Massenpsychologie und Ich-Analyse
II. Le Bon's Schilderung der Massenseele.
II.
Le Bon's Schilderung der Massenseele.
Zweckmäßiger als eine Definition voranzustellen scheint es, mit einem
Hinweis auf das Erscheinungsgebiet zu beginnen und aus diesem einige
besonders auffällige und charakteristische Tatsachen herauszugreifen, an welche
die Untersuchung anknüpfen kann. Wir erreichen beides durch einen Auszug aus
dem mit Recht berühmt gewordenen Buch von L e B o n, P s y c h o l o g i e
d e r M a s s e n [1].
Machen wir uns den Sachverhalt nochmals klar: Wenn die Psychologie,
welche die Anlagen, Triebregungen, Motive, Absichten eines einzelnen
Menschen bis zu seinen Handlungen und in die Beziehungen zu seinen Nächsten
verfolgt, ihre Aufgabe restlos gelöst und alle diese Zusammenhänge durchsichtig
gemacht hätte, dann fände sie sich plötzlich vor einer neuen Aufgabe, die sich
ungelöst vor ihr erhebt. Sie müßte die überraschende Tatsache erklären, daß dies
ihr verständlich gewordene Individuum unter einer bestimmten Bedingung ganz
anders fühlt, denkt und handelt, als von ihm zu erwarten stand, und diese
Bedingung ist die Einreihung in eine Menschenmenge, welche die Eigenschaft
einer »psychologischen Masse« erworben hat. Was ist nun eine »Masse«,
wodurch erwirbt sie die Fähigkeit, das Seelenleben des Einzelnen so
entscheidend zu beeinflussen, und worin besteht die seelische Veränderung, die
sie dem Einzelnen aufnötigt?
Diese drei Fragen zu beantworten, ist die Aufgabe einer theoretischen
Massenpsychologie. Man greift sie offenbar am besten an, wenn man von der
dritten ausgeht. Es ist die Beobachtung der veränderten Reaktion des Einzelnen,
welche der Massenpsychologie den Stoff liefert; jedem Erklärungsversuch muß
ja die Beschreibung des zu Erklärenden vorausgehen.
Ich lasse nun L e B o n zu Worte kommen. Er sagt (S. 13): »An einer
psychologischen Masse ist das Sonderbarste dies: welcher Art auch die sie
zusammensetzenden Individuen sein mögen, wie ähnlich oder unähnlich ihre
Lebensweise, Beschäftigung, ihr Charakter oder ihre Intelligenz ist, durch den
bloßen Umstand ihrer Umformung zur Masse besitzen sie eine Kollektivseele,
vermöge deren sie in ganz anderer Weise fühlen, denken und handeln, als jedes
von ihnen für sich fühlen, denken und handeln würde. Es gibt Ideen und
Gefühle, die nur bei den zu Massen verbundenen Individuen auftreten oder sich
in Handlungen umsetzen. Die psychologische Masse ist ein provisorisches
Wesen, das aus heterogenen Elementen besteht, die für einen Augenblick sich
miteinander verbunden haben, genau so wie die Zellen des Organismus durch
ihre Vereinigung ein neues Wesen mit ganz anderen Eigenschaften als denen der
einzelnen Zellen bilden.«
Indem wir uns die Freiheit nehmen, die Darstellung L e B o n's durch unsere
Glossen zu unterbrechen, geben wir hier der Bemerkung Raum: Wenn die
Individuen in der Masse zu einer Einheit verbunden sind, so muß es wohl etwas
geben, was sie an einander bindet, und dies Bindemittel könnte gerade das sein,
was für die Masse charakteristisch ist. Allein L e B o n beantwortet diese Frage
nicht, er geht auf die Veränderung des Individuums in der Masse ein und
beschreibt sie in Ausdrücken, welche mit den Grundvoraussetzungen unserer
Tiefenpsychologie in guter Übereinstimmung stehen.
