Schwedenklees Erlebnis

Bernhard Kellermann · Kapitel 6 von 29

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Schwedenklees Erlebnis

Kapitel 7

 

Eine ganze Woche blieb Schwedenklee dem Kaffeehause fern. Theater,

Ballhäuser, Bars, sogar in ein Kino führte er die junge Dame mit den turmartig

aufgebauten Haaren und den glänzenden Fingernägeln.

Diese kleine Wiedehopf war verlobt, nahezu verlobt, der Auserwählte war zur

Zeit auf Reisen – wie oft hatte er das schon gehört! Sie spielte die Dame, ließ

sich verwöhnen, lockte an, wehrte ab – sie tat, bei Gott, wie eine Generalstochter

...

Als Schwedenklee nach so langer Abwesenheit wieder das Kaffeehaus

aufsuchte, fand er die Spielergesellschaft von einer neuen Spielwut besessen

wieder. Man hatte die Karten verlassen und war zum Billard übergegangen.

Man spielte „vom roten“. Jeder Billardspieler kennt dieses Spiel. Die

Karambolage wird nur dann gezählt, wenn der rote Ball zuerst getroffen wurde.

Es spielten drei bis vier der besten Spieler, und auf sie wurde gesetzt wie auf

Pferde.

Die Ärzte, die Rechtsanwälte, die Kaufleute, Spieler und Kiebitze, Kellner

saßen und standen in dichten Reihen um das Matchbillard herum, in atemloser

Spannung jeden Stoß verfolgend.

Schwedenklee wurde freudig begrüßt.

„Wie gut Sie aussehen, Schwedenklee!“ rief der Nervenarzt Wittmann. „Sie

waren also doch verreist!“

„Nein, ich war hier, habe gearbeitet und abends ein bißchen Zerstreuung.“

„Sie haben Ihr altes Aussehen wiederbekommen, prächtig!“

„Ah, der Herr Oberbaurat. Nun wird es interessant! Kellner, das Queue des

Herrn Oberbaurat!“

Sofort stiegen die Einsätze ums Dreifache.

Einige Abende hintereinander spielte Schwedenklee hier vier, fünf Stunden

„vom roten“. Es wurden hohe Summen umgesetzt. Seine Kopfstöße, Rückzieher,

Zwei- und Dreibänder riefen lautes Händeklatschen hervor.

Schwedenklee war bei bester Laune. Selbst das graue kreidige Antlitz des

alternden Künstlers, der nun häufiger ins Café kam, störte ihn in seinem jetzigen

Gemütszustande nicht mehr. Er genoß den Triumph. Nach dem dritten Abend ließ er seinen schwarzseidenen weitärmeligen Billardkittel von Augusta ins

Kaffeehaus bringen, und nun konnte man fast meinen, es mit einem

Billardchampion zu tun zu haben. Er mußte seinen Gegnern zuerst zwei Points

auf zehn vorgeben, sodann drei. Je länger er spielte, desto vollendeter wurde sein

Spiel.

„Schwedenklee ist in großer Form!“ Man tuschelte.

Es war Schwedenklee äußerst angenehm, für einige Abende Zerstreuung

gefunden zu haben: es war gewiß das beste Mittel, den Hochmut der kleinen

Wiedehopf zu beugen, wenn er eine Woche lang nichts von sich hören ließ.

Diese Methode nannte er die Methode des „Aushungerns“, im Gegensatz zur

Methode der „Belagerung“, die darin besteht, ununterbrochen um die geliebte

Frau zu werben, so daß sie – wie Schwedenklee sich ausdrückte – überhaupt

„nicht mehr zur Besinnung kam“.

In der Tat, die Methode des Aushungerns schien Erfolg zu versprechen.

Fräulein Wiedehopf wurde mürbe, schrieb ein violettes Kärtchen: Weshalb hört

man nichts mehr von Ihnen? Sind Sie verstimmt?

O nein, nein, gar nicht verstimmt, gnädiges Fräulein Wiedehopf. Ganz im

Gegenteil! In vorzüglicher – ich wiederhole: vorzüglicher Laune.

Zwei Tage beantwortete Schwedenklee das Billett gar nicht. Dann schrieb er

einige höfliche Zeilen: gesellschaftliche Verpflichtungen – in einigen Tagen aber

würde er wieder zur Verfügung sein.

