Schwedenklees Erlebnis

Bernhard Kellermann · Kapitel 14 von 29

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Schwedenklees Erlebnis

Kapitel 15

 

Die Schwester zog Schwedenklee in einen feuchten, eisigen Vorraum, eine Art

Küche mit Ausguß, die Fenster waren gefroren.

„Man hat ihm,“ sagte sie, „während er schon todkrank lag, die letzten

Habseligkeiten gepfändet. Noch gestern kam die Hauswirtin und machte eine

solch fürchterliche Szene, daß es zu Tätlichkeiten zwischen mir und ihr kam. Sie

holte die Polizei, die Polizei aber hatte doch mehr Einsicht, als sie den Kranken

sah, und zog ab.“

„Wie schön von Ihnen!“ stammelte Schwedenklee ergriffen. Er drückte der

Schwester bewundernd die Hand „Was für eine prächtige Frau sind Sie doch!“

Diese ungeschlachte, kalte Person, ja, es gab immer noch Menschen! „Ich

komme für alles auf, Schwester Anna,“ stotterte er verlegen. Immer noch zitterte

er am ganzen Körper, und seine Zähne klapperten. Seine Nerven hatten völlig

versagt.

„Wir haben nichts, auch nicht einen Pfennig, nur Schulden.“

„Nun, so nehmen Sie, bitte. Ich gehe. Morgen früh bin ich wieder hier, ich

habe heute nicht länger Zeit.“

„Einen Augenblick!“ sagte Schwester Anna und nahm ein Päckchen Briefe

von einem verstaubten Brett.

„Das hier ist für Sie, und hier ist ein Brief, den Blank gestern schrieb.“

„Danke“, stammelte Schwedenklee und stürzte mit seinem Zylinder die

Treppe hinab.

Noch heute wußte Schwedenklee nicht zu sagen, wie er wieder in sein

Stadtviertel zurückgekommen war. Er erwachte aus einer Art von geistiger

Starre, als der Chauffeur die Türe des Autos öffnete. Zu seinem großen

Erstaunen stand das Auto vor seinem Stammcafé.

In einem völlig verstörten, entgeisterten Zustand kam Schwedenklee in den

Billardsaal. Ohne zu denken hatte er offenbar dem Chauffeur das Stammcafé

genannt.

Niemand sprach ihn an, der Kellner wagte kaum guten Abend zu sagen – jeder

fühlte, daß mit Schwedenklee etwas Außergewöhnliches geschehen war.

„Lieber Freund!“ Hinter einer Zeitung verborgen, zitternd an allen Gliedern, zuweilen Kaffee schlürfend, um seine Erregung zu verbergen, entzifferte

Schwedenklee Blanks letzten Brief.

„Lieber Freund! Ich habe große Eile. Schon umhüllen mich die Schleier des

Todes. Ich verbrenne vor Qual. Der Gedanke an Sie ist mein einziger Trost, und

ich klammere mich an Sie.

Erbarmen Sie sich meiner Tochter Ellen! Beim Andenken Ihrer Mutter –

erbarmen Sie sich meines Kindes. Ich übergebe Ellen Ihrem Schutz!“

Schwedenklee zitterte, totenbleich im Gesicht, hinter seiner Zeitung.

Der Bassist Schwarz näherte sich.

„Nelly ist bitterböse auf Sie!“ schrie er laut lachend. „Sie hat eine Stunde auf

Sie gewartet, mein Gott, wie böse sie war!“

Schwedenklee wich dem Blick des Sängers aus.

„Verzeihen Sie“, sagte er leise und stockend, bebend vor verhaltener

Erregung. „Ich komme soeben vom Sterbebett eines Freundes.“

„Oh, ich bitte um Entschuldigung“, stammelte Schwarz und begab sich rasch

zu den Kartentischen.

