer allein den Vater erschlagen hatte,

der im Mythus noch als totemistisches Ungeheuer erschien. Wie der Vater das

erste Ideal des Knaben gewesen war, so schuf jetzt der Dichter im Heros, der den

Vater ersetzen will, das erste Ichideal. Die Anknüpfung an den Heros bot

wahrscheinlich der jüngste Sohn, der Liebling der Mutter, den sie vor der

väterlichen Eifersucht beschützt hatte, und der in Urhordenzeiten der Nachfolger

des Vaters geworden war. In der lügenhaften Umdichtung der Urzeit wurde das

Weib, das der Kampfpreis und die Verlockung des Mordes gewesen war,

wahrscheinlich zur Verführerin und Anstifterin der Untat.

 

Der Heros will die Tat allein vollbracht haben, deren sich gewiß nur die

Horde als Ganzes getraut hatte. Doch hat nach einer Bemerkung von R a n k das

Märchen deutliche Spuren des verleugneten Sachverhalts bewahrt. Denn dort

kommt es häufig vor, daß der Held, der eine schwierige Aufgabe zu lösen hat –

meist ein jüngster Sohn, nicht selten einer, der sich vor dem Vatersurrogat

dumm, d. h. ungefährlich gestellt hat – diese Aufgabe doch nur mit Hilfe einer

Schar von kleinen Tieren (Bienen, Ameisen) lösen kann. Dies wären die Brüder

der Urhorde, wie ja auch in der Traumsymbolik Insekten, Ungeziefer die

Geschwister (verächtlich: als kleine Kinder) bedeuten. Jede der Aufgaben in

Mythus und Märchen ist überdies leicht als Ersatz der heroischen Tat zu

erkennen.

 

Der Mythus ist also der Schritt, mit dem der Einzelne aus der

Massenpsychologie austritt. Der erste Mythus war sicherlich der psychologische,

der Heroenmythus; der erklärende Naturmythus muß weit später aufgekommen

sein. Der Dichter, der diesen Schritt getan und sich so in der Phantasie von der

Masse gelöst hatte, weiß nach einer weiteren Bemerkung von R a n k doch in der

Wirklichkeit die Rückkehr zu ihr zu finden. Denn er geht hin und erzählt dieser

Masse die Taten seines Helden, die er erfunden. Dieser Held ist im Grunde kein anderer als er selbst. Er senkt sich somit zur Realität herab und hebt seine Hörer

zur Phantasie empor. Die Hörer aber verstehen den Dichter, sie können sich auf

Grund der nämlichen sehnsüchtigen Beziehung zum Urvater mit dem Heros

identifizieren[36].

 

Die Lüge des heroischen Mythus gipfelt in der Vergottung des Heros.

Vielleicht war der vergottete Heros früher als der Vatergott, der Vorläufer der

Wiederkehr des Urvaters als Gottheit. Die Götterreihe liefe dann chronologisch

so: Muttergöttin–Heros–Vatergott. Aber erst mit der Erhöhung des nie

vergessenen Urvaters erhielt die Gottheit die Züge, die wir noch heute an ihr

kennen.

 

In dieser abgekürzten Darstellung ist auf alles Material aus Sage, Mythus, Märchen, Sittengeschichte

usw. zur Stütze der Konstruktion verzichtet worden.

 

C. Wir haben in dieser Abhandlung viel von direkten und von

zielgehemmten Sexualtrieben gesprochen und dürfen hoffen, daß diese

Unterscheidung nicht auf großen Widerstand stoßen wird. Doch wird eine

eingehende Erörterung darüber nicht unwillkommen sein, selbst wenn sie nur

wiederholt, was zum großen Teil bereits an früheren Stellen gesagt worden ist.

 

Das erste, aber auch beste Beispiel zielgehemmter Sexualtriebe hat uns die

Libidoentwicklung des Kindes kennen gelehrt. Alle die Gefühle, welche das

Kind für seine Eltern und Pflegepersonen empfindet, setzen sich ohne Schranke

in die Wünsche fort, welche dem Sexualstreben des Kindes Ausdruck geben.