(S. 14.) »Leicht ist die Feststellung des Maßes von Verschiedenheit des einer
Masse angehörenden vom isolierten Individuum, weniger leicht ist aber die
Entdeckung der Ursachen dieser Verschiedenheit.
Um diese Ursachen wenigstens einigermaßen zu finden, muß man sich
zunächst der von der modernen Psychologie gemachten Feststellung erinnern,
daß nicht bloß im organischen Leben, sondern auch in den intellektuellen
Funktionen die unbewußten Phänomene eine überwiegende Rolle spielen. Das
bewußte Geistesleben stellt nur einen recht geringen Teil neben dem unbewußten
Seelenleben dar. Die feinste Analyse, die schärfste Beobachtung gelangt nur zu einer kleinen Anzahl bewußter Motive des Seelenlebens. Unsere bewußten Akte
leiten sich aus einem, besonders durch Vererbungseinflüsse geschaffenen,
unbewußten Substrat her. Dieses enthält die zahllosen Ahnenspuren, aus denen
sich die Rassenseele konstituiert. Hinter den eingestandenen Motiven unserer
Handlungen gibt es zweifellos die geheimen Gründe, die wir nicht eingestehen,
hinter diesen liegen aber noch geheimere, die wir nicht einmal kennen. Die
Mehrzahl unserer alltäglichen Handlungen ist nur die Wirkung verborgener, uns
entgehender Motive.«
In der Masse, meint L e B o n, verwischen sich die individuellen
Erwerbungen der Einzelnen, und damit verschwindet deren Eigenart. Das
rassenmäßige Unbewußte tritt hervor, das Heterogene versinkt im Homogenen.
Wir werden sagen, der psychische Oberbau, der sich bei den Einzelnen so
verschiedenartig entwickelt hat, wird abgetragen, und das bei allen gleichartige
unbewußte Fundament wird bloßgelegt.
Auf diese Weise käme ein durchschnittlicher Charakter der
Massenindividuen zustande. Allein L e B o n findet, sie zeigen auch neue
Eigenschaften, die sie vorher nicht besessen haben, und sucht den Grund dafür in
drei verschiedenen Momenten.
(S. 15.) »Die erste dieser Ursachen besteht darin, daß das Individuum in der
Masse schon durch die Tatsache der Menge ein Gefühl unüberwindlicher Macht
erlangt, welches ihm gestattet, Trieben zu fröhnen, die es allein notwendig
gezügelt hätte. Es wird dies nun umso weniger Anlaß haben, als bei der
Anonymität und demnach auch Unverantwortlichkeit der Masse das
Verantwortlichkeitsgefühl, welches die Individuen stets zurückhält, völlig
schwindet.«
Wir brauchten von unserem Standpunkt weniger Wert auf das Auftauchen
neuer Eigenschaften zu legen. Es genügte uns zu sagen, das Individuum komme
in der Masse unter Bedingungen, die ihm gestatten, die Verdrängungen seiner
unbewußten Triebregungen abzuwerfen. Die anscheinend neuen Eigenschaften,
die es dann zeigt, sind eben die Äußerungen dieses Unbewußten, in dem ja alles Böse der Menschenseele in der Anlage enthalten ist; das Schwinden des
Gewissens oder Verantwortlichkeitsgefühls unter diesen Umständen macht
unserem Verständnis keine Schwierigkeit. Wir hatten längst behauptet, der Kern
des sogenannten Gewissens sei »soziale Angst«.
Eine gewisse Differenz zwischen der Anschauung L e B o n's und der unserigen stellt sich dadurch her,
daß sein Begriff des Unbewußten nicht ganz mit dem von der Psychoanalyse angenommenen
zusammenfällt. Das Unbewußte L e B o n's enthält vor allem die tiefsten Merkmale der Rassenseele,
welche für die Psychoanalyse eigentlich außer Betracht kommt. Wir verkennen zwar nicht, daß der Kern
des Ichs, dem die »archaische Erbschaft« der Menschenseele angehört, unbewußt ist, aber wir sondern
außerdem das »unbewußte Verdrängte« ab, welches aus einem Anteil dieser Erbschaft hervorgegangen ist.
