Schwedenklees Erlebnis
Kapitel 10
Blank hatte sich in große Gala geworfen. Er trug unter dem fadendünnen
Überzieher mit dem abgeschabten Pelzkragen einen grauen, dünnen Gehrock,
einen schlechtgebügelten Kragen, eine alte flotte graue Binde. Die Knöpfe der
altmodischen Weste waren aus Glas und einer fehlte. Seine Hände waren
gepflegt, wie gestern, die Manschetten ausgefranst, aber peinlich sauber.
„Wie glücklich ich bin!“ rief er mit seiner heiseren Stimme etwas theatralisch
aus und drückte Schwedenklee die beiden Hände, mit einer Herzlichkeit, die
Schwedenklee in Verlegenheit brachte.
„Ich freue mich, daß Sie heute viel wohler aussehen“, erwiderte
Schwedenklee, der das Bedürfnis empfand, seinem Gaste seinerseits etwas
Angenehmes zu sagen. In der Tat, die Leichenblässe, die Blank gestern zeigte,
schien heute etwas gemildert.
„Wohler?“ Blank lächelte und schüttelte den Kopf. „Ich lag den ganzen Tag
mit Fieber zu Bett.“
„Und Sie haben nicht einfach angerufen?“
„Dieses bißchen Fieber sollte mich abhalten? Bei meinem Gesundheitszustand
ist es ja völlig einerlei, ob ich mich schone oder nicht. Könnten Sie auch nur
ahnen, wie ich mich auf das Zusammensein mit Ihnen freute!“
Beim Anblick der gedeckten Tafel blieb Blank vor Erstaunen auf der Schwelle
stehen.
„Ist es möglich?“ rief er aus.
Augusta hatte sogar einen Strauß Maiglöckchen in die Mitte des Tisches
gestellt. Das helle Speisezimmer war von einem herrlichen Duft erfüllt.
„Ist es möglich? Für mich diese Mühe! Nie werde ich Ihnen das vergessen.“
Und wieder drückte er Schwedenklees beide Hände, während er bemüht war,
seine Ergriffenheit zu verbergen. Lebhaft fuhr er fort: „Ich weiß ja wohl, daß Sie
ein Künstler im Arrangement von Festen sind! Rosa erzählte mir, daß Sie ihr
einst in Paris – Himmel, daß ich Sie nicht belauschen konnte! – ein Abendessen
gaben, mit Dutzenden von Kerzen, deren Glanz sich in geschickt aufgestellten
Spiegeln verhundertfachte. Vielleicht erinnern Sie sich noch? Ja, Sie erinnern
sich – ich sehe es –“
„Sonderbar, gerade dieser Tage –“
„Verzeihen Sie mir, ich sehe, daß es Ihnen nicht angenehm ist, an vergangene
Zeiten erinnert zu werden. Ich muß Sie um Nachsicht bitten, wenn ich im Laufe
des Abends dann und wann auf das Vergangene zurückkomme. Ich fürchte, ich
kann nicht anders, denn gerade die Qual, die ich bei jeder Erinnerung empfinde,
ist mir eine Wollust. Ich darf Ihnen wohl sagen, daß Rosa mir alles aus ihrem
Leben erzählte, jede Einzelheit. Ich bitte auch, obschon es unnötig genug
erscheint, erklären zu dürfen, daß nicht das geringste Arg gegen Sie in meinem
Herzen ist. Wie sollte es auch? Einmal war ich ja sehr eifersüchtig auf Sie“ –
Blank lächelte schmerzlich – „furchtbar eifersüchtig, ich gestehe es Ihnen offen.
Ich haßte Sie, Sie ahnen nicht, wie ich Sie haßte.“ Blank errötete und seine
dunkeln Augen glühten – allein bei der Erinnerung an diesen Haß.