Das Kind verlangt von diesen geliebten Personen alle Zärtlichkeiten, die ihm

bekannt sind, will sie küssen, berühren, beschauen, ist neugierig, ihre Genitalien

zu sehen und bei ihren intimen Exkretionsverrichtungen anwesend zu sein, es

verspricht, die Mutter oder Pflegerin zu heiraten, was immer es sich darunter

vorstellen mag, setzt sich vor, dem Vater ein Kind zu gebären usw. Direkte

Beobachtung sowie die nachträgliche analytische Durchleuchtung der

Kindheitsreste lassen über das unmittelbare Zusammenfließen zärtlicher und

eifersüchtiger Gefühle und sexueller Absichten keinen Zweifel und legen uns

dar, in wie gründlicher Weise das Kind die geliebte Person zum Objekt aller seiner noch nicht richtig zentrierten Sexualbestrebungen macht. (Vgl.

Sexualtheorie.)

 

Diese erste Liebesgestaltung des Kindes, die typisch dem Ödipuskomplex

zugeordnet ist, erliegt dann, wie bekannt, vom Beginn der Latenzzeit an einem

Verdrängungsschub. Was von ihr erübrigt, zeigt sich uns als rein zärtliche

Gefühlsbindung, die denselben Personen gilt, aber nicht mehr als »sexuell«

bezeichnet werden soll. Die Psychoanalyse, welche die Tiefen des Seelenlebens

durchleuchtet, hat es nicht schwer aufzuweisen, daß auch die sexuellen

Bindungen der ersten Kinderjahre noch fortbestehen, aber verdrängt und

unbewußt. Sie gibt uns den Mut zu behaupten, daß überall, wo wir ein zärtliches

Gefühl begegnen, dies der Nachfolger einer voll-»sinnlichen« Objektbindung an

die betreffende Person oder ihr Vorbild (ihre Imago) ist. Sie kann uns freilich

nicht ohne besondere Untersuchung verraten, ob diese vorgängige sexuelle

Vollströmung in einem gegebenen Fall noch als verdrängt besteht oder ob sie

bereits aufgezehrt ist. Um es noch schärfer zu fassen: es steht fest, daß sie als

Form und Möglichkeit noch vorhanden ist und jederzeit wieder durch

Regression besetzt, aktiviert werden kann; es fragt sich nur und ist nicht immer

zu entscheiden, welche Besetzung und Wirksamkeit sie gegenwärtig noch hat.

Man muß sich hierbei gleichmäßig vor zwei Fehlerquellen in Acht nehmen, vor

der Scylla der Unterschätzung des verdrängten Unbewußten, wie vor der

Charybdis der Neigung, das Normale durchaus mit dem Maß des Pathologischen

zu messen.

 

Der Psychologie, welche die Tiefe des Verdrängten nicht durchdringen will

oder kann, stellen sich die zärtlichen Gefühlsbindungen jedenfalls als Ausdruck

von Strebungen dar, die nicht nach dem Sexuellen zielen, wenngleich sie aus

solchen, die danach gestrebt haben, hervorgegangen sind.

 

Die feindseligen Gefühle, um ein Stück komplizierter aufgebaut, machen hievon keine Ausnahme.

 

Wir sind berechtigt zu sagen, sie sind von diesen sexuellen Zielen abgelenkt

worden, wenngleich es seine Schwierigkeiten hat, in der Darstellung einer

solchen Zielablenkung den Anforderungen der Metapsychologie zu entsprechen. Übrigens halten diese zielgehemmten Triebe immer noch einige der

ursprünglichen Sexualziele fest; auch der zärtlich Anhängliche, auch der Freund,

der Verehrer sucht die körperliche Nähe und den Anblick der nur mehr im

»p a u l i n i s c h e n« Sinne geliebten Person. Wenn wir es wollen, können wir in

