Schwedenklees Erlebnis
Kapitel 13
Schwedenklee hatte im Laufe des Sommers kaum mehr an Blank gedacht. Bei
seiner Rückkehr fand er einen Brief vor, voller Dankesbeteuerungen – die
geliehene Summe lag bei – bei Heller und Pfennig.
Auch das hatte Schwedenklee vergessen, als der Winter anbrach.
Er dachte gar nicht mehr an Blank. Plötzlich aber erhielt er einen Brief: Blank
war erkrankt. Sein „Nachsommer“ hatte ein rasches Ende gefunden. Eine
Lungenentzündung hatte seiner Tätigkeit als Filmschauspieler ein rasches Ende
bereitet. Er war in größter Not, in Verzweiflung. Selbstverständlich zögerte
Schwedenklee nicht, ihm beizuspringen. Er fühlte sich förmlich verpflichtet
dazu.
Dann hörte er nichts mehr von Blank.
Nelly deutete an, daß sie ihre Stellung in der Herrenschneiderei aufgeben
wolle. Aber sie fand bei Schwedenklee nur taube Ohren. Eine Frau von ihrer
wirtschaftlichen Basis loslösen – was bedeutete das? Nein, dafür war
Schwedenklee nicht zu haben, sein Verantwortungsgefühl war zu groß.
Also blieb Nelly in ihrer Stellung. Sie schmollte indessen, sie warf
Schwedenklee vor, daß er „nicht großzügig“ sei, ja geradezu geizig, eine
Krämerseele. „Wenn ich nur einen deiner Bauplätze hätte, die heute Millionen
wert sind,“ sagte sie, „da solltest du sehen, wie ich meine Freunde behandeln
würde! Da könntest du etwas lernen.“
So sind die Frauen, dachte Schwedenklee, unersättlich!
Er bezahlte die Stunden bei Schwarz, wöchentlich vier, und diese Sänger
hatten ja unerhörte Honorare! Neuerdings kam dazu der dramatische Unterricht,
und er hatte herausgefunden, daß Nelly mindestens die Hälfte der Stunden zuviel
notieren ließ. So viel freie Zeit erlaubte ihr ja ihre Stellung in der Schneiderei gar
nicht!
Überdies mißfiel ihm das Verhältnis zwischen Schwarz und Nelly. Es schien
eine etwas sonderbare Vertraulichkeit angenommen zu haben. Er hatte einmal
einen kleinen, gänzlich unscheinbaren Blick zwischen den beiden aufgefangen.
Nun, er, Schwedenklee, war kein heuriger Hase, er wußte genau, zu genau, was
solch ein Blick unter Umständen bedeuten konnte! Er behandelte den Sänger um einige Grade kühler.
„Ich habe den Eindruck,“ sagte der Bassist mit gekränkter Miene, „daß Ihnen
meine Honorare zu hoch sind?“
„Ihre Honorare? Aber ich bitte Sie, Verehrtester, ich wünsche doch nicht, daß
Sie mir besondere Preise machen. Mißverstehen Sie mich nicht – die Ausgaben
für Nellys Ausbildung im allgemeinen ...“
„Aber ich bitte Sie, Verehrtester – für solch eine Stimme!“
„Zugegeben! Aber Sie ahnen nicht, welche Beträge ich monatlich zu bezahlen
habe. Jetzt taucht schon die Frage der Kostüme auf ...“
„Gut.“ Der Bassist bearbeitete mit der Kreide kunstgerecht das Leder des
Billardqueues – die Unterredung fand im Billardsaal des Cafés statt – „Ich werde
also künftighin kein Honorar mehr fordern. Ich unterrichte aus Interesse für
diese ungewöhnliche Begabung.“
Schwedenklee protestierte mit großer Beredsamkeit. Unmöglich konnte er
diesen Vorschlag annehmen, ganz unmöglich! Er geriet sogar in Erregung. Alles
blieb beim alten.
Schließlich aber hat alles seine Grenzen, dachte Schwedenklee, während er
sorgfältig mit der Spitze des kunstvoll aufgestützten Queues nach dem Ball
zielte.
Der Winter war lau. Nebel, Dunst, Regen. Nur dann und wann lag schwarzer
Schnee auf den Dächern. Im Februar aber setzte plötzlich eine solch grimmige
Kälte ein, daß die Dampfheizung nicht mehr genügte. Schwedenklee mußte
seinen elektrischen Ofen zu Hilfe nehmen, um nicht zu frieren. Nichts haßte er
mehr als Kälte.