„Ich begreife nicht, weshalb haßten Sie mich?“
„So wahnsinnig hatte mich die Eifersucht gemacht. Ich hatte natürlich nicht
den geringsten Grund. Nun, es ist lange her – zwanzig Jahre. Heute empfinde ich
für Sie nur Freundschaft und Zuneigung, ohne zu erwarten, daß Sie meine
Gefühle erwidern. Darf ich dieses Glas auf Ihre Gesundheit leeren?“
Mit einem tiefen, wunderbar warmen Blick der dunkeln Augen und einem
schönen Lächeln des verwüsteten Gesichts hob Blank das Glas ins Licht.
„Wenn jemand hier Ursache hätte, böse zu sein,“ fuhr er mit großer
Lebhaftigkeit, leise lächelnd, fort, „so wären ja wohl Sie es!“
„Ich? Aber, ich bitte –“
„Gewiß, Sie! Denn ich war es ja, der Ihnen diese wundervolle Frau
entfremdete – in einer Zeit, da sie noch sehr an Ihnen hing.“
Schwedenklee hob verwundert den Blick vom Teller. „Noch an mir hing?“
fragte er, errötend und geschmeichelt.
„Ja! Es war nicht so einfach, wie es heute aussieht ...“
„Nicht so einfach?“
„Nein, ganz im Gegenteil – es war sehr schwer!“
„Reden wir nicht mehr davon“, brummte Schwedenklee.
Nichts mehr von der Peinlichkeit des gestrigen Abends. Man plauderte wie
alte Bekannte. Blank, dessen krankhafte Erregung gestern Schwedenklee
folterte, war heute viel ruhiger und beherrschter. Er zeigte sich als ein Mann von
den besten gesellschaftlichen Formen, wenn er auch seine weltmännischen
Allüren etwas zu stark betonte. Schwedenklee liebte es nicht, bei Tisch viel zu
reden, er antwortete nur träge und zerstreut. Blank dagegen sprach mit großer
Lebhaftigkeit, die Rede, begleitet von lebhaften Gesten, schien ihm eine wahre
Wohltat zu sein. Seine Wangen färbten sich, seine Augen sprühten. Er fühlte sich
wohl, er fühlte sich fast wie zu Hause, nach dem zweiten Glas nannte er Schwedenklee, der zuweilen seine Sicherheit verlor, sogar manchmal „lieber
Freund“. Ja, dann und wann hatte Schwedenklee den Eindruck, als spielte Blank
den Überlegenen.
Augusta hatte sich in der Tat alle Mühe gegeben und ein vorzügliches Menü
zusammengestellt. Sie servierte aber schmollend. Sobald sie Blank erblickt hatte
– sie starrte förmlich auf die ausgefransten Manschetten – hatte sie nur
verächtliche Bewegungen. Jede Geste von ihr sagte: und wegen dieses Bettlers
lassen Sie mich den ganzen Tag herumrennen?
„Eine Flasche Selters, Augusta“, sagte Schwedenklee mit einer gewissen
rügenden Schärfe, und Augusta zog brummend ab.
Trotz des vorzüglichen Menüs und des herrlichen Weins fühlte sich
Schwedenklee nicht recht behaglich, ja vorübergehend war er sogar den
Anwandlungen einer schlechten Laune unterworfen. Die Lebhaftigkeit Blanks
störte ihn. Er hätte Blank gerne – so albern es ihm selbst vorkam – bescheidener
und demütiger gesehen. Nein, von den ausgefransten Manschetten wollte er
natürlich nicht sprechen, aber daß Blank, den er gestern von der Straße
aufgelesen hatte, den er aus purer Gutmütigkeit zum Essen eingeladen hatte, ihn
„lieber Freund“ nannte – war das ganz in Ordnung? Mit einem gewissen Neid
prüfte er zuweilen mit verstohlenen Blicken Blanks Erscheinung. Ohne Zweifel
mußte er vor Jahren von großer, ja seltener Schönheit gewesen sein. Noch jetzt
wirkte sein großgeformter Musikerkopf imposant. In dem bleichen, zerknitterten
Gesicht glühte ein Paar wundervoller Augen. Was für Augen habe ich dagegen?
dachte Schwedenklee. Diese dunkeln Augen schienen das einzig Lebendige –
Überlebende – in dem wachsfahlen Gesicht zu sein. Sie waren Feuer, Gedanke,
Seele, Jugend, sie waren dreißigjährig, das Gesicht fünfzig-, hundertjährig, wenn
man will.