dieser Zielablenkung einen Beginn von S u b l i m i e r u n g der Sexualtriebe

anerkennen oder aber die Grenze für letztere noch ferner stecken. Die

zielgehemmten Sexualtriebe haben vor den ungehemmten einen großen

funktionellen Vorteil. Da sie einer eigentlich vollen Befriedigung nicht fähig

sind, eignen sie sich besonders dazu, dauernde Bindungen zu schaffen, während

die direkt sexuellen jedesmal durch die Befriedigung ihrer Energie verlustig

werden und auf Erneuerung durch Wiederanhäufung der sexuellen Libido warten

müssen, wobei inzwischen das Objekt gewechselt werden kann. Die gehemmten

Triebe sind jedes Maßes von Vermengung mit den ungehemmten fähig, können

sich in sie rückverwandeln, wie sie aus ihnen hervorgegangen sind. Es ist

bekannt, wie leicht sich aus Gefühlsbeziehungen freundschaftlicher Art, auf

Anerkennung und Bewunderung gegründet, erotische Wünsche entwickeln (das

M o l i è r e'sche: Embrassez-moi pour l'amour du Grec), zwischen Meister und

Schülerin, Künstler und entzückter Zuhörerin, zumal bei Frauen. Ja die

Entstehung solcher zuerst absichtsloser Gefühlsbindungen gibt direkt einen viel

begangenen Weg zur sexuellen Objektwahl. In der »Frömmigkeit des Grafen von

Zinzendorf« hat P f i s t e r ein überdeutliches, gewiß nicht vereinzeltes Beispiel

dafür aufgezeigt, wie nahe es liegt, daß auch intensive religiöse Bindung in

brünstige sexuelle Erregung zurückschlägt. Anderseits ist auch die Umwandlung

direkter, an sich kurzlebiger, sexueller Strebungen in dauernde, bloß zärtliche

Bindung etwas sehr gewöhnliches und die Konsolidierung einer aus verliebter

Leidenschaft geschlossenen Ehe beruht zu einem großen Teil auf diesem

Vorgang.

 

Es wird uns natürlich nicht verwundern zu hören, daß die zielgehemmten

Sexualstrebungen sich aus den direkt sexuellen dann ergeben, wenn sich der

Erreichung der Sexualziele innere oder äußere Hindernisse entgegenstellen. Die

Verdrängung der Latenzzeit ist ein solches inneres – oder besser innerlich gewordenes – Hindernis. Vom Vater der Urhorde haben wir angenommen, daß er

durch seine sexuelle Intoleranz alle Söhne zur Abstinenz nötigt und sie so in

zielgehemmte Bindungen drängt, während er selbst sich freien Sexualgenuß

vorbehält und somit ungebunden bleibt. Alle Bindungen, auf denen die Masse

beruht, sind von der Art der zielgehemmten Triebe. Damit aber haben wir uns

der Erörterung eines neuen Themas genähert, welches die Beziehung der

direkten Sexualtriebe zur Massenbildung behandelt.

 

D. Wir sind bereits durch die beiden letzten Bemerkungen darauf vorbereitet

zu finden, daß die direkten Sexualstrebungen der Massenbildung ungünstig sind.

Es hat zwar auch in der Entwicklungsgeschichte der Familie

Massenbeziehungen der sexuellen Liebe gegeben (die Gruppenehe), aber je

bedeutungsvoller die Geschlechtsliebe für das Ich wurde, je mehr Verliebtheit sie

entwickelte, desto eindringlicher forderte sie die Einschränkung auf zwei

Personen – una cum uno –, die durch die Natur des Genitalziels vorgezeichnet

ist. Die polygamen Neigungen wurden darauf angewiesen, sich im Nacheinander

des Objektwechsels zu befriedigen.

 

Die beiden zum Zweck der Sexualbefriedigung aufeinander angewiesenen Personen demonstrieren

gegen den Herdentrieb, das Massengefühl, indem sie die Einsamkeit aufsuchen. Je verliebter sie sind, desto

vollkommener genügen sie einander. Die Ablehnung des Einflusses der Masse äußert sich als Schamgefühl.

