Massenpsychologie und Ich-Analyse

Sigmund Freud · Kapitel 9 von 12

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Massenpsychologie und Ich-Analyse

IX. Der Herdentrieb.

IX.

 

Der Herdentrieb.

 

Wir werden uns nur kurze Zeit der Illusion freuen, durch diese Formel das

Rätsel der Masse gelöst zu haben. Alsbald muß uns die Mahnung beunruhigen,

daß wir ja im wesentlichen die Verweisung auf das Rätsel der Hypnose

angenommen haben, an dem so vieles noch unerledigt ist. Und nun zeigt uns ein

anderer Einwand den weiteren Weg.

 

Wir dürfen uns sagen, die ausgiebigen affektiven Bindungen, die wir in der

Masse erkennen, reichen voll aus, um einen ihrer Charaktere zu erklären, den

Mangel an Selbständigkeit und Initiative beim Einzelnen, die Gleichartigkeit

seiner Reaktion mit der aller anderen, sein Herabsinken zum Massenindividuum

sozusagen. Aber die Masse zeigt, wenn wir sie als Ganzes ins Auge fassen,

mehr; die Züge von Schwächung der intellektuellen Leistung, von

Ungehemmtheit der Affektivität, die Unfähigkeit zur Mäßigung und zum

Aufschub, die Neigung zur Überschreitung aller Schranken in der

Gefühlsäußerung und zur vollen Abfuhr derselben in Handlung, dies und alles

Ähnliche, was wir bei L e B o n so eindrucksvoll geschildert finden, ergibt ein

unverkennbares Bild von Regression der seelischen Tätigkeit auf eine frühere

Stufe, wie wir sie bei Wilden oder bei Kindern zu finden nicht erstaunt sind.

Eine solche Regression gehört insbesondere zum Wesen der gemeinen Massen,

während sie, wie wir gehört haben, bei hoch organisierten, künstlichen

weitgehend hintangehalten werden kann.

 

Wir erhalten so den Eindruck eines Zustandes, in dem die vereinzelte

Gefühlsregung und der persönliche intellektuelle Akt des Individuums zu

schwach sind, um sich allein zur Geltung zu bringen, und durchaus auf

Bekräftigung durch gleichartige Wiederholung von seiten der anderen warten müssen. Wir werden daran erinnert, wieviel von diesen Phänomenen der

Abhängigkeit zur normalen Konstitution der menschlichen Gesellschaft gehört,

wie wenig Originalität und persönlicher Mut sich in ihr findet, wie sehr jeder

Einzelne durch die Einstellungen einer Massenseele beherrscht wird, die sich als

Rasseneigentümlichkeiten, Standesvorurteile, öffentliche Meinung u. dgl.

kundgeben. Das Rätsel des suggestiven Einflusses vergrößert sich für uns, wenn

wir zugeben, daß ein solcher nicht allein vom Führer, sondern auch von jedem

Einzelnen auf jeden Einzelnen geübt wird, und wir machen uns den Vorwurf,

daß wir die Beziehung zum Führer einseitig herausgehoben, den anderen Faktor

der gegenseitigen Suggestion aber ungebührend zurückgedrängt haben.

 

Auf solche Weise zur Bescheidenheit gewiesen, werden wir geneigt sein, auf

eine andere Stimme zu horchen, welche uns Erklärung auf einfacheren

Grundlagen verspricht. Ich entnehme eine solche dem klugen Buch von W.

T r o t t e r über den Herdentrieb, an dem ich nur bedauere, daß es sich den durch

den letzten großen Krieg entfesselten Antipathien nicht ganz entzogen hat[25].

 

T r o t t e r leitet die an der Masse beschriebenen seelischen Phänomene von

einem Herdeninstinkt (gregariousness) ab, der dem Menschen wie anderen

Tierarten angeboren zukommt. Diese Herdenhaftigkeit ist biologisch eine

Analogie und gleichsam eine Fortführung der Vielzelligkeit, im Sinne der

Libidotheorie eine weitere Äußerung der von der Libido ausgehenden Neigung

aller gleichartigen Lebewesen, sich zu immer umfassenderen Einheiten zu

vereinigen[26]. Der Einzelne fühlt sich unvollständig (incomplete), wenn er allein

ist. Schon die Angst des kleinen Kindes sei eine Äußerung dieses

Herdeninstinkts. Widerspruch gegen die Herde ist soviel wie Trennung von ihr

und wird darum angstvoll vermieden. Die Herde lehnt aber alles Neue,

Ungewohnte ab. Der Herdeninstinkt sei etwas Primäres, nicht weiter Zerlegbares

(which cannot be split up).