So oft Schwedenklee von einer dieser Anwandlungen schlechter Laune
ergriffen wurde, verbarg er sie hinter ausgesuchtester Höflichkeit: „Bitte
zuzugreifen – bitte sich zu bedienen!“
„Ich sehe, ich ermüde Sie mit meinem Redestrom“, rief Blank aus. „Ich muß
auch in dieser Hinsicht um Ihre Nachsicht bitten. Seit Jahren habe ich fast nie
mehr mit einem gebildeten Menschen gesprochen. Sie ahnen nicht, welcher
Genuß für mich Ihre Gesellschaft ist. Bedenken Sie, diese Menschen, mit denen
ich noch zusammenkomme – oh, mein Gott, welches Niveau! Sie, mein
verehrter Freund, der es wagte, einen Bettler ins Haus zu laden ...“
„Jeder Mensch kann einmal eine unglückliche Periode –“ murmelte
Schwedenklee.
„Einen Bettler, sage ich, was bin ich sonst? Sie verkehren mit einem vom
Unglück Gezeichneten auf gleich und gleich – unterbrechen Sie mich nicht – wer tut das noch? Es ist das Alleraußergewöhnlichste in der heutigen
Gesellschaft! Sie bewirten einen Mann, der gewissermaßen an einem
Wendepunkt Ihres Lebens als Ihr Rivale auftrat. Wie gut Rosa Sie doch kannte!
Sie kennen keine Vorurteile, keine kleinlichen Gefühle.“
„Ich bitte!“ stammelte Schwedenklee, aufs tiefste beschämt. Nichts ist ja
peinlicher, dachte er, als derartige Lobeshymnen anhören zu müssen. Mein
Himmel, diese liebe Ellen, was für Vorstellungen sie wohl von mir gehabt haben
mag!
Dieses Glas dem Gedächtnis Rosas!“ sagte Blank feierlich nach dem dritten
Glase und ließ den Wein im Licht funkeln. Obschon den Tod im Antlitz, sah er
schön aus in diesem Augenblick. Später, wenn Schwedenklee sich an den Abend
erinnerte, sah er Blank immer in dieser Geste vor sich.
Schwedenklee tat ihm Bescheid.
Aber Blank erhob sich vom Sitze, und so konnte auch Schwedenklee, dem
jede Exaltiertheit ein Greuel war, nicht sitzenbleiben. Wenn er nur diese
theatralischen Manieren sein ließe, dachte er, tief unglücklich.
Lange verharrte Blank in Schweigen und Versunkenheit. Aber seine Augen,
ohne Blick auf einen Stich an der Wand gerichtet, leuchteten verklärt.
Augusta servierte mit verdrossener Miene den Nachtisch.
Plötzlich fühlte Schwedenklee Blanks Auge auf sich gerichtet. Er hob die
Lider und begegnete einem forschenden, sonderbar und befremdend
forschenden, grübelnden, bohrenden Blick, dessen Ausdruck sich indessen
augenblicklich änderte.
„Ich dachte eben –“ begann Blank mit sonderbar leiser, heiserer, zerstreuter
Stimme.
„Sie dachten –?“
„Ja.“ Blank sammelte sich. „Ich dachte: wie merkwürdig es ist, daß wir beiden
hier beisammensitzen.“
„Was ist daran so merkwürdig?“ sagte Schwedenklee, schon etwas
gelangweilt. Was kümmerte ihn schließlich dieser Blank, was kümmerte ihn
schließlich diese Ellen? Nichts, letzten Endes gar nichts. Er fing an, die
Einladung zu bereuen.