Die äußerst heftigen Gefühlsregungen der Eifersucht werden aufgeboten, um die sexuelle Objektwahl gegen

die Beeinträchtigung durch eine Massenbindung zu schützen. Nur, wenn der zärtliche, also persönliche,

Faktor der Liebesbeziehung völlig hinter dem sinnlichen zurücktritt, wird der Liebesverkehr eines Paares in

Gegenwart anderer oder gleichzeitige Sexualakte innerhalb einer Gruppe wie bei der Orgie möglich. Damit

ist aber eine Regression zu einem frühen Zustand der Geschlechtsbeziehungen gegeben, in dem die

Verliebtheit noch keine Rolle spielte, die Sexualobjekte einander gleichwertig erachtet wurden, etwa im

Sinne von dem bösen Wort B e r n a r d S h a w's: Verliebtsein heiße, den Unterschied zwischen einem Weib

und einem anderen ungebührlich überschätzen.

Es sind reichlich Anzeichen dafür vorhanden, daß die Verliebtheit erst spät in die Sexualbeziehungen

zwischen Mann und Weib Eingang fand, so daß auch die Gegnerschaft zwischen Geschlechtsliebe und

Massenbindung eine spät entwickelte ist. Nun kann es den Anschein haben, als ob diese Annahme

unverträglich mit unserem Mythus von der Urfamilie wäre. Die Brüderschar soll doch durch die Liebe zu

den Müttern und Schwestern zum Vatermord getrieben worden sein, und es ist schwer, sich diese Liebe

anders denn als eine ungebrochene, primitive, d. h. als innige Vereinigung von zärtlicher und sinnlicher

vorzustellen. Allein bei weiterer Überlegung löst sich dieser Einwand in eine Bestätigung auf. Eine der

Reaktionen auf den Vatermord war doch die Einrichtung der totemistischen Exogamie, das Verbot jeder sexuellen Beziehung mit den von Kindheit an zärtlich geliebten Frauen der Familie. Damit war der Keil

zwischen die zärtlichen und sinnlichen Regungen des Mannes eingetrieben, der heute noch in seinem

Liebesleben festsitzt[37]. Infolge dieser Exogamie mußten sich die sinnlichen Bedürfnisse der Männer mit

fremden und ungeliebten Frauen begnügen.

 

In den großen künstlichen Massen, Kirche und Heer, ist für das Weib als

Sexualobjekt kein Platz. Die Liebesbeziehung zwischen Mann und Weib bleibt

außerhalb dieser Organisationen. Auch wo sich Massen bilden, die aus Männern

und Weibern gemischt sind, spielt der Geschlechtsunterschied keine Rolle. Es

hat kaum einen Sinn zu fragen, ob die Libido, welche die Massen zusammenhält,

homosexueller oder heterosexueller Natur ist, denn sie ist nicht nach den

Geschlechtern differenziert und sieht insbesondere von den Zielen der

Genitalorganisation der Libido völlig ab.

 

Die direkten Sexualstrebungen erhalten auch für das sonst in der Masse

aufgehende Einzelwesen ein Stück individueller Betätigung. Wo sie überstark

werden, zersetzen sie jede Massenbildung. Die katholische Kirche hatte die

besten Motive, ihren Gläubigen die Ehelosigkeit zu empfehlen und ihren

Priestern das Zölibat aufzuerlegen, aber die Verliebtheit hat oft auch Geistliche

zum Austritt aus der Kirche getrieben. In gleicher Weise durchbricht die Liebe

zum Weibe die Massenbindungen der Rasse, der nationalen Absonderung und

der sozialen Klassenordnung und vollbringt damit kulturell wichtige Leistungen.

Es scheint gesichert, daß sich die homosexuelle Liebe mit den Massenbindungen

weit besser verträgt, auch wo sie als ungehemmte Sexualstrebung auftritt; eine

merkwürdige Tatsache, deren Aufklärung weit führen dürfte.

