Nach dem Winter, Entscheide dich

Annika B. · Kapitel 5 von 11

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Nach dem Winter, Entscheide dich

Kapitel 5 ~ Sozial? Kann man das essen?

 

„Naja, ich entführe dich gerade", sagte er sarkastisch, startete den Wagen und fuhr los.

Mein Gesicht färbte sich in ein ungesundes rot und ich ballte meine Hände zu Fäusten.

„Weißt du, Mr. IchschubsegerneLeuteaufdenBoden ist viel zu nett für dich! Ich nenne dich jetzt Schlicht und einfach Arschloch, ist kürzer und passt viel besser zu dir! Ich fasse es nicht, dass ich für einen kurzen Augenblick wirklich gedacht habe, dass du vielleicht doch nett bist und nicht so ein unsoziales Arschloch", entgegnete ich unbeeindruckt und entspannte meine Finger wieder. Seine Kinnlade viel zu Boden, er fuhr Rechts ran und starrte mich fassungslos an.

„Bitte was?!", quickte er einige Oktaven zu hoch und krallte seine Finger in das Lenkrad.

Genüsslich mit einem Grinsen im Gesicht, betrachtete ich das Spektakel, dass sich nun neben mir abspielte. „Du hast schon richtig gehört! Du bist nichts weiter, als ein unsoziales Arschloch genau wie jeder Typ in deinem Alter, abgesehen von Anthony", missbiligend sah ich ihn an und verschränkte meine Arme, um ihn herablassend anzusehen. Nun wurde er genau so ungesund rot, wie ich im Gesicht, schaute mich einige Sekunden so an und wurde schlagartig bleich. Das wiederholte sich noch ein paar mal, bevor er seine Finger von dem Lenkrad löste und mir damit sanft über die Wange streichelte.

„Du bist echt süß, wenn du dich aufregst", erklärte er belustigt und startete den Wagen, nachdem er seine Griffel von mir genommen hat, erneut.

„Ich sage ja, unsoziales Arschloch", wiederholte ich verärgert und verdrehte meine Augen, und schaute aus dem Fenster.

Nach einigen Minuten traute ich mich, kurz zu ihm rüber zu schielen. Er starrte einfach geradeaus, durch die Windschutzscheibe.

Eigentlich sah er gar nicht mal so schlecht aus. Seine braunblonden Haare fielen ihm leicht ins Gesicht und bedeckten minimal seine goldbraunen Augen, die einem schönen Sonnenuntergang im Herbst glichen.

Er hatte ein markantes, schönes Gesicht, das einem Engelsgesicht sehr ähnlich sah.

Sein Körper war ebenfalls ein Traum aller Frauen, auf jeden Fall stellte ich ihn mir so vor.

Unter dem Tanktop das er an hatte, konnte man jeden einzelnen Muskel seines Oberkörpers erkennen und wenn er lächelte, kamen strahlend weiße Zähne hervor.

Ich musste zugeben, dass er wirklich wunderschön war und so sehr ich auch versuchte einen Fehler zu finden, so war es nur der Charakter, an dem ich etwas auszusetzen hatte.

Nach einer Weile blickte er zu mir rüber und fing an breit zu grinsen. Mir fiel auf, dass ich angefangen hatte, ihn anzustarren und drehte meinen hoch roten Kopf schnell in die entgegengesetzte Richtung.

„Sag mal, Alexis?", fragte er mich etwas niedergeschlagen. „Mh?"

„Denkst du wirklich so über mich?"

Gute Frage. Dachte ich denn wirklich so über ihn und wenn nicht, wie dann?

In Gedanken erstellte ich eine Art Pro-Contra Liste. Eines der Pro's war, dass er wirklich verboten gut aussah. Er konnte durchaus nett sein, wenn er seine Arschloch-Fassade ablegte und der niedergeschlagene Ton in seiner Stimme brachte ihm einige Sympathiepunkte ein.