„Merkwürdig ist natürlich ein falscher und völlig unzulänglicher Ausdruck“,
fuhr Blank mit leiser Stimme fort. „Dieser Augenblick bedeutet mehr! Er ist
erhaben, nichts anderes als erhaben! Wir drei – geeint – in diesem Augenblick!“
„Wir drei? Geeint?“
„Ja!“ Blanks Augen weiteten sich. „Nur uns beide, Sie und mich, hat diese
wunderbare Frau in ihrem Leben geliebt. Hier sitzen wir beide nun – und sie –
sie ist bei uns! Und sie ist glücklich!“
Es entstand eine Pause.
„Glauben Sie denn an diese Dinge?“ fragte Schwedenklee dann betroffen und
etwas bleich.
„Ob ich daran glaube? Es ist für mich Gewißheit, daß sie in diesem
Augenblick gegenwärtig ist. Ich empfinde es deutlich. Ein Strom von Glück
durchrinnt mich. Sie segnet uns aus einer unbegreiflichen, vollkommeneren
Welt.“
Schwedenklee schüttelte den Kopf.
„Der Gedanke wäre unerträglich, daß Verstorbene uns beobachten.“ Er erhob
sich sogar vor Erregung.
„Weshalb unerträglich?“ Blank lächelte voller Nachsicht.
„Ja, unerträglich!“ wiederholte Schwedenklee an Stelle einer Antwort und sah
gereizt aus. Er ist doch wahnsinnig, dachte er, ganz im geheimen.
Blank schwieg und versank in Gedanken. „Sie war ein Genie der Liebe“, hub
er nach langer Pause, als spräche er für sich, von neuem an. „Stellen Sie sich
eine Pflanze vor, die täglich neue Blüten treibt, immer schönere, immer
herrlichere Blüten – so war sie! Sie konnte lieben, wie nie ein Mensch liebte!
Die Liebe machte sie genial, schöpferisch. Denken Sie, sie wachte eine ganze
Nacht, saß aufrecht neben mir und sagte am Morgen: ich wollte dich eine ganze
Nacht lang atmen hören! Denken Sie: Rosa war eine leidenschaftliche
Raucherin. Sie rauchte zwanzig bis dreißig Zigaretten am Tage. Wenn ich aber
verreiste, auf ein Gastspiel, und sie konnte nicht mitkommen – all die zwanzig
Jahre waren wir zusammengerechnet nicht vier Wochen voneinander getrennt! –
so rauchte sie nicht. Das sind natürlich nur geringfügige Beispiele, schlecht
gewählt dazu. Tausende solcher Züge könnte ich Ihnen berichten. Sie war ein
unerschöpfliches Wunder. Nein, mein verehrter Freund, Sie haben sie nicht
gekannt! – Gottlob, sage ich,“ fügte er mit einem eigentümlichen, verletzenden
Lächeln hinzu, „denn sonst wären Sie seinerzeit nicht eine Stunde länger in
Paris geblieben. Nicht eine Minute!“ Triumphierend rief Blank dies plötzlich mit
seiner heiseren Stimme Schwedenklee ins Gesicht.
Schon keimte ein sonderbares Gefühl des Neides in Schwedenklee auf. Und
Unmut über das Betragen seines Gastes. Man soll mit Leuten vom Theater nichts
zu tun haben, dachte er. Diese Pathetik, diese Theatralik, die Bühne verdirbt den
Menschen! Er wurde dunkelrot im Gesicht.
Blank entging diese Veränderung Schwedenklees völlig.
„Rosa erwartete Sie damals!“ fuhr er geheimnisvoll und erregt fort. „Ich sagte
Ihnen ja, in der ersten Minute – unvergeßlicher Augenblick! – fiel Ihr Name. Ihr
Name war es ja, der rasch eine Verbindung zwischen uns herstellte, erst später
begriff ich es. ‚Schwedenklee,‘ sagte sie, ‚oh, Sie kennen ihn? Er wird wohl in
den nächsten Tagen ebenfalls hier sein!‘“
„Sie glaubte also, daß ich kommen würde?“
„Sie äußerte diesen Gedanken wiederholt. Aber Sie kamen nicht. Vierzehn
Tage lang wurden Sie erwartet. Dann sprach sie nicht mehr davon. Aber ich
fühlte deutlich, daß sie litt.“
„Litt?“
„Ja. Ich – ohne Besinnung vor Eifersucht – fühlte es allzu deutlich.“
„Ich hatte seinerzeit – bestimmte Studien hielten mich in Paris fest –“
Spöttisch war Blanks Blick. „Ich zitterte – ich spreche offen – jeden Tag, daß
Schwedenklee eintreffen könne. Aber Schwedenklee kam nicht!“
„Nein!“ warf Schwedenklee mit schwankendem Blick ein. „Er kam nicht!“
„Und da fühlte ich – beruhigt, daß Sie Rosa in Wahrheit nicht liebten. Sie
waren ja unabhängig, Sie konnten reisen –“
„Ich? Wieso? Woraus schließen Sie, daß ich Rosa oder Ellen nicht liebte?“
Schwedenklee setzte sich zur Wehr.