 

Die psychoanalytische Untersuchung der Psychoneurosen hat uns gelehrt,

daß deren Symptome von verdrängten, aber aktiv gebliebenen direkten

Sexualstrebungen abzuleiten sind. Man kann diese Formel vervollständigen,

wenn man hinzufügt: oder von solchen zielgehemmten, bei denen die Hemmung

nicht durchgehends gelungen ist oder einer Rückkehr zum verdrängten

Sexualziel den Platz geräumt hat. Diesem Verhältnis entspricht, daß die Neurose

asozial macht, den von ihr Betroffenen aus den habituellen Massenbildungen

heraushebt. Man kann sagen, die Neurose wirkt in ähnlicher Weise zersetzend auf die Masse wie die Verliebtheit. Dafür kann man sehen, daß dort, wo ein

kräftiger Anstoß zur Massenbildung erfolgt ist, die Neurosen zurücktreten und

wenigstens für eine Zeitlang schwinden können. Man hat auch mit Recht

versucht, diesen Widerstreit von Neurose und Massenbildung therapeutisch zu

verwerten. Auch wer das Schwinden der religiösen Illusionen in der heutigen

Kulturwelt nicht bedauert, wird zugestehen, daß sie den durch sie Gebundenen

den stärksten Schutz gegen die Gefahr der Neurose boten, so lange sie selbst

noch in Kraft waren. Es ist auch nicht schwer, in all den Bindungen an mystisch-

religiöse oder philosophisch-mystische Sekten und Gemeinschaften den

Ausdruck von Schiefheilungen mannigfaltiger Neurosen zu erkennen. Das alles

hängt mit dem Gegensatz der direkten und der zielgehemmten Sexualstrebungen

zusammen.

 

Sich selbst überlassen ist der Neurotiker genötigt, sich die großen

Massenbildungen, von denen er ausgeschlossen ist, durch seine

Symptombildungen zu ersetzen. Er schafft sich seine eigene Phantasiewelt, seine

Religion, sein Wahnsystem und wiederholt so die Institutionen der Menschheit

in einer Verzerrung, welche deutlich den übermächtigen Beitrag der direkten

Sexualstrebungen bezeugt[38].

 

E. Fügen wir zum Schluß eine vergleichende Würdigung der Zustände, die

uns beschäftigt haben, vom Standpunkt der Libidotheorie an, der Verliebtheit,

Hypnose, Massenbildung und der Neurose.

 

Die Ve r l i e b t h e i t beruht auf dem gleichzeitigen Vorhandensein von

direkten und von zielgehemmten Sexualstrebungen, wobei das Objekt einen Teil

der narzißtischen Ichlibido auf sich zieht. Sie hat nur Raum für das Ich und das

Objekt.

 

Die H y p n o s e teilt mit der Verliebtheit die Einschränkung auf diese beiden

Personen, aber sie beruht durchaus auf zielgehemmten Sexualstrebungen und

setzt das Objekt an die Stelle des Ichideals.

 

Die M a s s e vervielfältigt diesen Vorgang, sie stimmt mit der Hypnose in der Natur der sie zusammenhaltenden Triebe und in der Ersetzung des Ichideals

durch das Objekt überein, aber sie fügt die Identifizierung mit anderen

Individuen hinzu, die vielleicht ursprünglich durch die gleiche Beziehung zum

Objekt ermöglicht wurde.

 

Beide Zustände, Hypnose wie Massenbildung, sind Erbniederschläge aus der

Phylogenese der menschlichen Libido, die Hypnose als Disposition, die Masse

überdies als direktes Überbleibsel. Die Ersetzung der direkten Sexualstrebungen

durch die zielgehemmten befördert bei beiden die Sonderung von Ich und

Ichideal, zu der bei der Verliebtheit schon ein Anfang gemacht ist.

 

Die N e u r o s e tritt aus dieser Reihe heraus. Auch sie beruht auf einer

Eigentümlichkeit der menschlichen Libidoentwicklung, auf dem durch die

Latenzzeit unterbrochenen, doppelten Ansatz der direkten Sexualfunktion. (S.

Sexualtheorie, 4. Aufl., 1920, S. 96.)

