Schwedenklees Erlebnis

Bernhard Kellermann · Kapitel 10 von 29

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Schwedenklees Erlebnis

Kapitel 11

 

Ellen – Blank – schon nach kurzer Zeit streifte Schwedenklee das immerhin

nicht alltägliche Erlebnis nur noch selten in seinen Gedanken. Er hatte die

Verbindung mit Fräulein Wiedehopf wieder aufgenommen, und seine

Beziehungen zu der jungen Dame waren rasch vertraut geworden, in viel

kürzerer Zeit, als er anfänglich beabsichtigt hatte. Er hatte Verpflichtungen, war

wenig zu Hause, seine Gedanken waren durch die neue Freundschaft hinlänglich

beschäftigt.

Etwa zwei Wochen nach jenem Abendessen, als er nachmittags gerade das

Programm zu einem Ausflug entwarf, klopfte Augusta und meldete Blank.

„Herr Blank wartet mit einem Wagen vor der Türe.“

„Wer?“

„Herr Blank. Der Herr von neulich!“

Ungläubig und etwas verwirrt starrte Schwedenklee auf Augusta – schon kam

ihm Blank mit ausgestreckten Händen entgegen.

„Ich hatte gelobt, Ihre Liebenswürdigkeit nicht mehr zu mißbrauchen!“ rief er

lebhaft aus. „Sie sehen, ich bin schwach geworden. Wenn Sie mich nicht tief

unglücklich machen, kränken wollen, müssen Sie mir erlauben, Sie zu einer

Wagenpartie nach dem Grunewald einzuladen.“

„Ich bin leider gerade sehr beschäftigt, Herr Blank.“

„Nein, nein, verletzen Sie mich nicht, ich bitte Sie! Geben Sie mir

Gelegenheit, mich für Ihre Einladung zu revanchieren.“

Schwedenklee fand sich noch immer nicht zurecht. Wagen – Grunewald – und

wie sah Blank aus? Er war kaum wiederzuerkennen!

Er trug einen noch recht ordentlich aussehenden dunkeln Ulster, einen neuen

Hut, neue Schuhe – und seine Blässe war völlig verschwunden. Sein Gesicht war

leicht und gleichmäßig gerötet, wie das eines gesunden, glücklich erregten

Menschen. Erst später fand Schwedenklee, daß diese Röte von hohem Fieber

herrührte.

Blanks Augen strahlten vor Freude, es war Schwedenklee ganz unmöglich,

ihn zu enttäuschen. Er bat noch um eine Minute Geduld.

„Ich werde dem Kutscher unterdessen Bescheid sagen. Sie essen doch im Grunewald mit mir?“

Nun rollten sie dahin.

„Mein Freund!“ rief Blank unter lebhaften Gesten aus. „Ich sehe, Sie sind

außerordentlich erstaunt. Ich bin es ja selbst! Noch immer kann ich es nicht

fassen. Wissen Sie denn, was geschehen ist? Niedergebrochen, erschöpft, in

Verzweiflung, habe ich plötzlich neuen Lebensmut bekommen. Ahnen Sie, was

das bedeutet? Neuen Lebensmut? Ich fange wieder an zu hoffen. Vielleicht – ja

wer weiß es, aber ich habe immerhin die Hoffnung –, vielleicht hat das Schicksal

in einer guten Laune beschlossen, mir so etwas wie einen Nachsommer zu

schenken! He, Kutscher, fahren Sie doch etwas hurtiger, nicht so langsam!“

„Ich freue mich aufrichtig, Sie zuversichtlicher zu sehen!“

„Und das kam so, mein lieber und verehrter Herr Schwedenklee! Hören Sie

nun. Sie, mein verehrter Freund, Sie sind die Ursache! Ja! Ihr, wie sagten Sie in

Ihrer großen Güte, Ihr Darlehen – damit begann es. Mein Himmel, was ist

seitdem alles geschehen! Ich bin verwirrt, kindisch geradezu. Ich hatte den Mut,

die Selbstüberwindung, Ihren Brief nicht sofort zu öffnen. Bei jeder Laterne

kämpfte ich mit mir. Nein, sagte ich, du bist kein Bettler! Zu Hause öffnete ich

Ihren Brief und – glauben Sie mir – ich war vor Erstaunen minutenlang betäubt.

Morgen, sagte ich, bringe ich ihm das Geld zurück. Morgen! Aber am Morgen

dachte ich anders. Plötzlich – es war wie ein Wunder, stieg wieder, nach

Monaten, ein Gefühl der Hoffnung in meinem Herzen empor. Ich sagte mir:

wenn Gott dir einen gütigen Freund in den Weg gesandt hat, weshalb willst du

diesen Wink des Himmels nicht verstehen? Gut, ich brachte das Geld nicht

zurück!