„Weil Sie nicht kamen!“ triumphierte Blank.
„Das sagt nichts“, knurrte Schwedenklee.
„Doch, es sagt alles!“ ereiferte sich Blank, unter dessen Augen rote Flecke
erschienen, in großer Erregung. „Sie hätten kommen müssen!“
„Aber Sie sehen ja, daß ich nicht kam!“ rief Schwedenklee, ebenfalls
außerordentlich erregt.
„Ja!“ Blank lehnte sich triumphierend zurück. Sein Auge funkelte. „In der Tat,
Sie kamen nicht! Sie waren leichtsinnig, Sie ahnten gar nicht die Bedeutung
dieser Tage! Sie ahnten gar nicht, daß es um das Glück Ihres Lebens, um Ihr
Lebensglück ging –“
„Sie werden mir mehr und mehr unverständlich, Herr Blank“, entgegnete
Schwedenklee und zog die Brauen hoch.
„Wieso? Aber ich bin ja der einzige, der ermessen kann, was Sie weggegeben,
was Sie verschwendet, was Sie achtlos fortgeworfen haben. Ich! Ich allein!
Zwanzig Jahre Glück – wissen Sie, was das bedeutet?“ rief Blank triumphierend
aus. „Verstehen Sie, was zwanzig Jahre Glück bedeutet? Als Rosa starb, küßte
ich sie, und ich fühlte, wie sie versuchte, mich wiederzuküssen, obschon sie halb
bewußtlos war. Ich küßte sie, als sie schon erkaltete. Das ist das Glück von
zwanzig Jahren! Verstehen Sie? Ich küßte sie in den Tod. Und wenn ich sterbe –
bald! – so werde ich ihr meine Küsse entgegensenden! Das ist das Glück von zwanzig Jahren. So steht es also. Sie sind reich – ich bin ein Bettler und weiß
nicht, wovon ich morgen leben soll. Und doch: ich würde für nichts mit Ihnen
tauschen, für nichts!“
Hier wurde Schwedenklee wirklich böse.
„Schweigen Sie doch endlich!“ schrie er, indem er aufsprang, rot vor Zorn.
Blank, der sich in der Erregung ebenfalls erhoben hatte, taumelte, wie von
einem Schlage getroffen, zurück. Er rang nach Atem. Dann streckte er
Schwedenklee flehend die mageren Hände entgegen, er rang diese Hände, daß
die Finger knackten.
„Verzeihen Sie mir!“ schrie er. „Ich weiß nicht, was ich tue!“ Er war einer
Ohnmacht nahe. „Ein Glas Wasser!“ stammelte er, und Schwedenklee sah, daß
sich ganz plötzlich Blanks von hundert Fältchen zerknitterte Stirn mit unzähligen
kleinen Schweißperlen bedeckt hatte.
Mit zitternden Händen griff er nach dem Glas Wasser. Sein Blick war scheu,
Vergebung heischend. Der Blick eines Menschen, der Jahre hindurch sich
demütigen mußte – oh, wie abscheulich!
Ja, grausam und unerbittlich sind die Menschen. Ein Mensch mit 39 Grad
Fieber kommt zu ihnen – trotz dem Fieber! Sie sind gerührt. Aber wenn der
Fiebernde sich nicht wie ein normaler Mensch benimmt, gleich verwünschen sie
ihn.
