Nach dem Winter, Entscheide dich
Kapitel 6 ~ Wenn man Dummheit mit Löffeln isst
Ich widmete mich deswegen wieder der auf einmal sehr interessanten Fensterscheibe.
Trotzdem ließ mich der Anblick und die dazugehörigen Gedanken nicht los.
Ich schaute ihn diesmal direkt an, egal ob er es nun sah oder nicht. War er eigentlich immer so bleich oder bildete ich mir das nur ein und hatte er nicht eigentlich goldbraune Augen statt dunkelgelbe? Nicht das es schlecht aussah, nein, ihm stand die bleiche Haut super und auch die Augen sahen wundervoll aus. Es war nur ungewöhnlich.
Vielleicht war es auch einfach nur die Sonne, die langsam aufging und es etwas anders scheinen ließ.
„Gehts dir nicht gut?", fragte ich ihn, da ich mir nun doch Sorgen machte.
„Doch, wieso?", fragte er verwundert und parkte den Wagen vor der Schule.
„Du siehst bleich aus, ist dir schlecht? Bitte kotz aus dem Fenster, ich möchte nicht, dass mein Pulli voller Kotze ist!", flehte ich ihn an, schnallte mich ab und rückte dabei etwas näher zur Tür, um sie im Notfall aufzustoßen und rauszuspringen. Erst schaute er verdutzt, dann schnallte er sich ab und dann fasste er sich selbst an die Stirn.
Nach einem Blick in den Spiegel, packte er seine Hand auf meine Stirn.
„Hast du irgendwie Fieber oder so? Ich sehe völlig normal aus und fühle mich auch so an!", gluckste er und schlug seine Tür auf. Als ich aus der Windschutzscheibe schaute, erblickte ich Evelyn, nahm meine Tasche von der Hinterbank und stieß meine Tür ebenfalls auf, um auf sie zuzurennen.
„Du trägst meinen Koffer, bitte-dankeschön!", rief ich meinem Begleiter zu und rannte Eve direkt in die Arme. „Ich bin so verdammt froh dich gerade zu sehen, dass glaubst du mir gar nicht!", schmollte ich und schlang meine Arme um sie. Sie lachte und machte eine abwertende Handbewegung. „Ach was", grinste sie selbstgefällig und tat so, als würde sie sich ihre Nägel feilen.
Ich boxte ihr freundschaftlich gegen die Schulter und wandte mich dann meinem Begleiter, dessen Namen ich nach wie vor immer noch nicht kannte, zu.
„Danke fürs herfahren, wäre aber nicht nötig gewesen", meinte ich. "Und danke nochmal das du mitkommst, Eve. Es werden die besten letzten 6 Wochen in Freiheit, die wir haben!", sagte ich und umarmte sie noch einmal.
„Hab ich irgendwas verpasst oder so?", fragte sie an uns beide gerichtet und kratzte sich am Hinterkopf. Das Arschloch massierte sich erst die Schläfen und hielt sich dann sein Nasenbein.
„Deine Freundin ist ziemlich dämlich, Eve", sagte er nur und ging dann mit den Koffern davon.
„Was hab ich denn jetzt schon wieder getan?", schrie ich ihm wütend hinterher.
Er hob seine Hand hoch und zeigte mir seinen Mittelfinger! „Du mieser Pisser, steck dir deinen hässlichen Mittelfinger sonst wohin oder ich breche ihn dir!", schrie ich ihm noch nach, aber da war er schon verschwunden.
„Jetzt reicht's!", kreischte ich und rannte ihm hinterher. Meine Tasche befand ich als unnötigen Ballast und warf sie Evelyn zu, die mich mit zusammen gekniffenen Augen ansah. „Spar's dir!", rief ich und stieß die Eingangstür der Schule auf.
„Eh Arschloch, wo steckst du? Ich will dir deine Körperteile einzeln ausreißen und meinem inneren Hauspuma zum fraß vorsetzen!" Ich lief durch das ganze Gebäude und durchkempte alle Zimmer. „Komm raus!", schrie ich aufgebracht.
„Nom de Dieu, Alexis!", spie er mir entgegen, als er aus dem Jungsklo kam.
Shit, da hätte ich auch lange suchen können, dachte ich mir. „Da bist du ja endlich! Mein innerer Hauspuma freut sich schon, auch wenn er lieber den Namen von seiner Beute kennt", knurrte ich und konnte mir ein Grinsen nicht verkneifen.
Mr. Unbekannt schaute mich irritiert an und fingerte dann etwas aus seiner Hosentasche.
Er kam auf mich zu und nahm meine Hand, zog mich zur Treppe und schließlich setzten wir uns.
„Mach deine Augen zu und öffne deine Hand, erst wenn ich es sage, öffnest du deine Augen wieder", sagte er monoton und schaute mir dabei tief in die Augen.
Ich wusste nicht wieso, aber ich hatte ein Verlangen in der Brust, dass ich noch nie zuvor gespürt hatte.
Ohne zu überlegen schloss ich meine Augen und hielt ihm meine offene Hand hin.
Alle meine Sinne sträubten sich dagegen, aber dieses Verlangen machte meine Versuche zu nichte.
Ich spürte seine heißen Atem in meinem Gesicht immer näher kommen, wollte meine Hand zurück ziehen, aufspringen, aber nichts geschah.
Als wäre ich eine lebendige Statue, saß ich einfach nur da. Dann plötzlich legte er seine Lippen auf meine. Ich wollte die Augen aufreißen, schreien, mich unter ihm wenden und ihm vor allem eine reinhauen.
Doch mein Körper ließ es geschehen und sträubte sich gegen meinen Verstand. Körperlich genoss ich es sogar richtig! Er berührte meine Wange, glitt zu meinem Nacken, zog mich näher zu sich und streichelte leicht auf und ab.
Milliarden von Schmetterlingen fingen an in meinem Bauch zu wüten, machten sich bereit zu einem Feuerwerk zu werden, dabei küsste ich einen völlig Fremden!
Nicht mal seinen Namen kannte ich!
Mir wurde heiß und kalt und ich bekam eine unvorstellbare Gänsehaut am ganzen Körper. Langsam zog er sich zurück, doch ich konnte seinen schnellen Atem noch auf meinem Gesicht spüren. „18 Jahre hab ich auf diesen Moment gewartet", murmelte er leise, zu leise, doch ich verstand jedes Wort.
Hätte ich mich bewegen können, wären mir meine ganzen Gesichtszüge entglitten. „Öffne deine Augen, Alexis", flüsterte er an mein Ohr und ging ein wenig auf Abstand. Schlagartig riss ich meine Augen auf, wollte ausholen, doch er fing meine Hand ab. „Happy Birthday, Prinzessin", sagte er erfreut und küsste mich erneut. Dabei streifte er nur leicht meine Lippen, doch es kribbelte sofort. Ich legte meine Finger drauf, strich ungläubig darüber.
Verdammt!
Ich hatte meinen eigenen Geburtstag vergessen!