„Sonderbare Wesen sind doch diese Frauen!“ dachte Schwedenklee, als er

nach dem Billardspiel nach Hause ging und den gleißenden Vollmond über den

Dächern betrachtete. „Zeigt man ihnen seine Verliebtheit, so neigen sie

augenblicklich dazu, ihre Macht zu mißbrauchen, zeigt man Zurückhaltung, so

lassen sie sofort wieder alle ihre Künste spielen. Merken sie, daß man sich

zurückziehen will, so entdecken sie plötzlich ihre große Liebe. Ja, wie soll man

sich bei ihnen zurechtfinden?“

„Heiratet man sie, so ist man vollkommen verloren! Sieh dich doch um,

Schwedenklee – die Ehen all deiner Bekannten und Freunde, mit ganz

vereinzelten Ausnahmen? Gleichgültigkeit, Untreue, Kampf bis aufs Messer,

Lüge.

Ja, wie soll man es anstellen? Etwas ist hier sicher nicht in Ordnung, das

Leben ist zu kompliziert.“

Es war gegen Abend etwas Schnee gefallen – der Vollmond brachte die Kälte

mit – Schwedenklee steckte das rasierte Kinn wohlig in den Pelzkragen,

während er langsam zwischen den hohen Bäumen am Kanal dahinschlenderte.

Die Straße war fast menschenleer, nur hinter ihm, in einiger Entfernung, kroch

eine hagere, zusammengekrümmte Gestalt, die zuweilen scharf hüstelte. Die dünne Schneeschicht war an den Sohlen der Passanten haften geblieben, so daß

eine Anzahl geisterhafter schwarzer Fußspuren kreuz und quer über die Straße

lief, aus dem Unbekannten kommend, ins Unbekannte verschwindend,

verwirrend, wenn man sie lange betrachtete.

Plötzlich blies ein kalter Hauch in Schwedenklees Genick, ja, so schien es ihm

wenigstens. Er blieb erschrocken stehen und fröstelte. Kalte Schauer

überrieselten seinen Rücken. Weshalb mußte er gerade in diesem Augenblick an

die tote Ellen Fröhlich denken? Und weshalb hatte die Erinnerung an diese Frau

den Beigeschmack einer leisen, unerklärlichen Scham?

Unergründlich ist das Leben, und auch sein Herz, Schwedenklees Herz, war

ein unerforschtes Labyrinth. Weshalb? Weil die Fußspuren schwarz kreuz und

quer liefen? Ja, nur aus diesem Grunde! In Paris fällt selten Schnee – aber

einmal hatte er Ellen abends nach Hause gebracht, und durch ihre verschneite

einsame Straße liefen genau dieselben schwarzen verwirrenden Fußstapfen. Er

sah sie in dieser Sekunde, zierlich, in ihren weiten Mantel eingehüllt, klar vor

sich, Schneekristalle glitzerten auf ihren Haaren, und aus dem dunklen Gesicht

glänzten heiter und lebensfreudig die Augen. Fast zwanzig Jahre lang hatte diese

Erinnerung in seinem Kopfe geschlummert.

Fragend, lauschend waren diese Augen gewesen, sie waren bernsteingelb,

wenn das Licht voll in sie fiel, dunkel, fast schwarz, wenn sie beschattet waren –

Schwedenklee gab sich mit einer gewissen Wehmut der Erinnerung hin, obgleich

ihn dieses unerklärliche Schamgefühl im Innersten peinigte. Er hatte sich jedoch

nichts vorzuwerfen, o nein, er erinnerte sich sogar, daß er ihr später zwei- oder

dreimal noch geholfen hatte, als sie sich an ihn wandte. Sie war damals

Anfängerin und hatte noch zu kämpfen.

Plötzlich kroch eisige Kälte an ihm empor. Vielleicht – wer weiß es – schritt

ihr Geist in der Tat neben ihm? Schwedenklee war sehr abergläubisch.