Dadurch, dass er sich für sein Verhalten in der Schule entschuldigt hatte und sogar persönlich vorbei kam, um mir zu sagen, dass Anthony nicht kommen würde, heimste er ebenfalls welche ein. Seine Augen erinnerten mich an einen wunderschönen Sonnenuntergang im Herbst, was wirklich das schönste an ihm war. Und Musikgeschmack besaß er, wie ich gerade feststellen konnte, ebenfalls.

Er hörte kein Radio und hatte eine beachtliche Sammlung an CD's in seinem Auto, was außerdem hieß, dass er nicht illegal irgendwelche Lieder aus dem Internet zog.

Er besaß Humor und konnte schrecklich sarkastisch sein und das gefiel mir sehr an ihm.

Ich hatte mir immer gewünscht, Anthony hätte auch so eine Ader, aber er war eher der ruhige zurückhaltende Typ, der nie über Witze lachte und meistens alles fürchterlich ernst nahm. Er konnte aber auch ernst sein, so wie es schien.

Meine Gedanken trieften gerade nur so voller Contras. Dass er verboten gut aussah, war nicht nur ein Pro, sondern gleichzeitig eines der Contra's.

Bei uns war es definitiv Antipathie auf den ersten Blick, was ein erhebliches Contra war.

Er hatte mich verletzt und dazu noch über mich lustig gemacht und er machte mich ständig fürchterlich wütend! Beklaut hat er mich auch und war, wenn man die Tatsache beachtete, dass ich nicht ganz freiwillig in diesem Auto saß, ein halber Kidnapper!

Zudem, hatte er eine so verletzende Art an sich, aber vielleicht interpretierte ich da auch nur zuviel rein.

Und leider Gottes, wirkte er ziemlich verschlossen, was darauf hinwies, weil er mir noch nicht mal seinen Namen verraten hatte. Er war ein Arsch, ohne Widerrede.

Zu meinem Bedauern, verpufften die Contra's in meinem Gehirn, als er mich mit einem zarghaften Lächeln ansah und auf eine Antwort hoffte.

Ich zählte nochmal nach und kam so insgesamt auf viele Pro's und wenig Contra's.

„Nein", murrte ich letztendlich leise und starrte unbeholfen aus dem Fenster neben mir.

Wie kann es sein, dass meine Meinung sie so schlagartig geändert hatte.

Er war keiner der abgehobenen und eingebildeten Sorte. Er war zwar etwas selbstgefällig, aber sicherlich keiner dieser Protzer-Schnösel, auch wenn er einen S-Klasse Benzer fuhr! Vielleicht würde er ja wirklich einen guten Freund abgeben? Es würde mir sicherlich mal gut tun, mit einem anderen Jungen als Anthony meine Zeit zu verbringen, weil er vor allem das genaue Gegenteil von ihm war.

„Gut", meinte er zufrieden und wieder konnte ich etwas in seiner Stimme nicht überhören, - dieser niedergeschlagene Unterton. Hatte ich ihn mit meinen Worten verletzt? Es beunruhigte mich ihn so zu sehen.

Der kecke Junge war verschwunden und ein unbeholfener Junge ohne jegliches Selbstwertgefühl kam zum Vorschein. „Kannst du mir vielleicht sagen, wo wir hinfahren?", fragte ich um die erdrückende Stille zu brechen und hätte mich mal wieder für meine Dummheit ohrfeigen können.

Sein lächeln kam wieder und er schnippste mir gegen die Stirn. „Wenn ich dir sagen würde wo wir hinfahren, wäre es doch keine Entführung, du Dummerchen!", lachte er und gab mir damit den letzten Rest.

So ein mieses, hinterlistiges, blödes Arschloch! Wenigstens ist er ein guter Schauspieler! Und trotzdem: sofort rollten die Contra's wie ein Geistesblitz in mein Gehirn.

„Arsch, Arsch, Arsch, Arsch, Arsch!", murmelte ich leise, balte meine Hände wieder zu Fäusten und versuchte dabei, sein dummes selbstgefälliges Grinsen so gut wie es ging, zu ignorieren.