 

Insoferne teilt sie mit Hypnose und Massenbildung den Charakter einer

Regression, welcher der Verliebtheit abgeht. Sie tritt überall dort auf, wo der

Fortschritt von direkten zu zielgehemmten Sexualtrieben nicht voll geglückt ist,

und entspricht einem K o n f l i k t zwischen den ins Ich aufgenommenen

Trieben, welche eine solche Entwicklung durchgemacht haben, und den Anteilen

derselben Triebe, welche vom verdrängten Unbewußten her – ebenso wie andere

völlig verdrängte Triebregungen – nach ihrer direkten Befriedigung streben. Sie

ist inhaltlich ungemein reichhaltig, da sie alle möglichen Beziehungen zwischen

Ich und Objekt umfaßt, sowohl die, in denen das Objekt beibehalten als auch

andere, in denen es aufgegeben oder im Ich selbst aufgerichtet ist, aber ebenso

die Konfliktbeziehungen zwischen dem Ich und seinem Ichideal.

[1] Übersetzt von Dr. Rudolf E i s l e r, zweite Auflage 1912.

 

[2] Vergleiche das S c h i l l e r'sche Distichon:

 

Jeder, sieht man ihn einzeln, ist leidlich klug und verständig;

Sind sie in corpore, gleich wird euch ein Dummkopf daraus.

 

[3] Unbewußt wird von L e B o n richtig im Sinne der Deskription

gebraucht, wo es nicht allein das »Verdrängte« bedeutet.

 

[4] Vergleiche T o t e m u n d T a b u III., Animismus, Magie und

Allmacht der Gedanken.

 

[5] Siehe T o t e m u n d T a b u.

 

[6] Vergleiche den Text und das Literaturverzeichnis in B. K r a š k o v i č

jun., Die Psychologie der Kollektivitäten. Aus dem Kroatischen

übersetzt von S i e g m u n d v o n P o s a v e c. Vukovar 1915.

 

[7] Siehe Walter M o e d e, Die Massen- und Sozialpsychologie im

kritischen Überblick. Zeitschrift für pädagogische Psychologie und

experimentelle Pädagogik von M e u m a n n und S c h e i b n e r, XVI.,

1915.

 

[8] Cambridge, 1920.

 

[9] Instincts of the herd in peace and war. London 1916.

 

[10] B r u g e i l l e s, L'essence du phénomène social: la suggestion. Revue

philosophique XXV. 1913.

 

[11] K o n r a d R i c h t e r, Der deutsche S. Christoph. Berlin 1896. Acta

Germanica V, 1.

 

[12] So M c D o u g a l l im »Journal of Neurology and Psychopathology«,

Vol I, No. 1, May 1920: A note on suggestion.

 

[13] N a c h m a n s o h n, Freuds Libidotheorie verglichen mit der

Eroslehre Platos. Intern. Zeitschr. f. Psychoanalyse III, 1915, P f i s t e r,

ebd. VII, 1921.

 

[14] »Wenn ich mit Menschen- und mit Engelzungen redete, und hätte der

Liebe nicht, so wäre ich ein tönend Erz oder eine klingende Schelle«,

u. ff.

 

[15] Kriegsneurosen und »Psychisches Trauma«, München 1918.

 

[16] Vgl. hiezu die Erklärung ähnlicher Phänomene nach dem Wegfall der

landesväterlichen Autorität bei P. F e d e r n, Die vaterlose Gesellschaft,

Wien, Anzengruber-Verlag, 1919.

 

[17] Vielleicht mit einziger Ausnahme der Beziehung der Mutter zum

Sohn, die auf Narzißmus gegründet, durch spätere Rivalität nicht gestört

und durch einen Ansatz zur sexuellen Objektwahl verstärkt wird.

 

[18] S. Zur Einführung des Narzißmus 1914, Sammlung kleiner Schriften

zur Neurosenlehre, vierte Folge 1918.

 

[19] S. Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie und A b r a h a m:

»Untersuchungen über die früheste prägenitale Entwicklungsstufe der

Libido«. Intern. Zeitschr. f. Psychoanalyse, IV, 1916, auch in dessen

»Klinische Beiträge zur Psychoanalyse.« Intern. psychoanalyt.

