Schwedenklees Erlebnis

Bernhard Kellermann · Kapitel 16 von 29

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Schwedenklees Erlebnis

Kapitel 17

 

Die Türen zu Ellens Zimmer standen immer offen. Am Tage behütete sie

Augusta und in der Nacht Schwedenklee. Er hatte die Schlösser von Ellens

Türen abgeschraubt. Jede Nacht wachte er, lesend, rauchend, mit sich plaudernd,

Gedanken hingegeben, bis er Augusta am Morgen in der Küche hörte.

Ellen genas rasch. Eines Tages saß sie in ihrem Bett aufrecht, die Wangen

gerötet, wie in leichtem Fieber, das brünette lockere Haar, das einen Anflug ins

Rötliche hatte, lässig um den zart, gleichsam zerbrechlich geformten Kopf

geschlungen, und lächelte. Zum erstenmal sah Schwedenklee sie lächeln. Ihr

Gesichtsausdruck war verändert. Ihr Auge verträumt, voller Glanz und

Hoffnung.

„Schrauben Sie die Schlösser wieder an,“ sagte sie klar und wach, „ich

verspreche Ihnen –“

„Kann man Ihnen vertrauen?“ fragte er lächelnd.

„Ja!“ Sie nickte beschwörend. „Ich gebe Ihnen mein Wort.“ Sie winkte ihn

heran. „Jetzt erst verstehe ich Papa!“ sagte sie, ihn ernst und groß anblickend,

und berührte seine Hand mit leisen, zarten Fingern. „Er hat mir viel von Ihnen

erzählt. Ein paarmal sagte er mir: wenn du irgendeinen Rat brauchst, man weiß

ja nicht, wie es kommen kann – so gehe getrost zu Herrn Schwedenklee. Er ist

gütiger als alle Menschen.“

Schwedenklee brachte keine Silbe über die Lippen. Er errötete und schlug

rasch die Augen nieder.

„Jetzt erst verstehe ich Papa!“ wiederholte Ellen nickend und zog sich mit

leisen Händen an ihn heran. „Wie soll ich Ihnen danken?“

Schwedenklee lachte, um seine Verlegenheit zu verbergen.

„Sie können mir danken, Ellen, indem Sie mir vertrauen. Sprechen Sie mit

mir, wie mit“ – beinahe hätte er Vater gesagt – „wie mit einem Bruder. Verfügen

Sie über mich und versprechen Sie, immer Vertrauen zu mir zu haben, was es

auch sei.“

„Ich verspreche es Ihnen“, erwiderte Ellen mit einem ernsten, hellen Blick.

„Ich war so unglücklich!“ setzte sie flüsternd hinzu und drückte leise, kaum

merklich, seine Hand, und er fühlte, daß ihre Finger zitterten.

Schwedenklee sagte nichts. Verwirrt und scheu verließ er ihr Zimmer.

 

Schwedenklee hatte über eine Woche das Haus nicht verlassen. Er sprach mit

niemanden, er hütete sein Geheimnis! Natürlich war es nicht zu umgehen

gewesen, daß er Nelly von den Ereignissen der letzten Wochen unterrichtete. Er

hatte sie gebeten, ihn für einige Zeit zu entschuldigen – bis alles in Ordnung

gebracht sei. Telephonisch hatte er ihr alle Einzelheiten erzählt – besonders den

Selbstmordversuch Ellens hatte er ausführlich und mit allen Einzelheiten

berichtet, obwohl er sich seiner Schwatzhaftigkeit schämte, noch während er am

Telephon stand. Aber es war doch notwendig, Nelly zu überzeugen, daß er für

einige Zeit ans Haus gebunden sei.

Nelly telephonierte täglich. Der Patient sei noch immer nicht recht in

Ordnung. Er ermahnte sie, ihren Gesangsunterricht nicht zu vernachlässigen und

den dramatischen Unterricht ja nicht zu unterbrechen. Er sei auch damit

einverstanden, daß sie als dramatischen Lehrer doch Dunker nehme – ein

ziemlich junger, hübscher Schauspieler, der wegen seiner Liebesabenteuer

berühmt war.

Schwedenklee hatte keine Eile, Nelly zu sehen.

Eines Tages aber trat Nelly ohne jede telephonische Anmeldung bei ihm ein.

Sie erschien Schwedenklee fremd, sozusagen unbekannt. Er erblickte sie wie

aus weiter Ferne – ihre Züge, ihre interessante Blässe und die turmartige Frisur,

diese „schweren Flechten“, ließen ihn völlig unberührt.

Nelly verstand seinen Blick sofort: diese unverschämte Gleichgültigkeit eines

erkaltenden Geliebten! Sie war außerordentlich freundlich, teilnahmsvoll.

„Es ist merkwürdig,“ sagte sie, „du hast mir nie gesagt, daß du so intime

Freunde hättest. Im Gegenteil, du klagtest ja immer, du habest keine Freunde!“

Sie hielt die Teetasse auf den Fingerspitzen, spielte die Dame auf Teebesuch.

Schwedenklee behandelte sie mit grausamer Höflichkeit. Er spielte den Herrn,

der eine Dame auf Teebesuch bewirtet.