Dieser Begriff des Verdrängten fehlt bei L e B o n.
(S. 16.) »Eine zweite Ursache, die Ansteckung, trägt ebenso dazu bei, bei
den Massen die Äußerung spezieller Merkmale und zugleich deren Richtung zu
bewerkstelligen. Die Ansteckung ist ein leicht zu konstatierendes aber
unerklärliches Phänomen, das man den von uns sogleich zu studierenden
Phänomenen hypnotischer Art zurechnen muß. In der Menge ist jedes Gefühl,
jede Handlung ansteckend, und zwar in so hohem Grade, daß das Individuum
sehr leicht sein persönliches Interesse dem Gesamtinteresse opfert. Es ist dies
eine seiner Natur durchaus entgegengesetzte Fähigkeit, deren der Mensch nur als
Massenbestandteil fähig ist.«
Wir werden auf diesen letzten Satz später eine wichtige Vermutung begründen.
(S. 16.) »Eine dritte, und zwar die wichtigste Ursache bedingt in den zur
Masse vereinigten Individuen besondere Eigenschaften, welche denen des
isolierten Individuums völlig entgegengesetzt sind. Ich rede hier von der
Suggestibilität, von der die erwähnte Ansteckung übrigens nur eine Wirkung ist.
Zum Verständnis dieser Erscheinung gehört die Vergegenwärtigung gewisser
neuer Entdeckungen der Physiologie. Wir wissen jetzt, daß ein Mensch mittels
mannigfacher Prozeduren in einen solchen Zustand versetzt werden kann, daß er
nach Verlust seiner ganzen bewußten Persönlichkeit allen Suggestionen
desjenigen gehorcht, der ihn seines Persönlichkeitsbewußtseins beraubt hat, und
daß er die zu seinem Charakter und seinen Gewohnheiten in schärfstem Gegensatz stehenden Handlungen begeht. Nun scheinen sehr sorgfältige
Beobachtungen darzutun, daß ein eine Zeitlang im Schoße einer tätigen Masse
eingebettetes Individuum in Bälde – durch Ausströmungen, die von ihr ausgehen
oder sonst eine unbekannte Ursache – in einem Sonderzustand sich befindet, der
sich sehr der Faszination nähert, die den Hypnotisierten unter dem Einfluß des
Hypnotisators befällt ..... Die bewußte Persönlichkeit ist völlig geschwunden,
Wille und Unterscheidungsvermögen fehlen, alle Gefühle und Gedanken sind
nach der durch den Hypnotisator hergestellten Richtung orientiert.
So ungefähr verhält sich auch der Zustand des einer psychologischen Masse
angehörenden Individuums. Es ist sich seiner Handlungen nicht mehr bewußt.