Gerade als Schwedenklee sich nach Tisch etwas niedergelegt hatte, die Decke
über den Knien, den elektrischen Ofen neben der Ottomane, wurde er von
Augusta aufgeweckt.
„Eine Krankenschwester wünscht Sie dringend zu sprechen.“
„Eine Krankenschwester?“ fragte Schwedenklee ziemlich mürrisch. Plötzlich,
schnell erwachend, erschrak er. „Mich? Ja, was in aller Welt –?“ Vielleicht Nelly,
dachte er. Ah, mit diesen Frauen hat man nie Ruhe.
Schon trat die Schwester ein, ohne viele Umstände zu machen. Sie war ein
großes, ungeschlachtes Mädchen mit weißgelbem Haar.
„Herr Schwedenklee?“ Ihre Stimme klang gefühllos und herrisch.
Rügend ruhte Schwedenklees Blick auf ihren unförmigen Gummischuhen, die sie mit ins Zimmer brachte und die seinen Teppich beschmutzten.
„Ich bitte vielmals um Entschuldigung“, brummte er, während er die Decke
völlig von sich warf. „Ich bin nicht ganz wohl, etwas erkältet.“
Die Schwester ignorierte seine Erkältung, seine Verlegenheit, seinen
deutlichen Unwillen über die Störung.
„Ich komme von Herrn Blank“, sagte sie laut und mit völlig gefühlloser
Stimme, als bitte ihn Blank zu einer Partie Billard. „Er liegt im Sterben.“
„Wie sagen Sie –?“ Schwedenklee sprang erschrocken auf. Er erbleichte.
Sterben, Tod ...
Die Schwester erklärte, daß Blank den dringenden Wunsch habe, ihn zu sehen.
„Was will er von mir?“ stammelte Schwedenklee.
„Das weiß ich nicht. Es geht mich auch nichts an. Er hat im Fieber viel von
Ihnen gesprochen. Ich habe den Eindruck, daß er Ihnen etwas Wichtiges
mitteilen möchte.“
„Mir? Mitteilen? Etwas Wichtiges?“
„Was weiß ich? Es interessiert mich auch nicht. Sie werden also kommen?“
„Ja, gewiß werde ich kommen.“ Schwedenklee hätte gar nicht den Mut
besessen, dieser energischen Person etwas abzuschlagen.
„Ich schreibe Ihnen hier die Adresse auf. Im Osten. Bei der Frankfurter
Allee.“
„Sie gehen, Schwester?“
„Ich kann ihn nicht allein lassen.“
Schon war sie fort.
„Eine unangenehm energische Person!“ dachte Schwedenklee. „Gott soll mich
davor behüten, daß ich in meiner Sterbestunde solch ein Wesen, mit so großen
Füßen, um mich habe!“
„Augusta!“
Schwedenklee war sehr erregt. Einen Augenblick dachte er sogar trotz seiner
Zusage daran, nicht hinzugehen. Der Gedanke entsetzte ihn plötzlich, in ein
Sterbezimmer treten zu müssen. Armut dazu, vielleicht war es schlecht gelüftet?
Aber nein, das war ja Feigheit. Ein Sterbender! Lieber Himmel, dieses Leben ist
in der Tat eine höllische Erfindung. Er starrt zur Türe, wartet auf ihn, den
Todesschweiß auf der Stirn. Nein, unmöglich! Ein Sterbender ist ein heiliges
Wesen – jeden Wunsch muß man ihm erfüllen.
Aber in welchem Anzug geht man zu einem Sterbenden? Schwedenklee kam
in seiner Aufregung auf den unglücklichen Einfall, einen Zylinder aufzusetzen –
um die Feierlichkeit zu betonen.
„Mitzuteilen?“ Ja, was in aller Welt mochte er ihm mitzuteilen haben?
Schwedenklee erinnerte sich plötzlich jenes Briefes, in dem Blank seinerzeit schrieb, daß er ihm unter Umständen wichtige Mitteilungen zu machen habe.
Und später hatte er widerrufen ...
„Ich werde nie Ruhe vor diesem Menschen haben!“
In großer Erregung eilte Schwedenklee auf die Straße. Die unmögliche
Adresse hielt er in der Hand. Es war ja ganz undenkbar, hier an der Potsdamer
Brücke einem Chauffeur diese Adresse zu nennen. Schwedenklee ging zu Fuß
bis zum Potsdamer Platz, um sich zu sammeln.