„Ellen Fröhlich!“ sagte er leise zu sich, etwas betreten. „Ich habe keine

Furcht, an dich zu denken!“

Klar bis in die kleinsten und unscheinbarsten Einzelheiten stand vor ihm die

erste Begegnung mit Ellen. Er sitzt an einem kleinen Marmortisch auf den

großen Boulevards, zwei Damen, Mädchen, nehmen neben ihm Platz. Sie

sprechen deutsch, sie sprechen ungeniert und vergessen ganz oder wissen es

nicht, daß auf den großen Boulevards in Paris jeder vierte Mensch deutsch

versteht. Ihre Ungezwungenheit entzückt Schwedenklee: die jungen Damen

sprechen mit einer gewissen Kühnheit von unschuldigen Liebesabenteuern. Eine

hat wunderbar warme und weiche Augen, die offenbar die Farben wechseln, von

hell zu dunkel leuchten. Zuweilen streifen diese fragenden Augen, lächelnd,

voller Übermut, Schwedenklees absichtlich kühl beobachtenden Blicke. Das ist Ellen Fröhlich! Die Freundin ist eine Schwedin, eine Bildhauerin.

Die jungen Damen gehen. Sie wandern zu Fuß durch die wimmelnden Straßen

bis zum Boulevard Raspail. Die Schwedin verabschiedet sich von der Freundin,

die in ein kleines Hotel verschwindet. Es ist sieben Uhr. Als sie um neun Uhr das

Hotel wieder verläßt – wer tritt ihr in den Weg? Schwedenklee.

„Ein Landsmann, der das Vergnügen hatte, Ihr Gespräch heute nachmittag im

Café zu belauschen, bittet tausendmal um Entschuldigung –“

Ihr Blick gesteht, daß sie ihn wiedererkennt. Sie ist verwirrt. Er habe also alles

gehört? Ja. Sie bricht in Lachen aus.

„Aber,“ sagt sie – „wie kommt es, daß Sie hier sind?“

„Ich wartete auf Sie!“

„Es ist nicht schön von Ihnen, so etwas zu sagen, selbst wenn Sie es getan

haben sollten. Sie hätten sagen sollen: zufällig!“

„Gut – also zufällig!“

Schwedenklee war ja nicht zwei Stunden auf und ab gegangen, so war es nicht

gerade. Gegenüber lag eine kleine Speisewirtschaft, und hier aß er zu Abend;

dann trank er Kaffee, und gerade als er gezahlt hatte, war sie wieder aus dem

Hotel getreten.

Jedenfalls aber – sie verzieh – sie hatte nichts vor, und er brachte sie in ein

Tanzlokal, das er als äußerst anständig kannte.

Museen, Ausstellungen, Ausflüge, Tanzlokale – wie Ellen Fröhlich genoß! Sie

saugte die Eindrücke in sich, sie staunte, wunderte sich, bewunderte. Ellen

sprühte auf, berauscht, verwandelt, verhundertfacht.

Und Schwedenklee, obgleich weniger schwärmerisch, lebt und atmet leichter

und heiterer in ihrer Nähe.

Ja, es war die Jugend, nichts sonst. Die Sonne schien, man fuhr auf dem Dach

des Omnibusses, unvergleichlich, herrlich, als sei man nie auf dem Omnibus im

Sonnenschein gefahren.

„Die Jugend, nichts anderes!“ dachte Schwedenklee. „Wie herrlich! Ein

Zauber! Ist die Jugend ein Zauber?“

Ein Ausflug nach St. Cloud. Vorfrühling. Das erste Grün, einige versteckte

Blümchen, die Knospen glänzen, die schwarzen Baumstämme schwitzen

Feuchtigkeit. Rasch schnellen die hohen Wasser der Seine dahin. Auf dem

Dampfer einige Pärchen – er und Ellen unter ihnen, zu den „Pärchen“ gehören

sie! Ein junger Geck mit einem dünnen Spazierstöckchen amüsiert sämtliche

Passagiere. Ellen klemmt zu ihrem Vergnügen ein Monokel ins Auge, der junge

Geck macht ihr den Hof, und Ellen mustert ihn durchs Monokel und spielt etwas

Theater. Wie sie lachten, die „Pärchen“. Ja, worüber lachten sie so furchtbar?

Und damals gehörten sie zu den „Pärchen“ und waren jung wie die anderen.

Der frische Wind hat ihre Gesichter gerötet, die reine Luft hat den Glanz in

ihren Augen entfacht. Ihre Stimmen sind klar und laut geworden. Ellen wirbelt

und tanzt. Sie kriecht in die triefenden Büsche und findet unter dem faulenden

Laub Veilchen und gelbe Sternblumen. Sie steht auf einem Stein und spricht

voller Inbrunst ein paar wundervolle Verse, die er vergessen hat. Sie essen zu

Abend in einer kleinen Wirtschaft mit fleckigen Tischtüchern und feuchter

Tapete. Der Kellner bringt eine verstaubte Macon in einem Körbchen.