„Ich übergehe Ellen Ihrem Schutz ...“

Heiß stieg ein heiliges Gelübde aus Schwedenklees Herzen. Plötzlich nahm er

Pelz und Zylinder, und mit einem verwirrten Lächeln auf dem verstörten Gesicht

eilte er zum großen Erstaunen der Gäste rasch die Treppe hinab.

 

In den folgenden Tagen sah man Schwedenklee sehr geschäftig: im Zylinder,

schwarzem Überzieher. Er fuhr im Auto ab, er kehrte im Auto zurück. Den

ganzen Tag war er unterwegs, er aß in der Stadt. Er sprach fast nichts, seine

Miene war ernst, feierlich.

Stundenlang ging er, tief in Gedanken versunken, durch die Zimmer seiner

Wohnung. Endlich war er ins reine gekommen. Er klingelte Augusta.

„Augusta,“ sagte er, „wir müssen diese Zimmer umräumen. Sagen Sie dem

Portier, daß er mir morgen früh helfen soll. Ich –“ er verlor unter Augustas Blick

die Sicherheit – „wir werden Besuch bekommen. Die Tochter meines

verstorbenen Freundes wird bei uns wohnen.“

Augusta legte den Kopf auf die Seite, zog den Mund breit und betrachtete ihn

vom Kopf bis zu den Füßen. Dann wandte sie sich hastig ab und schlug die Türe

zu. Das war Augustas Antwort.

„Nun gut,“ dachte Schwedenklee, „soll sie gehen, die alberne Gans!“

An einem Nachmittag fuhr ein Auto vor Schwedenklees Haus vor. Zuerst stieg Schwedenklee aus, sehr erregt, scheue Blicke um sich werfend, und dann eine

schmächtige, ganz in Schwarz gekleidete, tief verschleierte junge Dame, die eine

armselige kleine Handtasche trug und den Blick auf den Boden heftete.

Unbeweglich, hilflos stand die junge verschleierte Dame auf der Treppe,

während Schwedenklee den Chauffeur entlohnte.

„Augusta!“ rief Schwedenklee. Aber niemand regte sich, das Haus schien

verlassen.

Schwedenklee war äußerst verlegen und sehr aufgeregt.

Er hatte zwei kleine Zimmer seiner Wohnung mit antiken Möbeln hübsch und

anheimelnd eingerichtet, so daß ein junges Mädchen von Geschmack daran

Gefallen haben mußte. Sogar einen kleinen elektrischen Ofen hatte er

angeschafft, damit sein Gast nicht frieren solle.

„Ich habe diese kleinen Zimmer für Sie eingerichtet, Ellen“, sagte

Schwedenklee mit unsicherer Stimme. „Hoffentlich fühlen Sie sich wohl hier.

Auf jeden Fall, Sie sind hier ganz zu Hause.“

„Danke“, sagte die tief verschleierte junge Dame tonlos, ohne einen Blick in

die Zimmer zu werfen, die Augen zu Boden gerichtet, unbeweglich.

„Jedenfalls vergessen Sie nicht, daß Sie hier ganz zu Hause sind“, wiederholte

Schwedenklee verwirrt und ging zur Türe. „Sie werden gleich Tee bekommen.

Ich denke, Sie wollen allein sein, und werde Ihnen Augusta schicken.“

Das Mädchen in schwarzer Kleidung wandte sich ihm zu.

„Dank für alles, was Sie für Papa getan haben“, flüsterte sie tonlos, ohne den

Blick zu heben. Sie zitterte heftig. Und plötzlich fiel sie vor Schwedenklee in die

Knie. „Dank!“

Schwedenklee hob den schlanken, zarten Körper auf. Er war aufs tiefste

erschüttert.

„Sie sollen nicht so sprechen. Es ist ja alles selbstverständlich.“ Rasch verließ

er das Zimmer.

„Jetzt ist sie hier! Jetzt ist sie bei mir!“ flüsterte Schwedenklee, als er die Türe

seines Zimmers hinter sich geschlossen hatte, und ein Strom von Glückseligkeit

durchrann ihn.