Wie beim Hypnotisierten können bei ihm, während zugleich gewisse Fähigkeiten
aufgehoben sind, andere auf einen Grad höchster Stärke gebracht werden. Unter
dem Einflusse einer Suggestion wird es sich mit einem unwiderstehlichen Triebe
an die Ausführung bestimmter Handlungen machen. Und dieses Ungestüm ist
bei den Massen noch unwiderstehlicher als beim Hypnotisierten, weil die für alle
Individuen gleiche Suggestion durch Gegenseitigkeit anwächst.«
(S. 17.) »Die Hauptmerkmale des in der Masse befindlichen Individuums
sind demnach: Schwund der bewußten Persönlichkeit, Vorherrschaft der
unbewußten Persönlichkeit, Orientierung der Gedanken und Gefühle in
derselben Richtung durch Suggestion und Ansteckung, Tendenz zur
unverzüglichen Verwirklichung der suggerierten Ideen. Das Individuum ist nicht
mehr es selbst, es ist ein willenloser Automat geworden.«
Ich habe dies Zitat so ausführlich wiedergegeben, um zu bekräftigen, daß L e
B o n den Zustand des Individuums in der Masse wirklich für einen hypnotischen
erklärt, nicht etwa ihn bloß mit einem solchen vergleicht. Wir beabsichtigen hier
keinen Widerspruch, wollen nur hervorheben, daß die beiden letzten Ursachen
der Veränderung des Einzelnen in der Masse, die Ansteckung und die höhere
Suggerierbarkeit offenbar nicht gleichartig sind, da ja die Ansteckung auch eine
Äußerung der Suggerierbarkeit sein soll. Auch die Wirkungen der beiden
Momente scheinen uns im Text L e B o n's nicht scharf geschieden. Vielleicht deuten wir seine Äußerung am besten aus, wenn wir die Ansteckung auf die
Wirkung der einzelnen Mitglieder der Masse aufeinander beziehen, während die
mit den Phänomenen der hypnotischen Beeinflussung gleichgestellten
Suggestionserscheinungen in der Masse auf eine andere Quelle hinweisen. Auf
welche aber? Es muß uns als eine empfindliche Unvollständigkeit berühren, daß
eines der Hauptstücke dieser Angleichung, nämlich die Person, welche für die
Masse den Hypnotiseur ersetzt, in der Darstellung L e B o n's nicht erwähnt
wird. Immerhin unterscheidet er von diesem im Dunkeln gelassenen
faszinierenden Einfluß die ansteckende Wirkung, die die Einzelnen auf einander
ausüben, durch welche die ursprüngliche Suggestion verstärkt wird.
Noch ein wichtiger Gesichtspunkt für die Beurteilung des
Massenindividuums: (S. 17.) »Ferner steigt durch die bloße Zugehörigkeit zu
einer organisierten Masse der Mensch mehrere Stufen auf der Leiter der
Zivilisation herab. In seiner Vereinzelung war er vielleicht ein gebildetes
Individuum, in der Masse ist er ein Barbar, d. h. ein Triebwesen. Er besitzt die
Spontaneität, die Heftigkeit, die Wildheit und auch den Enthusiasmus und
Heroismus primitiver Wesen.« Er verweilt dann noch besonders bei der
Herabsetzung der intellektuellen Leistung, die der Einzelne durch sein Aufgehen
in der Masse erfährt[2].
Verlassen wir nun den Einzelnen und wenden wir uns zur Beschreibung der
Massenseele, wie L e B o n sie entwirft. Es ist kein Zug darin, dessen Ableitung
und Unterbringung dem Psychoanalytiker Schwierigkeiten bereiten würde. L e
B o n weist uns selbst den Weg, indem er auf die Übereinstimmung mit dem
Seelenleben der Primitiven und der Kinder hinweist. (S. 19.)
Die Masse ist impulsiv, wandelbar und reizbar. Sie wird fast ausschließlich
vom Unbewußten geleitet[3]. Die Impulse, denen die Masse gehorcht, können je
nach Umständen edel oder grausam, heroisch oder feige sein, jedenfalls aber
sind sie so gebieterisch, daß nicht das persönliche, nicht einmal das Interesse der
Selbsterhaltung zur Geltung kommt. (S. 20.) Nichts ist bei ihr vorbedacht. Wenn
sie auch die Dinge leidenschaftlich begehrt, so doch nie für lange, sie ist unfähig zu einem Dauerwillen. Sie verträgt keinen Aufschub zwischen ihrem Begehren
und der Verwirklichung des Begehrten. Sie hat das Gefühl der Allmacht, für das
Individuum in der Masse schwindet der Begriff des Unmöglichen[4].