Als man bei Kaffee und Likören in der Bibliothek saß, hatte Blank sich
vollkommen wiedergefunden. Man plauderte über Theater, Oper,
Bühnenkünstler, Dirigenten, und Blank wußte anregend zu erzählen. Der Name
Rosa-Ellen fiel nicht mehr.
Schließlich erhob sich Blank und ging an den Flügel.
„Einmal noch wollen wir es versuchen!“ sagte er, und seine langen blassen
Finger glitten scheu und zögernd, als fehle ihm der richtige Mut, über die Tasten.
Großer Ernst war über sein weißes Antlitz gebreitet. Er sang. Eine italienische
Romanze, schwermütig, mit Anläufen der Hoffnung, zuweilen geheuchelt heiter.
Schwedenklee verstand nicht ganz den Text.
Blanks Stimme klang anfangs heiser und kraftlos, bald aber leuchteten
einzelne Töne klar und hell auf, und schließlich floß die Stimme groß und
gleichmäßig dahin. Mit Inbrunst, erschüttert sang Blank, und seine Augen füllten
sich mit Tränen.
Welch herrliche Stimme er gehabt haben muß, dachte Schwedenklee, der sich bedrückt in eine Ecke zurückgezogen hatte.
Da machte ein hartnäckiger Hustenanfall Blanks Gesang ein Ende. Er führte
das Taschentuch an die Lippen.
Entmutigt und still erhob sich Blank, den Blick zu Boden gerichtet.
Er reichte Schwedenklee die Hand.
„Leben Sie nun wohl, Herr Schwedenklee, und Dank für diesen Abend!“ sagte
er und wandte die glänzenden Augen Schwedenklee zu.
Auch Schwedenklee griff nach dem Hut.
„Ich bitte dringend, sich nicht bemühen zu wollen.“
„Ich habe das Bedürfnis, noch ein paar Schritte zu gehen.“
Schweigend gingen sie die dunkle Straße hinab.
„Wie lau die Luft ist,“ sagte Schwedenklee, sich verlegen räuspernd, „es wäre
Zeit, daß der Frühling endlich käme.“
„Es wäre wirklich Zeit!“ antwortete Blank in Gedanken.
Endlich faßte sich Schwedenklee ein Herz. Er begann damit, wie erfreut er
wäre, ihn, Blank, näher kennengelernt zu haben. Wie gesagt, er hoffe, daß sein
Gesundheitszustand sich bald bessere. Nun wisse er ja wohl, daß es ihm zur Zeit
schwierig sei, seinem Körper jene Pflege angedeihen zu lassen, wie es geboten
sei. – Kurz und gut, Schwedenklee nahm einen Brief aus der Tasche.
Blank hatte argwöhnisch auf Schwedenklees Rede gelauscht und fuhr nun
entsetzt zurück. „Nie, nie werde ich unser freundschaftliches Verhältnis
beflecken“, rief er mit großer Geste aus.
„Aber gerade, wenn Sie das Wort Freundschaft gebrauchen –“
„Nie, niemals.“
Schwedenklee hatte wie gewöhnlich in seiner Unbeholfenheit nicht die
richtige Form gefunden. In der letzten Minute, er wollte den Brief schon
entmutigt einstecken, fielen ihm die rechten Worte ein. Er sprach davon, daß
man einem Freunde die Erlaubnis einräumen müsse, in besonderen Fällen ein
bescheidenes Darlehen –.
Blank schien zu schwanken.
„Wenn ich Ihr großherziges Anerbieten annehme, so geschieht es aus
Gründen, die ich Ihnen nicht auseinandersetzen kann!“ sagte er dann mit einem
tiefen, langen Blick und nahm den Brief unter Dankesversicherungen in
Empfang.
„Sobald ich in der Lage sein werde ...“
„Keine, nicht die geringste Eile!“
Es gelang schließlich Schwedenklee sogar, Blank in eine Droschke zu stopfen,
deren Kutscher er entlohnte.
