Schwedenklees Erlebnis

Bernhard Kellermann · Kapitel 20 von 29

PDF-Seiten

Schwedenklees Erlebnis

Kapitel 21

 

Schon in der nächsten Woche kamen die Werkleute, und der Umbau und

Ausbau des Hauses begann. Es wimmelte auf Siebenbirken plötzlich von

Handwerkern.

Schwedenklee erhob sich schon am frühen Morgen. Er ging mit dem

Meterstab hin und her. Er fertigte für Maurer und Zimmerleute und Tischler

Detailzeichnungen an.

Man muß es zugeben, in den letzten Jahren war Schwedenklee die

Entschlußkraft einigermaßen abhanden gekommen. Er sollte zum Beispiel einen

wichtigen Brief schreiben. Er konnte sich nicht dazu aufraffen. Da ist dieser

Brief, dachte er, es wird höchste Zeit! Aber die Tinte war dick geworden. Der

Brief unterblieb.

Schwedenklee hatte sich sehr geändert. Er sieht, daß eine Latte an einem Zaun

lose ist. Sofort holt er Hammer und Nägel und hämmert, daß es lustig widerhallt.

Da steht ein alter Fliederbusch, dessen Blätter matt herabhängen.

Schwedenklee hätte früher nie einen Finger gerührt. Jetzt holte er sofort einen

Hammer und einen langen Zimmermannsnagel und meißelt Löcher in den

zementharten Lehm rings um den Stamm.

„Was tust du?“ staunt Ellen, hingerissen und voll äußerster Verwunderung.

Schon schleppt Schwedenklee Wasser heran und gießt die Löcher voll,

sorgfältig, geduldig, bis der Zement sich erweicht. Schon am zweiten Tage

stellen sich die matten Blätter des Fliederbusches steif und prall. Und Ellen

staunt!

Schwedenklee ließ sich wiegen – auf derselben Wage, wo die Schweine, in

einem Holzverschlag, gewogen wurden. Sein Gewicht war außerordentlich hoch.

Er verschwieg es! Aber man sah ihn nun schon am frühen Morgen mit dem

Spaten im Garten. Er arbeitete im Schweiße seines Angesichts den ganzen Tag

über. Nach einer Woche hatte er bereits fünf Pfund verloren.

Nun begann Schwedenklee schwere Steine, Feldsteine, die in Massen an einer

Hecke angehäuft waren, zu schleppen und zu rollen. Er hatte beschlossen, einen

Steingarten zu bauen. Der Schweiß rann ihm in Strömen von der Stirne.

In dieser Woche nahm er acht Pfund ab. Schon waren ihm die Hosen zu weit. Sein Gang war leichter, er lief sogar zuweilen, allerdings nicht lange, da ihm der

Atem kurz wurde. In seine schlaffen Arme kam wieder Kraft.

Zuweilen strichen Radfahrer flink an Siebenbirken vorbei. Mit einem

merkwürdigen Interesse sah Schwedenklee diesen flinken Radfahrern nach.

„Kannst du radfahren, Ellen?“ fragte er eines Tages, voller Entschlossenheit.

„Nein!“

„Vielleicht wäre es hübsch, Partien zu machen?“

„Oh!“

Schon fuhr Schwedenklee in die Stadt und brachte zwei funkelnagelneue

Räder mit.

Ja, bei Gott, vielleicht hatte Schwedenklee sich doch etwas zuviel zugemutet!

Er fuhr vor etwa zwanzig Jahren Rad und glaubte nicht, daß es möglich wäre,

diese Kunst zu verlernen? Kaum aber hatte er das Rad bestiegen, als er schon auf

der anderen Seite in das Gras hinabstürzte. Augusta lachte, Ellen lachte, die

Handwerker lachten. Wurde Schwedenklee böse? O nein, auch Schwedenklee

lachte. Kühn fuhr er einige zwanzig Meter geradeaus, um bei einem Holzhaufen

zu kentern.

Ellen, zierlich, leicht, gewandt, kletterte in das Rad, und Schwedenklee führte

die Maschine voller Vorsicht. Ellen schrie, lachte – und wenn sie fallen sollte,

landete sie an Schwedenklees Schulter.

Schon am vierten Tage nach den ersten Übungen unternahmen sie eine kleine

Radtour, die so reich an Erlebnissen war, daß sie tagelang darüber sprachen.

Schwedenklee wurde in der Tat täglich schlanker. Sein Blick wurde offener,

freimütiger. Seine dicken roten Prälatenwangen wurden flächig und braun, sein

Körper straffte sich. Seine Stimme bekam einen metallischen Klang.

Schwedenklee trug beim Lesen eine Hornbrille. Einmal trat Ellen ein, die ihn

nie mit dieser abscheulichen Brille gesehen hatte. Sie lächelte, ja sie mußte laut

herauslachen.

In Zukunft trug Schwedenklee diese Brille nicht mehr. Die frische Luft, die

Bewegung stärkten seine Augen in wenigen Wochen so sehr, daß er keine Brille

mehr brauchte.

 

Eine ganze Woche regnete es. Schwedenklee zeichnete wieder an seinem

Zentralbahnhof.

Dann packte er die Geige aus und begann, lustlos anfangs, Instrument und

Klang entfremdet, ganz leise zu spielen.

Da erschien Ellen plötzlich – ganz entgeistert! – in der Türe.

„Du spielst Geige?“ rief sie maßlos überrascht aus. Freude stand in ihren

hellen Augen.

„Du spielst ja sehr gut!“ sagte sie, noch mehr überrascht.