Die Masse ist außerordentlich beeinflußbar und leichtgläubig, sie ist
kritiklos, das Unwahrscheinliche existiert für sie nicht. Sie denkt in Bildern, die
einander assoziativ hervorrufen, wie sie sich beim Einzelnen in Zuständen des
freien Phantasierens einstellen, und die von keiner verständigen Instanz an der
Übereinstimmung mit der Wirklichkeit gemessen werden. Die Gefühle der
Masse sind stets sehr einfach und sehr überschwenglich. Die Masse kennt also
weder Zweifel noch Ungewißheit.
In der Deutung der Träume, denen wir ja unsere beste Kenntnis vom unbewußten Seelenleben
verdanken, befolgen wir die technische Regel, daß von Zweifel und Unsicherheit in der Traumerzählung
abgesehen und jedes Element des manifesten Traumes als gleich gesichert behandelt wird. Wir leiten
Zweifel und Unsicherheit von der Einwirkung der Zensur ab, welcher die Traumarbeit unterliegt, und
nehmen an, daß die primären Traumgedanken Zweifel und Unsicherheit als kritische Leistung nicht kennen.
Als Inhalte mögen sie natürlich, wie alles andere, in den zum Traum führenden Tagesresten vorkommen. (S.
Traumdeutung. 5. Aufl. 1919, S. 386.)
Sie geht sofort zum Äußersten, der ausgesprochene Verdacht wandelt sich
bei ihr sogleich in unumstößliche Gewißheit, ein Keim von Antipathie wird zum
wilden Haß. (S. 32.)
Die nämliche Steigerung aller Gefühlsregungen zum Extremen und Maßlosen gehört auch der
Affektivität des Kindes an und findet sich im Traumleben wieder, wo dank der im Unbewußten
vorherrschenden Isolierung der einzelnen Gefühlsregungen ein leiser Ärger vom Tage sich als Todeswunsch
gegen die schuldige Person zum Ausdruck bringt oder ein Anflug irgend einer Versuchung zum Anstoß
einer im Traum dargestellten verbrecherischen Handlung wird. Zu dieser Tatsache hat Dr. Hanns S a c h s
die hübsche Bemerkung gemacht: »Was der Traum uns an Beziehungen zur Gegenwart (Realität) kundgetan
hat, wollen wir dann auch im Bewußtsein aufsuchen und dürfen uns nicht wundern, wenn wir das
Ungeheuer, das wir unter dem Vergrößerungsglas der Analyse gesehen haben, als Infusionstierchen
wiederfinden.« (Traumdeutung, S. 457.)
Selbst zu allen Extremen geneigt, wird die Masse auch nur durch übermäßige
Reize erregt. Wer auf sie wirken will, bedarf keiner logischen Abmessung seiner
Argumente, er muß in den kräftigsten Bildern malen, übertreiben und immer das
Gleiche wiederholen.
Da die Masse betreffs des Wahren oder Falschen nicht im Zweifel ist und
dabei das Bewußtsein ihrer großen Kraft hat, ist sie ebenso intolerant wie
autoritätsgläubig. Sie respektiert die Kraft und läßt sich von der Güte, die für sie
nur eine Art von Schwäche bedeutet, nur mäßig beeinflussen. Was sie von ihren
Helden verlangt, ist Stärke, selbst Gewalttätigkeit. Sie will beherrscht und
unterdrückt werden und ihren Herrn fürchten. Im Grunde durchaus konservativ
hat sie tiefen Abscheu vor allen Neuerungen und Fortschritten und unbegrenzte
Ehrfurcht vor der Tradition. (S. 37.)