Sie plaudern. Ellens schöner frischer Mund steht nicht eine Sekunde still. Sie

lachen den ganzen Abend. Worüber? Wie herrlich war dieser Tag, wie lang! War

es nicht sonderbar, die Tage der Jugend schienen so lang, sie nahmen kein Ende.

Was war heute ein Tag? Nichts. Kaum hatte er begonnen, war er schon zu Ende.

„Es ist die Jugend, nichts anderes! Es gibt keine andere Erklärung dafür“, rief

Schwedenklee aus. „Sie verleiht dem Unscheinbarsten einen zauberhaften Glanz.

Ja, wie lang war dieser Tag doch. Reich an Erlebnissen, an guten Einfällen, an

schönen Gefühlen. Und Ellen mit dem Monokel auf dem Dampfer! Ja, die

Jugend! Und das da, was dahinten keift und hustet“ – Schwedenklee drehte sich

um, empört, daß man ihn in seiner Träumerei störte – „das ist das Alter! Das

häßliche Alter!“

Die hagere, zusammengekrümmte Gestalt, die den ganzen Weg hinter ihm

herkroch, stand wenige Schritte hinter ihm, mit der Hand an einen Baum

gestützt, geschüttelt von einem Hustenanfall.

„Das abscheuliche Alter! In zwanzig Jahren wirst du auch so häßlich husten,

und die Jüngeren, die nicht gestört werden wollen, werden dich verfluchen. Oh,

wie boshaft und grausam ist dieses Leben eingerichtet!“

Aber Schwedenklee schüttelte die düsteren Gedanken ab. Ellen! Wo waren

wir doch gleich geblieben?

Ellen klagte über ihr Hotel. Schwedenklee, befreundet mit dem Pförtner,

Kellner und der Besitzerin seines Hotels, arrangierte alles aufs vorzüglichste. Er

trat Ellen sein großes bequemes Zimmer ab und bezog eine kleine

danebenliegende Kammer. Ellen staunte, wie billig ihr schönes Zimmer war! Ja,

man mußte nur Freunde und Beziehungen haben!

„Wir werden Ihren Einzug feiern, Ellen, und heute abend zu Hause speisen.

Sie sollen sehen. Lassen Sie mich nur machen.“

Schwedenklee besorgt den ganzen Nachmittag lang alles, was Paris an

leckeren Dingen zu bieten vermag. Geröstete Hähnchen und Hummer,

Vorspeisen und Nachtisch, Früchte. Auch Blumen vergißt er nicht.

„Muß man in Abendtoilette kommen?“

„Es wird gebeten, Ellen!“

Von sieben bis acht ist Schwedenklee fieberhaft tätig. Punkt acht Uhr klopft Ellen – herein! Ellen ist im Abendkleid, er im Frack – und schon lachen sie, daß

sie kaum die Tür zu schließen vermögen.

Der Hausknecht, der im Kamin nachlegte – Ellen sollte es recht behaglich

haben – wird von der Heiterkeit mit fortgerissen. Der Kellner, der den Wein

angeschleppt bringt, wird ebenfalls angesteckt, und so lachen sie alle – weshalb?

Gott allein weiß es.

Ellen steht und staunt: „Jetzt sehe ich, daß Sie ein Künstler sind,

Schwedenklee!“ ruft sie aus. „Mein Gott, wir sind ja Hunderte von Personen!“

„Sie sind in großer Gesellschaft, Ellen!“

Dank Schwedenklees Freundschaft mit dem Pförtner und Hausknecht war es

ihm möglich gewesen, einige große Spiegel und Leuchter aus anderen Zimmern

des Hotels auszuleihen für den Abend. Die Kerzen blendeten, und infolge der

Spiegelung glaubte man in einem langen, sonderbar gebauten Saale voller

Lichter und Blumen zu sein. Schwedenklee führte seine Dame zum Sessel – und

im gleichen Augenblick geleiteten Dutzende von befrackten Kavalieren ihre

Dame in heller Seide zu Tisch. Er sah Ellen gleichzeitig von allen Seiten, und nie

kam ihr herrlicher schmaler Nacken mit dem braunroten Haarknoten reizvoller

zur Geltung ... Ellens Augen richteten sich blitzend im Schein der Kerzen auf

ihn, und augenblicklich funkelten Dutzende von gleichen Augen von allen

Seiten ihm entgegen.