Schwedenklee kam in Verlegenheit. Er erinnerte sich an die Zeit – viele Jahre

war es her – da er begeistert mit den Musikstudenten zweimal in der Woche

musizierte, da er sogar den Ehrgeiz besessen hatte, Geiger zu werden – still!

Es stellte sich heraus, daß auch Ellen Geige spielte. Ihr Vater hatte sie

unterrichtet.

„So spiele.“

„Nein. Ich werde üben, wenn du nicht zuhörst. Ich habe lange nicht gespielt.“

„Weshalb nicht?“

Ellen errötete.

„Papa verkaufte seine Geige.“

„Ja, weshalb denn?“

„Er verkaufte sie, als Mama starb. Wir hatten so große Ausgaben damals.“

Schwedenklee fragte nichts mehr.

„Es ist keine besondere Geige“, sagte er. „Aber wenn du mir eine Freude

bereiten willst, Ellen, so nimm sie als Geschenk an.“

Alles, alles wollte er ihr schenken, nur um ein freudiges Feuer in ihren Augen

zu entzünden. Zart und kühl war die Haut ihrer Schultern. Sie war nicht schöner

als andere Frauen, oh, keineswegs, aber sie war jung und unerfahren, das war

alles, was sie anderen Frauen voraus hatte. Es war die Jugend, nicht mehr, nicht

weniger.

 

Er bemühte sich, Ellens Wünsche und Pläne zu erforschen. Sie war scheu,

sprach nie von sich und den Dingen, die sie im Innersten beschäftigten. Sie

errötete, wenn man sie nach ihren Wünschen fragte, und erklärte, sie wünsche

nichts. Vielleicht aber hatte sie irgendwelche Neigungen, Lust zur Musik, zu

irgendeinem Berufe? In allen Dingen wollte er ihr wie ein Freund zur Seite

stehen.

Endlich überwand Ellen ihre Scheu und erschloß sich. Es fand sich, daß Ellen

längst einen Entschluß gefaßt hatte. Verlegen und errötend bekannte sie, daß sie

zur Bühne gehen wolle. Mehr als das, es stellte sich heraus, daß ihre Ausbildung

bei verschiedenen Lehrern bereits so weit gefördert war, daß sie schon in diesem

Sommer, wäre der Todesfall nicht eingetreten, in ihr erstes Engagement in einen kleinen Badeort hätte gehen sollen.

Schwedenklee, der fürchtete, daß das Theater sie ihm entfremden könne,

versuchte sie umzustimmen. Aber Ellen hing voller Leidenschaft an dem

gewählten Berufe. Sie war fest entschlossen, denselben verführerischen und

gefährlichen Weg zu gehen wie ihre Eltern.

„Nun gut“, dachte Schwedenklee. „Ich habe gute Beziehungen zu den

Theatern in Berlin. Sie wird es leichter haben, soll es leichter haben, als andere.

Freilich: das Theater – lieber wäre mir ein anderer Beruf – lieber wäre mir gar

kein Beruf ...“

Ellen hatte einen hellen, ergreifenden Sopran: vielleicht Sängerin?

Nun, sie sollte wählen, sie sollte werden, was sie wollte!

Tagelang stand eine Überraschung in Schwedenklees Augen. Ellens

Neugierde war aufs höchste gestiegen.

Eines Tages wurde ein kleiner funkelnagelneuer Stutzflügel vor dem Hause

abgeladen. Es war ein Glück, daß Ellen im Walde war! Als sie zurückkam, fand

sie den Flügel im Speisezimmer. Ein kleiner Strauß von Frühlingsblumen stand

darauf, und an der Vase lehnte eine Karte, auf die Schwedenklee geschrieben

hatte: der kleinen Ellen für ihre neue Wohnstube.

Ellen war überglücklich. Sie schlang ihre weichen, nach Gras und Wald

duftenden Arme um seinen Hals. Die Berührung ihrer Arme war leise und doch

unsagbar innig.

Am Abend fand das erste Konzert statt. Schwedenklee spielte aus bekannten

Opern, und er spielte außerordentlich aufgeregt. Er spielte Klavier keineswegs so

gut wie Geige. Aber er spielte ohne Mühe, las gewandt, und zudem konnte er die

meisten Opern auswendig. Schon nach wenigen Tagen hatte er sich wieder

eingespielt, und der kleine Flügel sang und donnerte wie ein Provinzorchester,

das sich alle Mühe gibt. Nun begann er auch einzelne Partien halblaut zu singen.

Ellen war wie verzaubert. Mit glänzenden Augen saß sie da, den Mund offen,

die Ohren leuchteten purpurrot. Ihre Kindheit erwachte, da sie in einer Luft von

Musik aufwuchs.

Bald aber – wie angezogen – stand sie hinter Schwedenklees Stuhl und

begleitete ihn mit leiser, erregt bebender Stimme.

Fast jeden Abend wurde musiziert. Draußen die Nacht, der Mond klettert in

den samtschwarzen Himmel empor, die Bäume brausen.

Mehr und mehr verlor Ellen ihre Scheu, und ihre Stimme strömte klar,

rührend, voller Leidenschaft. Sie glühte vor Erregung.

„Vielleicht werden wir doch noch eine Sängerin aus dir machen, Ellen?“

„Papa sagte, meine Stimme sei zu klein“, erwiderte Ellen, errötend über das

Lob.

„Nun, wir werden ja sehen.“ Schon war auch Schwedenklee vom Fieber

ergriffen: oft sah er sie, Ellen, seine Ellen, auf der Bühne stehen, umbrandet vom

Beifall.