Um die Sittlichkeit der Massen richtig zu beurteilen, muß man in Betracht
ziehen, daß im Beisammensein der Massenindividuen alle individuellen
Hemmungen entfallen und alle grausamen, brutalen, destruktiven Instinkte, die
als Überbleibsel der Urzeit im Einzelnen schlummern, zur freien
Triebbefriedigung geweckt werden. Aber die Massen sind auch unter dem
Einfluß der Suggestion hoher Leistungen von Entsagung, Uneigennützigkeit,
Hingebung an ein Ideal fähig. Während der persönliche Vorteil beim isolierten
Individuum so ziemlich die einzige Triebfeder ist, ist er bei den Massen sehr
selten vorherrschend. Man kann von einer Versittlichung des Einzelnen durch
die Masse sprechen. (S. 39.) Während die intellektuelle Leistung der Masse
immer tief unter der des Einzelnen steht, kann ihr ethisches Verhalten dies
Niveau ebenso hoch überragen wie tief darunter herabgehen.
Ein helles Licht auf die Berechtigung, die Massenseele mit der Seele der
Primitiven zu identifizieren, werfen einige andere Züge der L e B o n'schen
Charakteristik. Bei den Massen können die entgegengesetztesten Ideen
nebeneinander bestehen und sich miteinander vertragen, ohne daß sich aus deren
logischem Widerspruch ein Konflikt ergäbe. Dasselbe ist aber im unbewußten
Seelenleben der Einzelnen, der Kinder und der Neurotiker der Fall, wie die
Psychoanalyse längst nachgewiesen hat.
Beim kleinen Kinde bestehen z. B. ambivalente Gefühlseinstellungen gegen die ihm nächsten Personen
lange Zeit nebeneinander, ohne daß die eine die ihr entgegengesetzte in ihrem Ausdruck stört. Kommt es
dann endlich zum Konflikt zwischen den beiden, so wird er oft dadurch erledigt, daß das Kind das Objekt
wechselt, die eine der ambivalenten Regungen auf ein Ersatzobjekt verschiebt. Auch aus der Entwicklungsgeschichte einer Neurose beim Erwachsenen kann man erfahren, daß eine unterdrückte
Regung sich häufig lange Zeit in unbewußten oder selbst bewußten Phantasien fortsetzt, deren Inhalt
natürlich einer herrschenden Strebung direkt zuwiderläuft, ohne daß sich aus diesem Gegensatz ein
Einschreiten des Ichs gegen das von ihm Verworfene ergäbe. Die Phantasie wird eine ganze Weile über
toleriert, bis sich plötzlich einmal, gewöhnlich infolge einer Steigerung der affektiven Besetzung derselben,
der Konflikt zwischen ihr und dem Ich mit allen seinen Folgen herstellt.
Im Fortschritt der Entwicklung vom Kinde zum reifen Erwachsenen kommt es überhaupt zu einer
immer weiter greifenden I n t e g r a t i o n der Persönlichkeit, zu einer Zusammenfassung der einzelnen
unabhängig voneinander in ihr gewachsenen Triebregungen und Zielstrebungen. Der analoge Vorgang auf
dem Gebiet des Sexuallebens ist uns als Zusammenfassung aller Sexualtriebe zur definitiven
Genitalorganisation lange bekannt (Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie 1905). Daß die Vereinheitlichung
des Ichs übrigens dieselben Störungen erfahren kann wie die der Libido, zeigen vielfache, sehr bekannte
Beispiele, wie das der Naturforscher, die bibelgläubig geblieben sind u. a.
Ferner unterliegt die Masse der wahrhaft magischen Macht von Worten, die
in der Massenseele die furchtbarsten Stürme hervorrufen und sie auch
besänftigen können. (S. 74.) »Mit Vernunft und Argumenten kann man gegen
gewisse Worte und Formeln nicht ankämpfen. Man spricht sie mit Andacht vor
den Massen aus, und sogleich werden die Mienen respektvoll und die Köpfe
neigen sich. Von vielen werden sie als Naturkräfte oder als übernatürliche
Mächte betrachtet.« (S. 75.) Man braucht sich dabei nur an die Tabu der Namen
bei den Primitiven, an die magischen Kräfte, die sich ihnen an Namen und Worte
knüpfen, zu erinnern[5].