„Das Diner kann beginnen, Ellen – aber ich habe vergessen“ – und er erhebt

sich und küßt Ellen auf den Mund.

„Willkommen!“

Sie errötet. Auch ihr Busen wird behaucht von flüchtigem Rot.

„Das Diner kann beginnen“, wiederholt sie mit einem verwirrten Lächeln, mit

etwas matter Stimme.

 

Schwedenklee war bei seinem Hause angelangt. Automatisch stieg er die

Treppe empor, automatisch schloß er auf.

So tief war er in die Erinnerung dieses Diners versunken, daß die Kerzen ihn

in der Tat blendeten und Ellens zarter wunderbarer Nacken aus all den

blitzenden und flammenden Spiegeln ihm entgegenleuchtete.

„Und zu denken, daß ich zwanzig Jahre lang nicht an diesen Abend dachte!“

sagte er seufzend, als er in das kalte finstere Haus trat, und begann zu pfeifen,

um seine melancholische Anwandlung zu überwinden.

In diesem Augenblick glaubte er das hastige, ungeduldige Scharren eines raschen Schrittes draußen auf der Treppe zu vernehmen. Irgend jemand, der die

Gelegenheit benutzen wollte, ins Haus zu kommen.

Aber auch das ist nicht völlig sicher. Jedenfalls wußte Schwedenklee nie zu

erklären, was in dieser Sekunde vorgegangen war. Hatte er diesen hastig

scharrenden Schritt gehört oder nicht? Es schien ihm später, als ob er in der Tat

gar nichts gehört habe, aber ein gänzlich unverständlicher, ja mysteriöser Zwang

ihn veranlaßt habe, das Haustor nochmals zu öffnen.

Jedenfalls, Schwedenklee ging, ohne viel zu denken, zur Türe, öffnete sie ...

Kaum aber hatte Schwedenklee das Tor geöffnet, da erschrak er so heftig, daß

er zurückprallte und am ganzen Körper entlang einen Schlag verspürte, wie von

einem schweren Eisenstab. Später erinnerte er sich deutlich, daß sich ihm die

Haare im Nacken gesträubt hatten, eine Erscheinung, die er bisher nur für eine

leere Redensart gehalten hatte.

Dicht vor ihm war ein Gesicht erschienen, eine gespenstische Erscheinung,

etwas größer als er, die offenbar in diesem Augenblick ausholte, um zu pochen.

Gerade diese Geste hatte etwas ungeheuer Drohendes und Erschreckendes an

sich gehabt.

Die Erscheinung prallte ebenfalls erschrocken zurück und tastete sich hastig

rückwärts die Stufen hinab. Das unter einem weichen, flachen Filzhut

verborgene Gesicht der Erscheinung glitt durch den Lichtschein der

Straßenlaterne, und in diesem Augenblick erkannte Schwedenklee das Gesicht:

es war das bleiche, vergrämte Antlitz jenes alternden, verbrauchten Künstlers,

das ihm zuweilen unangenehm und störend im Billardsaal des Cafés aufgefallen

war.

Am Fuße der Treppe blieb die hagere, etwas zusammengekrümmte Gestalt

stehen und griff hastig nach dem flachen Hut. Es sah aus, als wollte sie den Hut

im Winde festhalten.

Im Augenblick, da Schwedenklee das Gesicht erkannte, ließ das tödliche

Erschrecken nach. Er öffnete das Tor völlig und machte einen entschlossenen

Schritt vorwärts, obgleich der Schrecken noch in all seinen Gliedern zitterte.

„Was wünschen Sie?“ fragte er, unnötig laut, und seine Stimme bebte noch

vor Erregung.

Der Hagere wich noch einen kleinen unsicheren Schritt zurück, die Hand aufs

Herz gepreßt. Es schien Schwedenklee, als ob er heftig zittere. Deutlich hörte er

seinen hastig keuchenden Atem.

„Was wollen Sie von mir?“ wiederholte Schwedenklee, weniger laut, aber

härter im Ton. Er erkannte die völlige Gefahrlosigkeit der Situation.

Der Hagere nahm den Filzhut ab und verbeugte sich, den Hut gegen die Brust

pressend. Sein graues wirres Haar bewegte sich im Winde.

„Ich heiße Blank!“ stammelte er, ganz Demut. Seine Stimme klang leise,

kaum vernehmbar, heiser dazu. Aber Schwedenklee verstand den Namen

augenblicklich!