 

T r o t t e r gibt als die Reihe der von ihm als primär angenommenen Triebe

(oder Instinkte): den Selbstbehauptungs-, Ernährungs-, Geschlechts- und

Herdentrieb. Der letztere gerate oft in die Lage, sich den anderen gegenüberzustellen. Schuldbewußtsein und Pflichtgefühl seien die

charakteristischen Besitztümer eines gregarious animal. Vom Herdeninstinkt läßt

T r o t t e r auch die verdrängenden Kräfte ausgehen, welche die Psychoanalyse

im Ich aufgezeigt hat, und folgerichtig gleicherweise die Widerstände, auf

welche der Arzt bei der psychoanalytischen Behandlung stößt. Die Sprache

verdanke ihre Bedeutung ihrer Eignung zur gegenseitigen Verständigung in der

Herde, auf ihr beruhe zum großen Teil die Identifizierung der Einzelnen

miteinander.

 

Wie L e B o n vorwiegend die charakteristischen flüchtigen

Massenbildungen und M c D o u g a l l die stabilen Vergesellschaftungen, so hat

T r o t t e r die allgemeinsten Verbände, in denen der Mensch, dies ζῶον

πολιτικόν lebt, in den Mittelpunkt seines Interesses gerückt und deren

psychologische Begründung angegeben. Für T r o t t e r bedarf es aber keiner

Ableitung des Herdentriebes, da er ihn als primär und nicht weiter auflösbar

bezeichnet. Seine Bemerkung, B o r i s S i d i s leite den Herdentrieb von der

Suggestibilität ab, ist zum Glück für ihn überflüssig; es ist eine Erklärung nach

bekanntem, unbefriedigendem Muster, und die Umkehrung dieses Satzes, also

daß die Suggestibilität ein Abkömmling des Herdeninstinkts sei, erschiene mir

bei weitem einleuchtender.

 

Aber gegen T r o t t e r s Darstellung läßt sich mit noch besserem Recht als

gegen die anderen einwenden, daß sie auf die Rolle des Führers in der Masse zu

wenig Rücksicht nimmt, während wir doch eher zum gegenteiligen Urteil

neigen, daß das Wesen der Masse bei Vernachlässigung des Führers nicht zu

begreifen sei. Der Herdeninstinkt läßt überhaupt für den Führer keinen Raum, er

kommt nur so zufällig zur Herde hinzu, und im Zusammenhange damit steht,

daß von diesem Trieb aus auch kein Weg zu einem Gottesbedürfnis führt; es

fehlt der Hirt zur Herde. Außerdem aber kann man T r o t t e r s Darstellung

psychologisch untergraben, d. h. man kann es zum mindesten wahrscheinlich

machen, daß der Herdentrieb nicht unzerlegbar, nicht in dem Sinne primär ist

wie der Selbsterhaltungstrieb und der Geschlechtstrieb.

Es ist natürlich nicht leicht, die Ontogenese des Herdentriebes zu verfolgen.

Die Angst des kleinen Kindes, wenn es allein gelassen wird, die T r o t t e r

bereits als Äußerung des Triebes in Anspruch nehmen will, legt doch eine andere

Deutung näher. Sie gilt der Mutter, später anderen vertrauten Personen und ist

der Ausdruck einer unerfüllten Sehnsucht, mit der das Kind noch nichts anderes

anzufangen weiß, als sie in Angst zu verwandeln[27]. Die Angst des einsamen

kleinen Kindes wird auch nicht durch den Anblick eines beliebigen anderen »aus

der Herde« beschwichtigt, sondern im Gegenteil durch das Hinzukommen eines

solchen »Fremden« erst hervorgerufen. Dann merkt man beim Kinde lange

nichts von einem Herdeninstinkt oder Massengefühl. Ein solches bildet sich

zuerst in der mehrzähligen Kinderstube aus dem Verhältnis der Kinder zu den

Eltern, und zwar als Reaktion auf den anfänglichen Neid, mit dem das ältere

Kind das jüngere aufnimmt. Das ältere Kind möchte gewiß das nachkommende

eifersüchtig verdrängen, von den Eltern fernhalten und es aller Anrechte

berauben, aber angesichts der Tatsache, daß auch dieses Kind – wie alle späteren

– in gleicher Weise von den Eltern geliebt wird, und infolge der Unmöglichkeit,

seine feindselige Einstellung ohne eigenen Schaden festzuhalten, wird es zur

Identifizierung mit den anderen Kindern gezwungen, und es bildet sich in der

Kinderschar ein Massen- oder Gemeinschaftsgefühl, welches dann in der Schule

seine weitere Entwicklung erfährt. Die erste Forderung dieser Reaktionsbildung

ist die nach Gerechtigkeit, gleicher Behandlung für alle. Es ist bekannt, wie laut