Ich handelte! Ich raffte mich auf! Ich löste meine Kleider aus – hier, diese

Kleider. Ich ging zu einem Friseur. Ich ging in eine Badeanstalt. Ich ging in ein

Restaurant und aß. Ich wurde plötzlich ein anderer Mensch! Hoffnungen

beflügelten mich. Ich ging in die Filmbörse. Waren Sie schon in der Filmbörse?

Ein Kaffeehaus in der Friedrichstraße?“

Schwedenklee schüttelte den Kopf.

„Gehen Sie nicht hin. Sie werden nie so viel Elend, offenes und verborgenes,

schlecht verborgenes Elend, auf einer Stelle finden. Ich gehe hin – ich bin

gesättigt, anständig gekleidet, ich bestelle Kaffee. Glückt es heute nicht, so

glückt es morgen. Ich fühle Ihr Kuvert in meiner Tasche, ich habe keine Eile, ich

fühle mich sicher.

Was denken Sie? Regisseure kommen herein. Sie haben das ja nie beobachtet.

Man kennt diese Regisseure, die Herren und Damen stürzen sich förmlich auf sie

–! Aber auf mir ruht sein Blick, der Blick des Allmächtigen. Ich tue, als

kümmere es mich nicht im geringsten. Er geruht an meinen Tisch zu kommen. Er stellt sich vor, denken Sie, obschon ihn hier jedermann kennt und er es genau

weiß. Was denken Sie, was geschieht? Er verpflichtet mich für zwei Filme, zwei

– bei sehr gutem Honorar! Zwei Filme!“ Blank lachte laut heraus und breitete

die Arme den Vorübergehenden entgegen.

„Ich hatte früher eine Verachtung für den Film, müssen Sie wissen. Er

erschien mir wie eine Profanierung der Kunst. Ich war immer Idealist, das heißt

ein Dummkopf – werde es bleiben bis an mein Lebensende, kann nicht anders.

Ich lehnte früher, da ich noch auf hohem Rosse saß, jedes Engagement ab. Später

aber gab sich es bescheidener und war zufrieden, in der Komparserie zu filmen,

bis ein Regisseur schrie: Bedauere, Sie verhusten mir ja jede Aufnahme. Ja, so

sagte er: Sie verhusten ... hahaha!“

So laut war Blank, so froh erregt, daß Schwedenklee der Überzeugung war, er

sei etwas angeheitert.

„Zwei Filme also,“ fuhr Blank lebhaft fort, „Sie sehen, das Unfaßbare war

geschehen. Ein Wunder hat sich ereignet! Das Schicksal hatte mich völlig

vergessen, plötzlich aber ließ es sein Auge wieder in Gnaden auf mir ruhen. Ich

filme bereits eine ganze Woche, heute, am ersten freien Tag, eilte ich zu Ihnen,

um Ihnen die große Neuigkeit zu verkünden. – Im ersten Film, der zur Zeit

gedreht wird, spiele ich die Rolle eines Günstlings der großen Katharina, der an

schleichendem Gift, das ihm sein Rivale, ein französischer Abbé, eingab,

dahinsiecht. ‚Die Rolle ist Ihnen wie auf den Leib geschrieben, Blank‘, sagte der

Regisseur. Sie sehen! Ja, eine herrliche Sache: ich sieche dahin, drei Akte

hindurch. Meine erlauchte Geliebte läßt mich fallen im Augenblick, da ich den

Stempel des Todes auf der Stirn trage. Aber ich räche mich ...“

Blank nahm eine Schachtel aus der Tasche und bot Schwedenklee eine

Zigarette an. „Ich habe nicht vergessen, daß Sie ein leidenschaftlicher Raucher

sind, hoffentlich schmeckt Ihnen die Marke. He, Kutscher, lieber Freund, halten

Sie einen Augenblick!“ Und Blank bot mit fliegender Hand Feuer. „Und nun,

lassen Sie das Pferdchen wieder laufen!“

Wohlig stieß Blank die Rauchwolken in die durchsonnte Luft, indem er

fortfuhr:

„Weitaus amüsanter ist der andere Film, den wir in acht Tagen drehen werden.