„Natürlich habe ich Freunde – von früher her. Wir alle haben Freunde nur von

früher her, aus der Jugend. Es ist allerdings wahr, meine Freunde haben sich

wenig um mich bekümmert, und es ist ebenso wahr, daß ich mich wenig um sie

bekümmerte.“

Er sprang auf und reichte ihr Feuer für die Zigarette.

Sie dankte. „Ich bin dir sehr dankbar, daß du mir so lebhaft zu Dunker geraten

hast!“

„Ist er also doch tüchtig?“

„Oh!“ Nelly lächelte sonderbar, indem sie die Augen zur Decke hob. „Er ist

ein wirklich moderner Künstler! Aber er ist keck –!“ Schwedenklee sagte nichts.

„Er ist sehr keck. Er verfolgt mich unaufhörlich mit seinen Anträgen.“

„Aber du bist ja kein Kind mehr, Nelly!“ Oh, wie gleichgültig klang hier

Schwedenklees Stimme!

Welch bösen Blick sie ihm gab! Aber sofort lächelte sie wieder gleichmütig.

„Ich sagte ihm: spielen Sie Theater auf der Bühne!“

„Sehr gut!“ lobte Schwedenklee und lachte.

Pause. Nelly forschte in seinem Gesicht.

„Du bist gar nicht eifersüchtig?“ Nelly lachte.

„Eifersüchtig? Ich kenne dich ja, Nelly!“ sagte Schwedenklee im Tone

unerschütterlichen Vertrauens.

Nelly kokettierte über die Teetasse.

„Vielleicht kennst du mich doch nicht? Er ist ein netter Junge! Erst

fünfunddreißig.“ Sie lächelte anmutig.

Schwedenklee ignorierte diesen impertinenten Angriff. Dabei war er

überzeugt, daß Nelly sich gar nichts aus Dunker machte – es war ihm übrigens

völlig gleichgültig.

„Er ist nett. Und was das Reizendste an ihm ist, er ist solch ein Kind. Er ist –

trotz allem – ein kleiner Junge!“

„Wirklich?“ Schwedenklee lachte anerkennend. „Gerade diese Naivität liebe

ich bei Männern.“

Hier richtete sich Nelly in ihrem Sessel auf. Sie gab ihrem Kopf einen Ruck

und schleuderte die Tasse auf den Teppich. Sie stand auf.

„Aber Nelly?“ sagte Schwedenklee, scheinbar völlig erstaunt und gut gelaunt.

„Was zuviel ist, ist zuviel!“ Nellys Brauen flogen in die Höhe.

„Aber ich bitte dich, Nelly!“

„Wenn du mich loshaben willst –“, schrie Nelly mit funkelnden Augen.

„Einen Augenblick ..“ Schwedenklee schloß eine Türe.

„Ach so!“ sagte Nelly, voller Hohn.

Schwedenklee wurde rot, seine Schläfe zuckte.

„Sie ist ein Mädchen“, sagte er beruhigend, aber seine Stimme zitterte etwas,

im Gefühl der Befriedigung, ihren impertinenten Angriff von vorhin mit gleicher

Impertinenz erwidert zu haben. „Sie soll sich erholen, und ich möchte jede

Aufregung von ihr fernhalten.“

„Oh, welche Rücksichtnahme! Jede Aufregung von ihr fernhalten –!“

„Bitte, Nelly!“ sagte Schwedenklee lächelnd, beschwichtigend.

Seine Ruhe und Gleichgültigkeit versetzten sie in Raserei. Ja, Schwedenklee war als Gegner nicht zu verachten, wenn es darauf ankam.

„Bitte, Nelly“, äffte sie ihm nach. „Ich möchte jede Aufregung von ihr

fernhalten. Ja, ja! Halte mich nicht für so töricht ...“

Schwedenklee sandte ihr einen warnenden Blick zu. Er wußte – und er

empfand es triumphierend –, daß sie jetzt verspielen würde.

„Du hast dich in ein kleines Mädchen verliebt, das ist alles“, schrie Nelly

außer sich. „Und alles andere – das mit dem Freunde, mit der Doppelwaise, mit

dem Selbstmordversuch, ist einfach eine dumme Komödie!“

Sie ist verloren, dachte Schwedenklee mit Befriedigung – und schon mit

einem gewissen Mitleid.

„Nelly!“ sagte er beruhigend, beschwörend. „Ich schwöre dir, alles ist

Wahrheit. Du bist heute sehr erregt –“

Ja, Nelly war verloren. Sie schrie, sie verleumdete, beschimpfte. Sie tobte und

verließ rasend das Haus.

Schwedenklee tat aufs tiefste gekränkt und machte keinen Versuch, sie

zurückzurufen.

„Es ist sehr schade“, sagte Schwedenklee, als er allein war und sich mit

zitternden Fingern eine Zigarette anzündete. „Es ist sehr schade, daß man mit

Frauen nicht offen sprechen kann. Nun gut, daß es zu Ende ist! Fort mit ihr! Fort

mit allen – ich will sie alle nicht mehr sehen – Gott sei Dank!“

Schwedenklee horchte an Ellens Türe. Kein Laut. Ellen hatte von der ganzen

Szene nichts gehört.

Einige Wochen später aber sagte Ellen: „Es war einmal eine Dame bei Ihnen.

Sie war sehr erregt. Ich möchte nicht irgendwie im Wege sein.“

„Aber Ellen! Wie können Sie so etwas denken. Sie sind zu jung, um das zu

verstehen!“