und unbestechlich sich dieser Anspruch in der Schule äußert. Wenn man schon

selbst nicht der Bevorzugte sein kann, so soll doch wenigstens keiner von allen

bevorzugt werden. Man könnte diese Umwandlung und Ersetzung der Eifersucht

durch ein Massengefühl in Kinderstube und Schulzimmer für unwahrscheinlich

halten, wenn man nicht den gleichen Vorgang später unter anderen Verhältnissen

neuerlich beobachten würde. Man denke an die Schar von schwärmerisch

verliebten Frauen und Mädchen, die den Sänger oder Pianisten nach seiner

Produktion umdrängen. Gewiß läge es jeder von ihnen nahe, auf die andere

eifersüchtig zu sein, allein angesichts ihrer Anzahl und der damit verbundenen

Unmöglichkeit, das Ziel ihrer Verliebtheit zu erreichen, verzichten sie darauf,

und anstatt sich gegenseitig die Haare auszuraufen, handeln sie wie eine einheitliche Masse, huldigen dem Gefeierten in gemeinsamen Aktionen und

wären etwa froh, sich in seinen Lockenschmuck zu teilen. Sie haben sich,

ursprünglich Rivalinnen, durch die gleiche Liebe zu dem nämlichen Objekt

miteinander identifizieren können. Wenn eine Triebsituation, wie ja gewöhnlich,

verschiedener Ausgänge fähig ist, so werden wir uns nicht verwundern, daß

jener Ausgang zustande kommt, mit dem die Möglichkeit einer gewissen

Befriedigung verbunden ist, während ein anderer, selbst ein näher liegender,

unterbleibt, weil die realen Verhältnisse ihm die Erreichung dieses Zieles

versagen.

 

Was man dann später in der Gesellschaft als Gemeingeist, esprit de corps

usw. wirksam findet, verleugnet nicht seine Abkunft vom ursprünglichen Neid.

Keiner soll sich hervortun wollen, jeder das gleiche sein und haben. Soziale

Gerechtigkeit will bedeuten, daß man sich selbst vieles versagt, damit auch die

anderen darauf verzichten müssen, oder was dasselbe ist, es nicht fordern

können. Diese Gleichheitsforderung ist die Wurzel des sozialen Gewissens und

des Pflichtgefühls. In unerwarteter Weise enthüllt sie sich in der Infektionsangst

der Syphilitiker, die wir durch die Psychoanalyse verstehen gelernt haben. Die

Angst dieser Armen entspricht ihrem heftigen Sträuben gegen den unbewußten

Wunsch, ihre Infektion auf die anderen auszubreiten, denn warum sollten sie

allein infiziert und von so vielem ausgeschlossen sein und die anderen nicht?

Auch die schöne Anekdote vom Urteil Salomonis hat denselben Kern. Wenn der

einen Frau das Kind gestorben ist, soll auch die andere kein lebendes haben. An

diesem Wunsch wird die Verlustträgerin erkannt.

 

Das soziale Gefühl ruht also auf der Umwendung eines erst feindseligen

Gefühls in eine positiv betonte Bindung von der Natur einer Identifizierung.

Soweit wir den Hergang bis jetzt durchschauen können, scheint sich diese

Umwendung unter dem Einfluß einer gemeinsamen zärtlichen Bindung an eine

außer der Masse stehende Person zu vollziehen. Unsere Analyse der

Identifizierung erscheint uns selbst nicht als erschöpfend, aber unserer

gegenwärtigen Absicht genügt es, wenn wir auf den einen Zug, daß die

konsequente Durchführung der Gleichstellung gefordert wird, zurückkommen. Wir haben bereits bei der Erörterung der beiden künstlichen Massen, Kirche und

Armee, gehört, ihre Voraussetzung sei, daß alle von einem, dem Führer, in

gleicher Weise geliebt werden. Nun vergessen wir aber nicht, daß die

Gleichheitsforderung der Masse nur für die Einzelnen derselben, nicht für den

Führer gilt. Alle Einzelnen sollten einander gleich sein, aber alle wollen sie von

einem beherrscht werden. Viele Gleiche, die sich miteinander identifizieren

können, und ein einziger, ihnen allen Überlegener, das ist die Situation, die wir

in der lebensfähigen Masse verwirklicht finden. Getrauen wir uns also, die

Aussage T r o t t e r's, der Mensch sei ein H e r d e n t i e r, dahin zu korrigieren, er

sei vielmehr ein H o r d e n t i e r, ein Einzelwesen einer von einem Oberhaupt

angeführten Horde.