Er wird Sie erheitern, mein verehrter Freund. Ich bin also ein

heruntergekommener Graf und sitze an der Straße als Bettler! Eine Dame, die

mich in meinem früheren Leben kannte, eine Tänzerin, reicht mir – sie ist eben

im Begriff, in ihr Auto einzusteigen – ein Goldstück. Aber siehe da, schon

erkennt sie mich. Sie nimmt mich in ihren Wagen. Die Menge der Neugierigen,

die sich ansammelte, spendet ihrem mitleidigen Herzen Beifall. Ich werde

gefüttert, gepflegt – und schon bin ich wieder ein Graf, ein hochfeudaler, etwas hinfälliger Greis. Die Tänzerin unterbreitet mir einen Ehekontrakt. Sie will

meinen Adel heiraten, und ich soll nach der Trauung, laut Kontrakt,

verschwinden für immer. Aber was glauben Sie? Ich tue es nicht, ich bin nun

wieder an das gute Leben gewöhnt, drohe, verteidige meine Ehre, werfe die

Liebhaber die Treppe hinunter, sperre meine schöne Gattin in die Bügelkammer.

Hahaha! Ist es nicht lustig? Ja, auch Sie müssen lachen. Ich sehe sogar, daß Sie

gespannt sind, wie es endet, aber Sie schämen sich zu fragen. Habe ich recht?“

„Ja, Sie haben recht.“

„Nun, so sollen Sie hören. Meine Gemahlin ist schlauer als ich. Sie lädt eine

Nichte ein, ein süßes Geschöpf – ich bin töricht genug, mich zu verlieben, werde

bei einem zärtlichen Tete-a-tete ertappt – Scheidung! Meine Aktien stehen

schlecht, ich bin genötigt, mich zu verabschieden, stecke die Abfindungssumme

ein, und in der Schlußszene sehen Sie mich als alten Gecken flanieren. Ich

mache Bekanntschaft, Sekt, meine Dame stiehlt mir die Abfindungssumme und

die Kellner werfen mich auf die Straße – hahaha!“

„Aber Kutscher,“ unterbrach Blank plötzlich seinen Redeschwall und

berührte, erschrocken aufspringend, die Schulter des Kutschers, „ist es denn

nötig, daß Sie uns mitten in den See hineinfahren?“ Augenblicklich aber sah

Blank seine Täuschung ein. „Verzeihung – ja, es war eine Sinnestäuschung. Ich

sehe ja, es ist der Himmel, der sich im Asphalt spiegelt, es war nur eine

vorübergehende – wie soll ich sagen –?“

„Ich glaube,“ fuhr Blank nach einer Pause mit der gleichen Lebhaftigkeit fort,

„mein Glück hat mich schwindlig gemacht! Ich fiebere in diesen Tagen sehr

stark, aber ich fiebere, weil ich wieder hoffe. Ich empfinde dieses Fieber

geradezu angenehm! Ja, merkwürdig und geheimnisvoll ist dieses Leben! Ist es

nicht sonderbar, daß schon früher einmal Sie, ja gerade Sie, verehrter Freund, Sie

und kein anderer es waren, der in einem Augenblick der größten Verlegenheit

entscheidend in mein Leben eingriff? Soll man da nicht an Mysterien, an

wunderbare, geheime Zusammenhänge glauben?“

Schwedenklee war äußerst erstaunt. „Ich sollte schon früher einmal –?“

„Ja!“ Blank rückte vertraulich näher und lachte. „Ja! Ein Geständnis. Ich habe

Ihnen erzählt, daß ich Rosa in Nürnberg kennenlernte. Mein Engagement in

dieser Stadt war geradezu kläglich, und ich war ziemlich abgerissen. Nun

schrieb mir ein Kollege aus Köln, daß dort eine Vakanz sei. Köln! Aber wie nach

Köln kommen, ohne Geld, in diesem Aufzuge – zum Verzweifeln. Ich sprach mit

Rosa, und Rosa sagte, ich werde an Schwedenklee schreiben.“

„Schrieb sie denn?“

„Ja. Sie flunkerte ein bißchen, daß sie notwendige Garderobe brauche. Und

Sie sandten postwendend tausend Franken.

Tausend Franken! Reise, Anzug, Hotel, oh, wie wichtig ist das – Sie ahnen es

nicht, da Sie das Theater nicht kennen. Alles war plötzlich ermöglicht! Übrigens

haben wir Ihnen die tausend Franken nach zwei Monaten zurückgeschickt“,

sagte Blank voller Genugtuung.

„Ja – was für merkwürdige Zusammenhänge! Und nun wieder! Fühlen Sie,

wie wunderbar die Luft ist!“ schwärmte Blank, während sie in den Grunewald

hineinrollten. „Und die Sonne wärmt schon ordentlich! Sie ahnen nicht, wie

glücklich ich bin ...“

Blank lehnte sich behaglich in den Wagen zurück. Er nahm den Hut ab und

ließ die heiße Stirn im Luftzuge kühlen.