Schwedenklees Erlebnis
Kapitel 2
Schwedenklee pflegte spät aufzustehen, da er häufig, wie er dem Mädchen
sagte, bis „zum frühen Morgen“ arbeitete. Gegen zehn Uhr, wunderbar
ausgeschlafen, ausgehöhlt vom Hunger, frühstückte er mit Genuß: Kaffee,
Weißbrot, Honig, Butter, Schinken, Eier, abwechselnd gekocht und gebraten.
Nach dem Frühstück zog er sich in die geheiligten Räume, Bibliothek und
Arbeitszimmer, zurück, wo ihn niemand stören durfte. Hier legte er sich noch
etwas auf die Ottomane und las ausführlich die Zeitungen – er war sogar auf die
Frankfurter Zeitung abonniert, die dreimal täglich erscheint. Er arbeitete an
seinen Zeichnungen, telephonierte, sah nach dem Wetter, schrieb einen Brief –
schon war es zwölf Uhr geworden. Schwedenklee ging spazieren, um „das
Leben zu betrachten“.
Ohne jeden Tadel, fast etwas auffallend elegant gekleidet, das zart gepuderte
runde Kinn in den Pelzkragen gedrückt, in Schuhen der letzten Mode, schwang
er sich dahin, mit der Miene eines Menschen, der sich seines Wertes wohl
bewußt ist. Zuweilen erschien er auch – ohne jeden Anlaß – im glänzenden
Zylinder. Sein rascher, etwas kecker Blick streift Mädchen und Frauen, während
ein zufriedenes Lächeln seine vollen Lippen umspielt. Er beobachtet sich, wie er,
etwas voll, durch den schwarzen Glanz der Spiegelscheiben schreitet – sein
Pelzkragen, seine koketten Schuhe. Voller Genuß zieht er die Luft in die breite
Brust. Eine anziehende junge Dame geht an ihm vorüber und Schwedenklee
folgt ihr eine Weile in angemessener Entfernung, voller List, um sich keine
Blöße zu geben. Einen Augenblick später sieht man ihn in einem
Antiquitätengeschäft, eine kleine blaue Vase in den Händen.
Um zwei Uhr aß er zu Mittag. Er hatte das Glück gehabt, eine ausgezeichnete
Köchin zu finden, ein Wunder von einer Kochkünstlerin: Augusta, die sein
Hauswesen führte. Sie hatte nur den einen Fehler, daß sie zuweilen Weinkrämpfe
bekam, die Küchendünste und das Stehen vor dem Herde hatten ihre Nerven
ruiniert. Und er, Schwedenklee, der nichts so sehr haßte als Tränen! Aber
schließlich ging es immer wieder vorüber. Vollkommen war ja nichts auf dieser
Welt.
Schwedenklee liebte es, gut zu essen, und er machte gar kein Hehl daraus. Er hatte einen ausgezeichneten Appetit und einen noch besseren Magen. Sein
Magen – lieber Himmel, was für einen Magen hatte Schwedenklee! Diese
Veranlagung verdankte er seiner Mutter, Tochter eines Provinzwirts. Er konnte
essen, so oft und so viel er wollte. Er konnte, für gewöhnlich war er mäßig, auch
trinken, so viel es sein mußte. Wenn andere schon lallten, begann Schwedenklee
erst zu tanzen! Diese Veranlagung verdankte er dem alten Schwedenklee, der
Tag für Tag schon von sechs Uhr morgens an mit allen denkbaren Getränken den
Kampf gegen den Baustaub aufgenommen hatte. Schwedenklee, es muß
ausdrücklich betont werden, stammte nicht von wohlhabenden Eltern ab, die das
Wohlleben schon verweichlicht hat, die ihren Kindern mit ihrem Gelde
degenerierte Organe hinterlassen, o nein, er wuchs mit beiden Füßen direkt aus
der Scholle. Seine Gesundheit war ausgezeichnet.
Nach Tisch schlief Schwedenklee bis vier Uhr, dann schlürfte er den Tee,
während er sich über seine Zeichnungen beugte oder die Abendzeitungen las.
Zuweilen spielte er auch in der Dämmerstunde Geige. In den letzten Jahren
allerdings seltener. Schwedenklee war ein ganz ausgezeichneter Dilettant! Seine
Eltern, vernarrt in den Knaben, hatten keine Ausgabe für seine Erziehung
gescheut. Zwei Jahre lang hatte Schwedenklee jeden Mittwoch und Sonnabend
mit einigen Musikschülern, die er sehr gut bezahlte, Quartett gespielt. Die Musik
erschien ihm damals als das Herrlichste auf der Welt, herrlicher noch als die
Frauen! In dieser Zeit hatte er sich sogar mit dem Gedanken beschäftigt, Geiger
zu werden. Er vernachlässigte seine Projekte vollkommen – wie nebensächlich
erschienen sie ihm doch! – und übte täglich mehrere Stunden. Er träumte, ganz
im geheimen, davon, wie er im Konzertsaal erscheinen würde, umbrandet vom
Beifall. Die Damen steigen auf die Stühle und schwingen die Taschentücher:
Schwedenklee, Schwedenklee! Oft gab er sich diesen Ausschweifungen hin.
Indessen, die Quartettabende fielen schließlich ganz aus, die Geige ruhte in
ihrem Kasten, nur zuweilen – wie gesagt – nahm er sie noch heraus, nicht ohne
Sehnsucht, Inbrunst, Reue ...
Um sieben Uhr ging Schwedenklee wieder etwas an die frische Luft, um „das
Leben zu betrachten“, um acht Uhr aß er zu Abend, mit Genuß und Appetit.
Dann wusch er sich, polierte die Nägel und erschien heiter und strotzend von
guter Laune in seinem Stammcafé in der Potsdamer Straße.
In den früheren Jahren noch hatte er häufig Theater und Konzerte besucht, in
der letzten Zeit aber verbrachte er die Abende fast ausschließlich im Café.
Acht Jahre verkehrte er in diesem Café. Nach drei Jahren gab ihm der
Oberkellner den Titel „Herr Baurat“. Nach fünf Jahren „Herr Oberbaurat“.
Jedermann nannte ihn so, die Kellner, die Gäste. Also selbst seinen Titel hatte
Schwedenklee ohne Mühe erworben! Wie lange Jahre sitzt mancher Beamte in einer Behörde, bis er einen solch herrlichen Titel wie „Oberbaurat“ erhält?
Schwedenklee erhielt ihn vom Oberkellner eines Cafés in der Potsdamer Straße,
und er war genau so gut, als ob ihn ein Ministerium verliehen hätte.
Schwedenklee war heute fünfundvierzig Jahre alt. Die Anstrengungen seines
Berufes hatten ihn fast sämtliche Haare gekostet – nur im Nacken, der sich feist
über den weißen Kragen schob, stand noch ein dünner fahlblonder Saum. Die
Pflege, die er genoß, hatte ihm eine gewisse vornehme Wohlbeleibtheit
verliehen. Seine Wangen waren rund und leuchtend rot wie die eines Prälaten.
Das Kinn fett und glänzend. Was er tief beklagte, war, daß sich sein Bauch nur
noch schlecht in der elegant geschnittenen Kleidung verbergen ließ. Mit
bekümmerten Blicken beobachtete er sich oft im Spiegel.
Übrigens, sonderbar: Schwedenklees Augen – einst förmliche Lampen –
schienen von Jahr zu Jahr kleiner zu werden. Wie war es nur möglich? Seit
einiger Zeit sah er auch schlechter. Er war genötigt, beim Lesen eine Hornbrille
zu tragen.