„Und wenn Sie einmal einen freien Abend haben, Herr Blank?“
„Ich werde Ihre Güte nicht mißbrauchen. Dank und leben Sie wohl – für
immer!“ rief Blank. Und dann, schon in der Droschke, fügte er noch einige
Worte hinzu, denen Schwedenklee an diesem Abend keinerlei Bedeutung
beimaß. Er sagte: „Ich bin glücklich, Sie näher kennengelernt zu haben. Wie
wichtig das für mich ist, werden Sie vielleicht einmal erfassen.“ Aber, wie
gesagt, Schwedenklee beachtete diese Worte an diesem Abend kaum.
Blanks bleiche Hand winkte aus dem Fenster. Die Droschke rollte davon und
im Nu war sie unter anderen Gefährten untergetaucht.
„Nun, Gott sei Dank, das wäre überstanden!“ sagte Schwedenklee zu sich
selbst. „Großer Gott, was für Elend gibt es auf dieser Welt.“
Schwedenklee fühlte sich erleichtert und befreit von einem Schuldbewußtsein,
das ihn quälte, ohne daß er bestimmte Ursachen hätte angeben können.
Das Schicksal seiner Mitmenschen, ja sogar seiner Bekannten und Freunde,
kümmerte Schwedenklee, der immer mit sich selbst beschäftigt war, nicht
allzusehr. Von Zeit zu Zeit hatte er das Bedürfnis, diese Gleichgültigkeit, die er
recht wohl als Mangel empfand, durch irgendeine gute Handlung zu sühnen. Er
schenkte, zum Beispiel, einer armen Frau, die fünf Kinder hatte, eine Summe
Geldes, einen Posten Wäsche und Kleider.
So hatte er Blank heute eine ziemlich große Summe aufgedrängt, um Ruhe zu
finden vor peinigenden Gedanken, Reflexionen über die heutige Gesellschaft,
Ungerechtigkeit der sozialen Schichtung und andere peinliche Dinge.
Beruhigt ging er zu Bett.
Sein Schlaf indessen war unruhig. Er träumte von Ellen. Sie hatte ihren Koffer
gepackt, bereit abzureisen. Er brachte sie in einem Wagen zur Bahn, aber schon
angesichts der glühenden Uhr des Bahnhofs befahl sie dem Kutscher zu wenden
und zum Hotel zurückzufahren. Später, da stand sie schon im Zuge, der Zug fuhr
schon an, aber sie sprang im letzten Moment – zum Erstaunen und Schrecken
aller Reisenden, die laut aufschrien – aus dem Zuge. Ich kann nicht, ich kann
nicht, schrie sie. Da verfiel Schwedenklee – im Traum – auf einen infamen
Gedanken. Er beschwätzte Ellen, daß er mit ihr reisen werde. Sie war
überglücklich, und sie fuhren zusammen. Bei der ersten Station verließ er
heimtückisch den Zug. Es war eine Station voller Dunkelheit und Düster, und er
sah das schöne glückliche Gesicht der Ahnungslosen an sich vorübergleiten.
Hier erwachte Schwedenklee. Er war heiß, unruhig und voller Ängste. Die
Nacht war finster und lang. Vielleicht, dachte er, wäre ich mit dieser Frau glücklich geworden? Vielleicht hat er recht, vielleicht habe ich das Glück meines
Lebens leichtsinnig fortgeworfen?
Am Morgen erinnerte er sich deutlich an den Traum. Wie sonderbar, dachte er,
Ellen reiste in der Tat schwer ab. Wir telegraphierten sogar an das Theater, jetzt
erinnere ich mich. Aber ich wünschte, daß sie reiste, denn – ich hatte ja schon
eine Verabredung mit ihrer Freundin, dieser rotbäckigen, stupsnäsigen Schwedin
– wie hieß sie? – Fräulein Svenska. Ja, leichtsinnig ist die Jugend.
„Welch ein Schuft bist du doch gewesen, Schwedenklee!“ sagte er zu sich.
„Und diese Frau hat dich vielleicht wirklich geliebt!“