Und endlich: Die Massen haben nie den Wahrheitsdurst gekannt. Sie fordern
Illusionen, auf die sie nicht verzichten können. Das Irreale hat bei ihnen stets
den Vorrang vor dem Realen, das Unwirkliche beeinflußt sie fast ebenso stark
wie das Wirkliche. Sie haben die sichtliche Tendenz, zwischen beiden keinen
Unterschied zu machen. (S. 47.)
Diese Vorherrschaft des Phantasielebens und der vom unerfüllten Wunsch
getragenen Illusion haben wir als bestimmend für die Psychologie der Neurosen
aufgezeigt. Wir fanden, für die Neurotiker gelte nicht die gemeine objektive,
sondern die psychische Realität. Ein hysterisches Symptom gründe sich auf
Phantasie anstatt auf die Wiederholung wirklichen Erlebens, ein
zwangsneurotisches Schuldbewußtsein auf die Tatsache eines bösen Vorsatzes, der nie zur Ausführung gekommen. Ja wie im Traum und in der Hypnose, tritt in
der Seelentätigkeit der Masse die Realitätsprüfung zurück gegen die Stärke der
affektiv besetzten Wunschregungen.
Was L e B o n über die Führer der Massen sagt, ist weniger erschöpfend und
läßt das Gesetzmäßige nicht so deutlich durchschimmern. Er meint, sobald
lebende Wesen in einer gewissen Anzahl vereinigt sind, einerlei ob eine Herde
Tiere oder eine Menschenmenge, stellen sie sich instinktiv unter die Autorität
eines Oberhauptes. (S. 86.) Die Masse ist eine folgsame Herde, die nie ohne
Herrn zu leben vermag. Sie hat einen solchen Durst zu gehorchen, daß sie sich
jedem, der sich zu ihrem Herrn ernennt, instinktiv unterordnet.
Kommt so das Bedürfnis der Masse dem Führer entgegen, so muß er ihm
doch durch persönliche Eigenschaften entsprechen. Er muß selbst durch einen
starken Glauben (an eine Idee) fasziniert sein, um Glauben in der Masse zu
erwecken, er muß einen starken, imponierenden Willen besitzen, den die
willenlose Masse von ihm annimmt. L e B o n bespricht dann die verschiedenen
Arten von Führern und die Mittel, durch welche sie auf die Masse wirken. Im
ganzen läßt er die Führer durch die Ideen zur Bedeutung kommen, für die sie
selbst fanatisiert sind.
Diesen Ideen wie den Führern schreibt er überdies eine geheimnisvolle
unwiderstehliche Macht zu, die er »Prestige« benennt. Das Prestige ist eine Art
Herrschaft, die ein Individuum, ein Werk oder eine Idee über uns übt. Sie lähmt
all unsere Fähigkeit zur Kritik und erfüllt uns mit Staunen und Achtung. Sie
dürfte ein Gefühl hervorrufen, ähnlich wie das der Faszination der Hypnose.
(S. 96.)
Er unterscheidet erworbenes oder künstliches und persönliches Prestige. Das
erstere wird bei Personen durch Name, Reichtum, Ansehen verliehen, bei
Anschauungen, Kunstwerken u. dgl. durch Tradition. Da es in allen Fällen auf
die Vergangenheit zurückgreift, wird es für das Verständnis dieses rätselhaften
Einflusses wenig leisten. Das persönliche Prestige haftet an wenigen Personen,
die durch dasselbe zu Führern werden, und macht, daß ihnen alles wie unter der Wirkung eines magnetischen Zaubers gehorcht. Doch ist jedes Prestige auch
vom Erfolg abhängig und geht durch Mißerfolge verloren. (S. 105.)
Man gewinnt nicht den Eindruck, daß bei L e B o n die Rolle der Führer und
die Betonung des Prestige in richtigen Einklang mit der so glänzend
vorgetragenen Schilderung der Massenseele gebracht worden ist.