Nach dem Winter, Entscheide dich
Kapitel 10 ~ Ein bisschen Wahrheit ist immerhin besser als weiteres Verheimlichen
Kapitel 10 ~ Ein bisschen Wahrheit ist immerhin
besser als weiteres Verheimlichen
„Sie ist jetzt schon viel zu lange in diesem Zustand, Emma!", konnte ich eine Stimme sagen hören. Ich kannte diese Stimme, hatte sie aber schon lange nicht mehr gehört. 4 Monate lang nicht, um genau zu sein. Es war mein Dad.. Ich wollte die Augen öffnen und auf mich aufmerksam machen, aber mein Körper wollte mir noch nicht ganz gehorchen.
„Ich weiß, Ethan, es tut mir doch auch leid", hörte ich eine weitere Stimme murmeln. Tante Emma. „Wieso musstest du ihr auch ausgerechnet einen Spiegel vor die Nase halten", hielt er ihr brüllend vor. Seine Stimme klang heiser und rau. Scheinbar hatte er schon viel geschrien. So kannte ich meinen Vater nicht. Er war eigentlich der ruhige Gegenpol der Familie. „Ich hatte sie so lange nicht mehr gesehen, ich dachte, sie hätte ihre Haare einfach gefärbt und ist älter geworden. Woher hätte ich den wissen sollen, dass die Verwandlung so früh bei ihr eintritt?", konterte sie, klang aber verzweifelt und Reue war in ihrer Stimme zu hören.
Verwandlung? Ich hatte mich zwar selbst über mein neu errungendes Aussehen gewundert, mir aber keine Gedanken darüber gemacht. Ich hatte es einfach auf einen letzten Pupertätsschub geschoben. Und das mit meinen Haaren. Ja. Das hatte ich irgendwie verdrängt. Zu groß war die Freude. Verdammt! Ich war nicht mehr ich und ich war dafür sicherlich nicht verantwortlich gewesen!
Es war eine Zeit lang ruhig, keiner redete mehr und ich konnte uns alle nur atmen hören. Mittlerweile war ich auch wieder die Frau meines Körpers und meiner Sinne, bewegte mich aber trotzdem nicht. Zu recht.
„Was machen wir denn jetzt?", fragte meine Tante ihren Bruder. Sie saß neben dem Bett, auf dem sie mich anscheinend platziert haben und starrte aus dem Fenster. Mein Dad stand mit dem Rücken zu mir und zupfte die ganze Zeit über nervös an seinem Kragen rum.
Ich war noch in der Pension. Bis auf mir und den beiden, war keiner im Zimmer. Meine Mutter kam einmal ganz kurz rein und fragte, wie es mir ging.
„Ich habe keine Ahnung, warten und hoffen, dass sie die Verwandlung übersteht und wieder aufwacht", gab er ihr zur Antwort und verließ rasend das Zimmer. An seiner Stelle kam die Person, die ich auf keinen Fall hier haben wollte. Wenn es nach mir gegangen wäre, hätte ich ihn raus geschmissen, aber die Möglichkeit so mehr zu erfahren, als ich anfangs gedacht hatte, war zu groß.
„Wie geht es ihr?", fragte er. Er klang besorgt. Fast rührend, wäre er nicht irgendeine Art von Monster. „Immer noch unverändert", antwortete Emma monoton. Sie mochte ihn also auch nicht. Gut für mich. Ich fragte mich, warum es ihnen nicht auffiel, dass ich schon lange wieder bei Bewusstsein war, führte das aber auf den Stress zurück. „Habt ihr eine Ahnung, was gerade mit ihr passiert?", fragte er wieder. Nervensäge! „Mensch Nathaniel, wir haben keinen Schimmer. So etwas kam noch nie vor!", spie sie ihm entgegen und schlug mit der Faust gegen die Wand. Dieser Name. Ich hasste ihn! Und meine Tante scheinbar auch, denn ich hatte sie noch nie so aufgebracht gesehen.
Ich hatte genug gehört und wollte den Sackkobolt so schnell wie möglich wieder los werden. Ich öffnete langsam ein Auge. Dieses Mal würde ich den Fehler, beide Augen gleichzeitig aufzureißen, nicht nochmal machen, denn beim ersten Mal, wäre meine Tarnung fast aufgeflogen. Viel zu grell war das Licht, schlecht um aufzuwachen. „Bin ich im Himmel?", murmelte ich leise und hatte sofort jegliche Aufmerksamkeit auf mir. Mein Schauspielunterricht, sollte sich dann wohl doch nochmal nützlich machen. „Alexis, alles okay mit dir?", fragte meine Tante sofort. „Ethan, komm schnell, Alexis ist wach!", rief Connor gleich hinter her. Mein Vater war sofort anwesend und musterte mich besorgt. Besorgt, aber aufmerksam. „Alles okay?", fragte auch er und legte mir eine Hand auf die Stirn. „Seid ihr etwa auch gestorben?", schockiert setze ich mich auf, nur um gleich wieder nach hinten zu fallen. Ohja, Schauspielunterricht war toll. Ich sollte definitiv wieder damit anfangen. „Nein, nein, oh Gott, nein", fing mein Vater an zu lachen und so kannte ich ihn auch, ruhig, gelassen und immer für einen Lacher zu haben. „Wie jetzt?", fragte ich verwirrt und schaute hektisch nach links und rechts.
„Wir sind noch am Leben, Alexis", lachte Connor. Oh diesen Spaß würde ich mir nicht nehmen lassen. „Wer bist du und wieso kennst du meinen Namen?", fragte ich völlig entsetzt und kauerte mich ein wenig weiter in die Decke. Meine Stirn legte ich in Falten und riss meine Augen soweit auf, wie es nur ging. Sein Gesicht nahm ebenfalls etwas entsetztes an und wieder spiegelte sich Sorge in seinen Augen. „Ich bin Connor, erinnerst du dich etwa nicht mehr?", fragte er. „Ich kenne keinen Connor", sagte ich monoton und musste ein Grinsen unterdrücken. Es war gar nicht so leicht jemanden so zu veräppeln. „Ich, dass fass ich jetzt nicht", sagte er entsetzt und verließ das Zimmer.
Die Tür schloss sich mich einem Knall und ich brach in schallendes Gelächter aus. „Das war das Beste was ich je erlebt habe!" rief ich erfreut. „Hallo Dad, schön dich endlich mal zu Gesicht zu bekommen", sagte ich etwas liebevoller und fiel ihm in die Arme. Er erwiederte die Umarmung herzlich. „Herzlichen Glückwunsch zu deinem 18. Geburtstag meine kleine Prinzessin", schmunzelte und ich konnte eine Träne aus seinem Auge fliehen sehen. „Ach Dad", lachte ich und drückte ihn etwas enger an mich.
„Ich glaube wir haben dir einiges zu erklären", sagten Emma und er synkron und ich nickte. Ja das hatten sie.