Nein, eine unangenehmere Sache konnte man sich beim besten Willen nicht
ausdenken. Und dazu – plötzlich blieb Schwedenklee verwirrt stehen – dazu
sollte Nelly um sechs Uhr zum Tee kommen! Schließlich konnte er ja
telephonieren ... Und diese eisige Kälte, die sich wie Säure in die Haut fraß.
Am Potsdamer Platz hatte Schwedenklee folgende Entschlüsse gefaßt.
Erstens: ich werde hingehen. Zweitens: ich werde bis zum Alexanderplatz mit
der Untergrundbahn fahren und dort eine Droschke nehmen – dort fällt es nicht
auf – drittens: ich werde Augusta telephonieren, für den Fall, daß ich bis sechs
Uhr nicht wieder zurück sein sollte. Viertens werde ich jetzt erst einen Kaffee
trinken.
Es dämmerte schon, als Schwedenklee in der bezeichneten Straße ankam. Das
Auto, der Herr im Pelz und Zylinder erregten großes Aufsehen. Beklemmend
war diese düstere Straße voll schleichender, hüstelnder Menschen, die seinen
Zylinder und Pelz anstarrten, mit gierigen, höhnischen, erstaunten Augen. Frech
streiften Schwedenklee die Blicke halbwüchsiger Mädchen.
Das bezeichnete Haus strömte Armut und Verzweiflung aus. Es stand und
schwieg, wie ein düsteres Gesicht mit zusammengebissenen Zähnen.
Schwedenklee betrat es klopfenden Herzens.
Das Stiegenhaus war erfüllt von fernem, wirrem Lärm. Gezänk,
Kinderweinen, schlagende Türen. Ein saurer, unangenehmer Geruch stieg von
der schmutzigen Treppe auf – hier roch es nicht nach Lack und dem feinen
Parfüm emporschwebender Pelze wie im Westen.
Schwedenklee hatte von solchen Häusern bis jetzt nur gelesen. Hier wurde
gemordet, tagelang lagen Verstorbene in den kalten Wohnungen, bevor man sie
fand, Hoffnungslose lösten den Gasschlauch –
„Pst – mein Herr – wollen Sie zu Fräulein Lisa?“ Zischeln unter ihm.
Schwedenklee kletterte rascher die Treppe empor, sein Herz klopfte
erschrocken.
„Pst – pst – mein Herr!“
Achtunggebietend räusperte sich Schwedenklee, von Ekel und Furcht
ergriffen.
Er floh an den Türen vorüber, hinter denen sich unbegreifliche Schicksale verbargen, die zu erfahren ihn nicht gelüstete.
Lärm empfing ihn im nächsten Stockwerk. Die Türe öffnete sich und eine
korpulente Dame, offenbar in festlicher hochzeitlicher Kleidung, trat
zigarettenrauchend, anscheinend etwas angeheitert, auf den Flur. Drinnen
lärmten und schrien ausgelassen die Hochzeitsgäste.
Schwedenklee griff an die Krempe des Zylinders.
„Guten Abend!“ sagte die zigarettenrauchende Braut und warf Schwedenklee
einen langen verführerischen Blick zu. Langsam schloß sie die Türe, während
sie Schwedenklee, der sich nicht enthalten konnte zurückzublicken, mit
zusammengekniffenem Auge zulächelte. Der Lärm der Hochzeitsgäste klang
ferner.
Schärfer stieg wieder der schlechte Geruch aus den feuchten ausgetretenen
Treppenstufen.
Da hielt Schwedenklee den Schritt an: an einer Türe klebte ein Zettel. „Leise
klopfen, ein Schwerkranker! Man bittet auf der Treppe nicht zu lärmen.
Schwester Anna.“
Hier also war es. Schwedenklees Herz stockte. Ein schweres, rätselhaftes
Schnarchen, ein Sägen wie das Schnarchen eines Riesen ertönte hinter der Türe.
Augenblicklich – obschon er nicht weiter darüber nachdachte, was das
sonderbare Schnarchen zu bedeuten habe – ergriff Schwedenklee die Flucht.
Er stieg bis zur Hochzeitsgesellschaft hinab. Dann wandte er um. „Wie feige
ich doch bin!“ dachte er.