Bibliothek. Bd. 10, 1921.

 

[20] M a r k u s z e w i c z, Beitrag zum autistischen Denken bei Kindern,

Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse, VI., 1920.

 

[21] Zur Einführung des Narzißmus, l. c.

[22] S. Sexualtheorie l. c.

 

[23] Über die allgemeinste Erniedrigung des Liebeslebens. Sammlung,

4. Folge, 1918.

 

[24] S. Metapsychologische Ergänzung zur Traumlehre. Sammlung kleiner

Schriften zur Neurosenlehre, Vierte Folge, 1918.

 

[25] W. T r o t t e r, Instincts of the Herd in Peace and War. London 1916.

 

[26] Siehe meinen Aufsatz: Jenseits des Lustprinzips. Beiheft II zur

Internationalen Zeitschrift für Psychoanalyse, VI., 1920.

 

[27] Siehe Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse, über die

Angst.

 

[28] Totem und Tabu. 2. Auflage 1920.

 

[29] Das Unheimliche. Imago, V, 1919.

 

[30] S. Totem und Tabu, und die dort zitierten Quellen.

 

[31] F e r e n c z i, Introjektion und Übertragung. Jahrbuch der

Psychoanalyse, I, 1909.

 

[32] Jahrbuch der Psychoanalyse, VI, 1914. – Sammlung kleiner Schriften

zur Neurosenlehre, 4. Folge.

 

[33] Trauer und Melancholie. Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse,

IV, 1916/18. – Sammlung kleiner Schriften zur Neurosenlehre, 4. Folge.

 

[34] Totem und Tabu.

 

[35] Vgl. A b r a h a m, Ansätze zur psychoanalytischen Erforschung und

Behandlung des manisch-depressiven Irreseins etc., 1912, in »Klinische

Beiträge zur Psychoanalyse«, 1921.

 

[36] Vgl. H a n n s S a c h s, Gemeinsame Tagträume, Autoreferat eines

Vortrags auf dem VI. psychoanalytischen Kongreß im Haag, 1920.

Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse, VI, 1920.

 

[37] S. Über die allgemeinste Erniedrigung des Liebeslebens, 1912,

Sammlung kleiner Schriften zur Neurosenlehre, 4. Folge.

 

[38] S. Totem und Tabu, zu Ende des Abschnitts II: Das Tabu und die

Ambivalenz.

 

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1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg:

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does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm

License. You must require such a user to return or

destroy all copies of the works possessed in a physical medium

and discontinue all use of and all access to other copies of

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- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any

money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the

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- You comply with all other terms of this agreement for free

distribution of Project Gutenberg-tm works.

1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm electronic work or group of works on different terms than are set forth in this agreement, you must obtain permission in writing from both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the Foundation as set forth in Section 3 below.

1.F.

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Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of electronic works in formats readable by the widest variety of computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will remain freely available for generations to come. In 2001, the Project Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.

 

Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit 501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered throughout numerous locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact information can be found at the Foundation's web site and official page at http://pglaf.org

For additional contact information:

Dr. Gregory B. Newby

Chief Executive and Director

gbnewby@pglaf.org

 

Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide spread public support and donations to carry out its mission of increasing the number of public domain and licensed works that can be freely distributed in machine readable form accessible by the widest array of equipment including outdated equipment. Many small donations ($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating charities and charitable donations in all 50 states of the United States. Compliance requirements are not uniform and it takes a considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up with these requirements. We do not solicit donations in locations where we have not received written confirmation of compliance. To SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any particular state visit http://pglaf.org

While we cannot and do not solicit contributions from states where we have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition against accepting unsolicited donations from donors in such states who approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make any statements concerning tax treatment of donations received from outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation methods and addresses. Donations are accepted in a number of other ways including including checks, online payments and credit card donations. To donate, please visit: http://pglaf.org/donate

 

Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works.

Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be freely shared with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.

 

Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper edition.

 

Most people start at our Web site which has the main PG search facility:

http://www.gutenberg.net

This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, including how to make donations to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.